VV immer auch zum AG durch das JC? (1 Betrachter)

Betrachter - Thema (Registriert: 0, Gäste: 1)

Tusnelda

Elo-User*in
Startbeitrag
Mitglied seit
19 Oktober 2011
Beiträge
154
Bewertungen
39
Liebe Foris,

ist es tatsächlich so, dass ein VV, auf den sich der Elo bewerben muss, auch immer an den (potentiellen) Arbeitgeber geschickt wird? Wird der AG vom JC um eine Rückmeldung gebeten? Der Elo muss ja auch mittels eines Formblattes eine Rückmeldung geben. Soll das dann eine Kontrolle sein? Ist da überhaupt das Personal in den JCs da? Und macht das ein AG mit, wenn er dauernd dem JC Briefchen schreiben soll?
Ein Schützling von mir hat mich das gefragt und ich konnte nicht profund antworten (in meiner Zeit als ALG I-Bezieher war das nämlich nicht so)

Vielleicht kann mich hier jemand erhellen, vielleicht mit einer Gesetzesgrundlage etc

Recht herzlichen Dank:icon_smile:
 

Seepferdchen 2010

Super-Moderation
Mitglied seit
19 November 2010
Beiträge
24.340
Bewertungen
15.913
Ja das bekommt auch der AG.

Anders sieht es aus bei einer Stelleninformation.

So mancher AG wird bestimmt nicht alle zurücksenden, die Zeit hat kaum einer, außer
die ZAF.
 
E

ExitUser

Gast
ist es tatsächlich so, dass ein VV, auf den sich der Elo bewerben muss, auch immer an den (potentiellen) Arbeitgeber geschickt wird?
Nein, das ist sogar in den seltensten Fällen so! Man muss da in VerBIS ein Extra-Häkchen setzen, wenn man will, dass das Profil des Kunden für die Stelle auch an den Arbeitgeber geschickt wird. Oftmals wird dies schon deshalb nicht gemacht, weil ganz viele Firmen explizit beim JC angeben, dass sie keine VV-Profile der Kunden zugeschickt bekommen wollen. Denn Rückmeldung zu geben kostet Zeit und damit Geld.

Wird der AG vom JC um eine Rückmeldung gebeten?
Manchmal. Es gibt bestimmte Großkunden (Versandhändler, Großschlachtereien etc.) mit denen der Arbeitgeberservice des JC solche Vereinbarungen trifft, aber letzlich gibt es keinerlei Verpflichtung des Arbeitgebers, etwas ans JC zurückzumelden. Das ist ja auch verständlich: Diejenigen, die eine Stelle wirklich wollen, bewerben sich. Und diejenigen, die sich zwangsweise bewerben müssen, führen zu einem hohen, für den Arbeitgeber ärgerlichen Verwaltungsaufwand.

Der Elo muss ja auch mittels eines Formblattes eine Rückmeldung geben. Soll das dann eine Kontrolle sein?
Natürlich soll das eine Kontrolle sein. Was sonst? Es geht nur und ausschließlich darum. Um Kontrolle, ob der Kunde sich den Weisungen des JC auch fügt.

Ist da überhaupt das Personal in den JCs da?
Nein, in den meisten Fällen ist kein Personal da. Daher wird auch fast nie nachgehalten, ob sich Kunden tatsächlich bewerben. Ausnahmen gibt es natürlich bei "Problemkunden". Die werden schon besonders beobachtet, da wird es meist nachgehalten, ob die sich zeitnah beworben haben, weil man eben hofft, einen Sanktionsgrund zu finden. Aber auch das ist nicht so einfach, denn selbst wenn ein AG zurückmeldet, dass Kunde XYZ sich nicht beworben habe, ist das keinesfalls ein gerichtsfester Beweis, dass dem wirklich so ist. Bei uns im Amt gab es einige Fälle, wo Kunden sanktioniert werden sollten, weil sie sich angeblich nicht beworben hatten. Bei jenen Kunden, die dagegen in Widerspruch gingen, wurde dem Widerspruch durchweg stattgegeben, weil die Kunden antworteten, sie hätten sich sehr wohl beworben und dies mittels Vorlage des Anschreibens belegten.

