Seelische Zumutbarkeit einer Maßnahme oder eines Arbeitsangebotes

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Yukonia

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Hallo an alle,

mich beschäftigt die Frage, wie sich (Sinnlos)Maßnahmen und (Sinnlos)Arbeitsangebote beim Betreffenden auswirken. Wie fühlt man sich, was geht in einem vor, wenn man Maßnahmen und Angebote faktisch aufgezwungen bekommt. Reagiert ihr eher gelassen oder werdet ihr wütend, hinterläßt es bei euch tiefer gehende Gefühlsveränderungen, die sich auch auf euren normalen Alltag auswirken?

Warum frage ich das?

§ 31 SGB II Abs. (1) besagt:


§ 31 SGB II Pflichtverletzungen

(1) Erwerbsfähige Leistungsberechtigte verletzen ihre Pflichten, wenn sie trotz schriftlicher Belehrung über die Rechtsfolgen oder deren Kenntnis 1.sich weigern, in der Eingliederungsvereinbarung oder in dem diese ersetzenden Verwaltungsakt nach § 15 Absatz 1 Satz 6 festgelegte Pflichten zu erfüllen, insbesondere in ausreichendem Umfang Eigenbemühungen nachzuweisen,
2.sich weigern, eine zumutbare Arbeit, Ausbildung, Arbeitsgelegenheit nach § 16d oder ein nach § 16e gefördertes Arbeitsverhältnis aufzunehmen, fortzuführen oder deren Anbahnung durch ihr Verhalten verhindern,
3.eine zumutbare Maßnahme zur Eingliederung in Arbeit nicht antreten, abbrechen oder Anlass für den Abbruch gegeben haben.
Dies gilt nicht, wenn erwerbsfähige Leistungsberechtigte einen wichtigen Grund für ihr Verhalten darlegen und nachweisen.

und § 10 Abs. (1) Nr. 1 besagt:

§ 10 SGB II Zumutbarkeit

(1) Einer erwerbsfähigen leistungsberechtigten Person ist jede Arbeit zumutbar, es sei denn, dass 1.sie zu der bestimmten Arbeit körperlich, geistig oder seelisch nicht in der Lage ist,

Aus beiden §§ ergibt sich für mich, dass eine Maßnahme oder eine Arbeit auch seelisch zumutbar sein muss.

Habe ich einen falschen Gedankengang?

Über eine rege Diskussion würde ich mich freuen:icon_smile:
 

Charlot

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Hallo an alle,

mich beschäftigt die Frage, wie sich (Sinnlos)Maßnahmen und (Sinnlos)Arbeitsangebote beim Betreffenden auswirken. Wie fühlt man sich, was geht in einem vor, wenn man Maßnahmen und Angebote faktisch aufgezwungen bekommt. Reagiert ihr eher gelassen oder werdet ihr wütend, hinterläßt es bei euch tiefer gehende Gefühlsveränderungen, die sich auch auf euren normalen Alltag auswirken?

Als "alter Hase" versuche ich schon im Vorfeld, das es nicht zu einer Zuweisung kommt.
Falls doch, dann mit allen legalen Mitteln sich dagegen wehren.

Ich halte mich an alle geltenden Gesetze, und der MT sollte dies auch tun.

Schwierig ist es bei Newbies.
Die glauben erst einmal, das ein bewerbungstraining oder ein EEJ vielleicht wirklich was bringt.
Der SB ist ja schließlich vom Fach und hat ja gesagt, das dies alles zielführend ist.
Erst nach einer gewissen Zeit stellt man dann fest, das das alles Lug und Betrug ist.
 

Yukonia

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Das ist richtig, ich denke aber, dass man die seelische Unzumutbarkeit [sU]aber auch nachweisen muss. Und da wird es dann oft schwierig.

Ja genau! Und deshalb frage ich in diesem Thread nach: Was bedeutet sU, wie wirkt sie sich aus, woran erkennt man sie, wie weist man diese im Ernstfall nach und letztendlich wie wehrt man sich dagegen.
 

