Wie stark ist die soziale Segregation an deutschen Schulen, im Schulsystem? Was sind die Auswirkungen?

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Harzfünfer

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Ein Thema, welche ich schon längere Zeit mal ansprechen wollte.
Heute wurde ich hierzu aber durch folgenden Thread inspiriert, mal damit anzufangen:

Ich war ja auf einem Gymnasium, und dort waren schon irgendwie sehr viele Leute, die man eher schon zur Oberschicht rechnen kann. Kinder von Anwälten, Lehrern, Geschäftsleuten. Gerade wenn ich darüber mehr nachdenke, waren die dort reichlich überrepräsentiert. Und das sind halt Leute, die auch keine regulären Arbeitnehmer sind, sozial quasi über denen stehen. Halt Leute, die selbst Unternehmer/Arbeitgeber sind, oder (Solo)selbständig, oder Beamte, die ja auch so gut wie ausgesorgt haben. Oder halt solche Berufe wo man auch so ähnlich wie selbständig ist aber vielleicht nicht ganz so wie ein Unternehmer. Also neben Anwälten z.B. auch Ärzte.
Das schlug sich natürlich auf die dort herrschenden politischen Ansichten und gesellschaftlichen Vorstellungen nieder, und ich war dort schon per se ein Außenseiter aufgrund meiner für dortige Verhältnisse ungewöhnlichen Herkunft.

Ich muss dort in meiner Klasse der ärmste Schüler gewesen sein. Nur später kam mal einer hinzu, dessen Mutter alleinerziehend war und eben zwei Kinder noch zu versorgen hatte, der Vater war nicht in Deutschland. Die müssen auch ziemlich arm gewesen sein, er konnte sich z.B. mal eine Karte für eine Theatervorführung nicht leisten. Das war zwar keine Pflichtveranstaltung, sozusagen freiwillig, aber es gingen fast alle. Ich hätte das Geld dafür bekommen aber wollte da nicht hin. Ich weiß jetzt gar nicht mehr, ob er dann wirklich hinging. Ich glaube irgendwer bezahlte ihm dann doch noch die Fahrkarte, und wenn es die Schule selbst war. Bin mir aber nicht sicher.

Also Armut ist auf Gymnasien schon ein großes Stigma.
Ich wüsste dort auch nicht von einem einzigen Mitschüler, weder aus meiner Klasse noch anderen, der aus einer "Hartz-IV-Familie" stammen würde. Ach so, die einzige Ausnahme sind Kinder von Flüchtlingen, die es dort mal gab, deren Eltern bekamen wahrscheinlich das Asylbewerberleistungsgeld oder so, was ja ähnlich wie Hartz IV ist. Davon habe ich aber nichts mitbekommen, kann nicht viel dazu sagen, wie sich das in sozialer Hinsicht ausgewirkt hat. Das war nur in anderen Klassen.

Ich hätte aber nicht auf eine Real oder Gesamtschule gewollt, die sind hier fast alle grottenschlecht, dort gibt es viel körperliche Gewalt, wenig Leistungsbewusstsein, und auch Drogenhandel im Schulumfeld, und lauter solche Sachen. Ich weiß das z.B. von einem älteren Cousin, der im Gegensatz zu seinen Geschwistern die Laufbahn Realschule und Handwerkerlehre eingeschlagen hat, und da ist es schon rauer zugegangen, u.a. deswegen ist der auch anders drauf als die Geschwister von ihm, welche auf dem Gymnasien waren und studiert haben. Die hatten dort auch teils nicht unerhebliche Probleme aufgrund der Herkunft aus einfachen, nicht so wohlhabenden Verhältnissen.
Bei mir und auch bei ihnen, war es aber am Gymnasium recht ruhig zugegangen, halt eher verbale Ausgrenzung, nur selten mal irgendwelche körperlichen Auseinandersetzungen, diese waren auch nicht so extrem. Dafür herrschte dort mehr so eine Arroganz und Eitelkeit, womit man aber noch leben konnte.

