Würdet ihr freiwillig beim Jobcenter arbeiten?

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Birt1959

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In Deutschland steht jedem frei, was er oder sie lernen möchte.

Du verwechselst meines Erachtens Ausbildung und Studium mit Bildung. Dazu gehört auch das Arbeiten an sich selber, das lehrt keine Einrichtung. Dazu braucht es Empathie, den Willen sich selbst, den Job und andere kritisch zu hinterfragen und auch die Akzeptanz der Tatsache, dass alles, was ich mit oder für Menschen mache eine moralische Dimension hat. Das bildet "Karriere" nicht ab.

@Karl Schmidt Eine weitere Stellenbörse wie interamt ist bund.de sowie die Stellenangebote der Landratsämter der Bundesländer. Die Portale haben aber je nach Land unterschiedliche Namen.
 
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Gelöschtes Mitglied 67474

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Du verwechselst meines Erachtens Ausbildung und Studium mit Bildung. Dazu gehört auch das Arbeiten an sich selber, das lehrt keine Einrichtung. Dazu braucht es Empathie, den Willen sich selbst, den Job und andere kritisch zu hinterfragen und auch die Akzeptanz der Tatsache, dass alles, was ich mit oder für Menschen mache eine moralische Dimension hat. Das bildet "Karriere" nicht ab.

@Karl Schmidt Eine weitere Stellenbörse wie interamt ist bund.de sowie die Stellenangebote der Landratsämter der Bundesländer. Die Portale haben aber je nach Land unterschiedliche Namen.
Nein ich habe nichts verwechselt. Aber gut, dieses Forum ist schlimmer wie eine Löwenhöhle im Zoo: Hier werden die wildesten Unterstellungen geduldet. Ich möchte nicht diskutieren was ich gemeint habe, das bleibt mir zu überlassen.
 
E

ExUser 2606

Gast
Ich möchte nicht diskutieren was ich gemeint habe, das bleibt mir zu überlassen.
Dein Problem ist, dass man mit dir nicht diskutieren kann, weil du es gleich als Kritik oder Unterstellung auffasst, wenn man nicht deiner Meinung ist.

Selbstverständlich bleibt Deine Meinung dir überlassen, aber gestehe bitte auch anderen zu, dass die eine andere Meinung vertreten. Danke.
 

PhilippNixdorf

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Guten Morgen zusammen,

zunächst mal freue ich mich, dass die Diskussion so sachlich geführt wird! Ich bitte @Birte1959 und @Zeitkind darum, zu entschuldigen, dass ich eventuell erst Anfang kommender Woche auf deren Darlegungen antworte, weil ich dieses Wochenende wenig Zeit fürs Schreiben haben werde. Auf die Darlegungen von @Einfachicke kann ich aber gleich antworten:

einfachicke meinte:
Funktionierende mediale Gehirnwäsche seit 2005.

Mediale „Gehirnwäsche“ funktioniert grundsätzlich, seit es Medien gibt. Wirklich effektiv funktioniert sie, seit es Multi-Medien gibt, seit etwa 120 Jahren. Wie genau, haben Gustav Le Bon (Psychologie der Massen - 1895) und Edward Bernays (Propaganda - 1928) treffend beschrieben.

Niklas Luhmann (Die Realität der Massenmedien - 1995) hat mal gesagt, dass wir alles, was wir wissen, über die Massenmedien wissen. Dass es Personen wie Angela Merkel, Detlef Scheele, Hubertus Heil, Katja Kipping, Stefan Sell, Harald Thome, Inge Hannemann und tausende andere gibt, die sich öffentlich zu Sanktionen äußern, wissen 99% der Menschen in diesem Land ausschließlich durch Medien.

Dass wir alle uns bezüglich allem, was nicht in unserem unmittelbaren Lebensumfeld passiert, primär über Medien informieren, impliziert aber nicht, dass Menschen, die ein differenziertes (oder durchweg zustimmendes) Bild von Sanktionen haben, gehirngewaschen sind. Ich erkenne an, dass die Meinung anderer durchaus informiert sein kann, nur eben anders informiert als meine. Daher finde ich es falsch, anderen, deren Meinung ich nicht teile, zu unterstellen, dass sie gehirngewaschen seien, nur weil deren Sicht auf die Dinge durch eine andere mediale Filterblase geprägt ist als meine.

Mein Standpunkt ist, dass Menschen, die Sanktionen nicht pauschal ablehnen, zu dieser Haltung durchaus informiert gekommen sein können und dass sie diese Meinung (so wie ich) auch moralisch vertreten können. Dass dem so ist, ist in meinen Augen keine Gehirnwäsche. Anderen Gehirnwäsche zu unterstellen, sehe ich allzu oft nur als Vorwand, der vorgebracht wird, um sich mit den Argumenten, die die angeblich Gehirngewaschenen bringen, nicht auseinanderzusetzen.

Der Hypothese, dass bei ALG II Beziehenden ein Stockholm-Syndrom vorliegen müsse, wenn diese selbst überzeugt sind, dass es Fälle geben kann, in denen Sanktionen angebracht sein können, erachte ich als wenig überzeugend. Denn nur weil ich ALG II beziehe, gebe ich doch nicht plötzlich all meine vorherigen Überzeugen auf. Ich selbst zum Beispiel war schon bevor ich im JC anfing überzeugt, dass Sanktionen in manchen Fällen und in einer Höhe von max. 30% sinnvoll sein können. Als ich nach dem Studium ALG II bezog (und selbst hätte sanktioniert werden können), hatte ich diese Meinung noch immer. Und das dürfte, so mutmaße ich, vielen Menschen ähnlich gehen.

einfachicke meinte:
Irgendjemand sollte denjenigen mal die schlichte Tatsache erklären, dass der eigentliche Regelsatz + KdU nur ein verschwindend geringen Teil der aufgeblähten HartzIV-Maschinerie ausmachen […] Ebenso werden sämtliche "Maßnahmen", "Ein-Euro-Jobs" vom hart arbeitenden kleinen Steuerzahler bezahlt, an denen sozialschmarotzende HartzIV-Profiteure sich dusslig und dämlich verdienen.

Was du schreibst, ist plausibel. Mir erschließt sich aber nicht, inwieweit dein korrekter Verweis auf die hohen Verwaltungskosten und darauf, dass auch das Gehalt der JC-Mitarbeitenden sowie die Kosten für Maßnahmen aus Steuermitteln finanziert werden, das Argument entkräftet, dass es in den Augen der Sanktionsbefürworter ein Gebot der Gerechtigkeit ist, Menschen, die von ALG II leben, in die Verantwortung zu nehmen, aktiv darauf hinzuwirken, den ALG II Bezug zu überwinden.

einfachicke meinte:
Eigenverantwortung - ein schöner Begriff. Beinhaltet diese Eigenverantwortung auch das Recht nachteilige Verträge NICHT abschließen zu müssen, um sich nicht selbst zu schaden?