Aber wie gesagt: In der normalen Vermittlungspraxis wird es eigentlich durch die pAps selbst nie nachgehalten, ob wer sich nun bewirbt oder nicht. Dafür fehlt einfach die Zeit. Dabei ist es softwaretechnische übrigens so, dass das Programm VerBIS dem Vermittler unmittelbar mit Versendung des VV eine automatische Wiedervorlage mit Titel "Offener Vermittlungsvorschlag - Bewerbung überwachen" setzt. In der Praxis ist es aber so, dass diese Wiedervorlage vom pAp meist sofort gelöscht wird. Es fehlt nämlich nicht nur die Zeit, das nachzuhalten, es fehlt eigentlich auch die rechtliche Möglichkeit, das nachzuhalten, zumal der AG aus Datenschutzgründen gar keine Auskunft geben darf, wenn ein pAp sich erkundigt, ob Kunde XYZ sich beworben hat. Klar gibt es manche pAps, die sich mit einigen Kunden in einer Art "Kleinkrieg" befinden. Da kann es dann schon passieren, dass das Bewerbungsverhalten der Kunden penibel nachgehalten wird, auch wenn sich der pAp dadurch viel Arbeit macht und der AG, der die Rückmeldung gibt, rechtlich auf sehr dünnem Eis bewegt.

Und macht das ein AG mit, wenn er dauernd dem JC Briefchen schreiben soll?
Nein! Die allermeisten AGs machen das nicht mit. Insbesondere solche nicht, die wirklich Interesse an guten, motivierten Mitarbeitern haben. Denn die wissen, dass sie solche Mitarbeiter gerade nicht bekommen, wenn die sich zwangsweise und unter Sanktionsandrohung bewerben. Es kommen daher teilweise auch bitterböse Beschwerdebriefe von Arbeitgebern, in denen diese ausführen, dass das Amt es gefälligst unterlassen solle, da massenhaft VVs mit RFB rauszuhauen, weil sich dadurch eben auch völlig unpassende Bewerber (zwangs)bewerben. Und jede Durchsicht dieser Bewerbungen kostet Zeit und Geld. Die einzigen AGs, die von der derzeitigen Praxis des JC, VVs mit RFB zu verschicken und Rückmeldung vom AG einzufordern, wirklich profitieren, sind Zeitarbeitsfirmen, weil diese oft eben billige, eingeschüchterte Verfügungsmasse suchen. Da kommt die sanktionsangedrohte Zwangsbewerbung nur recht, weil man so die Konzessionsbereitschaft der Kunden erhöhen kann und die Löhne/Personalkosten niedrig hält.

Nebenbei bemerkt noch: Es ist keinesfalls so, dass dieses Problem, dass Zwangsbewerber einen schlechten Eindruck auf den AG machen, der dann auf JC zurückfällt, den Vermittlern und Führungskräften im JC nicht bewusst wäre. Das ist bekannt und wird in internen Besprechungen auch als Problem thematisiert. Es ist aber nunmal so, dass es eine klare Dienstanweisung von weiter oben gibt, dass VVs eigentlich immer mit RFB zu versenden sind und die Bewerbung nachzuhalten ist. In der Praxis wird dies aus Kapazitätsgründen oft nicht umgesetzt, aber es soll so verfahren werden. Der Kunde fährt meiner Einschätzung nach am besten, d.h. ist auf der sicheren Seite, wenn er auf dem Antwortzettel, der dem VV beigefügt ist, einfach ankreuzt, "habe mich am soundsovielten beworben". Ob er das tatsächlich getan hat, wird meiner persönlichen Erfahrung nach in 90% der Fälle nicht nachgehalten. Und für den Fall, dass da dann eine Anhörung kommt, schreibt man erneut, wann man sich beworben hat und hängt da dann eben noch ein Anschreiben mit ran, das man ja auch später noch erstellt haben kann. Aber wer kann das schon nachweisen...
 
