Was ist Gerechtigkeit ? (1 Betrachter)

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Y

Yorkfield

Gast
Prof. Dr. Günter Dux (Soziologe)

Was ist Gerechtigkeit ?

Quelle: SWF ² als Podcast
vom 01.05.2010



Wir leben in einer ungemein reichen Gesellschaft.

Mit dem jährlichen Wachstum wächst auch der Reichtum.

Der Reichtum fällt jedoch nicht nur ungleich an,
damit könnte man leben.
Um Gleichheit geht es nicht bei der Gerechtigkeit,
der Reichtum fällt in einer weise an,
daß die Gesellschaft in oben und unten auseinanderdrifftet.


Seit dem Jahre 2000 ist das reale Nettoeinkommen
beim reichsten zehntel um 17 % gestiegen,
beim ärmsten zehntel um 18 % gesunken.

Die Folge ist, in dieser Gesellschaft sind 13 % arm,
haben weniger als 781.- Euro im Monat (alles im allem), das ist die Armutsgrenze.

Weitere 13 % gelten nur deshalb nicht als arm,
weil sie durch Sozialleistungen, Wohngeld, Kindergeld
über die Armutsgrenze kommen,
liegen aber nahe an der Armutsgrenze.

Über dies sind es nahezu 3 Millionen Kinder,
die unter den Bedingungen von Armut aufwachsen.

Es will mir wenig sinnvoll erscheinen diesen Befund dadurch relativieren zu wollen,
daß man sagt: Armut sei ein relatiever Begriff.

Wer, alles in allem, mit 781.- Euro im Monat auskommen muß, ist arm dran.



Es ist dieser Befund, der das ausmacht was wir als Problem der Gerechtigkeit verstehen.

Als Soziologe tut man gut daran, den Begriff der
Gerechtigkeit der Problemlage verbunden zu halten,
wie sie sich mit der Gesellschaft entwickelt hat.

Gerechtigkeit, werden wir sagen, sei das Postulat,
jedem die Möglichkeit zu bieten, Lebensweisen, die in der
Gesellschaft als bedeutsam und sinnvoll gelten, auch für
sich realisieren zu können.

Der Begriff läßt sich unschwer konkretisieren.

Jede Gesellschaft entwickelt Standards, die zum sinvollen
Leben dazugehören, in unsere Gesellschaft ausreichende
Versorgung mit Nahrung, die Nutzung technischer
Errungenschaften wie Staubsauger und Waschmaschine,
ebenso den Zugang zu kulturellen Errungenschaften wie
Fernsehen und Tageszeitungen.

Schließlich gehen dazu kommunikative Möglichkeiten wie
die, mit anderen gesellig zusammensein zu können, oder
die entfernt lebenden Kinder besuchen zu können.



Warum treibt unsere Gesellschaft in OBEN und UNTEN
auseinander, so daß auch tatsächlich 73 % der Bevölkerung
unserer Gesellschaft sie für eine ungerechte Gesellschaft halten.

Die Frage warum nicht ist, was eigentlich sein soll, soziale
Gerechtigkeit, verlangt eine etwas eingehendere
soziologische Erörterung der Marktgesellschaft.

In der Marktgesellschaft ist das ökunomische System das
eigentliche Gesellschaft begründende System.

Durch die Ökonomie sind alle mit allen in der Gesellschaft verbunden.

Alle müssen auch in das Ökonomische System eingebunden
sein, denn im ökonomischen System der Arbeit erwerben
alle, oder doch so gut wie alle, die Mittel um leben zu können:

- Geld -



Wenn man die Bedingungen ins Auge fast um in dieser
gesellschaft leben zu können, nämlich in das System der
Arbeit inkludiert zu sein, ahnt man bereits, daß
das nicht gut gehen kann.

Denn nicht alle stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung,
Kranke nicht, Alte nicht und Kinder auch nicht.

Doch das ist nicht das Hauptproblem der Gesellschaft.

Das besteht darin, daß das ökonomische System in der
Geschichte der Marktgesellschaft der letzten 300 Jahren
kaum einmal in der Lage war, allen die Arbeit suchten, auch
allen zu verschaffen.

Vollbeschäftigung sind Ausnahmezeiten in der Ökonomie.

Über dies aber war das ökonomische System zu keiner Zeit
in der Lage alle zu Bedingungen einzuschließen, die den
Beschäftigten ein gedeihliches Auskommen gesichert hätten.

Zu keiner Zeit haben die Arbeitnehmer für Zeiten der
Krankheit und des Alters durch ihren Lohn hinreichend
Vorsorge treffen können.



Ganz die gleichen Verhältnisse finden wir in der Gegenwart.
Neben dem Problem der Arbeitslosigkeit ist das Problem der
Niedriglohngruppen eines der Hauptprobleme unserer
Gesellschaft.

Das ökonomische System operiert nach einer Logik die
Arbeit organisiert um Gewinn zu machen, Kapital zu
akkumulieren.

Es inkludiert deshalb nur die in das ökonomische System,
deren Inklusion Gewinn verspricht und es inkludiert alle
nur zu Bedingungen die Gewinn versprechen.

Für das Interesse der Subjekte an einer gedeihlichen
Versorgung ist in der Logik des ökonomischen Systems kein Platz.



Milton Friedman, einer der bedeutesten Finanzökonomen
unserer Zeit, hat das mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck
gebracht.

Es gibt, so sagt er, für Unternehmer nur eine Einzige Verantwortung.

Sie besagt, die verfügbaren Mittel möglichst gewinnbringend einzusetzen.

Und es gibt, so hat er hinzugefügt, wenig
Entwicklungstendenzen die so gründlich das Fundament
unserer freihen Gesellschaft untergraben können, wie
die Annahme einer andere soziale Verantwortung durch
Unternehmer als die, für die Aktionäre.

Friedman gibt damit exakt wieder, was ich hier als Logik der
Operativität des ökonomischen Systems bezeichne.

Es ist die Maxime des Interesses am Gewinn, ganz
unabhängig vom Wohlergehen der Menschen die
bestimmt , wer rein kommt ins ökonomische System,
und zu welchen Bedingungen jemand reinkommt.

Das ist nicht nur so, das kann nicht anders sein, wenn man
das System der Marktwirtschaft nimmt wie es ist.

Doch was folgt daraus ?



Soziologisch kann alles nicht fraglich sein.
Zwischen den Interessen die im ökonomischen System
verfolgt werden, und den Interessen der Subjekte in der
gesellschaft besteht eine Diskrepanz.


Beide kommen nicht zur Deckung !


Die Last der Diskrepanz tragen die, die nicht in das
ökonomische System der Arbeit integriert werden oder nur
zu Bedingungen, die ihnen kein Leben zu führen
ermöglichen, wie es den Sinnvorgaben der Gesellschaft
entspricht.