Ich bin kein Jurist. Im Falle dessen, dass du z. B. dafür sanktioniert wirst, dass du dich auf die Vertragsfreiheit berufst, wenn das JC von dir eine Unterschrift fordert, die zu leisten du nicht willens bist, wird dann im Zweifelsfall ein Sozialrichter entscheiden, inwieweit dein Individual-Recht der Vertragsfreiheit über dem Kollektiv-Recht der Steuerzahler steht, weniger für dich zahlen zu müssen.

einfachicke meinte:
Mal von der Tatsache abgesehen, dass das gesamte System HartzIV darauf fußt, Menschen psychisch zu brechen, damit sie ohne Murren jeden noch so unterbezahlten Job annehmen? Wie sollen gebrochene, psychisch kaputte, von der Gesellschaft als arbeitsscheu stigmatisierte Menschen, die täglich von JC-Mitarbeitern, Maßnahmeträgern oder sonstigem Geschmeiß rumgeschubst und schikaniert werden, denn Eigenverantwortung üben?

Wenn es sich wirklich so zuträgt, wie du es beschreibst, muss ich dir Recht geben. Menschen werden kaum Eigenverantwortung übernehmen, wenn man ihnen diese nicht zugesteht, sondern sie in Angst hält. Die Sache ist nur: Ich sehe nicht, dass das in der Grundsicherungsarbeit flächendeckend passiert. Ich habe es nicht so erlebt, wie du es schilderst. Weder als Kunde, der ALG II bezog, noch als Wissenschaftler, der zum Handeln im JC geforscht hat, noch als Fachkraft, die im JC gearbeitet hat, habe ich eine flächendeckende Schikane erlebt.

Sicher gab es manche Konflikte, aber was ich erlebt habe, waren zum überwiegenden Teil engagierte Fachkräfte, die bemüht waren, ihre Kunden zu unterstützen. Ich unterstelle auch, dass das Gros der ALG II Beziehenden keine Schikane erlebt, denn ich habe ja schon geschrieben, dass Medien wie ALG II-Hilfeforen, Homepages von ALG II-Hilfsvereinen sowie Statements von Sozialverbänden kein repräsentatives Bild vom Empfinden und Erleben der Millionen von Menschen zeichnen (können), die ALG II beziehen. Ich zitiere mich dazu mal selbst (Nixdorf 2019, S. 189-191):

„Wie viele Maßnahmen von „Kunden“ insgesamt als schlecht, gut oder mittelmäßig beurteilt werden, lässt sich nicht verlässlich sagen. Jedes Jahr nehmen mehrere Hunderttausend Menschen an Aktivierungs- und Vermittlungsmaßnahmen teil. Wie viele dieser Menschen nicht extrem, sondern relativ (un)zufrieden sind, ist unbekannt. Das Zentrum für Kunden- und Mitarbeiterbefragung der BA führt Befragungen von „Kunden“ telefonisch mindestens zweimal jährlich anhand eines Fragebogens mit - je nach Befragungsfokus - ca. 20 bis 50 weitgehend geschlossenen Fragen durch.

Dabei kommt im Mittel fast immer heraus, dass auf einer Skala von 1 (sehr gut) bis 5 (sehr schlecht) das Gros der Jobcenter einen Wert von 2,2 - 3,1 bei der Zufriedenheit der „Kunden“ aufweist. Die Gesamtzufriedenheit mit allen Jobcentern im Land bewerten die „Kunden“ aktuell mit 2,6 (Stand 2018). Das legt eine mittlere Zufriedenheit nahe. [Es kann freilich sein, dass manche der befragten „Kunden“ sozial erwünscht antworten, dass sie mit allem zufrieden seien, weil sie der Anonymität der Befragung keinen Glauben schenken. Es kann sein, dass sie negative Konsequenzen befürchten, wenn sie das Jobcenter kritisieren. Dies ist aber nur eine mir plausibel erscheinende Hypothese, für die es keinen Beweis gibt].

Darüber hinaus existieren Kundenzufriedenheitsbefragungen durch Sozialbündnisse und Beratungsstellen (Sozialbündnis Krefeld 2012, Arbeitsgemeinschaft Armutskonferenz Viersen 2014, Arbeitslosenselbsthilfe Oldenburg e. V. 2015), die eher schlechtere Zufriedenheitsergebnisse ausweisen als die offizielle BA-Erhebung. Meines Wissens nach existiert derzeit keine repräsentative Erhebung, die Auskunft über die (Un-)Zufriedenheit mit Maßnahmen der Aktivierung und beruflichen Eingliederung liefert. Was existiert, sind Anekdoten, die sich insbesondere in Internetforen wie elo-forum.org sowie bei chefduzen.de und auf Blogs wie wir-sind-boes.de und no-go.de finden. Deren Wahrheitsgehalt lässt sich aber kaum je überprüfen, weil dort unter Pseudonymen geschrieben wird und nur die Sichtweisen derjenigen präsentiert werden, die dort schreiben.

Hinzu kommt ein Phänomen, das zu einer Verzerrung der Wahrnehmung von Maßnahmen führen kann. Es äußern sich zu Maßnahmen im Internet vornehmlich unzufriedene Menschen, die von ihrem Ärger berichten und salopp gesagt Wut ablassen wollen. Auch sind es gerade die Unzufriedenen, die sich aufgrund eines wahrgenommenen Missstandes an die Presse wenden, die von diesem Missstand dann berichtet, weil es schließlich ein grundlegendes Anliegen von Journalisten ist, vermeintliche Missstände aufzuzeigen. Aussagen wie „Ich wollte nur sagen, dass bei mir in der Maßnahme alles in Ordnung ist“ sind kaum eine Nachricht wert. […]

Was als skandalöser Mangel gebrandmarkt wird, wirkt interessanter als eine ausgewogene Darstellung. Es ist kein Zufall, dass ein Publizistik-Credo lautet: Bad news is good news. Das Resultat ist eine durch Negativität geprägte (Fehl-)Wahrnehmung, da über Positives bzw. Normales weniger berichtet wird. Hinzu kommt, dass viele freie Journalisten selbst schon „Kunden“ im Jobcenter waren bzw. immer mal wieder sind. Dass sie dann von eigenen negativen Erfahrungen berichten und sie dem Jobcenter kritisch gegenüberstehen, wenn sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, ist naheliegend. Auch daher existiert in der Berichterstattung zum Jobcenter ein bias dergestalt, eher Negatives zu fokussieren.