E

ExitUser

Gast
Eine Ergänzung noch: Oftmals erfährt der Arbeitgeber davon, dass der Bewerber arbeitslos ist, gar nicht durch das Jobcenter, sondern durch den Kunden selbst, weil viele Kunden sehr häufig eine für sie nur negative Formulierung in ihr Anschreiben mit aufnehmen, wie etwa:

"Von meinem Arbeitsvermittler habe ich erfahren, dass sie ..." oder "Das Jobcenter hält es für sinnvoll, dass ich mich bewerbe..."

Das ist insofern unglücklich formuliert, als erst dadurch der AG überhaupt darauf aufmerksam gemacht wird, dass man Leistungsempfänger ist. Das ist sozusagen der Wink mit dem Zaunpfahl, der dem AG zu verstehen gibt: Aha, ein armer Hartzer! Dem kann ich jeden Lohn und jede miese Arbeitbedingung anbieten, der darf ja nicht nein sagen, sonst drohe ich ihm, das Amt zu verständigen.

Ich hatte selbst schon Rückmeldungen von Arbeitgebern, die durch mich definitiv nicht darüber in Kenntnis gesetzt wurden, dass der Kunde XYZ sich bewerben sollte. Ich erinnere mich an einen Fall, wo der Arbeitgeber sich aus eigener Initiative heraus aufgrund einer schlechten Bewerbung ans JC gewandt hat, da er empört war über den Bewerbern. Der AG wusste aber nicht durch das JC, sondern lediglich durch die Formulierung im Anschreiben des Kunden, dass dieser Leistungsempfänger ist. Kurzum: Der Arbeitgeber (!) wollte, dass die Bewerber sanktioniert wird. Dieser hatte nämlich tatsächlich in etwa geschrieben:

"Das JC zwingt mich, mich bei Ihnen zu bewerben und greift so in mein grundgesetztlich geschütztes Recht auf freie Berufswahl ein. Also bewerbe ich mich unter Zwangsandrohung bei ihnen, um in Ihrem Ausbeuter-Schuppen für ihr lächerliches Gehalt schuften zu dürfen und fremde Leute mit unerwünschten Anrufen am Telefon zu belästigen. Ich kann sofort anfangen, wenn ich nicht gerade krank bin, was sehr häufig passiert. Einer Speicherung meiner Daten im Falle einer Nichteinstelung widerspreche ich und mache Sie bereits jetzt darauf aufmerksam, dass ich im Falle einer rechtswidrigen Speicherung rechtliche Schritte einleiten werde.
Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit "

Da frage ich mich schon, wie man - in Kenntnis der Rechtslage und ausgestattet mit gesundem Menschenverstand - so dämlich sein kann, sowas zu schreiben. Hätte der Kunde nichts vom Zwang durch das Jobcenter geschrieben, wäre das nie auf meinem Schreibtisch gelandet, weil der AG durch das JC definitiv nicht darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass besagter Kunde sich dort bewerben sollte.

Also ein dringender Tipp:In Bewerbungsschreiben die Worte Jobcenter, Vermittlungsvorschlag, ALG II und Hartz IV am besten mit keinem Wort erwähnen. Die Tatsache, dass man erwerbslos ist, muss ja keinesfalls bedeuten, dass man deshalb im ALG II Leistungsbezug steht. Am besten ist eine neutrale Formulierung wie "Ich bin auf Ihre Stelle aufmerksam geworden". Das langt und beugt etwaigen Sanktionsandrohungen bei einer intendierten Negativbewerbung, die auch cleverer und subtiler formuliert werden kann als im obigen Beispielunerwünschten, oftmals vor.
 

