Tafeln und Vertafelung

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wolliohne

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Die Würde des Menschen ist unauffindbar. Zur Reise eines öffentlichen Soziologen durch das Land der Tafeln und Suppenküche
Was haben der Genfer See, Castrop-Rauxel, ein Sammellager für Asylbewerber in Bayern, eine Suppenküche in Thüringen und ein Sozialkaufhaus an der belgischen Grenze gemeinsam? Es sind Stationen innerhalb der Entstehungsgeschichte des Buches Schamland - Die Armut mitten unter uns, das am 12. April erscheint. Artikel von Stefan Selke zu seinem Buch in telepolis vom 11.04.2013 Die Würde des Menschen ist unauffindbar | Telepolis

Aus dem Text: "… Für viele ist Hartz-IV die existentielle Entlassungsurkunde aus der Mehrheitsgesellschaft. Früher oder später überschreiten sie eine magische Grenze, hinter der sich die Tafeln als vermeintlich letzte Lösung aufdrängen. Gerne werden deshalb Hartz-IV-Empfänger von Behörden auf die Tafeln verwiesen. Doch allein beim Gedanken an eine Tafel legen die meisten einen inneren Schalter um. Das eigene Leben rattert durch die imaginäre Rechenmaschine des sozialen Vergleichs. Am Ende wird ein tristes Ergebnis ausgespuckt:
versagt! Die Tafeln mögen ein logistisches Erfolgsmodell sein, weil sie es schaffen, Lebensmittel von A nach B zu transportieren und auszugeben. Aber trotz all dieser Bemühungen wird konsequent übersehen, dass Tafeln zu einem Symbol des sozialen Abstiegs geworden sind, das den gesellschaftlichen Misserfolg derjenigen schonungslos offenlegt, die bei Tafeln euphemistisch "Kunden" genannt werden. Und diese Menschen überlegen sich dann, was eigentlich mit ihnen passiert ist. Immer wieder hörte ich diese Klage: Wir stehen vor der Tafel, aber wir stehen auch vor dem Abgrund unseres eigenen Lebens. (…) In den letzten 20 Jahren ist dabei etwas entstanden, das ich übergreifend Armutsökonomie nenne. Armutsökonomien verwalten das Soziale nach ökonomischen Kriterien, nicht nach sozialen. Der armutsökonomische Markt zeichnet sich dadurch aus, dass Dritte dort von der Armut Anderer profitieren und dies als "Engagement" ausweisen können. Tafeln spielen in diesem Markt eine Vorreiterrolle. Sie unterliegen einer Dauersynchronisation zwischen den Interessen der Politik, der Wirtschaft, der Medien sowie ihren eigenen Interessen. Tafeln optimieren ihren Claimholder-Value vor allem zum Nutzen von Unternehmen und deren Corporate-Social-Responsibility-Maßnahmen.
Problematisch ist nur, dass die für die Lebensmittelindustrie imagefördernde und kostensparende Entsorgung von Lebensmittelüberschüssen an Tafeln weder das Überschuss- noch das Armutsproblem ursächlich löst. Die Lebensmittelkonzerne und weitere Unterstützer erkaufen sich mithilfe der liebgewonnenen Tafeln lediglich Ruhe, damit sie ihrem Kerngeschäft, der Gewinnmaximierung, nachgehen können. "Social Washing" in Zeiten inszenierter Solidarität…"

11. Interventionen » Wirtschaftspolitische Gegenwehr:
Wirtschaftskrisen und der alltägliche Kapitalismus »
Mobilisierungsdebatte: Wie kämpfen gegen die Krisenfolgen?

a) Konkrete Utopien

"Mit den Hartz-Regelungen entwickeln Staat und Kapital die Herrschaftsform »Anpassung durch Verunsicherung«. Linke Politik kann die daraus resultierende Selbstunterdrückung der Krisenopfer nur mit alltagsnahen Alternativen aufbrechen…" Artikel von Werner Seppmann in junge Welt vom 13.04.2013 13.04.2013: Konkrete Utopien (Tageszeitung junge Welt)

Aus dem Text: "… Aber durch die herrschenden ideologischen Reproduktionsbedingungen, die Anpassung fördern, und durch das Fehlen einer Kultur des Widerstands, die ihren sichtbaren Ausdruck in der »Neutralisierung« gewerkschaftlicher Gegenmacht findet, werden die sozialen Katastrophenzustände gerade von den unmittelbaren Opfern in einer hinnehmenden und selbstunterdrückenden Weise verarbeitet. Dieser Problemkomplex muß näher betrachtet werden, um deutlich zu machen, weshalb der Neoliberalismus in seiner Durchsetzungsphase ein so leichtes Spiel hatte und den kapitalistischen Akteuren kaum Widerstand entgegengeschlagen ist. (…) Die Durchsetzungsgeschichte des Neoliberalismus ist ein Beispiel dafür, daß – anders als immer noch in der Linken verbreitete Auffassungen suggerieren – Krisen in der Regel einen Stabilisierungseffekt für das Kapitalverhältnis haben: Sind die Kräfte der Gegenwehr schwach entwickelt, festigt die Krise durch ihre verunsichernde und verängstigende Wirkung die Macht der Herrschenden.
Sie ist Funktionselement des Kapitals: Sie führt zwar zu ideologischen Legitimationsverlusten – und stabilisiert dennoch (zumindest temporär) bestehende Verfügungsverhältnisse. (…) Warum durch Ausgrenzung und Marginalisierung der Lohnabhängigen zumindest temporär machtstabilisierende Effekte entstehen, erklärt sich auch aus den vorherrschenden Verarbeitungsformen der Krise, mit ihren tief in die Psyche der Betroffenen eindringenden Konsequenzen: Ausgrenzung verursacht Vereinzelung und dadurch ein Moment von Wehrlosigkeit. (…) Politisch produktiv wäre es dagegen, auf Grundlage des Wissens um die Formen der selbstunterdrückenden Krisenverarbeitung herauszuarbeiten (das ist tatsächlich bisher nur unzureichend geschehen!), daß es sich bei der Resignation um keine festgeschriebenen Zustandsformen handelt.
Jedoch müssen diese regressiven Reaktionsweisen berücksichtigt, in ihren tiefgreifenden, oft auch destruktiven Wirkungen analysiert werden, wenn Klarheit darüber entstehen soll, wie Widerstand dennoch möglich ist, und Prozesse der Gegenwehr trotz alledem in Gang kommen und unterstützt werden können…"
 
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