ZynHH

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Um den Nachweis seelischer Unzumutbarkeit fuhren zu können, wirst du

1. die Unterstützung eines Psychiaters benötigen und

2. an der Massnahme teilnehmen müssen. Wie sonst willst du nachweisen dass etwas nicht zumutbar ist, wenn du es noch gar nicht gemacht hast.

Neuer MT neues Glück.

Du wirst doch nicht etwas pauschal von außen ablehnen wollen, nur um es nicht machen zu müssen?
 

Caso

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mich beschäftigt die Frage, wie sich (Sinnlos)Maßnahmen und (Sinnlos)Arbeitsangebote beim Betreffenden auswirken.
Das weiß man erst, wenn man sie mitgemacht hat. Auf jeder M. steht drauf, was drin ist und auf keiner M. steht drauf, wie sie sich auf den einzelnen Teilnehmer auswirkt.
Es gibt Sensible und Robuste.
Es gibt Vorsichtige und Mutige.
Es gibt Belesene und Un-Belesene.
Die Wirkung geht nicht vorher festzustellen---für keinen.

Wie fühlt man sich, was geht in einem vor, wenn man Maßnahmen und Angebote faktisch aufgezwungen bekommt. Reagiert ihr eher gelassen oder werdet ihr wütend, hinterläßt es bei euch tiefer gehende Gefühlsveränderungen, die sich auch auf euren normalen Alltag auswirken?
Man oder ihr---wen sprichst du an?
Ich hatte mal ´ne relativ gute, vollkommen zumutbare Maßnahme. Und noch eine, die ich wegen der Leistungs-Fortzahlung einfach durchhielt. War aber auch nicht unzumutbar, weder seelisch noch sonstwie.
Man hat evtl. andere.
Ich bin relativ robust und belesen.
Man ist evtl. anders.

Demzufolge ist deine Fragestellung an so ein breites Publikum, welches sich auch nicht unbedingt als seelisch labil outen will, sicher etwas sehr übers Ziel hinausgeschossen.
Zum § 10
da gibts immer dieses Beispiel mit dem Vegetarier oder Veganer, der im Zuge einer Maßnahme ein Praktikum im Schlachthof machen soll o.s.ä.
Oder eben einen entspr. VV bekommt.
Oder ein Muslim, der den Friedhof von Christen pflegen soll...
Das sind Extrema, was gibt noch für Maßnahmen/VV, die üblicherweise seelisch unzumutbar sind?---Schwer zu finden...

und genau: Ohne einen bereits attestierten seelischen Knacks wirds noch viel schwerer, auf *Psycho* zu machen.
Sorry. Ich bin eben ziemlich robust.
 

Yukonia

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Um den Nachweis seelischer Unzumutbarkeit fuhren zu können, wirst du

1. die Unterstützung eines Psychiaters benötigen und

2. an der Massnahme teilnehmen müssen. Wie sonst willst du nachweisen dass etwas nicht zumutbar ist, wenn du es noch gar nicht gemacht hast.

Gut. Wie ist es zum Beispiel mit "Unterforderung". Der Elo wird in das vierte Bewerbungstraining geschickt. Sowas passiert doch. Er gibt dem SB zu verstehen, dass das wegen Unterforderung für ihn unzumutbar ist. Der SB bleibt hart. Das wäre vor der Maßnahme zu klären. Dazu muss er nicht erst in die Maßnahme. Soll der Elo sich erst eine Sanktion einfangen und das ganze auf dem Klageweg klären lassen?
 

ZynHH

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Du kannst den JC SB schriftlich auffordern dir mitzuteilen in wie fern nun die 4.te gleiche Massnahme dazu geeignet ist dich in Arbeit zu bringen oder vVermittlungshemmnisse zu beseitigen.
 

Yukonia

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und genau: Ohne einen bereits attestierten seelischen Knacks wirds noch viel schwerer, auf *Psycho* zu machen.