Dass auf virtuellen Austauschplattformen oftmals eine einseitige Darstellung herrscht, ist auch darauf zurückzuführen, dass solche Plattformen in erster Linie Menschen anziehen, die Hilfe suche, weil sie Probleme mit dem Jobcenter haben. Das Suchen nach Hilfe ist ein Indikator für schlechte Erfahrung. Die Crux ist nur: Wenn sich primär Menschen mit schlechten Erfahrungen austauschen - und jene mit guten Erfahrungen nichts schreiben, weil sie keinen Grund dazu haben - verstärken sich die Überzeugungen der Schreibenden, dass im Jobcenter alles schlecht sei. Die subjektive Wahrnehmung wird zur kollektiven Realität in der eigenen Filterblase. Es entsteht eine durch ähnliche Erfahrungen geprägte Echokammer, ein Selbstbestätigungsraum, der nur eine Realität kennt: Die eigene. Dies verzerrt die Wahrnehmung (vgl. dazu Stark et al. 2017, S. 188).

[…] Viel wahrscheinlicher ist, dass das, was nicht als skandalös bewertet wird, einfach nicht berichtet wird, weil es zu normal, und damit keine Nachricht wert, ist. Mehr oder weniger zufriedene Menschen haben eben ein viel geringeres Mitteilungsbedürfnis als hochgradig unzufriedene Personen. Nicht von ungefähr spricht der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (2018) von einer „großen Gereiztheit“, in der Schlagworte wie Fake-News, Alternative Fakten, Filterbubbles und Erregungsindustrie den medialen Diskurs (vor allem in den sozialen Medien) bestimmen.“

einfachicke meinte:
Eigenverantwortung? Während man zitternd in einer ZAF-Klitsche sitzt, wohl wissend, dass jede kritische Äußerung dazu führt bei Mobcenter angesch.... zu werden und dann eine Sanktion zu kassieren wegen "Vereitelung einer Arbeitsaufnahme"?

Ich sehe hier nicht, inwieweit der Person, die bei einer Zeitarbeitsfirma anfängt, vom Jobcenter die Eigenverantwortung abgesprochen wird. Es ist doch eine normale Erfahrung, die Millionen von Menschen machen, dass man oftmals nicht gleich den guten Wunsch-Job bekommt. Was folgt daraus? Ich nehme dann eben erst mal eine schlechtere Stelle an, um Berufserfahrung nachweisen zu können. Und dann bewerbe ich mich aus der Stelle heraus weiter auf bessere Stellen.

Genau das ist Eigenverantwortung. Die unterminiert das Jobcenter nicht. Im Gegenteil: Das Jobcenter erhöht durch den Druck, den es ausübt, die Wahrscheinlichkeit, dass Eigenverantwortung übernommen wird. Es bewirkt dadurch, dass Menschen, die unter Sanktionsdruck - und somit nicht eigenverantwortlich, sondern fremdgesteuert - eine Stelle bei einer ZAF annehmen, sich dann eigenverantwortlich schnell sagen: Hier bewerbe ich mich weg.

Ob man das gut findet, ist eine moralische Bewertung. Wie schon gesagt sehe auch ich einiges, was daran problematisch sein. Etwa die die Tatsache, dass gerade psychisch kranke Menschen unter dem Druck des Jobcenters besonders leiden, was deren Gesundung nicht zugutekommt. Dass gerade Zeitarbeit belastend sein kann, hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) 2014 deutlich gemacht. Auch sehe ich die Problematik, dass 29 % der Leiharbeitsverhältnisse laut BA-Statistik bereits nach weniger als einem Monat wieder enden (Zahlen aus 2017) – und nur 23 % der Beschäftigungsverhältnisse haben länger als neun Monate Bestand. Ein Lichtblick ist aber, dass 40 % der vormaligen Leiharbeiter nach 6-18 Monaten in eine reguläre Beschäftigung oder andere Branche (40 %) wechseln.

Wie gesagt sehe auch ich die Zeitarbeit als Problem an, wenn sie missbräuchlich eingesetzt wird (was leider passiert). Das Aufzeigen dieser unschönen Bedingungen entkräftet aber nicht die Tatsache, dass das Jobcenter durch Druck-Machen bewirken kann, dass Menschen eigenverantwortlich(er) handeln. Genau das war eines der Ziele der Arbeitsmarktreformen von 2005 – und das ist eingetreten. Bei einigen wirkt der Druck zugegebenermaßen auch genau gegenteilig: Die ziehen sich zurück, werden krank und entwickeln einen Hass auf den Staat. Das ist die unschöne Seite von „Hartz IV“, die sozialen Sprengstoff birgt. Das Gros der Menschen aber verhält sich anders.

einfachicke meinte:
Jetzt mal ehrlich. Absolut niemand, der damals HartzIV erfunden hat, möchte dass wir Eigenverantwortung übernehmen. Wir sollen nur ausschlachtbares Humankapital stellen, damit auf unserem Rücken und mit unserer Hände Arbeit Profite erwirtschaftet werden.

Milton Friedman (1970) hat einmal gesagt: „The social responsibility of business is to increase its profits“. Damit hat er das Wesen des Kapitalismus treffend auf den Punkt gebracht. Ist Kapitalismus gut? Darüber kann man streiten. Ich sehe den Kapitalismus in Sachen Armutsüberwindung als effektivstes weltweites Wirtschaftssystem an. Die weltweite Armut ist in den kapitalistischen Ländern dieser Welt in letzten 20 Jahren massiv zurückgegangen (siehe dazu Hans Roslings Buch Factfulness aus 2018). In sozialistisch geprägten Ländern hingegen ist sie gestiegen.

Ich bin aber der letzte, der bestreitet, dass es dennoch enorme Verwerfungen im Kapitalismus gibt, dass Menschen in ihm unter die Räder kommen können und dass das Herz des Kapitalismus „kalt“ ist, wie Werner Plumpe 2019 in Das Kalte Herz so ausführlich beschrieben hat. Ich finde daher übrigens auch die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen sehr gut. Nur verstehe ich nicht, wie der martialisch anmutende Verweis auf „ausschlachtbares Humankapital“ als Argument dafür dienen soll, dass die Hartz-IV-Erfinder und -nutznießer nicht wollen, dass ALG II Beziehende Eigenverantwortung übernehmen.

