Selbständigkeit nach Unabhängigkeit vom Job Center: Erfahrungen nach 2 Jahren. (1 Betrachter)

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ExitUser

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Hallo zusammen,

ich wollte mal meine Erfahrungen kundtun nach knappen 2 Jahren Unabhängigkeit vom JC.

Zuersteinmal muss man nicht glauben, dass man nach Unabhängigkeit vom JC nun die ultimative Freiheit erlangt hat, es sei denn natürlich man ist persönlich sehr leistungsfähig oder hat wirklich ein Produkt / Dienstleistung, wo man sehr viel Geld für nehmen kann.

Der Kontakt mit dem Job Center war bei mir ja erst wirklich 1,5 Jahre nach der eigentlichen Abmeldung vorbei, nachdem die Bürokraten dort endlich errechnet hatten, was ich ihnen noch schulde. Etwas was ich mir schon weit vorher errechnet hatte. So lange dürfte ich noch eine größere Summe vorhalten....und zu 0,5 % Zinsen anlegen.

Auch wenn die Drangsalierung des JC einen nervt oder gar die Entfaltung der SElbständigkeit behindert, so sollte man sich über mehrere Kostenpunkte konkret informieren bzw. im KLaren sein. Und damit meine ich wirkliche Kostenvoranschläge der gewünschten KV und nicht irgendwelche Internetrechner, da diese sehr ungenau sein können.

1. Die Krankenversicherung

Die Pflegeversicherung wird ja zusammen mit dem KV-Beitrag entrichtet, dies lassen die meisten Internetrechner außer Acht. Ebenso wird bei Selbständigen immer das Krankengeld weggelassen. Das muss man extra beantragen. Für jemanden der sich vom JC lossagen will im Jahr 2015 als Single wird der Gesamtsatz OHNE Krankengeld 243,10 € betragen. (Zusatzbeiträge, die die KK dieses Jahr erheben dürfen sind NICHT mit gerechnet. Auch diesen geringeren Satz muss man extra beantragen. Dies ist aber ein geringer Aufwand und schnell erledigt und bewilligt.

2. Bei der GKV kann man recht günstig Krankenhaustagegeld Zusatzverträge abschließen. Sowas kann sehr nützlich sein, da das gesetzliche Krankengeld erst nach 43 Tagen eintritt. Bis dahin hat man nichts zum Überbrücken. Für ca. 50 € jährlich kann man sich versichern und bis zu ca. den ALG2 Satz + KdU im Monat bekommen. Krankenhaustagegeld ist meistens begrenzt, man sollte also zwingend Krankengeld haben.

3. Altersvorsorge

Man sollte sich irgendwas einfallen lassen, ob das nun Fonds sind, eine Privatrente oder was auch immer. Den Betrag kann man meistens recht variabel festlegen, aber mit 25 € wird er mindestens zu Buche schlagen pro Monat. Und dann sollte man sich im Klaren darüber sein, dass dieser Betrag eigentlich nur gerade mehr als gar nichts ist. Ich zahle derzeit etwas über 200 € ein in ein breit gefächertes Portfolio von ETFs, Fonds und Privatrente. Das tue ich nicht wirklich gerne, da mir das Geld an anderer Stelle fehlt, aber wenigstens die Fonds schütten immer mal wieder etwas aus, so kann ich mir ein passives Einkommen aufbauen.

4. Rundfunkbeitrag

Diesen bekommt man als ALG2 Empfänger ja bezahlt bzw. man wird freigestellt. Das sind auch ca. 210 € im Jahr, welche anfallen.

5. Kosten der Selbständigkeit

Z.B. wenn man ein Büro braucht. Mietkosten, Stromkosten, Heizkosten, Telefon /Internetkosten und streng genommen sogar nocheinmal den verf...en Rundfunkbeitrag, dann aber einen geringeren. Glücklicherweise kann man diese Kosten dann aber vollends als Kosten geltend machen und von der Umsatzsteuer absetzen. Bei mir sind das zusammen um die 200 € brutto / Monat.
Man sollte sich auch Gedanken über eine Betriebshaftpflichtversicherung machen. Ich habe keine, da ich sie mir nicht leisten kann, aber da bin ich kein Maßstab. Je nach Branche werden da ca. 500 bis 1000 € im Jahr drauf gehen.

Ebenso kann es sein, dass man IHK-Beitrag bezahlen muss.