So unausweichlich diese Feststellung ist, so unausweichlich
ist dann allerdings auch die Weiterung die daraus folgt.

Wir sind mit dem ökonomischen System der
Marktgesellschaft in einer Organisationsfalle der Gesellschaft geraten.

In dieser gesellschaft müssen alle in das ökonomische
System integriert werden um leben zu können, aber alle zu
integrieren sieht sich das ökonomische System nicht in der
Lage, und schon garnicht alle zu zureichenden Bedingungen.

Das also ist der Grund der nicht sein läßt was eigentlich sein soll, Gerechtigkeit.

Wenn man die Verhältnisse nimmt wie sie sind, erhebt sich
die Frage ob wir in der besten aller Gesellschaften leben.

Die Vorzüge dieser Gesellschaft sind bekannt.
Das ökonomische System hat eine Versorgung mit Gütern
und einen Reichtum der Gesellschaft bewirkt, die kein
anderes System zu bewirken vermag.

Das ist die Sonnenseite des Systems.



Damit einher geht die Schattenseite.
Die entschiedene Ungerechtigkeit gegenüber jenen
Menschen, die keine Bedingungen finden um ein Leben zu
führen, das den Sinnvorgaben der Gesellschaft gerecht würde.

Es ist ja keine Frage, daß jeder die Verantwortung für sein eigenes Leben hat.

Er muß dafür jedoch günstige Bedingungen in der Gesellschaft finden.
Das ökonomische System bietet die aber nicht allen, und
schon garnicht zu Bedingungen eines sinnvollen zu
führenden Lebens.

Das ist das Problem.



Wenn wir danach auch die Frage, ob wir in der besten aller
möglichen Gesellschaften leben auf die Seite setzen
können, nicht auf die Seite setzen könne wir das tägliche
Credo der Politik, es bei den gesellschaftlichen
Verhältnissen belassen zu sollen, wie sie von der Ökonomie
geschaffen werden.

Denn die Lösung des Problems, so sagt man, sei überhaupt
nur vom ökonomischen System zu erwarten.



Mit nichten.

Das ökonomische System ist doch gerade das Problem !

Durch es ensteht doch alles erst, was uns als Problem der Gerechtigkeit bedrängt.

Und es ist nichts in Sicht, aber auch garnichts das die
gesellschaftlichen Verhältnisse, wenn man sie sich selbst
überläßt, ändern könnte.

Es wäre leichter mit den neoliberalen Credo es bei den
gesellschaftlichen Verhältnissen belassen zu sollen, wie sie
vom Ökonomischen System bewirkt werden, kritisch
umzugehen, würde der Glaube an die Ökonomie nicht durch
die Wissenschaft der Ökonomie gestützt.

Er findet in den Wirtschaftsredaktionen der Medien und in
den von der Wirtschaft organisierten Think Tanks seine
tägliche Verbreitung.



Als Soziologe weiß man was man weiß.
Und man weiß, das die Logik des ökonomischen Systems
eine von Interessen bestimmte Logik ist, die mit den
Interessen von Millionen Menschen in der Gesellschaft nicht
zur Deckung kommt.

Man kann sich als Soziologe deshalb die Frage der sozialen
Gerechtigkeit nicht ausreden lassen.

Statt dessen sieht man sich vor die Aufgabe gestellt, die
Bedingungen zu eruieren, unter denen sie sich verwirklichen
ließe, wenn denn die politischen Bedingungen geschaffen würden.



Die Frage läßt sich präzisieren.

Wie, das ist die Frage, muß ein Sozialstaat aussehen,
der nicht das bloße Überleben sondern Gerechtigkeit zur
Zielvorgabe hat, und wie läßt er sich realisieren.



Halten wir zunächst eines fest.

Wir sind an das ökonomische System gebunden.
Es hat weltweit verhältnisse geschaffen, die sich nicht rückgängig machen lassen.

Niemand wüßte überdies zu sagen, wie wir anders als über
den Austausch der Waren auf dem Markt eine so große
Weltbevölkerung ernähren sollten.

Im 19. Jahrhundert lag es nahe zu meinen,
daß ökonomische System des Kapitalismus überhaupt bschaffen zu können.

Diese Annahme ist nicht nur wegen des Gewaltsystems
des Kommunismus, das aus ihr hervorgeganden ist,
hinfällig geworden.



Wir brauchen das ökonomische System des Marktes.

Wir brauchen aber zugleich ein korrektives System,
das die systemischen Defizite des ökonomischen Systems auffängt.

Der Sozialstaat hatte diese Zielvorgabe.

Er ist nicht, wie man gemeint hat, aus der Amrenführsorge
des Staates hervorgegangen, seine Wurzeln liegen in dem
Kampf des Proletariats im 19. Jahrhundert, sich einen
Anteil am Sozialprodukt zu sichern, der ihm ein Leben zu
führen erlauben sollte, daß den Sinnvorgaben der
Gesellschaft gerecht zu werden vermochte.



Bildung und Arbeit waren seit der französischen Revolution dessen Forderungen.

Der Sozialstaat ist mit dieser Zielvorgabe gleich zweimal gescheitert.

Einmal in der Weimarer Republik mit Katastrophalen Folgen,
ein zweites mal in der Bundesrepublik als ausgerechnet eine
Regierung der Sozialdemokratie das Postulat der sozialen Gerechtigkeit
als Maxime des Sozialstaats preisgegeben und statt dessen
die Sicherung des Existenzminimums für ausreichend erklärt hat.

Es machte keinen Sinn, wollte man den alten Sozialstaat
wiederbeleben.
Er hatte Defizite, er belastete die Ökonomie in dem er die
Arbeit verteuerte und er diskreditierte durch die bloße
Alimentierung die, die auf dem Sozialstaat angewiesen sind.

Überdies entfaltet das Ökonomische System unter der
Globalisierung eine Autonomie durch die es sich der
Steuerung durch die nationale und auch transnationale
Europäische Politik entzieht.



In der Tat, wir müssen umdenken.

Aber umdenken kann nicht heißen, die Menschen die
an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, einfach
Abzuhängen.

Umdenken muß heißen, darüber nachzudenken, was
politisch geschehen muß, und selbst wenn auch, was
geschehen kann.

In so fern, nun habe ich an einer anderen Stelle
eine Strategie vorgeschlagen, die auf ein anderes
Modell des Sozialstaats zielt, als sie die Vergangenheit
kannte.

Es muß, so meine Überlegung, ein System der Grundsicherung
geschaffen werden, durch das jeder, dessen Einkommen
unterhalb eines Sockelbetrags liegt, sagen wir, von 850.-
Euro, diesen Betrag als Grundsicherung vom Staat
garantiert bekommt.