An den Schulen herrscht schon eine enorme soziale Segregation. Mir ist auch aufgefallen, dass die Kinder, deren Eltern "nur" Facharbeiter, einfache Angestellte oder so waren, also keines der Elternteile Akademiker, zum Großteil nach der Orientierungsstufe oder in der Mittelstufe das Gymnasium verlassen haben, verlassen mussten.
Ich habe diese Schüler aber auch ehrlich gesagt als nicht so motiviert wahrgenommen, naja, oder manches konnten sie halt nicht so gut.

Mein Vater , der Akademiker ist und Abitur hat, konnte mir anfangs noch viel helfen bei Fremdsprachen und sowas, bei Mathematik wurde es dann zunehmend schwieriger, da hat er gesagt, sowas hätten die gar nicht durchgenommen oder er konnte sich nicht erinnern. Die Lehrpläne ändern sich ja auch ein Stück weit über die Jahrzehnte.

Würde mich mal interessieren, wie ihr das so seht, in euerer Schulzeit (vielleicht ja schon länger her) oder eurem Umfeld so wahrgenommen habt bzw. ob ihr es auch so seht, dass das heute anders ist als vor ein paar Jahrzehnten.

So in den 60ern, 70ern, vielleicht auch noch 80ern, scheint das Bildungssystem sowie die gesellschaftlichen Schichten durchlässiger gewesen zu sein...
 

Kerstin_K

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Also ich ahbe 1985 Abi gemacht. Als erste in meiner Familie und dann noch mit einer starken Gehbehinderung auf einer Schule für Nichtbehinderte. Damals habe ich keine Ausgrenzung gespürt, in meinerm Jahrgang war die Tochter der Supermarktkassiererin genauso vertreten wie die Tochter eines Opensängers und des Besitzers einer Kneipe. Allerdings hatte ich ausserhalb der Schule nicht so viel Kontakt zu einen Klassenkameradinnen (War eine reine Mädchenschule, Koedukation wurde erst eingeführt, als ich schon in der Oberstufe war.) Das hatte aber eher damit zu tun, dass ich die nicht ohne Hilfe hätte besuchen können. Der ÖPNV war damals noch nicht barrierefrei, zur Schule fuhr ich mit dem Taxi und Zeit hätte ich sowieso nicht gehabt, weil ich fast jeden Tag nach der Schule noch irgendwas vom Behindertensportverein hatte und auch in den Ferien mit dem Verein unterwegs war.

Bei den Kindern meiner Zwillingsschwester habe ich dann gesehen, dass man heute schon etwas schauen muss, auf welche Schule man sein Kind schickt. Es gibt Schulen, wo eher der Nachwuchs wohlbetuchter Eltern versammelt ist. Da wird dann auf der Elternversammlung sehr schnell mal beschlossen, dass es unbedingt der teuerste aller möglichen Taschenrechner oder die Klassenfahrt ins weit entfernte Ausland sein soll. Da können dann Eltern, die nicht so viel Geld haben, nur schwer mithalten.

Bei einer Meiner Haushaltshilfen ging das noch weiter: Die Tochter besuchte ein recht elitäres Gnmasium in Hannover. Die Mutter ging Putzen, vermied aber Nebennjobs in der direkten nachbarschaft, denn dort wohnten auch Klassenameradinen ihrer Tochter. Sie wollte auf keinen Fall gesehen weren. ass die Famieleie es nötig hasste, dass jemand einen nebenjob ausführte, das sollte niemand an Töchterchens Schule wissen, man befürchtete, dass sie dann dafür gehänselt würde oder so. Sowas finde ich schlimm.