Genau darum gehts mir nicht! Die attestierten Krankheiten sollen außen vor bleiben.

Um beim Beispiel zu bleiben: Unterforderung macht was mit jemandem. Er kann z.B. Aggressionen entwickeln. Deshalb gehört er noch lange nicht in die Psycho-Schiene.
 

0zymandias

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Unterforderung, wenn sie vorliegt, ist ein stichhaltiges Argument gegen eine Maßnahme (es gibt auch Urteile dazu).

Rein theoretisch sollte sie auch vom eLBen vor der Maßnahme erkannt und als Unzumutbarkriterium beurteilt werden können, denn die Maßnahmenzuweisung soll so sein, dass der eLB diese Beurteilung machen kann.
Praktisch ist nahezu jede Maßnahmenzuweisung in ihrem Informationsgehalt zu unsubstantiiert und in der Regel lässt sich das JC erst durch ein SG in der Sanktionsfrage gnädig stimmen.

Deswegen wird oft zu diesem Eiertanz mit der Nicht-Unterschrift geraten.

Nachtrag: Zu...
[...] Er kann z.B. Aggressionen entwickeln. [...]
...möchte ich meine Empirie beisteuern: Er kann, in der Tat. ;)
 

Yukonia

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Du wirst doch nicht etwas pauschal von außen ablehnen wollen, nur um es nicht machen zu müssen?

Es geht nicht um mich. Ich muss nichts abwehren.
Ich lese seit langem im Forum. Es ist voll Berichten, dass die Elos zu Unterschriften genötigt werden, dass sie in Maßnahmen gedrängt werden, die sie nicht machen wollen, in denen sie keinen Sinn sehen usw. Es ist auch voll von Hinweisen, wie man sich gegen Eingliederungsvereinbarungen, Verwaltungsakte, Maßnahmen etc. wehrt.

Es ist, glaube ich, legitim, die Frage nach der seelischen Zumutbarkeit zu stellen auch für Elos, die sich als "gesund" empfinden. Nötigung, Drohung, Zwang, Druck, Repression, Sanktion - Worte, die ich immer wieder lese. Und (vor längerer Zeit) selber erfahren habe.

Aktuell beklagt man den Anstieg der psychischen Krankheiten. In unserem Fall wird der damit begründet, das Elos zu lange arbeitslos sind. Das aber eigentlich das "System" Hartz 4 dafür verantwortlich ist, wird gerne verschwiegen.

Und darum frage ich hier nach. Was passiert mit den "Gesunden", wenn sie sich diesem System ausgesetzt sehen.
 

Caso

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Gut. Wie ist es zum Beispiel mit "Unterforderung". Der Elo wird in das vierte Bewerbungstraining geschickt. Sowas passiert doch. Er gibt dem SB zu verstehen, dass das wegen Unterforderung für ihn unzumutbar ist. Der SB bleibt hart. Das wäre vor der Maßnahme zu klären. Dazu muss er nicht erst in die Maßnahme. Soll der Elo sich erst eine Sanktion einfangen und das ganze auf dem Klageweg klären lassen?
Warum würde der SB ein 4. Bewerbungstraining für *sinnvoll und zielführend* halten? Gibts das wirklich? 4 x B-Training?
Was sagen die Bewerbungs-Unterlagen? Sind die 1a? Was *bezeugnist * der MT?
Worin bestünde die Unterforderung? Kennt er alles auswendig?

ich glaube, es ist noch immer der deutliche Hinweis in der Begründung, man möge doch nachweisen, wieviel % tatsächlich eingegliedert wurden nach und durch diese Maßnahme...
Ansonsten ist da wohl kein Unzumutbarkeits-oder Unterforderungskräutlein gegen gewachsen.
Eher werden die MT einfallsreicher und skurriler...hat man den Eindruck, wenn man hier mal Flyer dazu liest...
 