Das ist die eine Hälfte des Systems der Grundsicherung.

Die andere besteht darin, daß jeder auch die Möglichkeit
erhält, durch eine Teilzeitarbeit oder einer Arbeit in einer
Niedriglohngruppe ein Gesamteinkommen zu erzielen,
daß in etwa dem mittleren Nettoeinkommen entspricht,
daß heute erreicht wird, das sind derzeit 1.300.- Euro.

Nicht gerade viel.



Ein solches Modell zieht naturgemäß viele Fragen nach sich.
Man muß jedoch zunächst einmal einräumen, daß durch ein
Sicherungsssytem, in dem Einkommensgarantie und Arbeit
gekoppelt sind, überhaupt so etwas wie Gerechtigkeit als
politische Strategie in die Gesellschaft einzöge

Und Gerechtigkeit ist nicht irgendein Postulat,
sondern eines das darauf zielt lebbare, und das
heißt menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen.

Der gravierendste Einwand ist allemal, ein solches System
lasse sich nicht finanzieren.
Doch, es läßt sich finanzieren. Oben fällt ein ungemeiner
Reichtum an.

Man muß allerdings umdenken und die gesellschaftlichen
Verhältnisse wirklich unter dem Imperataiv der
Gerechtigkeit Gestalten wollen.

Dabei muß man auf die Autonomie des ökonomischen
Systems Bedacht nehmen.
Auf die Einkommen der Unternehmen kann man nur
in engen Grenzen zugreifen, anders läuft man Gefahr
das ökonomische System zu irritieren.



Dort aber, wo die Einkünfte in die Vefügbarkeit des
Privatvermögens treten, muß von der oberen Mitte an
eine ungleich stärkere Belastung erfolgen, und die muß
genutzt werden um die Grundsicherung für die Menschen
unten zu finanzieren.

Es gibt, sagt der dritte Armuts- und Reichtumsbericht,
6,8 Millionen Reiche in der Bundesrepublik, dabei soll als
reich gelten, wer ein Nettomonatseinkommen von 3418.-
Euro hat und mehr.

Wieviel wirklich in der oberen Mittelschicht und in der
Oberschicht verdient wird, sagt der Bericht nicht, es ist
aber sehr viel wenn man das Einkommen aus Kapital
hinzunimmt.

Gewiss, so wie sich Unternehmen der Besteuerung
zu entziehen vermögen, so entseht auch bei der in
Anspruchnahme privater Einkünfte die Gefahr, daß
sich Reiche ins Ausland absetzen.

Es lassen sich jedoch nicht zuletzt durch eine
europäische konzertierte Politik ungleich wirksamere
Maßnahmen treffen, das, was im Inland verdient wird,
auch im Inland versteuert wird, als es bislang der Fall ist.



Woher sollen die Arbeitsplätze kommen ?

Ein Teil wird sich dadurch gewinnen lassen, daß Menschen
mit Ganztagsbeschäftigungen im unteren
Einkommensbereich zu Halbtagsarbeiten wechseln werden.

Frauen insbesondere, die Familie und Beruf miteinander
Vereinbaren wollen.

Im ökonomsichen System werden sich ebenfals unter
Bedingungen einer Entlohnung im 600.- Euro Bereich
Jobs bieten.

Schließlich aber wird man das System durch entschiedene
Berufsbildungsmaßnahmen flankieren, und auch im
öffentlichen System für sie Plätze schaffen müssen.

Einen Einwand allerdingsm muß man aufgeben.
Bei einer Grundsicherung würden sich die Menschen
einen guten Tag machen und die Arbeit den anderen
überlassen.

Mit dem Sockelbetrag der Grundsicherung kann man
nicht gut leben.
Es wird einige geben, die sich daran genügen lassen,
daß ist in garkeiner weise das gesellschaftliche Problem.



Empirisch ist erwiesen, die allermeisten Menschen die
unten sind, wollen arbeiten um in bessere Verhältnisse
zu kommen.

Es ist der Vorzug des hier anvisierten Systems der
Grundsicherung, gedeiliche Verhältnisse erst durch
Arbeit entstehen zu lassen.

Menschen sind ihrer antropologischen Verfassung
nach darauf angewiesen, ein Leben über Sinn zu führen.
Was aber in einer Gesellschaft als sinnvoll gilt, wird von
den Möglichkeiten bestimmt, die von dem Entwicklungsstand
der Gesellschaft eröffnet werden.

Jeder muß an diesen Möglichkeiten teilhaben können, wenn
er der antropologischen Verfassung seiner Lebensform
gerecht werden will.



Wir haben in der Neuzeit ein Bewußtsein davon gewonnen,
unter selbt geschaffenen Bedingungen zu leben.

Wir haben damit auch die Verantwortunf für die Lebensform
des Menschen in der Moderne gewonnen.

Sich nicht der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet wissen
zu wollen, will mir deshalb wie ein Sakrileg gegen die
menschliche Lebensform erscheinen.

Den Menschen in der Gesellschaft ist das sehr wohl bewußt.
Manch einer wird sich der Meinung von Sokrates zu Eigen
machen wollen, ich fürchte so hat Platon ihn sagen lassen,
es möchte doch frevelhaft sein, zugegen zu sein,
wo die Gerechtigkeit geschmäht wird.
 
E

ExitUser

Gast
moin,
ich habe während meiner (kurzen) Elo-Abstinenz lange nach Informationen zu bestimmten Themen gesucht und diese, etwas älteren, Gedankengänge, zum BGE
gefunden. Der Verfasser ist zwar (vermutlich) kein Soziologe, aber die äußerst scharfsinnige pro/kontra-Analyse ist imho bemerkenswert.
Sehr ausführlich und entsprechend lang, aber man sollte sich die Zeit nehmen,mM.
Habe es mir mal abgespeichert und hoffe, dass der Verfasser zwischenzeitlich seine Meinung schlimmstenfalls nur geringfügig geändert hat und mich nicht gleich steinigt (vielleicht liest er hier ja mit und greift ggfs. korrigierend ein :icon_pfeiff:)