In hannover haben wir noch ein anderes Problem. Wir haben über 100 weiterführende Schulen. Aber es gibt beliebte und weniger beliebte. Und wenn es für eine Schule mehr Bewerbungen gibt, als Pöätze frei sind, dann wird gelost. deshalb muss amn beim Übergang in die weiterführende Schule drei Schulen angeben. Das läuft schon seit Jahren so.
 

grün_fink

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Das Problem ist so neu nicht. Auch in er egaliltäreren DDR gab es Aussortierung bezüglich der raren Plätze an der EOS (erweiterte Oberschule). Allerdings spielten die Noten doch eine größere Rolle als in Westdeutschland, so scheint es.

In meinen Jahrgängen durften nach meiner Info (Wikipedia) lediglich 14% aller Schüler eines Jahrganges zum Abitur gehen (galt für alle Arten, zum Abitur zu kommen, also EOS, Berufsausbilung mit Abitur und Volkshochschule zusammen), zum allgemeinen Abitur zur EOS durften 10% eines Jahrganges. Die restlichen Schüler gingen meist zur Berufsaubildung mit Abitur, waren also Auszubildende, die innerhalb 3 Jahren Lehre und ein (leicht abgspecktes) Abitur absolvierten.
Notendurchschnitt für die EOS war mindestens etwa 1,4, und es durften normalerweise keine 3er auf dem Zeugnis sein. Dazu zählten alle Noten, also auch die Sportnote der Unsportlichen.
Natürlich wurde auch die politische Zuverlässigkeit bewertet. Wer nicht bei den Pionieren war, in die Kirche ging, oder dessen Eltern Oppositionelle oder Sektenmitglieder waren, hatte ganz schlechte Karten.
Nagelt mich nicht auf die Zahlen genau fest, die Größenordnung stimmt jedenfalls.

Auch in der DDR gab es Unterschiede zwischen Stadt und Land. Durch die geringe Schülerzahl, die zur EOS zugelassen waren, lebten Landkinder dann von Klasse 9-12 meistens im Internat (es brauchte so wenig EOSen in den ländlicheren Regionen, und diese waren dann entsprechend schlecht erreichbar).

In meiner Klasse sah das so aus (ungefähr 1980):
Es gab 3 Einserschüler, 2 Jungs und ein Mädchen.
Am Anfang der 8ten Klasse wurde in der Klasse geredet, wer jetzt zur EOS geht. Ausschlaggebend für die Zulassung war dann allerdings das folgende Halbjahreszeugnis.
Zuerst sagte einer der Jungs: Ich gehe zur EOS. Dieser Junge wusste schon seit er ein Kleinkind war, was er beruflich machen wollte, und dazu musste man studieren. Er wurde das dann auch (hab ihn im Internet gefunden).
Dann wurde der zweite Junge gefragt. Der wollte nicht bis in die Kreisstadt fahren und lieber bei seinen Freunden in der Kleinstadt bleiben. Der nannte auch schon einen konkreten Berufswunsch, also die konkrete Ausbildung mit Abitur und das darauf folgende Hochschulstudium. Er macht laut Internet heute etwas ähnliches beruflich, wie er studieren wollte oder dann auch hat.
Dann grätschte ein weiterer Junge rein, ginsend. Es war der Freund von Junge 1, der mit ihm im selben Dorf wohnte. Er sagte, er möchte bei seinem Freund bleiben (was ich damals nicht verstand). Scheinbar wusste er, dass die Familie seines Freundes umziehen wird. Denn Junge 1 war irgendwann im Laufe dieses Schuljahres nicht mehr an unserer Schule. Der Freund war leistungsmäßig eigentlich gar nicht so stark, um zugelassen zu werden. Sein Notendurchschnitt war etwa 2,3. Aber er konnte den Jungsbonus ziehen: Er sagte, dass er sagen wird, er verpflichtet sich 10 Jahre zur Armee, und war sich sicher, dass das dann klappen wird.
Dann wurde das Mädchen gefragt, also der dritte Einserkandidat. Das Mädchen, auch im Dorf wohnend, hat von ihren Eltern keine Antwort auf mehrmaliges Fragen bezüglich Abitur bekommen. Es beschloss, an der Schule zu bleiben und die Chance mit der Berufsausbildung mit Abitur zu nutzen, denn in ein paar Jahren wäre sie weiter und könnte besser selber entscheiden. Das tat sie dann auch. Allerdings lief in deren Leben so einiges schief....
Irgendwann im Frühjahr nach den Winterferien platzte eine Schülerin mit der Neuigkeit heraus, wer noch zur EOS gehen wird. Es war die Tochter eines Selbstständigen, den wirklich jeder brauchte (ich verrate die Branche nicht, wegen der Anonymität). Sie hatte 2 Geschwister und war die Älteste. Leistungsmäßig lag sie so bei etwa 2,2, hätte also eigentlich ebenfalls keine Chance gehabt. Ihre Eltern waren allerdings in der Schule sehr aktiv im Elternbeirat und Elternaktiv. Meine Vermutung ist, dass die Eltern schon damals Pläne zur Erweiterung des Geschäfts hatten, und die Tochter zur Leitung betriebswirtschaftliche Kenntnisse haben sollte. Sie wird auch ordentlich Druck von daheim bekommen haben. Dieses Mädchen war eine zeitlang mit eigener Niederlassung eines solchen Geschäfts, wie es die Eltern hatten, im Internet zu finden. Eines ihrer jüngeren Geschwister war mal mit ebensolchem Geschäft im dritten Regionalprogramm. Die Klassenkameradin selber soll heute sehr menschenscheu geworden sein.