Caso

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Aktuell beklagt man den Anstieg der psychischen Krankheiten. In unserem Fall wird der damit begründet, das Elos zu lange arbeitslos sind. Das aber eigentlich das "System" Hartz 4 dafür verantwortlich ist, wird gerne verschwiegen.
Da sollte man bitte differenzieren.
Wer beklagt den Anstieg von psychischen Krankheiten?
Du vermengst hier *unseren Fall* mit der sehr allg. Aussage des Anstiegs von psych. Erkrankungen.
Um hier eine systematische Ursache feststellen zu können, müsste man aber genaue Fakten haben.
Wenn du durch Lesen im Forum den Eindruck gewinnst, daß es generell so sei, wie du liest, vernachlässigst du leider den großen Anteil derer, die nie etwas ins Forum schreiben und von denen man auch nicht weiß, ob sie robust sind oder sich gezwungen und psychisch belastet fühlen. Du liest auch nichts von denen, die überhaupt nicht mit Hartz 4 in Berührung kommen und trotzdem psychisch erkranken. Du ziehst deinen Gesamt-Eindruck dann aus dem geringen Anteil von Forenusern in Relation zu Elos.
Das verzerrt zwangsläufig das Bild.
Ärztliche Statistiken zu psychischen Erkrankungen UND dann dazu die Relation, wieviele Elos sind psychisch erkrankt WEGEN oder DURCH Maßnahmen wären hier die Grundlage.
So etwas ist sicher nicht bekannt oder hast du valide Daten?
Das wäre aber Voraussetzung für eine sachliche Diskussion über dieses hochsensible Thema.

Mit der Aussage, daß ich robust bin, wollte ich nicht sagen, daß alle robust sein müssen.
Eher, daß es sehr unterschiedliche Konstitutionen gibt und daß jeder je nachdem eben besser oder schlechter wegsteckt. Alles----nicht nur Erwerbslosigkeit.
 

Franz04

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Also,

ich kann TE ein bischen Kraft spenden. Die nötigste Kraft.

Ich habe mal bei einem Krankenhaus als Medizintechniker mit 1870 Euro Übergangsgeld ein Praktikum gemacht letztes Jahr. Ich habe dort alle Nachtschränkchen, über 200 Betten umgebaut mit Makita und Nietzange, nebenbei habe ich im Schwesternschülerwohnheim die Stühle repariert und auch den Müll von den Schwesternschülerinnen in die großen Container mit einem Flurwagen gefahren.

Die Krankenschwesterschülerinnen haben einen Kellerraum, der zwei mal pro Woche voll geworfen ist mit Binden etwas Restessen und ordentlich Pullen Vodka. Da habe ich den ganzen Tag Dienstags und Donnerstags gebraucht, um den Raum in die großen Müllpressen zu fahren. Ich bekam einen Anschiss, wieso ich die Pullen vom Schwesternwohnheim nicht im Glascontainer entsorge. Glas wiegt ja viel.

Ich bin aber auch mittags zwei Stunden in Eiscafe gegangen und habe dem Geschäftsführer vom Krankenhaus, der meine Arbeit für wertvoll hällt, gesagt, dass ich bei ihm nicht anfange, weil ich auch die Biotonnen mit dem Schlauch ausgespritzt habe.

Ich bin nach Ende der Maßnahme einfach nach Hause gefahren. Über Umwege kam dann das Arbeitszeugnis, dass ich dem Krankenhaus so geholfen habe mit tadellosem Einsatz für 1.870 netto auf Rentenversicherung.

Ich habe mir keinen Zacken aus der Krone gebrochen auch nur schmutzige Arbeiten zu machen. Das Betriebsklima unter den Technikern dort war Kacke. Der erste Elektriker sprach von Lötzink statt von Lötzinn. Ein Idiot.
 

Franz04

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Tierheim oder Psychiatrie. Wer als Mensch nicht gesellschaftskompatibel ist, kommt in die Psychiatrie. In der Psychiatrie kann einem kein Arzt langfristig helfen.