lG
E.
************************************************
Auseinandersetzung mit den Argumenten der KritikerInnen des BGE in der LINKEN.
Erstmalig, nach unzähligen Exkursen in Philosophie, Psychologie aber auch Betrachtungen der Arbeitswelt werden mit einem BGE Menschen nicht mehr nach der Summe ihrer physischen und geistigen Fähigkeiten und deren Verwertung für die Gesellschaft honoriert, sondern sie werden aufgrund ihrer bloßen Existenz, ihres Menschseins, akzeptiert und mit dem Lebensnotwendigen versorgt.
Inwieweit der einzelne Mensch sich an dieser Gesellschaft beteiligt, ist ihm freigestellt und liegt an der Attraktivität der Gesellschaft. Dieses uralte und grundlegende Prinzip des Erfolges der Attraktivität konnten wir zuletzt bei dem Zusammenbruch des scheinbaren Sozialismus beobachten.
Das dabei nur der Teufel gegen Beelzebub getauscht wurde, haben mittlerweile viele der Menschen gesehen und eingesehen.
Eine tatsächlich freie und sozialistische Gesellschaft wird aber die gleiche Attraktivität ausüben, und, im Idealfall ohne Risiken und Nebenwirkungen, Menschen die Möglichkeit bieten sich frei und ihrer selbst bewusst daran zu beteiligen.
Eine Fokussierung auf die Arbeitswelt, oder wie Kollege Ernst das ausdrückte, die Wertschöpfung, mithin reine Erwerbsarbeit, die „etwas bringt", konterkariert aber den umfassenden Gedanken einer sozialen und sozialistischen Welt, indem sie alle lebenserhaltende, Leben schaffende und gesellschaftlich wertvolle Arbeit ausblendet.
Eine solche Welt wäre aber nur eine Karikatur der jetzigen.

Bezeichnenderweise werden die Minimalkorrekturen, seit Jahrzehnten 1 Schritt vor und 2 zurück, zumeist von den Menschen angestrebt, die sich in dieser Welt, auch ohne Wertschöpfung durch eigene Arbeit, trefflich eingerichtet haben.
Es bedarf aber nicht (nur) einer Veränderung der Eigentumsfrage, eine Rüstungsfabrik bleibt auch in „Arbeiterhand" eine Rüstungsfabrik, mithin also grundsätzlich lebensfeindlich, sondern eines grundsätzlich anderen Denkens und Fühlens, anderer Betrachtungen und Wertigkeiten.
Obgleich das BGE nur ein kleiner Schritt in die diese Richtung ist, geht es dabei bedeutend weiter als die „Eigentumsfrage", Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung, letztere ohnehin nur Teilmengen des BGE, es bricht starres Denken auf, statt realitätsleugnende Formeln zu propagieren.
Zu den Argumentationen von Klaus Ernst, Nele Hirsch u.a.:
Argument 1 für ein BGE: Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen muss niemand mehr in entwürdigender Art und Weise um soziale Unterstützung betteln und der Verwaltungsapparat würde reduziert, denn das Grundeinkommen steht allen ohne Prüfung oder Vorleistungen zu.

Gegenargument: „...und ein wesentlich einfacheres Antragsverfahren her, in dem Diskriminierung und die Schnüffelei der Ämter keinen Platz haben..."

Widerlegung: Das ist eine gutgläubige Betrachtung von „Ämtern", die völlig an der Realität vorbei geht. So übel die Attacken von Clement „Sozialschmarotzer" und Konsorten waren, sie spiegeln nur eine gesellschaftliche Realität in Form einer weit verbreiteten Meinung wieder, die in Ämtern seit je her ihren Widerhall findet.

Gegenargument: „...umfassende Unterstützungsleistungen für Bedürftige...indem Weiterbildungsmaßnahmen vermittelt, Schuldnerberatung angeboten oder Therapiemöglichkeiten aufgezeigt werden."

Widerlegung: Das allerdings ist so übel, dass hierauf nur das berühmte Liebermannzitat passt, „ick kann ja nich so viel fressen wie ick kotzen möchte".
Hier wird das Problem Arbeitslosigkeit, ihr erinnert euch, dass ist der Auslöser! durch die Hintertür als individuelle Disposition dargestellt, indem der Anspruch erhoben wird „Bedürftige" durch Weiterbildung, Schuldnerberatung und Therapie zu „unterstützen".

Gegenargument:„...und jede Kleinigkeit umständlich beantragen müssen."

Widerlegung: Das ist falsch, der wesentliche Unterschied, in „ordnungspolitischer Hinsicht" zwischen der alten Sozialhilfe und Hartz4 liegt darin, dass in den Regelsätzen von Hartz4 angeblich alles enthalten ist, mithin keine zusätzlichen Anträge gestellt werden müssen und können.

Gegenargument: „...Notwendig ist daher nicht die Abschaffung der Verwaltung, sondern ihre Umgestaltung."

Widerlegung: Falsch s.v. Mit Hartz4 wurde unter anderem eine „Umgestaltung" der Ämter mit dem Anspruch und in der Form vorgenommen, dass Gesetzgebung und Verwaltung vereinfacht und gestrafft werden sollten.
Die Realität - aus 2 Gesetzen wurden 3, aus 2 Ämtern ebenso 3.

Argument 2 für ein BGE: Das bedingungslose Grundeinkommen löst endlich die alles beherrschende Fixierung auf Erwerbsarbeit auf, weil es von der Erwerbsarbeit entkoppelt ist.

Gegenargument: „...Die Entkopplung von Einkommen und Arbeit als zentrale Idee des bedingungslosen Grundeinkommens wirkt diesem Ziel entgegen, weil sie auf Individualisierung setzt und damit die Entwicklung kollektiver Perspektiven einer gesellschaftlich sinnvollen und somit nicht-ausbeuterischen Arbeit versperrt."

Widerlegung: Kollektive Perspektiven können nur entstehen und verwirklicht werden, wenn die Individuation so weit ist, dass sie sich dem Sozialen zuwenden kann und will. Alles andere führt zu den untauglichen Formen des Kader- und Avantgardedenkens mit den gehabten Repressionen der anderen Art, keine taugliche und angenehme Perspektive.
Eine Individualisierung in der Form wie die KritikerInnen das meinen hat aber bedauerlicherweise längst stattgefunden, indem Arbeitsplatzbesitzer diese und die damit verbundenen, zum Teil erheblichen Überstunden hartnäckig gegen Erwerbslose verteidigen.

Argument 3 für ein BGE: Das bedingungslose Grundeinkommen ist die richtige und erforderliche Antwort auf das Problem der Massenarbeitslosigkeit, denn wenn die Arbeit ausgeht, macht es keinen Sinn krampfhaft zu versuchen, Menschen in Beschäftigung zu bringen.

Gegenargument:„...Die Massenarbeitslosigkeit ist darauf zurückzuführen, dass die vorhandene Arbeit in unserem kapitalistischen System unsinnig verteilt ist und unzureichend bzw. teilweise gar nicht entlohnt wird."

Widerlegung: Das ist die klassische Verwechslung von Ursache und Wirkung, nicht unzureichende Entlohnung führt zu Massenarbeitslosigkeit sondern umgekehrt.

Gegenargument:„...Eine gleiche Verteilung von beruflichen Möglichkeiten und Einkommen lässt sich mit einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht erreichen. Sinnvoll ist es, die Arbeit durch massive Arbeitszeitverkürzungen auf mehr Schultern zu verteilen und damit allen sowohl Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen als auch zunehmend frei verfügbare Zeit zu geben."