Dann ist mir noch ein Fall aus der eigenen Familie bekannt. Eine junge Frau, immer Einserschülerin. Deren Eltern sabotierten das Abitur mit allen Mitteln. Wenn Eltern der altmodischen Ansicht sind, dass die Kinder eine Lehre machen sollen und dann alles andere selber regeln und finanzieren sollen, hat das Kind keine Chance. Es muss leider zugucken, wie selbst leistungsschwächere Kinder an einem vorbeiziehen, teils mit massiver Unterstützung beim Lernen oder durch Geld.
Bei diesem Mädchen war die Schule und das Berufsberatungszentrum hinterher, dass sie Abitur macht. Keine Chance bei den Eltern. Allerdings sind schon 2 Generationen vor ihr Menschen angeblich wegen Studium gescheitert. Ihr Großvater starb jung an schwerer Krankheit, wenige Jahre nach seinem Studienabschluss. Die Tante zog weg und kam nach einer Zeit von Pech und Schwierigkeiten trotz Bemühens nicht mehr aus psychischer Krankheit heraus - also nicht die besten Vorbilder.
Auch da handelt es sich um ein Landmädel.

Das Ding ist also etwas komplexer zu betrachten, und nicht nur unter dem Blickwinkel großstädtischer Segregation.
 

mucel

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Also ich kann dazu folgendes berichten.

Bin Jahrgang 1969. Habe 5 Geschwister. Mein Vater war angelernte Kraft auf dem Bau. Mutter war bis zum Tod des Vaters Hausfrau. Danach dann Putzfrau in privaten Haushalten. Meine Geschwister haben alle Abitur und studiert.

War 6 Jahre auf der Hauptschule, hab den Abschluss nach Klasse 9 quasi „geschenkt“ bekommen. Wäre in dem Jahr eigentlich sitzen geblieben, hab mich dann zum Wechsel auf die Handelsschule entschieden und den „Joker“ haben meine damaligen Lehrer freudenstrahlend gezogen. Die 2 Jahre Handelsschule waren dann das totale Fiasko. Ich denke, die Bezeichnung „Schulversager“ würde mich zutreffend beschreiben.