In einem Tierheim kann auch kein Tierpfleger einem Tier langfristig helfen.

Golden Red River sind in, die spenden Liebe und bekommen Liebe.
 

Yukonia

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Wer beklagt den Anstieg von psychischen Krankheiten?

Nürnberg - Wer von Hartz IV leben muss, leidet besonders häufig unter psychischen Erkrankungen: Bei mehr als einem Drittel der Bezieher wurde innerhalb eines Jahres mindestens eine psychiatrische Diagnose gestellt. Einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie der Universität Halle-Wittenberg zufolge ist der Anteil der Betroffenen in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

Jeder dritte Hartz-IV-Empfänger ist psychisch krank
 

dummwiebrot

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Golden Red River sind in, die spenden Liebe und bekommen Liebe.
Was bitte sind Golden Red River?
Könnte es sein, dass Du Golden Retriever meinst? Nun, in dem Fall solltest Du Deine Aussage:
Der erste Elektriker sprach von Lötzink statt von Lötzinn. Ein Idiot.
noch mal überdenken. Du weist schon, wegen Glashaus und Steine.


Ergänzend zu der Frage von Harte Sau:
Wie viele davon waren es schon bevor sie ALG2 bekamen?
Wie viele, egal ob in Arbeit oder ELO, sind es und waren deswegen noch nie beim Arzt, einfach weil es ihnen unangenehm ist (O-Zon eines guten Freundes "Ich hab doch nix am St0pp.")?

In meinem engeren Freundeskreis habe ich 4 psychisch Kranke. 3 von denen stehen in einem festen Arbeitsverhältnis, waren noch nie von ALG2 abhängig. Die vierte war schon psychisch krank bevor sie, auf Grund ihrer Erkrankung, erwerbslos wurde.

Armut/Hartz IV macht krank, das wird sicher niemand bestreiten. Im Umkehrschluß kann man aber auch davon ausgehen, dass schlechte Gesundheit, früher oder später, den Weg in die Armut/Hartz IV begünstigt.
 

Charlot

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Nun, es geht hier ja laut Überschrift um die seelische Zumitbarkeit einer Maßnahme.
Da möchte ich gerne etwas abschweifen und etwas auf das seelische mit dem JC allgemein lenken.

Rutscht man ins Alg2, dann ist das erst einmal niederschmetternd.
Niemand möchte das, in der Gesellschaft sind diese Leute ausgegrenzt.
Viele machen einfach irgendwas, um nicht zum Hartzer zu werden.

Geht es nicht anders, so wird dann notgedrungen Hartz4 beantragt.
Und das JC versucht alles, um diese leute wieder loszuwerden.
Es gibt SB's, denen ist es egal, ob der "Kunde" einen Job bekommt oder ob er sich umbringt. Wichtig ist allein, das dieser "Kunde" von seinem Schreibtisch verschwindet.
in der Jahresbilanz sieht das dann gut aus.

Die Leute werden in Ein-Euro-Job oder Bewerbungstraining gesteckt.
Je länger oder je öfter, desto besser.
Das das nicht hilfreich ist, ist jedem SB bekannt.

Weiterhin wird dem "Kunden" klar gemacht, das es alleine an ihm liegt, das er arbeitslos ist.
Die Bewerbung ist negativ, das auftreten beim Vorstellungsgespräch war miserabel, etc.
Und nach einem Termin beim SB fühlt sich der "Kunde" nicht gerade motiviert.

Der Termin zur nächsten Einladung rückt näher, und dem "Kunden" geht durch den Kopf, was er wohl diesmal zu hören bekommt.
Drohungen zum Entzug des Existenzminimums, Angebot einer Maßnahme usw.
In seinem Kopf arbeitet er vorher schon Abwehrstrategien aus.
Hilfe wird er nicht erwarten, das ist jedem "Kunden" bekannt.