BiancaBerlin

VIP Nutzer*in
Mitglied seit
14 Januar 2012
Beiträge
1.257
Bewertungen
338
Ich erinnere mich an einen Fall, wo der Arbeitgeber sich aus eigener Initiative heraus aufgrund einer schlechten Bewerbung ans JC gewandt hat, da er empört war über den Bewerbern. Der AG wusste aber nicht durch das JC, sondern lediglich durch die Formulierung im Anschreiben des Kunden, dass dieser Leistungsempfänger ist. Kurzum: Der Arbeitgeber (!) wollte, dass die Bewerber sanktioniert wird. Dieser hatte nämlich tatsächlich in etwa geschrieben:

"Das JC zwingt mich, mich bei Ihnen zu bewerben und greift so in mein grundgesetztlich geschütztes Recht auf freie Berufswahl ein. Also bewerbe ich mich unter Zwangsandrohung bei ihnen, um in Ihrem Ausbeuter-Schuppen für ihr lächerliches Gehalt schuften zu dürfen und fremde Leute mit unerwünschten Anrufen am Telefon zu belästigen. Ich kann sofort anfangen, wenn ich nicht gerade krank bin, was sehr häufig passiert. Einer Speicherung meiner Daten im Falle einer Nichteinstelung widerspreche ich und mache Sie bereits jetzt darauf aufmerksam, dass ich im Falle einer rechtswidrigen Speicherung rechtliche Schritte einleiten werde.
Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit."

Hätte der Kunde nichts vom Zwang durch das Jobcenter geschrieben, wäre das nie auf meinem Schreibtisch gelandet, weil der AG durch das JC definitiv nicht darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass besagter Kunde sich dort bewerben sollte.
Konsequenz war also eine 30%ige Sanktion? Tja, zugegebenermaßen nicht völlig unverdient! :icon_neutral:
 
E

ExitUser

Gast
Konsequenz war also eine 30%ige Sanktion? Tja, zugegebenermaßen nicht völlig unverdient! :icon_neutral:
Ja, das war die Konsequenz. Und diese Dummheit kann ich einfach nicht nachvollziehen. Denn es gibt so viele bewährte und sichere Methoden, einen miesen Job nicht zu bekommen, dass es wirklich überhaupt nicht nötig, sondern wie dargelegt eher hochgradig schädlich ist, eine so plumpe Negativbewerbung zu verfassen. Das geht besser! Es reicht, um eine Ablehnung zu erhalten, für die es keine Sanktion geben kann, völlig aus, das eigene politische Engagement unter den Hobbies im Lebenslauf aufzulisten, auf seine vielfältigen Gebrechen und psychischen Schäden hinzuweisen wie auch die natürlich aktiv praktizierte Religionsausübung zu benennen. Dabei sollte man immer eifrig betonen, wie gerne man die Stelle will und wie sehr man bereit ist, sich da einzuarbeiten, auch wenn man freilich über keinerlei Berufserfahrung im angezeigten Bereich verfügt, zwei linke Hände hat und auch das Denken etwas langsam vonstatten geht. Wichtig ist immer: Bewerbung heißt, für sich Werbung machen. Diese muss aber keinesfalls überschwänglich sein. Man muss sich nicht besser darstellen, als man ist, und man muss Krankheiten und politisches Engagement nicht verschweigen. Manchmal geht Werbung dann (geplant oder ungeplant) nach hinten los, nur wäre die Konsequenz dann eben keine Sanktion, sondern Ruhe.
 
E

ExitUser

Gast

"Das JC zwingt mich, mich bei Ihnen zu bewerben und greift so in mein grundgesetztlich geschütztes Recht auf freie Berufswahl ein. Also bewerbe ich mich unter Zwangsandrohung bei ihnen, um in Ihrem Ausbeuter-Schuppen für ihr lächerliches Gehalt schuften zu dürfen und fremde Leute mit unerwünschten Anrufen am Telefon zu belästigen. Ich kann sofort anfangen, wenn ich nicht gerade krank bin, was sehr häufig passiert. Einer Speicherung meiner Daten im Falle einer Nichteinstelung widerspreche ich und mache Sie bereits jetzt darauf aufmerksam, dass ich im Falle einer rechtswidrigen Speicherung rechtliche Schritte einleiten werde.
Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit "
Wurde der Schreiber aufgrund seines Schreibens, welches der Wahrheit entsprochen hat, daraufhin sanktioniert?