Eigenverantwortung ist ein Kernstück von „Hartz IV“. Es ist doch in deinem ganz eigenen Interesse, Eigenverantwortung für dich und dein berufliches Fortkommen zu übernehmen. Wenn du einen miesen Job annimmst, wo ist das Problem? Dann bewirbst du dich eben von da aus weiter. Ich selbst habe das auch getan, als ich nicht mehr im Jobcenter arbeiten wollte (obgleich ich den Job nicht als mies bewerten würde – ich wollte mich einfach beruflich verändern).

Das ist - so finde ich - eigenverantwortlich. Primär bist du für dich verantwortlich, nicht der Staat. Der Staat übernimmt aber auch Verantwortung. Wenn du es benötigst, zahlt er dir ALG II und unterstützt durch das Vermittlungsbudget, durch Einstiegsgeld, AVGS, MAbE und FbW die Integration in Arbeit.

Als „Mutterland“ der Eigenverantwortung gelten noch immer die USA, wo es einen Sozialstaat deutscher Prägung nicht gibt. Die dortigen Armen würden vermutlich Luftsprünge vor Freude machen, wenn es in den USA sowas wie „Hartz IV“ gäbe, da man dort im wahrsten Sinne des Wortes für sich die volle Verantwortung übernehmen muss, ohne dass der Staat mittels Übernahme von KdU und lebenslanger Grundsicherungszahlung einspringt. Von sowas sind wir in Deutschland - zum Glück - weit entfernt. Wir haben hier eine gute Balance aus Eigenverantwortung und staatlicher Verantwortung. Jedenfalls ist das mein Empfinden, von dem ich freilich weiß, dass es gerade unter Erwerbslosen manche anders sehen.

einfachicke meinte:
Auch wenn der Gesetzgeber es so sieht, so bedeutet es noch lange nicht, dass das auch so ist. Nur weil etwas zum Gesetz erklärt wird, ist es noch lange nicht moralisch in Ordnung oder RICHTIG. Jeder von uns hat eine andere moralische Richtschnur, an der er oder sie sich orientiert. Mein persönliches Verständnis von Moral ist vollkommen unabhängig von dem, was mir Gesetze vorschreiben. Ich halte mich in den meisten Fällen an die Gesetze. Ich töte nicht, ich stehle nicht usw.

Volle Zustimmung! Ich sehe nur nicht, wo das in Widerspruch zu dem steht, was ich geschrieben habe. Meine Aussage war doch, dass die Mitarbeitenden im JC Sanktionen nicht nur deshalb aussprechen, weil das Gesetz es von ihnen verlang, sondern auch, weil sie in der Mehrzahl davon überzeugt sind, dass das moralisch richtig sei. Ich sagte ja, dass ich nicht glaube, dass die Fachkräfte im JC sich als unmoralisch sehen. Das Gegenteil dürfte eher der Fall sein. Dass andere Menschen - wie hier im Forum - das anders sehen, bleibt davon unbenommen und liegt in der Natur der Sache bzw. eines solchen Forums.

einfachicke meinte:
…Dann müssten sie ja ihre gesamte berufliche Existenz und ihre moralische Integrität als Mensch infrage stellen. Ich vermute, dass auch die Menschen, die bei Rheinmetall oder Heckler und Koch arbeiten und gute deutsche Waffen herstellen und mit deren Exporten zum Wohlstand in diesem Land beitragen, ihre Arbeit nicht als moralisch fragwürdig betrachten. Menschen stellen sich nicht gern infrage. Denn die Antwort auf ihre Anfrage an sich selbst könnte doch allzu negativ ausfallen.

Auch dem stimme ich zu. Wobei ich die letzten beiden Sätze nicht so pauschal unterschreiben würde. Gerade im Sozialbereich habe ich andere Erfahrungen gemacht. Nämlich die, dass sich Fachkräfte hier sehr wohl oft in Frage stellen und darüber austauschen, ob das eigene Handeln richtig ist. Das findet beispielsweise in kollegialen Beratungen und in Supervisionen statt, die es auch im Jobcenter (in manchen zumindest) gibt.

Ich selbst bin gerne bereit, mich in Frage zu stellen und meine Meinung auch zu ändern, wenn mich die Argumente von anderen überzeugen. Zu meiner jetzigen Überzeugung bin ich letztlich auch durch Diskutieren und Mich-in-Frage-Stellen gelangt. Im Studium war ich stramm links (wie die meisten Personen, die Soziale Arbeit studieren). Das hat sich später, besonders dann im Job(center), aber in Richtung sozialliberal entwickelt. Dabei hat sich auch mein moralischer Kompass bzw. meine innere Waage im Hinblick darauf verschoben, was ein gutes Verhältnis von Staatsverantwortung und Eigenverantwortung ist.

Das hat übrigens auch zur Folge gehabt, dass ich - nebenbei bemerkt, weil du den Vergleich angesprochen hattest - Menschen, die in Deutschland an der Produktion von Kriegswaffen beteiligt sind, nicht per se für unmoralisch halte. Denn auch wir und unsere NATO-Partner benötigen solche Waffen, um unsere Demokratien zu schützen. Unmoralisch wird es erst, wenn diese Waffen in Länder geliefert werden, die Menschenrechte verletzen. Das liegt dann aber nicht in der Verantwortung der Ingenieure und Arbeiter am Band der Waffenhersteller, sondern in der Verantwortung der Manager wie auch in der Verantwortung der Politiker/innen, die Vorgaben in Bezug auf Waffenexporte machen. Ich könnte das hier jetzt weiter ausführen, es führte aber zu sehr vom Thema dieses Threads weg. Daher lasse ich das.

einfachicke meinte:
Manchmal stelle ich mir aber schon so eine Szene am Abendbrottisch in der Familie eines JC-Mitarbeiters vor: "Schatz, wie war es heute auf Arbeit?" "Ganz gut. Ich musste heute eine alleinerziehende sanktionieren, weil die eine von mir zugewiesene, für sie vollkommen sinnfreie Bewerbungsmaßnahme nicht antreten wollte. Natürlich kann sie nichts dafür, dass ihr Kita-Platz für den 5-jährigen Sohn nur bis 13.30 Uhr geht und er danach alleine zuhause wäre. Aber der Gesetzgeber will es so. Und dann macht natürlich auch mein Teamleiter Druck, damit ich soviel wie möglich von meinen "Kunden" aus der Statistik kriege. Weißt Du, manchmal tun sie mir schon leid. Aber was solls, Job ist nun einmal Job und mit irgendwas muss ich euch ja schließlich ernähren. Gottseidank verstoße ich nicht gegen irgendwelche Gesetze. Ach übrigens hast Du es heute in die Apotheke geschafft? Die Beruhigungs- und Schlafmittel sind bald alle."