6. Mietpreissteigerungen sowie Strompreissteigerungen u. Heizkostensteigerungen.

Mein Strompreis hat sich um fast das Doppelte erhöht in den letzten 4 Jahren. 2011: 300 €, 2015: 500 € jährlich. Bei einem Verbrauch von mickrigen 1500 - 1600 kwh.

Um mal konkrete Zahlen zu bringen:

Fixkostenentwicklung (Hierin enthalten sind alle wiederkehrenden Kosten)

2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015

7090 7770 7620 8560 9805 13285 15774


2010= Beginn der Selbständigkeit, 2013= Unabhängigkeit vom JC. Das sind nur die Privatkosten. Selbstverständlich ist zu beachten, dass Altersvorsorgekosten nicht weg sind, dennoch kann man nicht mehr ohne Weiteres darüber verfügen.

Man sieht also mehr als eine Verdoppelung der Kosten in 6 Jahren. Der Kostenpunkt welcher vermeidbar ist, ist einzig und allein die Altersvorsorge. Aber das kann einem dann eben nach 30 Jahren schwer auf die Füße fallen. Zumal die 3 Kinder, die es dann noch in Deutschland gibt nicht sehr glücklich darüber sein werden^^.

Man muss sich außerdem über diverse Freibeträge und Mindestbemessungsgrenzen im KLaren sein und über das Jahr hinweg selbst prognostizieren können, ob man diese Grenzen überschreitet. Tut man dies, kann es schnell sehr teuer werden.

Die Ermäßigung in der GKV (Mindestbemessungsgrundlage f. Existenzgründer liegt 2015 bei 1.417,50 €) fällt z.B. weg, wenn man steuerpflichtige Kapitalerträge hat. D.h. man darf den Sparerpauschalbetrag von 801 € nicht überschreiten. Besondere Vorsicht ist da bei diversen Fonds geboten.

Man sollte außerdem stets im Blickfeld haben, was man an Steuern zu zahlen hat. Und zwar sehr genau.

Fazit: Ich habe weit weniger Bürokratie als mit JC, mein Briefkasten ist eigentlich immer leer, ich bin nicht mehr abhängig von einem einzigen Geldgeber und ich kann weitestgehend mit meinem Geld tun und lassen was ich will, wenn es darum geht wo ich es investiere. Natürlich gibt es auch hier Grenzen.
Der Druck Geld verdienen zu MÜSSEN ist allerdings sehr gestiegen und dieser Druck kann manchmal psychisch sehr belastend sein. Außerdem bekommt man nicht immer sein Geld, nur weil man eine Rechnung geschrieben hat. Geldeintreiben ist ungefähr so spaßig wie ein Widerspruch beim JC. Und die Zahlungsmoral ist wirklich lausig........die Ausreden die man da manchmal hört sind schlechter als die von dem chronischen Zuspätkommer damals in der Schule!!!
Das Schlimme daran: Die Leute haben das Geld, sie waren zufrieden mit der Leistung, sie haben auch dran gedacht zu bezahlen. Aber sie tun es einfach nicht.
Von daher würde ich sagen ist die Selbständigkeit zwar besser als das Leben als ALG2-Empfänger, aber nicht einfacher. Es ist nur selbstauferlegter Zwang und Stress und damit leichter zu verkraften.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich noch hätte ein halbes Jahr ALG2-Bezug hinten dran hängen sollen, damit wäre mir der Übergang mit Sicherheit leichter gefallen, da ich mit deutlich mehr Geld rausgegangen wäre. Die Freibeträge beim ALG2 sind nämlich auch nicht zu unterschätzen. Außerdem natürlich die kostenlose KV.

Also: Gut durchrechnen vorher und nichts überstürzen!
 

BiancaBerlin

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Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich noch hätte ein halbes Jahr ALG2-Bezug hinten dran hängen sollen, damit wäre mir der Übergang mit Sicherheit leichter gefallen, da ich mit deutlich mehr Geld rausgegangen wäre. Die Freibeträge beim ALG2 sind nämlich auch nicht zu unterschätzen. Außerdem natürlich die kostenlose KV. Also: Gut durchrechnen vorher und nichts überstürzen!
Toll, daß Du es trotzdem geschafft hast, und das sehr wahrscheinlich sogar dauerhaft! :icon_daumen:
 

hunter11

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Schöne Zusammenfassung !

Je nach Familienstatus mußt Du auch noch die Vergünstigungen der Kindergartenbetreuung, Schulbeiträge, Essensgelder, Übermittagsbetreuungsgebühren auffangen, die dann doch schon ein
REGELMÄSSIG und NACHHALTIG zu erwirtschaftendes Nettioeinkommen
in deiner Selbstständigkeit ergeben, dass einem da schon mulmig werden kann.