Nachtrag: Hatte die letzte Antwort übersehen, sorry.
 
E

ExitUser

Gast
Ja, das war die Konsequenz. Und diese Dummheit kann ich einfach nicht nachvollziehen. Denn es gibt so viele bewährte und sichere Methoden, einen miesen Job nicht zu bekommen, dass es wirklich überhaupt nicht nötig, sondern wie dargelegt eher hochgradig schädlich ist, eine so plumpe Negativbewerbung zu verfassen. Das geht besser! Es reicht, um eine Ablehnung zu erhalten, für die es keine Sanktion geben kann, völlig aus, das eigene politische Engagement unter den Hobbies im Lebenslauf aufzulisten, auf seine vielfältigen Gebrechen und psychischen Schäden hinzuweisen wie auch die natürlich aktiv praktizierte Religionsausübung zu benennen. Dabei sollte man immer eifrig betonen, wie gerne man die Stelle will und wie sehr man bereit ist, sich da einzuarbeiten, auch wenn man freilich über keinerlei Berufserfahrung im angezeigten Bereich verfügt, zwei linke Hände hat und auch das Denken etwas langsam vonstatten geht. Wichtig ist immer: Bewerbung heißt, für sich Werbung machen. Diese muss aber keinesfalls überschwänglich sein. Man muss sich nicht besser darstellen, als man ist, und man muss Krankheiten und politisches Engagement nicht verschweigen. Manchmal geht Werbung dann (geplant oder ungeplant) nach hinten los, nur wäre die Konsequenz dann eben keine Sanktion, sondern Ruhe.
Tut mir leid, bei diesen Aussagen kann es sich nur um einen Hoax handeln, das glaub ich Dir im Ansatz nicht, vor allem weil ich weiß, dass praktisch jede Gelegenheit zur Sanktion seites der JC genutzt wird. Kann auch aufgrund der internen Vorgaben gar nicht anders sein.
 
E

ExitUser

Gast
Tut mir leid, bei diesen Aussagen kann es sich nur um einen Hoax handeln, das glaub ich Dir im Ansatz nicht, vor allem weil ich weiß, dass praktisch jede Gelegenheit zur Sanktion seites der JC genutzt wird. Kann auch aufgrund der internen Vorgaben gar nicht anders sein.
Es zeugt von einem Mangel an Reflexionsfähigkeit und Interesse, wenn man unwillens ist, empirisch erhobene Daten zur Kenntnis zu nehmen und stattdessen am eigenen, unverrückbaren Weltbild festhaltend unterstellt, das eine Aussage, die in den eigenen Augen nicht sein darf, auch nicht sein kann. Diese Ignoranz ändert aber nichts daran, dass statistisch belegbar ist, dass es sich mitnichten um einen Hoax handelt, sondern um ein verifizierbares Faktum, dass die meisten ALG II Bezieher von Sanktionen nicht betroffen sind. Denn die Sanktionsquote liegt lediglich bei etwa 4,4%.

Des Weiteren zeugt es schlicht und einfach von völliger Unkenntnis der internen Abläufe im Jobcenter, wenn du hier angibst, zu wissen, dass "praktisch jede Gelegenheit zur Sanktion seites der JC genutzt wird". Es wird längst nicht jedes rechtlich sanktionswürdige Verhalten der Kunden geahndet, da dies zum einen aus Zeit- und Kapazitätsgründen kaum leistbar ist, es zum anderen aber auch daran liegt, dass es viele Mitarbeiter in den Jobcentern gibt, die den Sanktionen tendenziell kritisch gegenüber stehen und diese daher längst nicht immer aussprechen, wenn sie sie es rechtlich gesehen und laut Weisung eigentlich tun müssten. Siehe dazu etwa diesen und diesen Bericht. Anders ist die sehr niedrige Sanktionsquote von ca 4% auch kaum zu erklaren.