Manch einer verkraftet das nicht und wird zum seelischen Wrack.
dazu immer die Angst, gekürzt zu werden, sich nicht mehr ernähren zu können, die Wohnung zu verlieren und vieles mehr.
Und viele SB's wissen um den Zustand und nutzen diesen aus.
Deshalb der nächste Ein-Euro-Job, das nächste Bewerbungstraining usw.
Für ihn ist es dann wieder einer weniger auf dem Schreibtisch.

Und da ist es nicht verwunderlich, das einige auch ausrasten und gewalttätig werden.
In der Pressemitteilung heisst es dann lediglich: "Der Alg2-Empfänger war nicht bereit, an seiner Integration in den Arbeitsmarkt mitzuwirken."
Die Vorgeschichte ist nicht bekannt.
 

0zymandias

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In Ergänzung:
Rogges fünf Modi von Arbeitslosigkeit
1. Im Modus der Umstellung sind vor allem geringqualifizierte Menschen mit prekären Erwerbsbiographien, die immer wieder, aber nur für kurze Zeit, arbeitslos werden, sich rasch auf ihre Arbeitslosigkeit ein- und umstellen, und sich bei Leih- oder Zeitarbeitsfirmen verdingen, bevor ihr Arbeitslosengeld-1 ausläuft. Sie sind sich sicher, dass sie wieder Arbeit finden werden. Sie sehen sich selbst als "normale Arbeitslose" und grenzen sich scharf von denen ab, die sie als "asoziale Arbeitslose" bezeichnen. Ob sie arbeiten oder nicht, macht für ihre psychische Gesundheit nur einen geringen Unterschied.
2. Im Befreiungsmodus fühlen sich die Befragten einer psychisch belastenden Erwerbsarbeit entledigt. Sie verfügen über hohe materielle und berufliche Ressourcen, kultivieren ihre Freizeit und erleben eine "Auszeit", eine Zeit der Wiederaneignung ihres Selbst und der gestiegenen Lebensqualität. Auch sie gehen fest von einer Rückkehr in die Erwerbsarbeit aus. Sie haben die Arbeitslosigkeit oft selbst gewählt und halten sich darum für "anormale", ja "heroische Arbeitslose". Ihnen geht es psychisch besser als vor der Arbeitslosigkeit.
3. Der Kampfmodus ist schon häufig beschrieben worden. Hier steht für die Befragten ihr altes Ich auf dem Spiel. Sie sind sich unsicher, ob sie jemals wieder in ihr Leben von vor der Arbeitslosigkeit zurückkehren können. Es herrscht die Angst, sozial auf Dauer abzurutschen, der Alltag besteht nur noch aus Arbeitssuche, Nervosität und Erschöpfung, die sozialen Beziehungen sind in Mitleidenschaft gezogen. Familienväter und -mütter sind besonders oft in diesem Modus zu finden, sind sie doch bestimmt von der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder und dem Gefühl, ihre Elternrolle mangelhaft auszufüllen. Die Frauen und Männer im Kampfmodus wollen den drohenden Makel der sozialen "Minderwertigkeit" abwenden. Sie kämpfen, und ihre Psyche ist deshalb in Aufruhr. Diese Gruppe ist die am meisten belastete und weist durchgehend Depressivitäts-, Ängstlichkeits- und Aggressivitätswerte auf, die die Schwelle zu einer klinisch relevanten Erkrankung überschreiten.
4. Im Verfallsmodus besteht keine Hoffnung mehr, in das "alte Leben" zurückzukehren. Hier wird im Alltag nur noch resignativ durchgehalten, soziale Bindungen sind gekappt, die Selbststigmatisierung ist in vollem Gange. Es sind überwiegend Langzeitarbeitslose, die inzwischen nicht mehr von einer wesentlichen Änderung ihrer Situation ausgehen. Hier dominiert das chronische Empfinden des Selbstverlusts und der Selbstabwertung, denn die Schatten des alten Lebens und die Anforderungen der Arbeitsgesellschaft sind noch immer präsent. Die psychische Gesundheit ist auch in dieser Gruppe stark beeinträchtigt.
5. Im Transformationsmodus schließlich finden sich die langzeitarbeitslosen Befragten mit ihrer Situation ab und entwickeln eine gelingende Lebensführung außerhalb des Arbeitsmarktes. Sie solidarisieren sich mit anderen, die sich unter Umständen in ähnlichen Erwerbssituationen befinden, und entfalten stigmaresistente, alternative Deutungen ihrer Arbeitslosigkeit. Nachdem viele eine psychische Krise durchgemacht haben, stabilisiert sich die Gesundheit im Transformationsmodus wieder.
[Quelle: Die vielen Gesichter der Arbeitslosigkeit - Job & Karriere - derStandard.at ? Karriere, Benedikt Rogge]
 