Wenn sich die Szene wirklich so abgespielt hätte, wäre mein Urteil: Der JC-Mitarbeiter hat hier tatsächlich unmoralisch gehandelt. Und er hätte in meinen Augen falsch gehandelt. Er hätte auch laut Gesetz nicht so handeln müssen, denn das Gesetz verlangt ausdrücklich nicht, in einer Fallkonstellation wie der, die du beschrieben hast, zu sanktionieren. Der Gesetzgeber sieht eine Sanktion nur dann von, wenn ein Kunde keine akzeptablen Gründe für sein Verhalten darlegt.

Ich selbst war im Jobcenter zuständig speziell für die Beratung Alleinerziehender (später dann für die Beratung von Migranten). Es war Alltag für mich, mit Alleinerziehenden über passende Maßnahmen (AVGS, MAbE und FbW), über das Nachholen eines Schulabschlusses oder das Finden einer Teilzeit-Umschulung unter Berücksichtigung der Kinderbetreuungszeit zu sprechen.

Wenn eine Kundin mir glaubhaft darlegte, dass sie keinen Betreuungsplatz für ihr Kind hatte und dass sich die Maßnahme-Zeit nicht mit der KiTa oder-Schulzeit eines Kindes verträgt, war es überhaupt kein Problem für mich, auf eine Maßnahmezuweisung zu verzichten. Da hätte es ganz sicher keine Sanktion gegeben – und meine Teamleiterin hätte diese auch ganz sicher nicht verlangt, Statistik hin oder her. Ich bin sicher, dass das Gros der Alleinerziehenden-Berater in diesem Land genauso handelt und hinreichend Empathie sowie Verständnis aufbringt.

einfachicke meinte:
Bei Leuten ohne funktionierendes Gewissen (die genaue Bezeichnung entnehme man bitte der einschlägigen Medizinischen Fachliteratur) fallen die letzten beiden Sätze natürlich weg.

Glücklicherweise ist meine Erfahrung, dass es Menschen ohne funktionierendes Gewissen im Jobcenter kaum gibt. Weder auf der einen noch auf der anderen Schreibtischseite.

einfachicke meinte:
Wie gesagt, jeder zieht seine moralischen Grenzen anders. Ich persönlich könnte mir keine Situation vorstellen, ob nun vom Gesetzgeber abgesegnet oder nicht, in der ich andere Menschen sehenden Auges in eine finanzielle Notlage treiben würde.

Wie gesagt kann ich deinen Standpunkt voll und ganz verstehen. Ich teile ihn nur eben nicht vollumfänglich, ohne mich deswegen als unmoralisch zu empfinden. Aber vielen Dank für deine sachlichen Darlegungen. Die finde ich für die Diskussion sehr bereichernd 😊.
 

Antik 63

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Hallo pfennigabsatz,
Nein ich habe nichts verwechselt. Aber gut, dieses Forum ist schlimmer wie eine Löwenhöhle im Zoo: Hier werden die wildesten Unterstellungen geduldet. Ich möchte nicht diskutieren was ich gemeint habe, das bleibt mir zu überlassen.
Ich kann keine wilden Unterstellungen erkennen/finden.

Ich finde die Hilfe/Mühe...die sich alle hier im Forum geben...einfach toll.:icon_daumen:

:mad:...weißt du was ...klick doch einfach auf deinen Namen....dann links unten auf "Zugang löschen"

dann hast du Ruhe...und musst dich nicht mehr Ärgern.
 
G

Gelöschtes Mitglied 4

Gast
Wenn eine Kundin mir glaubhaft darlegte, dass sie keinen Betreuungsplatz für ihr Kind hatte und dass sich die Maßnahme-Zeit nicht mit der KiTa oder-Schulzeit eines Kindes verträgt, war es überhaupt kein Problem für mich, auf eine Maßnahmezuweisung zu verzichten. Da hätte es ganz sicher keine Sanktion gegeben – und meine Teamleiterin hätte diese auch ganz sicher nicht verlangt, Statistik hin oder her. Ich bin sicher, dass das Gros der Alleinerziehenden-Berater in diesem Land genauso handelt und hinreichend Empathie sowie Verständnis aufbringt.
...hier gibt es einen Beitrag einer alleinerziehenden Mama, die alle 14 Tage ins JC muß. Einfach Fahrt 13km...glaube, keine Erstattung Fahrtkosten. Auf 96 Kita-Plätzen steht sie und alle 14 Tage erzählt sie ihrem SB das gleiche! Jedesmal muß sie für Betreuung sorgen oder den Sprößling mitnehmen. Wenn sie dann da ist, muß sie stundenlang warten, weil der SB nicht da ist und bis eine Vertretung kommt.

Weiß den Namen wieder, darf ich ihn hier posten? Weiß ja nicht, ob sie das will...?
 

PhilippNixdorf

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Birt1959 meinte:
Diese Argumentationskette kommt mir als Historikerin aber mehr als verdächtig vor. Daniel Goldhagen beschrieb diese Argumentation mehr als gut in seinem Buch über die willigen Vollstrecker.

Hallo Birt 1959!

Entschuldige bitte, dass ich darauf jetzt mal etwas gereizt reagiere und vielleicht nicht ganz so sachlich-rational schreibe, wie ich das sonst tun. Es ist mir aber einfach ein wichtiges Anliegen, folgendes deutlich zu sagen:

In meinen Augen ist es eine Relativierung des Leidens der von Nazis verfolgten und ermordeten Menschen, wenn ein Vergleich zwischen dem moralischen Gutheißen vom Sanktionen im Jobcenter mit dem Vollstreckertum in der Nazi-Zeit gezogen wird.

Ich kann nicht erkennen, was Jobcenter-Mitarbeiter und deren Argumente auch nur im Entferntesten mit Nazis oder Nazi-Kollaborateuren zu tun haben. Ganz im Gegenteil: Den Nazis ging es um die systematische Vernichtung von Menschen. Heute dagegen geht es dem Staat mittels SGB II-Zahlung um das systematische Sichern des Lebens. Daran arbeiten die Leistungssachbearbeiter und Arbeitsvermittler im Jobcenter, das ist ihr Job!

Es besteht heute, in unserem modernen Sozialstaat, glücklicherweise sogar die rechtliche Möglichkeit, in Widerspruch zu gehen und dann ggfs. über Beratungshilfe noch einen Anwalt gestellt zu bekommen – durch den Staat. Das ist eine sozialpolitische Errungenschaft.