Würde, wie von dir behauptet, "praktisch jede Gelegenheit zur Sanktion seites der JC genutzt", leideten deutlich mehr als 4,4% der ALG II Empfänger unter Sanktionen. Das ist zum Glück aber nicht so. Dass hier ein verzerrtes Bild der Realität vorherrscht, ist allerdings insofern erklärbar, als im hiesigen Forum eben größtensteils jene Menschen berichten, die selbst unter Sanktionen leiden oder andere bei der Anfechtung von Sanktionen unterstützen. Letzteres ist zeifellos ein löbliches und notwendiges gesellschaftliches Engagement. Dieses sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Großteil der ALG II Bezieher diese Unterstützung auf individueller Ebene gar nicht nötig hat, da der Großteil nicht unter Sanktionen leidet. Dieses Forum ist eine wichtige Einrichtung, in der ALG II Betroffene Unterstützung und Rat erhalten, damit sie zu ihren Rechten kommen und sich gegenüber ungerechtfertigten Forderungen des sich nicht selten omnipotent gebenden Jobcenters behaupten können. Wissen ist eben tatsächlich Macht. Demzufolge ist es wichtig zu wissen, wie man sich als mündiger Bürger der Allmachtsphantasie und potentiellen Gängelung des Amtes widersetzen kann. Dass einem dabei hier im Forum geholfen wird, ist sehr löblich:icon_klatsch:.

Aber: Wissen zu erwerben, es anschlussfähig und aktuell zu halten, erfordert eben auch die Bereitschaft, epirisch belegte Sachverhalte anzuerkennen, selbst wenn diese nicht ins eigene Weltbild von per se bösen Jobcenter passen, das jeden Leistungsempfänger immer auf Teufel komm raus sanktionieren will. Dem ist nicht so! Diesen Eindruck kann man sicher hier im Forum gewinnen, aber dieses Forum bildet nicht den Durchschnitt der ALG II Bezieher ab. Hier suchen sich Menschen Hilfe, die Hilfe benötigen bzw. es bieten sozial engagierte Menschen Hilfe an. Und es gibt einen grundsätzlichen Austausch über ALG II und dessen Auswirkungen auf den Sozialstaat. Aber daraus, dass hier im Forum häufig und sicher oft auch zurecht über Verfehlungen, Fehlentwicklungen und erlebte bzw. wahrgenommene Ungerechtigkeiten im Amt berichtet wird, kann keineswegs gefolgert werden, dass es sich um verallgemeinerbare Vorkommnisse handelt. Dies schon deshalb nicht, weil es sich bei den Nutzern dieses Forums, die diese Informationen liefern, nicht um eine repräsentative Gruppe der ALG II Bezieher handelt. Es handelt sich - im Gegenteil - um eine hochgradig spezielle Gruppe, nämlich eine solche, die überhaupt die Kompetenz (Wissen), die Ressource (Computer & Internetzugang) sowie das Anliegen (etwas ist passiert) hat, sich hier über das Jobcenter, den Umgang damit und die Entwicklung des Sozialstaates auszutauschen.