Mit 20 bin ich dann glücklicherweise an einen sehr engagierten Berufsberater des Arbeitsamtes gekommen. Der hat sich mich dann mal „zur Brust genommen“, anschließend viele Fördergelder in mich und meine Ausbildung gepumpt und Anfang 1993 habe ich dann als damals Kammerbester meine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Mit dem besten bis dahin je erreichten Punkteschnitt.

Hab dann von 1993 bis zur Verrentung 2014 (EMR) stets Jobs gehabt und damit auch sehr gutes Geld verdient.

Ich kann also heute sagen, dass es bei mir über Umwege, bei meinen Geschwistern auf relativ direktem Wege, trotz relativ bescheidener finanzieller Ausstattung des Elternhauses, zu einer letztlich und endlich guten (Schul-) Ausbildung und doch ganz passablen Jobs gekommen ist.

Wie ich ja oben schon geschrieben habe, war ich 6 Jahre, von 1980 bis 1986 auf der Hauptschule. Da war von der Handerwerkerstochter, dem Putzfrauensohn, Sozialhilfempfängern, Lehrerskinder, Arzttochter bis zum Sohn aus reicher (eher steinreicher) Unternehmersfamilie wirklich alles vorhanden.

Nicht gerade wenige meiner ehemaligen Mitschüler und Mitschülerinnen sind heute erfolgreiche selbständige Unternehmer. Ich würde die Quote jetzt mal so auf 15% bis 20% schätzen. Viele haben Papas Handwerksbetrieb übernommen, andere den „ihres Meisters“. 60% bis 70% haben eine Ausbildung gemacht und sich da dann ausgetobt. Also in Summe 80%, würde ich jetzt mal sagen, haben beruflich „ihren Weg“ gemacht. Bei den verbleibenden 20% waren dann halt auch sehr viele dabei, die sich damals gegen eine Ausbildung und für den Job in der Fabrik, von denen es bei uns einige gab, entschieden haben. Da war die Verlockung, für „2.000 Mark“ monatlich einen Job in der Fabrik einer Ausbildung für „400 Mark“ monatlich vorzuziehen offensichtlich zu gross.
 

atasteofbunny

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Ich war ja auf einem Gymnasium, und dort waren schon irgendwie sehr viele Leute, die man eher schon zur Oberschicht rechnen kann. Kinder von Anwälten, Lehrern, Geschäftsleuten. Gerade wenn ich darüber mehr nachdenke, waren die dort reichlich überrepräsentiert. Und das sind halt Leute, die auch keine regulären Arbeitnehmer sind, sozial quasi über denen stehen. Halt Leute, die selbst Unternehmer/Arbeitgeber sind, oder (Solo)selbständig, oder Beamte, die ja auch so gut wie ausgesorgt haben. Oder halt solche Berufe wo man auch so ähnlich wie selbständig ist aber vielleicht nicht ganz so wie ein Unternehmer. Also neben Anwälten z.B. auch Ärzte.
Das schlug sich natürlich auf die dort herrschenden politischen Ansichten und gesellschaftlichen Vorstellungen nieder, und ich war dort schon per se ein Außenseiter aufgrund meiner für dortige Verhältnisse ungewöhnlichen Herkunft.
Kommt mir bekannt vor! Ich komme selbst aus einer Handwerkerfamilie und war auf dem Gymnasium nicht wirklich erwünscht. Meine Mitschüler kamen aus gebildeten Familien und waren zumeist auch sehr cool und selbstsicher. Ich hatte immer das Gefühl, dort niemals mithalten zu können, aber warum eigentlich, das konnte ich mir nicht erklären.
Meine Leistungen waren nicht so toll, obwohl ich echt Vollgas gegeben und mich sehr angestrengt hatte. Das lag zum einen daran, dass ich auf eine andere Art lerne, als es dort erwartet wurde, zum anderen natürlich, weil ich mich dort extrem unwohl fühlte (von zwei Jungen auch heftig gemobbt wurde). In der siebenten Klasse wechselte ich auf eine Realschule, dort kam ich wesentlich besser klar.
 