Zudem ist die Konsequenz dessen, wenn man als Kunde im Jobcenter nicht mitarbeitet, heute lediglich, dass man eine Leistung (ALG II) nicht oder nicht vollständig erhält. Von den Nazis dagegen wurde man verfolgt und ermordet - und das nicht nur aufgrund eigener Handlungen, sondern aus rassistischen Motiven.

Der Sozialstaat heute schützt, der Nazi-Staat hat vernichtet. Daher halte ich die Implikation, dass meine Argumentation eine Ähnlichkeit mit der Legitimierung von Nazi-Verbrechen habe, für verfehlt.

Birt1959 meinte:
Meinst Du allen Ernstes, diese Professor*innen und Berater*innen, die du so ablehnst, hätten da keine Expertise?

Woraus schließt du, dass ich jemanden ablehne? Auch verstehe ich nicht, woraus du schließt, dass ich jemandem seine/ihre Expertise abspreche. Ich habe einige Stellungnahmen gelesen, die von Einzelpersonen, Parteien und Verbänden beim Bundesverfassungsgericht eingereicht wurden, damit das Gericht deren Argumente bei einer Urteilsfindung bzgl. der (Il)legitimität von Sanktionen berücksichtigen und gegeneinander abwägen kann. Manchen der Argumente konnte ich zustimmen, anderen nicht.

Eine Meinung zu haben und zu begründen ist doch etwas deutlich anders, als jemandem die Expertise abzusprechen. Ein gutes Beispiel dafür lieferte ein Streitgespräch zwischen Uwe Berlit und Wolfgang Neskovic zur (Il)legitimität von Sanktionen im SGB II, das du bei Youtube findest. Ich kann Argumente von beiden Experten nachvollziehen. Mich überzeugen Berlits Argumente indes mehr. Dass Herr Neskovic dennoch ein ausgewiesener Experte ist, bleibt davon unbenommen.

Ich hatte im Studium einige Professoren, deren Meinungen ich nicht teile. Gleichwohl erkenne ich selbstverständlich deren Fachexpertise an. Ich bin kein Linker und gehe mit Sarah Wagenknechts Positionen beispielweise größtenteils nicht konform. Dennoch erkenne ich an, dass sie eine hochintelligente Frau ist, die ihre Argumente stichhaltig begründet.

Warum auch nicht? Ich kann anderer Meinung sein und gegenteiligen Argumenten mehr Gewicht zumessen, ohne dadurch jemanden abzulehnen. Ich behaupte von mir, kaum je eine Person abzulehnen. Was ich mitunter nicht teilen kann, sind Argumente. Dadurch lehne ich aber den Menschen doch nicht ab.

Birt1959 meinte:
Wenigstens die Professor*innen sind ausgewiesene und international anerkannte Expert*innen in ihren Forschungsbereichen. Das wird man*frau aber nicht von jetzt auf gleich, das dauert Jahre. Man*frau muss die Berater*innen von Tacheles nicht lieben, aber die sehen die Härtefälle tagtäglich und dürften von daher mehr Ahnung als ein*e rein*e SB*in haben.

Nochmal: Wo habe ich irgendwas geschrieben, was dem widerspricht? Was ich geschrieben habe, ist, dass aus den Problem-Fällen, die Menschen täglich z. B. beim Elo-Forum, bei Tacheles, bei den KEAS, bei ALSO und bei weiteren Vereinen schildern, nicht geschlussfolgert werden kann, dass solche Probleme repräsentativ für 3,8 Millionen ALG II Bezieher/innen sind.

Dies deshalb nicht, weil Menschen, die keine Probleme haben, keine Hilfe suchen. Das ist, um mal einen Vergleich zu tätigen, ähnlich wie bei den Paketdienstleistern. Schau dir mal die Bewertungsportale von DHL, DPD, Hermes und co. im Internet an. Die haben alle eine ganz miese Note. Es finden sich tausende negative Berichte.

Das heißt aber nicht, dass das Gros der Kunden diese Dienstleister schlecht bewertet (dass die dortigen Arbeitsbedingungen teils katastrophal sind, steht auf einem anderen Blatt). Allein 2019 wurden knapp 3,7 Milliarden Pakete in Deutschland verschickt. 50.000 negative Beurteilungen sind im Nachkomma-Promille-Bereich. 99,9 % der Menschen schreiben nichts über Zustell-Probleme im Internet. Warum nicht, wenn alles so furchtbar ist und - laut den 50.000 negativen Erfahrungsberichten - nichts zu klappen scheint?

Meine These ist: Weil sie keine bzw. keine gravierenden Probleme haben. Daher haben sie kein Mitteilungsbedürfnis und keinen Bedarf, ihrem Ärger Luft zu machen. Die Wahrnehmung, die Menschen gewinnen, wenn sie sich im Internet über diese Paketdienstleister informieren, ist verzerrt. So ist es auch im Hinblick auf das Jobcenter.

Das schließ aber natürlich nicht aus, dass es Probleme gibt und dass im Jobcenter durchaus auch falsch entschieden wird (2017 beispielsweise wurden knapp 36 % der 639.000 abschließend bearbeiteten Widersprüche und ca. 40 % der 112.000 Klagen im Bereich SGB II teils oder ganz stattgegeben; vgl. Becher 2018). Daraus kann aber nicht geschlussfolgert werden, dass 36% bzw. 40% der JC-Entscheidungen falsch seien.

Geschlussfolgert werden kann nur, dass 36% bzw. 40% der JC-Entscheidungen falsch waren, gegen die in Widerspruch gegangen wurde. Es ergehen aber jährlich Millionen von Bescheiden im Reichtskreis des SGB II. Damit will ich existierende Probleme nicht kleinreden, sondern einfach deutlich machen, dass man vorsichtig sein muss mit der Interpretation von Daten. Viele Menschen neigen dazu, allzu schnell eine Repräsentativität anzunehmen, wo keine gegeben ist.

Zweifellos gibt es Menschen, die Probleme mit dem Jobcenter haben. Es gibt Menschen, die im Jobcenter falsch beraten werden. Es gibt Mitarbeiter im Jobcenter, die nicht kompetent sind. Und ja, es gibt wahrscheinlich wirklich einige Mitarbeiter, denen es Freude Macht, Kunden zu schikanieren. Sadistisch veranlagte Menschen und solche, denen es eine Befriedigung betreitet, Macht gegenüber anderen auszuleben, gibt es eben fast überall.