Es hat, und darauf will ich hinaus, aber nicht jeder ALG II Bezieher das Anliegen, seine Probleme mit dem Amt kund zu tun, da der durchschnittliche ALG II Bezieher keine gravierenden Probleme mit dem Amt hat. Beim Elo-Forum, wie auch bei andere Foren mit änhlichen Inhalten, handelt es sich um ein spezialisiertes Forum, in welchem primär ALG II Betroffene und deren Unterstützer mit Mitteilungsbedürfnis aufgrund eines Ungerechtigkeitsempfindens posten. Genauso posten in einem Auto-Tuning-Forum diejenigen, die an Kraftfahrzeugtechnik sind. Liest man da ein wenig, kann man auch leicht den Eindruck gewinnen, alle Autofahrer seinen an Heckspoilern und tiefergelegten Wagen interessiert. Dies ist aber ein Zerrbild, genau wie hier! Die Mehrzahl der Autofahrer interessiert sich genauso wenig für Auto-Tuning wie sich die Mehrzahl der ALG II Bezieher für ALG II interessiert. Die Mehrzahl der Autofahrer fährt keinen getunten Wagen und die Mehrzahl der ALG II Bezieher hat kein sanktionsbegründetes Mitteilungsbedürfnis.

Daran ändert auch das gemutmaßte Wissen darum, wie es wohl läuft und wie die internen Vorgaben sein mögen, nichts. Denn zum ersten besteht ein Unterschied zwischen der basalen Existenz einer internen Weisung (in der BA HeGa genannt= Handlungsempfehlung und Geschäftsanweisung) und deren tatsächlicher Anwendung, zum zweiten ist die Sanktionsstatistik eindeutig, und die BA ist eine sehr statistikfixierte Behörde. Die allermeisten ALG II Bezieher sind von Sanktionen glücklicherweise nicht persönlich betroffen. Davon unabhängig sage ich ganz klar, dass Saktionen meiner persönlichen Auffassung nach abgeschafft gehören und sie meinem Rechtsempfinden nach auch verfassungswidrig sind. Es ist aber einfach ein Gebot der Ehrlichkeit, klar auszusprechen, dass Sanktionen an sich nicht das Hauptproblem sind. Das Hauptproblem liegt viel grundsätzlicher, im verwerbarkeitsorientierten, durch und durch ökonomisierten Menschenbild, durch welches das SGB II geprägt ist. Das Hauptproblem ist Hartz 4, die damit einhergehende Entrechtlichung, Verarmung und Stigmatisierung der Betroffenen.

Sanktionen sind metaphorisch gesprochen lediglich eine selten auftretende Nebenwirkung des falschen Medikaments namens Hartz IV. Und trotz dessen, dass ich gegen Hartz IV und dessen fatales, eines Sozialstaats unwürdiges Menschenbildes bin, sage ich ganz klar, dass man, so man ernst genommen werden will, nicht in Behauptungen und Mutmaßungen verfallen darf. Man sollte die verfügbaren Fakten nüchtern betrachten und nicht emotional von vermeintlichem Wissen fabulieren. Das diskreditiert nämlich die eigene Glaubwürdigkeit und schadet den betroffenen ALG II Empfängern, für die man sich einsetzt, weil man mit einer empörten, moralisierenden Betroffenheitsrhetorik weder in der Laienöffentlichkeit, noch vor Gericht und schon gar nicht im Jobcenter für voll genommen wird. Sätze wie "Ich weiß, dass praktisch jede Gelegenheit zur Sanktion seites der JC genutzt wird. Kann auch aufgrund der internen Vorgaben gar nicht anders sein" sind nichts weiter als substanzlose, unhaltbare Mutmaßungen, die völlig außer Acht lassen, dass es sehr wohl anders sein kann, wie ich gerade darzulegen versucht habe.
 

guinan

Priv. Nutzer*in
Mitglied seit
1 November 2011
Beiträge
681
Bewertungen
183
Auch wenn ich in einem anderen Beitrag durchaus auch wütend war, so finde ich DIESEN Beitrag von BurnsTurn doch sehr sachlich. Dass jemand ein Problem von mehreren Seiten beleuchtet und dabei auf QUELLEN und DATEN zurückgreift, findet man recht selten. Ich danke für diesen Beitrag. Besonders, da ich auch langsam glaube, dass alle SB böse sind- nun an Quellen aber lesen kann, dass es auch anders gehen kann. Bei mir tut es das nicht- aber dass das nicht immer so sein muss hilft, nicht völlig zu resignieren oder anderen falsche Auskünfte zu geben und damit Angst zu machen.
 