Widerlegung: Eine „gleiche" Verteilung lässt sich nie erreichen und ist auch kaum sinnvoll, denn bei aller rechtlicher Gleichheit, von der wir weit entfernt sind, sind Menschen nun einmal sehr individuell. Wo allerdings das BGE mit Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung einer annähernden Gleichheit entgegensteht, wird wohl das Geheimnis der Kritiker bleiben.

Argument 4 für ein BGE: Das bedingungslose Grundeinkommen stärkt die Position der lohnabhängig Beschäftigten, weil niemand mehr gezwungen ist, schlechte Arbeit anzunehmen.

Gegenargument „...Das Grundeinkommen stärkt nicht die Position der lohnabhängig Beschäftigten, sondern die Position der ArbeitgeberInnen. Sie werden bei jeder Gelegenheit auf die soziale Absicherung durch das Grundeinkommen verweisen und mit dieser Begründung Schutzrechte wie beispielsweise den Kündigungsschutz aushebeln und Löhne nach unten
drücken. Das bedingungslose Grundeinkommen würde die neoliberale Umstrukturierung des Arbeitsmarktes somit vorantreiben."


Widerlegung: Eine sehr kühne These die zudem die Realität völlig ausblendet. Ein selbstbewusster Arbeitnehmer, dessen grundsätzlicher Lebensunterhalt gesichert ist, lässt sich mehr unter Druck setzen als derzeit manche Gewerkschaft? Wohl kaum, zumal wenn er noch eine Rückenstärkung neu denkender Gewerkschaften hinsichtlich Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung erhält.

Gegenargument: Arbeit hätte zudem flächendeckend nur noch eine Art Kombilohnfunktion, in der die öffentliche Unterstützungsleistung durch Lohn oder Gehalt lediglich aufgestockt würde. Die Verantwortung der ArbeitgeberInnen, durch Umverteilung des Profits für existenzsichernde Löhne zu sorgen, wäre damit weitgehend auf den Staat übertragen.

Widerlegung: Die Umverteilung des Profits geschieht ja gerade durch das BGE in Kombination mit Mindestlohn, nicht vergessen!
Eine aufoktroyierte Verantwortung ist ein Gräuel, dass niemand braucht abgesehen von denen die angeblich Verantwortung tragen.
Das BGE ist auch keine öffentliche „Unterstützungsleistung", die KritikerInnen können sich von dieser lieb gewordenen Vorstellung wohl nur schwer lösen, sondern das selbstverständliche Recht auf ein gesichertes Dasein in einer Welt, die nun einmal das Selbstversorgungsprinzip kaum noch kennt respektive umsetzen kann.

Gegenargument: „..Das bedingungslose Grundeinkommen erhebt lediglich den Anspruch, diese Menschen dauerhaft zu finanzieren - ohne aber ihre Situation grundsätzlich zu verbessern."

Widerlegung: Das kann wohl nur jemand schreiben, der von der grundsätzlichen Situation der Menschen in prekären Verhältnissen so gut wie keine Ahnung hat. Verbessert würden,

1. die Teilhabe an der Gesellschaft
2. Abschaffung der Repressionen
3. Anerkennung selbst gewählter Arbeit
4. die Aufhebung von Abhängigkeiten
5. Freisetzung von Kreativität,
eine ganze Menge grundsätzlicher Verbesserungen wie ich meine.

Gegenargument: „...Wir dürfen dabei aber nicht das Ziel einer Gesellschaft aus den Augen verlieren, die allen Menschen gute Arbeit ermöglicht."

Widerlegung: Die Möglichkeit einer guten und selbst! gewählten Arbeit ist das Ziel des BGE.

Argument 5 für ein BGE: Das bedingungslose Grundeinkommen stoppt destruktive Arbeit, denn die Menschen werden sich ihr verweigern und sich stattdessen um gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeiten bemühen.


Gegenargument: „...Das wird so leider nicht funktionieren."

Widerlegung: Ein absolut schlagendes „Argument". Zumindest das „leider" lässt aber hoffen, dass die KritikerInnen nicht völlig davon überzeugt sind, dass die Menschheit mit Einführung des BGE nicht kollektiv, obgleich das die Lösung wäre, pfeifend durch den Regenwald spaziert und alles andere, wie Ökologie, Verstaatlichung, etc. vergessen würde.

Argument 6 für ein BGE: Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen hat jeder die Möglichkeit, sich frei und selbstbestimmt zu entfalten, denn der Rechtsanspruch auf einen monatlichen Pauschalbetrag bietet die dafür erforderlichen finanziellen und zeitlichen Freiräume sowie die notwendige Sicherheit.

Gegenargument: „Grundeinkommen ist nichts als eine sozial-romantische Schwärmerei...schillernde Seifenblase, die zwar kurzzeitig fasziniert, aber bei genauerer Betrachtung schnell zerplatzt...Jeder Mensch hat ein Recht auf freie Berufswahl und muss die Möglichkeit erhalten, seinen Interessen und Neigungen entsprechend im Arbeitsleben wirken zu können."

Widerlegung: Das nenne ich eine stumpfgraue Seifenblase, die bedauerlicherweise seit Jahrzehnten nicht zerplatzt ist, ein Muster ohne Wert.

Gegenargument: „Von dieser Verantwortung kann und darf sich die Politik nicht freikaufen, auch nicht mit einem bedingungslosen Grundeinkommen."

Widerlegung: Noch einmal zur Verantwortung seitens Politik oder Arbeitgeber. Einerseits bedarf ein freier Mensch nicht der Verantwortung eines anderen über sich, andererseits beinhaltet Verantwortung nach meinem Verständnis auch Konsequenzen bei und für Fehlentscheidungen. Letzteres ist nicht gegeben, Verantwortung in diesem Sinne also lediglich Gängelei die Menschen so nötig brauchen wie einen Kropf.

Gegenargument: „Das Grundeinkommen zementiert gesellschaftliche Ausgrenzung, anstatt allen das Recht auf eine selbstbestimmte Teilhabe in der Gesellschaft zu bieten."

Widerlegung: Wiederum eine sehr kühne These, Selbstbestimmung durch Fremdbestimmung seitens Politik, Arbeitgeber, Gewerkschaften und Ämter, willkommen in der Realität, liebe KritikerInnen.

Argument 7 für ein BGE: Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine
"Demokratiepauschale", denn politisches Engagement und gesellschaftliche Teilhabe sind ohne eine entsprechende finanzielle Unterstützung nicht zu realisieren.