Ich verwehre mich nur gegenüber der Implikation, dass die Mehrzahl der Fachkräfte im Jobcenter so sei. Es ist meiner Überzeugung nach eine ganz kleine Minderheit, die so ist, die aber dafür sorgt, dass Problemefälle in den (sozialen) Medien berichtet werden.

Dass den ALG II Beziehenden, die Probleme mit solchen "Fachkräften" haben (für die das Wort Fachkraft dann nicht passt), geholfen werden muss, ist klar. Dass das sehr professionell z. B. bei Tacheles geschieht, ist lobenswert. Ich habe auch nichts Gegenteiliges behauptet.

Im Gegenteil: Ich bin selbst auch bereit, zu helfen. Wenn mich in diesem Forum jemand mit Fragen zu Weiterbildungen, Leistungen zur Aufnahme von Arbeit, Unterstützung beim Formulieren von Anträgen etc. anschreibt, bin ich gerne bereit, zu helfen. Das war ich auch im Jobcenter.

Das alles schließt meine Überzeugung, dass es Situationen gibt, in denen eine Sanktion gerechtfertigt sein kann, aber doch nicht aus.
 
Zuletzt bearbeitet:

Maximus Decimus

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@PhilippNixdorf
Du kannst hier aus meiner Sicht soviele gute Argumente bringen wie du möchtest. Hier in diesem Forum, wirst du immer aufgrund der vielfältigen Erfahrungen der Nutzer massiven Gegenwind bekommen. Du hattest erwähnt, dass du für viele Nutzer mal auf der falschen Seite standest und genau dieses ist für viele hier der Anlass niemals deine Meinung zu akzeptieren. Auch wenn du objektiv in vielen Punkten Recht hast.
Es gab hier bereits etliche Mitarbeiter die bei der AfA oder beim JC gearbeitet haben oder arbeiten und diese bekamen hier auch jedesmal viel viel Gegenwind. Jedes Argument wurde denen in der Luft zerrissen, weil hier im Forum der Frust auf das JC so tief sitzt. Sei mal dahin gestellt, ob dieses berechtigt ist oder nicht.
 

PhilippNixdorf

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Hallo Maximus,

danke für deine Einschätzung und Erläuterung. Das habe ich selbst auch schon so vermutet. Und ich kann das auch nachvollziehen. Ich schreibe immerhin über Erfahrungen und verweise ggfs. auf Daten, die einen Eindruck vom Jobcenter vermitteln, der teils deutlich konträr ist zu dem, wie User hier das Jobcenter erleben.

Wenn man selbst sanktioniert wurde, sich als schikaniert empfindet und sich dem Jobcenter ausgeliefert sieht, wirken meine Darlegungen vermutlich zynisch. Mein Anliegen ist aber einfach Informationsgabe und Unterstützung. Mit Gegenwind komme ich dabei super zurecht, weil ich nachvollziehen kann, was die Beweggründe dafür sind.

Außerdem ist es ja, das belegt dieser Thread, durchaus diskussionsbereichernd, wenn unterschiedliche Sichtweisen ausgetauscht werden. 😊 Das kann den Horizont nur erweitern – meinen eigenen und den von anderen.

Zu guter Letzt schreibe ich sehr gerne (derzeit an einem Fachbuch über Handlungskompetenz im Jobcenter) und kann aus den Diskussionen bzw. aus den vielen Fragen und Problemschilderungen im Forum sicher ein paar Anregungen/Ideen in meinem Text verarbeiten. Kurzum: Ich empfinde es als bereichernd, hier zu diskutieren.
 

Zeitkind

Super-Moderation
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Was existiert, sind Anekdoten, die sich insbesondere in Internetforen wie www.elo-forum.org ... finden.
Soso ...
Wenn mich in diesem Forum jemand mit Fragen zu Weiterbildungen, Leistungen zur Aufnahme von Arbeit,
Unterstützung beim Formulieren von Anträgen etc. anschreibt, bin ich gerne bereit, zu helfen.
Das klingt mehr als unglaubwürdig, wenn Sie die Hilfeersuchen und Sachverhalte der User als Anektoten bezeichnen. :icon_kinn:
Mit Ihrer Hervorhebung einer repräsentativen Mehrheit kann ihnen garnicht daran gelegen sein,
der Ihrer Meinung nach "fabulierenden" Minderheit Hilfe zu leisten.
Meines Wissens nach existiert derzeit keine repräsentative Erhebung, die Auskunft über die (Un-)Zufriedenheit mit Maßnahmen der Aktivierung und beruflichen Eingliederung liefert.
Aber der gesunde Menschenverstand funktiert hoffentlich noch ...
Daß die BfA nach § 282 SGB III zur Wirkungsforschung verpflichtet ist, sollte einem Studierten eigentlich bekannt sein.
Die Lobby der Maßnahmeindustrie hat wohl die Scharniere der Scheunentore für ungehinderte Krötenwanderung ausgehebelt;
 
G

Gelöschtes Mitglied 4

Gast

grün_fink

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Bei einigen wirkt der Druck zugegebenermaßen auch genau gegenteilig: Die ziehen sich zurück, werden krank und entwickeln einen Hass auf den Staat.
Oder sie verzweifeln auch nur an der ganzen Situation, gehen zum Arzt, der wiederum mit Hartz IV auch nicht soviel anfangen kann, müssen Tabletten nehmen, in Kliniken gehen. Im schlimmsten Fall kommen sie aus der Nummer nicht mehr raus, vor allem, wenn Hartz IV nur noch eine weitere Belastung von vielen über viele Jahre ist.

Das ist die unschöne Seite von „Hartz IV“, die sozialen Sprengstoff birgt. Das Gros der Menschen aber verhält sich anders.
Wieso ist das jetzt schlimm? Ich finde Hartz IV schlimmer als die Möglichkeit, das Land zu verbessern. Auch wenn ich aus deinen Worten etwas anderes heraus lese.

Darüber kann man streiten. Ich sehe den Kapitalismus in Sachen Armutsüberwindung als effektivstes weltweites Wirtschaftssystem an.
Ja kruzi..... Und das alles, ohne dass die Regierung das Thema Armutsüberwindung auf der Agenda hat. Was soll man da noch weiter schreiben ;)
 

Daniel-HH

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habt ihr ne Meinung?


Hab mich immer gefragt ob ein persoernlichkeits defekt ein voraussetzung is das jemand beim sozialamt / arbeitsamt arbeitet . Ich les hier mit seit paar wochen und jetzt versteh ich wieso so viel xxxxx schlecht drauf sind = MMN Etwa 30 % von alle threads heir sind betruger threads ....... oder sind auf falsch verstandene rechte aufgebaut .
 