Die schwierigsten Parameter hierbei sind zum einen die Freunde vom FA die, falls es denn wirklich mal ein Jahr gut laufen sollte, unbarmherzig im Folgejahr mit ihren
Vorauszahlungen kommen (und denen ist egal, dass Du kurz vorher noch Leistungsbezieher warst und jetzt eigentlich "stolz" bist, wie am Steuerterror teilzunehmen) und die Zahlungsmoral deiner Auftraggeber: Wie Du schon beschrieben hast, ist bei vielen die Bonität und grundsätzliche Bereitschaft da,
aber sie zahlen einfach nicht !
 
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ExitUser

Gast
Schöne Zusammenfassung !

Je nach Familienstatus mußt Du auch noch die Vergünstigungen der Kindergartenbetreuung, Schulbeiträge, Essensgelder, Übermittagsbetreuungsgebühren auffangen, die dann doch schon ein
REGELMÄSSIG und NACHHALTIG zu erwirtschaftendes Nettioeinkommen
in deiner Selbstständigkeit ergeben, dass einem da schon mulmig werden kann.

Die schwierigsten Parameter hierbei sind zum einen die Freunde vom FA die, falls es denn wirklich mal ein Jahr gut laufen sollte, unbarmherzig im Folgejahr mit ihren
Vorauszahlungen kommen (und denen ist egal, dass Du kurz vorher noch Leistungsbezieher warst und jetzt eigentlich "stolz" bist, wie am Steuerterror teilzunehmen) und die Zahlungsmoral deiner Auftraggeber: Wie Du schon beschrieben hast, ist bei vielen die Bonität und grundsätzliche Bereitschaft da,
aber sie zahlen einfach nicht !
Ja da hast du recht. Mit den Kosten die eine Familie so hat, kenne ich mich nicht so aus. Allerdings wenn es eine richtige Familie ist, kann man wohl auch von einer Kostenteilung ausgehen sowie im Idealfall von Familienversicherung. Das Leben als Familie ist m.M. nach nur teurer wenn man alleinerziehend ist. Als Single der nicht schummelt (Sprich als Frau sich bei nem reichen Typen einmieten oder als Typ mit 35 noch bei Mama wohnen) ist das Leben echt teuer wenn man nicht gerade 2K netto im Monat hat.
Ich finde man kann das mit dem FA ziemlich gut planen. Zumindest wenn man Solo-Selbständiger ist. Da muss man sowieso ab und zu mal abwägen, ob der eine oder andere Auftrag einem nicht ne Nummer zu groß ist.
Zurzeit arbeite ich nur noch die Hälfte von dem was ich letztes Jahr gearbeitet habe, verdiene aber das gleiche weil ich die Preise angepasst habe. Irgendwann merkt man auch, dass man als Mensch nur begrenzt viel leisten kann, also kann der Umsatz auch nicht ins Unermessliche steigen. So ist das zumindest bei mir.

Ja ich weiß auch nicht was das mit den Nichtzahlern soll. Ich habe das Gefühl, die wollen einfach nur testen wie lange man das Spielchen mitspielt, um zu sehen wie weit sie kommen wenn sie wirklich mal kein Geld mehr haben.
Es ist nur so furchtbar peinlich für beide Seiten, wenn ich da anrufe und frage ob alles ok ist oder ob es Probleme gab, da meine Rechnung noch nicht überwiesen wurde. Und dann beteuert man, sie sei gestern überwiesen worden. Nach einer Woche ruft man wieder an und die Rechnung wurde dann plötzlich vor einer halben Stunde überwiesen.....das war ja dann also offensichtlich eine glatte Lüge beim ersten Mal.
Privatkunden erzählen einem dann nach 3 Monaten "Ach ja, hab ich nicht gemacht, weil ich keinen Bock hatte, sind doch eh nur 50 €".
Das Schärfste war mal eine Ratenzahlung für 54 € die ich einer Kundin eingeräumt hatte mit einer Zahlpause für 2 Monate. Die erste Rate kam nach 3 Monaten und die zweite nach 5 Monaten.........nach Aufforderung!!
Von solchen Kunden sperre ich dann einfach die Telefonnummer. Das ist schade, da der persönliche Kontakt eigentlich immer gut ist, aber wer nur nimmt und nichts gibt der ist bei mir unten durch.
 
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