Gegenargument: „...Anstatt mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen jeden seinem eigenen Schicksal zu überlassen, muss gemeinsam die Frage nach der Herrschaft über die Produktionsmittel gestellt werden...Das bedingungslose Grundeinkommen ist auf diesem Auge nicht nur blind, es suggeriert auch, dass demokratische Ansprüche allein mit einer finanziellen Demokratiepauschale abgegolten werden könnten. Die lohnabhängig Beschäftigten blieben auch mit dem Grundeinkommen ausgebeutete Wesen. Eine individuelle Befreiung aus den bestehenden gesellschaftlichen Zwängen durch den schlichten Ausstieg aus der Arbeitswelt ist nicht möglich..."

Widerlegung: Ja was denn nun, eigenes Schicksal, lohnabhängig beschäftigt, ausgebeutetes Wesen, individuelle Befreiung oder schlichter Ausstieg?
Die KritikerInnen haben wohl ein massives Problem damit, dass ein finanziell abgesichertes, sozial denkendes und handelndes Individuum ihre Gedanken bezüglich einer nach dem BGE noch weiter zu verändernden Welt teilen könnte.
Die alten Kadergedanken feiern hier also fröhliche Wiederkehr und aus diesem grundsätzlichen Misstrauen und der massiven Diskrepanz zwischen Eigenbild und Fremdbildern soll eine neue Welt entstehen?

Argument 8 für ein BGE: Das bedingungslose Grundeinkommen verringert die
Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern, weil sie von diesen nicht mehr finanziell abhängig sind, sondern über ein eigenes Einkommen verfügen.


Gegenargument: „...Das bedingungslose Grundeinkommen ist alles andere als ein
Patentrezept zum Abbau geschlechtsspezifischer Ungleichheit."


Widerlegung: Diesen fehlgeleiteten Anspruch soll es auch nicht haben, da es geschlechterübergreifend für alle Menschen gilt.

Gegenargument: „...Eine bisher von ihrem Partner finanziell abhängige Frau hätte zwar endlich ihr eigenes Minimaleinkommen. "
Widerlegung: Das wäre doch schon mal etwas, oder? Vor allem wenn man das minimal streicht und stattdessen „soziokulturell genügendes" einsetzt.

Gegenargument: „...Das Grundeinkommen könnte aber leicht als eine Art Herdprämie wirken, die lediglich höher ausfällt als die jetzt von Stoiber & Co. geforderte, und geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen damit sogar noch verstärken."

Widerlegung: Man könnte mit einem Zahnstocher jemandem auch eine böse Wunde zufügen.

Gegenargument: „...Neue Möglichkeiten für Frauen, gleichberechtigt am Erwerbsleben teilzunehmen, werden durch das Grundeinkommen nicht geschaffen. Wirtschaftswissenschaftliche Szenarien gehen davon aus, dass das bedingungslose Grundeinkommen außerdem viele allein lebende Frauen aus dem Erwerbsleben drängen würde, die heute teilzeiterwerbstätig sind. Das kann nicht unsere Perspektive sein. Wir müssen stattdessen für Bedingungen eintreten, unter denen Kinderbetreuung und zufriedenstellende berufliche Tätigkeit kein Widerspruch mehr sind.
Die Linke muss sich der Herausforderung stellen, die Gleichberechtigung von Frauen im Erwerbsleben zu erkämpfen. Dafür müssen tradierte Stereotype und patriarchale Unterdrückungsmuster überwunden werden. Hierzu gehört die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit genauso wie eine gezielte Förderung des Berufseinstiegs von Frauen nach einer Familienphase, der Ausbau öffentlicher Infrastruktur für Kinderbetreuung und Frauenquoten, um
eine gleichberechtigte Repräsentanz von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu erreichen. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen wird solchen Forderungen der Boden entzogen."


Widerlegung: Und wieder die Fokussierung auf ein kapitalistisches Denkmodell, in dem soziale und echte Werte schöpfende Arbeit einfach ausgeblendet werden.
Den KritikerInnen fällt augenscheinlich nicht auf, wie gefangen sie in diesem Modell sind.
Kinderbetreuung, fast wäre ich hier versucht von Kinderarbeit, natürlich nicht von sondern an, zu sprechen, ist also keine zufrieden stellende (berufliche) Tätigkeit. Ähnliches gilt dann vermutlich auch für pflegende und sonstige soziale Berufe. Hunderttausende Frauen und Männer, die Familien- und Sorgearbeit verrichten, danken herzlich für diese gering schätzende Betrachtung aus der „Welt der Arbeit".
Die Frau am Fließband und in der Chefetage (z.B. der Rüstungsindustrie), nicht zu vergessen in der Politik, dass sind die wahren und gleichberechtigten Frauen, die Selbstverständlichkeit gleichen Lohnes, steht dank fleißiger Funktionäre in zig Gesetzen und Vereinbarungen, vorausgesetzt.

Argument 9 für ein BGE: Das bedingungslose Grundeinkommen sichert allen ein
„Recht auf Faulheit", denn alle erhalten ohne irgendwelche Bedingungen einen monatlichen Pauschalbetrag, der zum Leben ausreicht.


Gegenargument: „...Der Wunsch nach einem „Recht auf Faulheit" entspringt den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Auf die unwürdigen ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse wird mit der Forderung reagiert, sich diesen konsequent zu entziehen, aber nicht mit dem Anspruch, die
Arbeitswelt selbst demokratisch umzugestalten. Auf diese Weise ändert sich allerdings nichts an den bestehenden Erwerbs- und Produktionsverhältnissen. Deshalb hat die Forderung nach einem Recht auf Faulheit mit einem sozialistischen Anspruch wenig zu tun.


Widerlegung: Von einem Wunsch nach einem „Recht auf Faulheit" ist nirgendwo die Rede, sehr wohl aber von dem Recht auf unwürdige Arbeitsbedingungen mit „Entzug" zu reagieren, bis diese sich ändern. Der untaugliche Versuch diese „demokratisch" umzuformen ist doch längst gescheitert, oder sollten die KritikerInnen die angeblichen Mitbestimmungen vergessen haben?

Gegenargument: „...Unter den UnterstützerInnen des Grundeinkommens wird nicht mehr darüber diskutiert, wie die Erwerbsarbeit der Zukunft aussehen kann, und es fehlt die Perspektive, gemeinsam für eine andere Arbeitsorganisation zu kämpfen. Die Arbeitsbedingungen des Einzelnen sind dann am besten, wenn alle gleichberechtigt am Arbeitsleben teilnehmen. Und alle Menschen können dann die meiste Freizeit haben, wenn die Arbeit gleichmäßig auf alle Schultern verteilt ist."