G

Gelöschtes Mitglied 49359

Gast
Im Gegenteil: Ich bin selbst auch bereit, zu helfen. Wenn mich in diesem Forum jemand mit Fragen zu Weiterbildungen, Leistungen zur Aufnahme von Arbeit, Unterstützung beim Formulieren von Anträgen etc. anschreibt, bin ich gerne bereit, zu helfen. Das war ich auch im Jobcenter.
Die Hilfe, die TE anbietet kann ELO meist selbst bewerkstelligen oder läßt sich hier vom Schwarmwissen informieren und/oder inspirieren.

Ich gehe mal davon aus das ich nicht die Einzige bin/war die google befragt hat was TE aktuell so beruflich macht. Ich bin da fündig geworden und diese Fundsache hat Mutmaßungen bei mir hervorgerufen, die eher bei Geschäftsinteresse liegen.

Hier in diesem Forum, wirst du immer aufgrund der vielfältigen Erfahrungen der Nutzer massiven Gegenwind bekommen. Du hattest erwähnt, dass du für viele Nutzer mal auf der falschen Seite standest
Logisch!
TE bewegt sich in einem Forum mit Schwerpunkt ALG I/II u.w. Das es hier eher negative Erfahrungen hagelt liegt in der Natur der Sache.
 

Daniel-HH

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jetzt versteh ich wieso so viel xxxxx schlecht drauf sind

Sachbearbeiter


Du glaubst, das hier sei ein repräsentatives Abbild aller ALG2-LB? Du irrst.

Nein = Ich irr nicht . In end effect mein ausserung war ein offentliche beichte , selbst anzeige und bitte um entschuldigung . Man lest hier mit und manche threads sind haarstraubend unehrlich ....... salami taktic ...... semantics ...... exotic anspruche ...... lebensfremd einstellung ...... kindisch manipulations versuche ...... und dann stell ich mich vor wie es mir gehen wird wann ich regelmaessig mit sowas absolute schamelos konfrontiert wird ...... und wie es mir gehen wird wann leute mich immer wieder beschuldigen weil sie irgendwas nicht verstehen .

Und dann stell ich mich vor wie negative das is fur ehrlich und bedurftig menschen ?
 

avrschmitz

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Man lest hier mit und manche threads sind haarstraubend unehrlich ....... salami taktic ...... semantics ...... exotic anspruche ...... lebensfremd einstellung ...... kindisch manipulations versuche ...... und dann stell ich mich vor wie es mir gehen wird wann ich regelmaessig mit sowas absolute schamelos konfrontiert wird
Du solltest vielleicht mal besser Deine Wohnung vernünftig heizen. Dann wird Dein Gehirn warm und dann kommt da auch was vernünftiges raus.
Das bedeutet das ich niemals heizung an habe ausser um waesche zu trocknen im winter . Ich sitz hier mit bundeswehr unterhosen an und ein waerm flasche
 
G

Gelöschtes Mitglied 4

Gast
Hatte früher als Selbständige auch keine Heizung an, um zu sparen. Im ALG2 wurde mir dann aber nach Einreichung von Heizkosten- und Nebenkostenabrechnung vom JC die Nachzahlung übernommen.
Daniel-HH, wenn Du nicht heizt, sparst und ein Guthaben vom Vermieter bekommst, müsstest Du das eigentlich dem JC melden. Das wird mit der nächsten Leistung in Abzug gebracht. Lieber mal normal heizen, bei einer Nachzahlung die Unterlagen an das JC schicken, mit der Bitte um Erstattung.
 

bondul

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Im Gegenteil: Ich bin selbst auch bereit, zu helfen. Wenn mich in diesem Forum jemand mit Fragen zu Weiterbildungen, Leistungen zur Aufnahme von Arbeit, Unterstützung beim Formulieren von Anträgen etc. anschreibt, bin ich gerne bereit, zu helfen. Das war ich auch im Jobcenter.


Wirklich so altruistisch?

Nehmen Sie Vermittlungsgutscheine (AVGS) an?
Nein. Gutscheine der Agentur für Arbeit oder des Jobcenters nehme ich nicht an. Arbeitslose und Arbeitsuchende sind mir als Klienten/innen willkommen, allerdings ist ein Selbstzahlen nötig.
Was kostet eine Berufsberatung?
Für 60 Minuten Berufsberatung berechne ich 80 Euro zuzüglich 19% MwSt. Gute Erfahrung habe ich mit einem Zeitumfang von zwei Sitzungen zu je 90 Minuten gemacht.
Was kostet ein Coaching?
Für 60 Minuten Coaching berechne ich 100 Euro zuzüglich 19% MwSt.
- Philipp Nixdorf: FAQ | Serene Success


lg, bondul
 

Faldo311

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Du solltest vielleicht mal besser Deine Wohnung vernünftig heizen. Dann wird Dein Gehirn warm und dann kommt da auch was vernünftiges raus.
Vielleicht liegt auch ein ausgeprägter Flüssigkeitsmangel vor. Habe gelesen, dass Gehirne im dehydrierten Zustand schwerer arbeiten müssen um dieselbe Leistung zu erzielen wie in einem Zustand ohne Wassermangel. Wenn dann nur begrenzte kognitive Reserven vorliegen reicht es möglicherweise nicht mehr dazu aus etwas Sinnvolles zu posten.
 
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Gelöschtes Mitglied 4

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Hört doch jetzt bitte damit auf, danke. Friert erstmal selber den ganzen Winter durch. Auch jetzt ist die Heizung bei mir komplett aus, weil ich hin und wieder die letzten Wochen es warm hatte. Aber, ich bin jetzt Aufstocker und frage mich jetzt schon, ob ich Ende des Jahres bei einer Nachzahlung einen Eigenanteil selber tragen muß.
Und auch ich hatte nachts in harten kalten Jahren eine Wärmflasche an den Füßen.
 

Faldo311

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Hört doch jetzt bitte damit auf, danke. Friert erstmal selber den ganzen Winter durch. Auch jetzt ist die Heizung bei mir komplett aus, weil ich hin und wieder die letzten Wochen es warm hatte. Aber, ich bin jetzt Aufstocker und frage mich jetzt schon, ob ich Ende des Jahres bei einer Nachzahlung einen Eigenanteil selber tragen muß.
Und auch ich hatte nachts in harten kalten Jahren eine Wärmflasche an den Füßen.
Dann solltest gerade du diese Leute kritisch hinterfragen, die andere Leistungsbezieher als Schmarotzer/Betrüger hinstellen.
 
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