Harzfünfer

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Während meiner Absenz ist ja in diesen Thread doch noch etwas mehr Bewegung gekommen, danke für die unterschiedlichen Einblicke und Eindrücke.:icon_idee:

Also ich finde eigentlich das dreigliedrige Schulsystem in Ordnung, es ist mir lieber als wenn es nur noch eine Einheitsschule gäbe.

Ich war recht froh, dass ich nach der Grundschule mit diversen stark verhaltensauffälligen, aggressiv-gewalttätigen Mitschülern nichts mehr zu tun haben musste. Diese kamen auf kein Gymnasium. Von meiner damaligen Grundschulklasse kam eigentlich der Großteil auf diverse Gymnasien. Ich wählte eines, dass von nur wenigen Schülern aus meiner Grundschule, aus meinem Umfeld bis dahin, besucht wurde. Ich war in meiner Klasse der einzige von dieser Grundschule, ansonsten gab es von meiner früheren Schule dort nur ein paar Leute in Parallelklassen oder höheren/niedrigeren Klassenstufen.
Also wer von uns damals (vor gut einem Jahrzehnt) nicht aufs Gymnasium kam, das waren nur Leute mit schlechten Noten, von denen eben ein Teil auch noch verhaltensauffällig war in einem negativen Sinne.
Man kann sich vorstellen, dass ich nicht scharf drauf war, da auf eine Realschule/Gesamtschule zu gehen. Ich kenne in der weiteren Umgebung auch nur eine, die einigermaßen ok sein soll. Dann gibt es noch eine Schule, die sowohl Realschule als auch Gymnasium ist, mit gemeinsamer Orientierungsstufe, es ist aber eine reine Mädchenschule.


Kommt mir bekannt vor! Ich komme selbst aus einer Handwerkerfamilie und war auf dem Gymnasium nicht wirklich erwünscht. Meine Mitschüler kamen aus gebildeten Familien und waren zumeist auch sehr cool und selbstsicher. Ich hatte immer das Gefühl, dort niemals mithalten zu können, aber warum eigentlich, das konnte ich mir nicht erklären.

Mein Vater ist ja durchaus gebildet, aber hatte bzw. auch wir als Familie, kein entsprechendes, ich sage mal "standesgemäßes" Einkommen oder Lebensstandard. Er kam ja selbst noch aus eher einfachen Verhältnissen (Arbeiter, Kleinbauern), was u.a. eine der Gründe für seine Arbeitslosigkeit und spätere Erwerbsunfähigkeit gewesen sein konnte. Zumal er ähnlich wie auch sein Bruder, in die damalige Akademikerschwemme fiel.
Also ein Abschluss auf dem Papier bringt einem nicht unbedingt was, wie ich ja auch aktuell selbst sehe.

Es wohnte von meiner Klasse auch kaum jemand nicht im eigenen Haus, manche in Häusern nur als Mieter, nur wenige in Wohnungen, das dann auch eher diejenigen, welche spätestens in der Mittelstufe auf andere Schularten wechselten.

Mit meinem indirekt akademischen Hintergrund, konnte ich vielleicht doch eher so lernen wie dort erwartet wurde. Allerdings wurde es in manchen Fächern ab der neunten, fächerübergreifend ab der zehnten Klasse irgendwie schwerer, wo ich nicht mehr so gut mithalten konnte, auch die Lernweise nicht mehr so verstand. Das kann aber auch mit meiner psychischen Besonderheit zusammenhängen. Was ja überhaupt viele Fallstricke bereithält, wenn diese nicht rechtzeitig erkannt wird und man dementsprechend besondere Förderung erhält, Nachteilsausgleiche bekommt etc. Was auf meiner Schule allerdings ebenfalls nicht so erwünscht war. Ich kannte dort keine behinderten Schüler, also niemandem, von dem ich so etwas wusste. Bei Rollstuhlfahrern z.B. ist das ja offensichtlich, also sowas gab es dort definitiv nicht, die Schule war auch nicht barrierefrei. Von "unsichtbaren" Behinderungen, z.B. psychischer Art, gab es dort nur vereinzelt AD(H)S, was aber nicht so stark ins Gewicht fällt wie andere Dinge- nichtsdestotrotz bereits große Probleme bereitete.