Widerlegung: Und wieder die Erwerbsarbeit und der verlorene Kampf um Arbeitsbedingungen mit dem ebenso frommen wie fernen Wunsch alles auf alle zu verteilen. Das ist Schnee von gestern in einem noch härteren Winter.
Das BGE geht, zu Recht, den anderen Weg, die Anerkennung und damit Stärkung des Individuums im sozialen Kontext, denn der Mensch ist ein soziales Individuum, zugegebenerweise manchmal etwas fehlorientiert.

Argument 10 für ein BGE: Das bedingungslose Grundeinkommen wirkt als trojanisches Pferd im Kapitalismus, denn wenn sich alle der herrschenden Ausbeutung entziehen, stürzt das System zwangsläufig zusammen.

Gegenargument: „...Angenommen die utopische Vorstellung funktioniert, das bedingungslose Grundeinkommen wird eingeführt und niemand geht mehr arbeiten. Wäre dies ein erster Schritt, um den Kapitalismus zu stürzen und zum Sozialismus zu kommen? Sicher nicht! Zu erwarten wäre vielmehr, dass die zum Leben erforderlichen Waren und Dienstleistungen nicht mehr zur Verfügung stehen und somit ein Überlebenskampf ausbricht, in dem jeder gegen jeden agiert. Die Menschen wären vollauf damit beschäftigt, ihr individuelles Überleben zu sichern. Kollektive Perspektiven könnten sich in dieser Lage schlechter entwickeln denn je. Die Bedingungen für den Aufbau einer neuen Gesellschaft wären in dieser Situation nicht besser, sondern schlechter. Der Zusammenbruch der Gesellschaft ist deshalb noch lange nicht das Ende des Kapitalismus."

Widerlegung: Sehr nett, die klassische Strohmannsophistik, man nehme „...und niemand geht mehr arbeiten.." als Popanz und beweise anhand einer nie geäußerten These die Widersinnigkeit derselben. Bedauerlicherweise geht dieser Schuss aber nach hinten los, denn auf die Frage ob sie selbst nach Einführung des BGE noch arbeiten würden, käme mit Sicherheit die Antwort, selbstverständlich.
Bewiesen würde somit nur die riesige Diskrepanz zwischen dem Selbst- und Fremdbild.

Gegenargument: „...Zur Überwindung des Kapitalismus und zur Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaft kommt es erst dann, wenn die lohnabhängig Beschäftigten im gemeinsamen Klassenbewusstsein die Macht über die Betriebe und damit über Produktion und Produktionsmittel selbst übernehmen."

Widerlegung: Richtig, erst kommt das Bewusstsein dann die Veränderung. Was aber haben Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung mit Bewusstseinsbildung zu tun? Auch richtig, nämlich nichts. Das ist ein rumdocktern an Symptomen, das erst dann ansatzweise einen Sinn bekommt, wenn ich es in einen sozialen Kontext stelle, das BGE mit Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung und dem Fernziel der Übernahme der Produktionsmittel und der Eigentumsfrage an Boden!

Argument 11 für ein BGE: Es gibt unterschiedliche Modelle des bedingungslosen Grundeinkommens. Die Linke muss neoliberal geprägte Modelle wie z.B. das Bürgergeldkonzept von Althaus ablehnen und stattdessen mit einem eigenen Konzept in die Offensive gehen.

Gegenargument: „...Richtig ist, dass sich die Konzepte zum bedingungslosen
Grundeinkommen in ihrer Höhe und Finanzierung stark unterscheiden. Doch unabhängig von diesen Unterschieden in der konkreten Ausgestaltung ist das bedingungslose Grundeinkommen generell kein linkes Konzept. Zwar mag es auf den ersten Blick gerecht wirken, jedem das gleiche Grundeinkommen zu zahlen. Wirklich gerecht ist es aber, wenn breite Schultern mehr tragen als schmale. Warum sollen wir aus den öffentlichen Haushalten Joseph Ackermann und den Aldi-Brüdern dasselbe Geld auszahlen wie denjenigen, die es wirklich brauchen - und das, wo wir noch nicht einmal genug Geld haben, um Schulen und Krankenhäuser zu bauen? "

Widerlegung: Wenn diese, mit Verlaub gesagt, dümmliche Passage am Anfang gestanden hätte, hätte ich mir zumindest eine ausführliche Antwort vermutlich erspart. Meine Kritik erstreckt sich dabei nicht nur auf das „rechte" Neid- und Missbruchsvokabular von „wirklich Bedürftigen" („die es wirklich brauchen"), sondern auch die Unbekümmertheit mit der sie eine Unwahrheit verbreiten, indem sie nicht erwähnen dass Ackermann und Co. bereits jetzt ein Vielfaches dieser „Peanuts" an „Zuwendungen" (steuerlich) bekommen.
Ebenso verbreiten sie die Unwahrheit, indem sie in das Klagelied rechter Politik und Wirtschaft einstimmen, das „wir noch nicht einmal genug Geld haben, um Schulen und Krankenhäuser zu bauen".
Das Geld ist da - es wird lediglich falsch eingesetzt und ausgeschüttet. Unter anderem auch an eine Parallelgesellschaft in der Parteibücher oder ähnliche Qualifikationen für erkleckliche, besser - völlig überzogene, Einkünfte sorgen, übrigens ohne jegliche Wertschöpfung.
Fast alle dieser „Verdienst-„ oder „Zuverdienstmöglichkeiten" würden mit dem BGE wegfallen, zugegebenermaßen keine sehr angenehme Vorstellung auch für „linke Funktionsträger".
Aber genau darum geht es, wie will denn jemand ernsthaft Ackermann und Co. zur Mäßigung oder letztlich massiver Einschränkung aufrufen, der dieser Clique, zumindest finanziell, näher steht als der Basis. Mit diesem mangelhaften Grundmodell ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen, zumindest kein sozialistischer.

Gegenargument: „...Alle Grundeinkommens-Modelle haben gemeinsam, dass sie Wasser auf die Mühlen all derjenigen sind, die Kombilohnmodelle predigen, weitere Flexibilisierungen auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen und Sozialabbau vorantreiben wollen. Mit linken Alternativen hat all das wenig zu tun."

Widerlegung: Es geht um ein linkes, fortzuentwickelndes Grundeinkommensmodell und sonst nichts.

Gegenargument: „...Verdeutlichen lässt sich die Unvereinbarkeit linker Konzepte mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zum Beispiel beim Mindestlohn. Durch die Einführung eines verbindlichen Mindestlohnes wollen wir sicherstellen, dass jeder der arbeitet, von seinem Lohn auch leben kann. Gleichzeitig verhindern Mindestlöhne, dass ArbeitnehmerInnen über Grenzen hinweg gegeneinander ausgespielt werden und schieben damit Lohndumping einen Riegel vor. Für die Gewerkschaften ist klar: Die Verantwortung dafür, dass Arbeit existenzsichernd ist, liegt bei
den ArbeitgeberInnen".