BiancaBerlin

VIP Nutzer*in
Mitglied seit
14 Januar 2012
Beiträge
1.257
Bewertungen
338
[...] sondern um ein verifizierbares Faktum, dass die meisten ALG II Bezieher von Sanktionen nicht betroffen sind. Denn die Sanktionsquote liegt lediglich bei etwa 4,4%.
Bezieht sich das nur auf die Sanktionen, die tatsächlich gegen alle Abwehrmaßnahmen wie Widerspruch und Klage vor dem Sozialgericht Bestand hatten, oder generell auf alle, die ausgesprochen wurden?

Wissen ist eben tatsächlich Macht.
Selten ist mir das so klar wie in den letzten Monaten in Bezug auf das JC geworden. Dieses Wissen kann alles entscheidend sein!

Ansonsten ist Dein Beitrag (wie alle anderen auch) absolut schlüssig, logisch und in allen Punkten nachvollziehbar. Danke dafür! :icon_daumen: Apropos andere Beiträge: Magst Du noch meine Fragen aus dem Thread "Sinnlose Maßnahme" https://www.elo-forum.org/weiterbil...en/100357-sinnlose-massnahme.html#post1257277 (Link führt zu meinem Beitrag) beantworten? :icon_mrgreen:
 

hartz5

VIP Nutzer*in
Mitglied seit
28 Januar 2010
Beiträge
4.476
Bewertungen
1.592
Nun ja, wenn es jemand Dummheit nennt, wenn ein Bewerber die Wahrheit schreibt, dann ist und bleibt das grenzwertig.

Wenn ich an die VVs vom JC denke, dann war NICHT EINER dabei, der a) meinem Profil entspricht, b) mich aus H4 herausgebracht hätte und c) nicht darauf angelegt war, eine Sanktion zu provozieren, weil Qualifikationen fehlten und das Erwähnen des Fehlens als negatives Bewerbungsverhalten ausgelegt werden sollte.

Zitat BurnsTorn
Wissen ist eben tatsächlich Macht.
Nichts wissen macht aber auch nichts, wie die SBs und FM in den JC jeden Tag aufs neue tatsächlich beweisen.
 
E

ExitUser

Gast
Bezieht sich das nur auf die Sanktionen, die tatsächlich gegen alle Abwehrmaßnahmen wie Widerspruch und Klage vor dem Sozialgericht Bestand hatten, oder generell auf alle, die ausgesprochen wurden?
Das bezieht sich auf die Sanktionen, die im Erhebungszeitraum, also im Jahr 2011, Bestand hatten. Aber auch unter Berücksichtigung dessen liegt die Quote der Sanktionen, die ausgesprochen wurden, bei unter 7%. Ergo sind 93% der ALG II Betroffenen im Jahr 2011 von Sanktionen in keiner Weise negativ berührt worden. Und ein Großteil der Sanktionen betrifft überdies junge Erwachsene unter 25 Jahren.
 
E

ExitUser

Gast
Nichts wissen macht aber auch nichts, wie die SBs und FM in den JC jeden Tag aufs neue tatsächlich beweisen.
Für SB/pAp macht es vielleicht nichts, aber für einen Kunden ist das Wissen um die eigenen Rechte und Möglichkeiten das wichtigstes Abwehrinstrumentarium gegen ungerechtfertigte Sanktionen und Forderungen.
 

hartz5

VIP Nutzer*in
Mitglied seit
28 Januar 2010
Beiträge
4.476
Bewertungen
1.592
Für SB/pAp macht es vielleicht nichts, aber für einen Kunden ist das Wissen um die eigenen Rechte und Möglichkeiten das wichtigstes Abwehrinstrumentarium gegen ungerechtfertigte Sanktionen und Forderungen.
Echt ???
Das war Ironie...wir sind hier nicht dumm und wissen, dass Wissen für uns Macht ist....sonst wären wir nicht hier....
 
Oben Unten