Auf eine Realschule hätte ich aber nicht gewollt, ich denke dort hätte ich noch mehr Probleme gehabt. Ich war ja damals durchaus noch leistungswillig und leistungsbewusst, fast ein Streber im Rahmen meiner Möglichkeiten- für manche Fächer hatte ich aber einfach keine Begabung.
Im Gegensatz zu heute war ich auch noch fähig, eine entsprechende Leistung zu erbringen. Inzwischen könnte ich mich teils fragen, wie ich das noch machen konnte, so fertig wie ich inzwischen bin.
Es stimmt aber, dass auf Realschulen wohl oft Kinder von Handwerkern sind. Das ist aber ein Umfeld, dass mir eher fremd ist. Bei wem das Gegenteil der Fall ist, der kann sich dort sicher besser integrieren, auch wenn er z.B. auf einem Gymnasium nicht so gut zurechtgekommen ist.

An meinem Gymnasium, herrschte halt leider auch ein deutlich wahrnehmbarer Sozialdarwinismus. Eine Lehre zu machen, hatte dort einen ganz schlechten Ruf. Von "Elos" ganz zu schweigen.
Ich weiß nicht, ob das eher nur so ein dummes, pubertäres Gerede war, aber teilweise herrschte dort auch die Auffassung, dass es keine Sozialleistungen mehr geben sollte wie Arbeitslosenunterstützung (ALG II) oder nur für Leute, welche aufgrund von Betriebsschließungen, Massenentlassungen etc. ihren Job verloren hätten.
Kann am Elternhaus liegen, oder u.a. auch an der seit Jahren herrschenden neoliberalen Propaganda sowie einschlägigen TV-Sendungen geschuldet sein, dass solche Meinungen vorhanden sind.
Ich habe kürzlich auch eine Umfrage rund um Hartz IV, von vor drei Jahren gelesen (bzw. die Ergebnisse davon), und da fielen die Meinungen der unter-30-Jährigen, überdurchschnittlich unsozial aus. Das wäre aber noch mal ein anderes Thema, diese Umfrage.

Nicht gerade wenige meiner ehemaligen Mitschüler und Mitschülerinnen sind heute erfolgreiche selbständige Unternehmer. Ich würde die Quote jetzt mal so auf 15% bis 20% schätzen. Viele haben Papas Handwerksbetrieb übernommen, andere den „ihres Meisters“. 60% bis 70% haben eine Ausbildung gemacht und sich da dann ausgetobt. Also in Summe 80%, würde ich jetzt mal sagen, haben beruflich „ihren Weg“ gemacht. Bei den verbleibenden 20% waren dann halt auch sehr viele dabei, die sich damals gegen eine Ausbildung und für den Job in der Fabrik, von denen es bei uns einige gab, entschieden haben. Da war die Verlockung, für „2.000 Mark“ monatlich einen Job in der Fabrik einer Ausbildung für „400 Mark“ monatlich vorzuziehen offensichtlich zu gross.
Das ist aber eine ziemlich hohe Zahl von Selbständigen oder Unternehmern. In der allgemeinen Bevölkerung, haben diese soweit ich weiß, einen deutlich geringeren Anteil.