Widerlegung: Falsch, die Verantwortung für meine schlechte „Spiel"taktik und -strategie liegt beim Gegner? Mindestlohn auf welcher Basis, Tarifabschlüsse von 3,50 Euro? Man stelle sich diese Peinlichkeit einmal vor, ein Mindestlohn von nur 7,50 Euro bei solchen Tarifen. Es wird Zeit, dass die Basis ihre Geschicke wieder organisiert in die Hand nimmt und das Geblubber in den Chefetagen verstummt.

Gegenargument: „Das bedingungslose Grundeinkommen würde dieser Forderung den Boden unter den Füßen wegziehen, indem es das Kapital von dieser Verantwortung freispricht. Nicht von ungefähr findet das bedingungslose Grundeinkommen deshalb auch zahlreiche Anhänger im Lager der ArbeitgeberInnen. Es folgt dem Prinzip nicht eines Mindest-, sondern eines flächendeckenden Kombilohnes."

Widerlegung: Und noch einmal Verantwortung, was soll das werden, ein Appell an das gute oder schlechte Gewissen des Kapitals?
Gegenargument: „...Das bedingungslose Grundeinkommen taugt auch nicht als linke Antwort auf Hartz IV. Es passt sich vielmehr nahtlos an das im Zuge der Hartz- Gesetzgebung von Rot-Grün propagierte Konzept der „Eigenverantwortung" an, das die Linke aus gutem Grund bekämpft. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen geht es nicht um die Integration von Ausgegrenzten in die Gesellschaft; stattdessen wird ihnen die Verantwortung für ihre gesellschaftliche Integration selbst zugeschoben."

Widerlegung: Und wieder Verantwortung. Selbstverständlich ist jeder Mensch für sich und seine sozialen Bezüge verantwortlich. Je nach Gesellschaft in der er lebt sind dafür aber unterschiedliche Mittel notwendig.
Diese Mittel und ggfls. andere Hilfen bereit zu stellen ist Aufgabe einer Gesamtgesellschaft - des Staates, nicht weniger aber auch nicht mehr.
Eine „Verantwortung", den Zugriff auf das soziale Leben von Menschen im Sinne eines behütenden Staates ist strikt abzulehnen.
s.a. die Vorschläge der KritikerInnen bzgl. Bildung, Schuldnerberatung und Therapie für Erwerbslose.

Gegenargument: „...Dies gilt beispielsweise im Modell von Dieter Althaus auch für sämtliche Sozialleistungen wie z.B. die gesetzliche Krankenversicherung, die künftig aus dem Grundeinkommen privat organisiert werden soll. Man setzt auf Individualisierung, anstatt kollektiv Ansatzpunkte für eine andere Gestaltung der Gesellschaft voranzubringen. Die mit Hartz IV schon weit geöffnete Kluft zwischen Arm und Reich würde mit dem Grundeinkommen deshalb weiter verhärtet. Wenn jeder das Gleiche bekommt, fallen gerade die raus, die die schwächste Ausgangslage haben. Deshalb würde das Grundeinkommen für die große Mehrheit auch weniger die versprochene „Demokratiepauschale" als vielmehr eine Ruhigstellprämie bedeuten."

Widerlegung: Das Modell Althaus ist mit Herrn Althaus zu diskutieren und gehört nicht in eine linke Debatte.
Wer rechte Inhalte in eine linke Debatte bringt, befördert damit keinesfalls die Debatte, sondern ist zumindest unseriös.
Wer statt an den Grundfesten von Sozialhilfe und Hartz zu rütteln, lediglich marginale Änderungen fordert, befördert und festigt den zunehmenden Graben zwischen Erwerbstätigen und Erwerbslosen und arbeitet somit wem wohl zu?
Der für die Einführung des BGE prognostizierte Existenzkampf hat längst begonnen, zumindest dann, wenn man der Existenz aller Menschen mehr zubilligt als Essen, Trinken und Arbeit. Bedauerlicherweise hat sich das auch bei Linken noch nicht herumgesprochen.
Es ist daher allerhöchste Zeit sich in den bunten Reigen der Befürworter des BGE mit einem konsequent linken Modell einzureihen und zu begrüßen, dass dieses Denken, nicht der auf Erwerbstätigkeit reduzierte Mensch, auch durch z.B. einen Prof. Werner zu Menschen transportiert wird, die wir sonst nie erreichen könnten.
Das BGE ist ein revolutionärer Schritt auf dem Weg zu einer grundlegend anderen Gesellschaft!
Es ist an uns die Richtung des Weges zu bestimmen










































 

olivera

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Übrigens ist es ziemlich leicht finanzierbar: durch eine (gestreckte) Schuldenauskehr.

Jeder "Bürger", also alle diejenigen, die für die öffentlichen Schulden in Zukunft haften (bürgen), müssen umgehend (wenn nicht eigentlich rückwirkend auf die jeweiligen Zeitpunkte der Aufnahme dieser Schulden) Gegen-Ansprüche in entsprechender Höhe in/auf das "öffentliche Vermögen" zuerkannt werden. Ein Neugeborenes hat dann mal satt mindestens 25.000 € credits beim Staat/Land/Kommunen (bzw. die "Kredit" bei ihm..). Natürlich würde der Staatskapitalismus so durch eine Art Volkskapitalismus erweitert (statt gehörig abgeschafft), zumindest wäre aber buchhalterisch etwas mehr Klarheit geschaffen; und -ohne Dynamisierung- verdoppelt sich die öffentliche Verschuldung damit sofort. Macht aber nix - mir jedenfalls nicht :biggrin: , da ohne größeres gebundenes Vermögen (ie: auch Rentenansprüche, gleich ob verriestert oder generationenverarscht - werde wohl vorher den Abgang machen), das so a la longue entwertet würde, was sowieso passieren dürfte beim jetzigen Reichtumsfinanzierungsmodell in den Industrieländern. Jedenfalls sähen sich muttiMerkel&friends dann nicht nur dem "Erpressungspotential" der Finanzmärkte (bisherige Gläubiger), sondern mal dem der Bevölkerung gegenüber. Und wenn die Wähler bereit sind, ihre credits abzuschreiben in der wahren Mutter aller Krisen, die auf uns zukommt, nämlich die der Staatsschulden, weil sie trotz eigener GewinnBeteiligung daran keine Lust mehr haben, nebenher bzw. weit darüberhinaus für die PonziGewinne der anderen Gläubiger aufzukommen, dann wird man sehen, wer der Souverän ist: die Akteure der FinanzMärkte oder diejenigen, von deren Währung die Märkte abhängig sind :eek:
Bernanke, kannst schonmal deine Koffer packen - ach nee, bleib, Europa braucht Dich, der Dollar muss schließlich auch ruiniert werden :icon_knutsch:
 
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