Auch denke ich, dass es heute bzw. schon seit längerem (so ab 10-20 Jahre Jüngeren wie du) mehr Leute gibt, die richtig abgestürzt sind, keine Perspektive haben, dies auch schon in recht jungem Alter.
Vom Sehen kenne ich in der Nachbarschaft hier mindestens drei Leute die jetzt so um die dreißig sind, und aufgrund von Drogenkonsum einen totalen Absturz hatten, ich glaube zwei sind mittlerweile von Hartz IV in die Grundsicherung abgeschoben worden, bei dem einen weiß ich nicht genau was der macht oder von was der lebt, er lebt auf jeden Fall noch bei seinen Eltern, keine Ahnung ob der nur von denen ausgehalten wird oder was vom Amt bekommt. Es kann auch sein, dass er in der Gaststätte eines Verwandten aushilft oder als Aushilfe pro forma gemeldet ist.
Diese drei sind sicher auch nur eine Minderheit unter ihrer Alterskohorte, aber die haben nie wirklich eine Arbeit gehabt und sind dann auch irgendwo auf dem Abstellgleis gelandet. Sind auch psychisch auffällig, aber bei denen kam es wahrscheinlich erst durch den Drogenmissbrauch.

Dann gibt es halt viele weitere Leute im akademischen Prekariat oder die unter ihrer Qualifikation arbeiten etc. ...

Aber was ist denn konkret mit den von dir genannten 20% aus deiner Altersstufe? Sind die auch alle abgestürzt, sozusagen? Oder nur etwas "abgehängt"?
Oder wie viel Prozent, würdest du sagen, sind richtig abgestürzt?

Ich denke, es gab zumindest in Zeiten des Wirtschaftswunders nicht so viele Leute, die so überhaupt keine Perspektive mehr hatten, es gibt heute viele, die irgendwie abgehängt sind und kaum noch eine realistische Hoffnung haben, z.B. durch beruflichen Aufstieg weiter zu kommen, auf ein höheres Wohlstandsniveau zu kommen. Rentner und Frührentner erst recht nicht.

Ich kann übrigens nicht viel bis gar nichts zum weiteren Verbleib meiner Klassenkameraden sagen im Gegensatz zu vielen anderen hier. Ich habe schlichtweg keinen Kontakt mehr zu ihnen. Manchen bin ich ein paar Jahre später noch mal über den Weg gelaufen in der Stadt, da waren die aber ja auch erst in der Oberstufe. Inzwischen werden die meisten wohl studieren. Ob die nun alle so erfolgreich sein werden, sei mal dahingestellt. Ich denke da wird auch nicht jeder groß rauskommen. Ich persönlich bin aber ziemlich abgeschrieben von der Gesellschaft, womit ich mich aber abfinden muss, teilw. auch schon habe. Bleibt einem ja kaum was anderes übrig.

Ach so, ich kann aber ein bisschen was zu dem Verbleib der Leute aus meiner Grundschule sagen. Ein Mädchen, war auch jahrelang in Praktika, Maßnahmen und was es da so alles gibt, woraus sich aber nie eine Aussicht auf eine normale Ausbildungsstelle oder einen Job ergeben hat. Die mach jetzt auch so eine Ausbildung, die man selbst bezahlen muss, ohne wirklichen Arbeitsmarktbezug. Ob das wirklich die Lösung ist? Für mich war es keine Lösung, da ich damit keine Stelle finden konnte, nicht mal einen weiteren (betrieblichen) Ausbildungsplatz. Bei solchen Sachen kann es gut sein, dass es am Ende rausgeworfenes Geld ist, aus dem einem nicht mal Rentenbeiträge erwachsen sind.

Hier im Forum sind und waren ja auch schon öfters Leute, die bereits in jungem Alter total fertig waren, aufgrund von Krankheiten, damit einhergehender Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit. Zermürbt vom Kampf mit unterstützungsunwilligen Behörden.
Man hat schon den Eindruck, dass heute immer mehr Leute immer früher abgeschrieben sind...
Und um wieder mehr auf die Schule/Ausbildung zu sprechen zu kommen, bei JC und Sozi-Amt interessiert auch niemanden mehr, ob man Abi hat oder nicht.
 
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