Caso

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ich kann TE ein bischen Kraft spenden. Die nötigste Kraft.
Leider hast du das Thema verfehlt. Lies mal den 1. Beitrag. Macht aber nichts.
Du hattest höchstwahrscheinlich schon vor jeder Maßnahme eine psychisch bedingte Problematik, die letztlich zu dieser Reha führte.
Hallo, Elch.
 

Yukonia

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Demzufolge ist deine Fragestellung an so ein breites Publikum, welches sich auch nicht unbedingt als seelisch labil outen will, sicher etwas sehr übers Ziel hinausgeschossen.

Gut. Mag sein, dass ich das Thema etwas pauschal angegangen und übers Ziel :icon_frown: hinausgeschossen bin. Lässt sich leider nicht mehr ändern. Aber um das zu heilen, ist ja ein Forum wie dieses nicht die schlechteste Sache, oder?

Wer sich "outen" will, seelisch labil (ist das eine Krankheit?) oder nicht, kann das ja selbst entscheiden, denke ich.

Aber schon das Wort "outen" weist doch auf eine Problematik hin, über die möglichst nicht gesprochen werden soll. Warum muss man sich "outen", wenn man darüber spricht, welche Auswirkungen auf die Psyche (hier Seele) ein "repressives" System hat?

Ich finde, diese Problematik gehört in einem Hilfe-Forum wie hier einfach dazu und nicht "unter den Teppich gekehrt".
 

Caso

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Gut. Mag sein, dass ich das Thema etwas pauschal angegangen und übers Ziel :icon_frown: hinausgeschossen bin. Lässt sich leider nicht mehr ändern. Aber um das zu heilen, ist ja ein Forum wie dieses nicht die schlechteste Sache, oder?
Wer sich "outen" will, seelisch labil (ist das eine Krankheit?) oder nicht, kann das ja selbst entscheiden, denke ich.
Aber schon das Wort "outen" weist doch auf eine Problematik hin, über die möglichst nicht gesprochen werden soll. Warum muss man sich "outen", wenn man darüber spricht, welche Auswirkungen auf die Psyche (hier Seele) ein "repressives" System hat?
Ich finde, diese Problematik gehört in einem Hilfe-Forum wie hier einfach dazu und nicht "unter den Teppich gekehrt".
Ja, das sehe ich ein. Der Ausdruck --seelisch labil-- ist keine Diagnose. Dann sollte es besser um ärztl. diagn. psychische Erkrankungen/Krankheiten gehen.
Und wenn *outen* als verwendeter Begriff in einem anonymen Forum auch schon auf empfindliche Seelen stößt, dann kann man diesen Begriff auch ersetzen: *darüber schreiben als Betroffener*.---So? Gerne doch;-)
Psych. Krankheiten sind dann solche, die fachärztlich diagnostiziert sind. Zu denen es evtl. auch schon amtsärztliche Gutachten gibt.
Wer aber zu denen gehört, die erst einer Maßnahme zugewiesen werden, also durch Maßnahmen und deren Wirkung noch nicht psychisch erkrankt sind---was ist mit denen?
Werden die Teilnehmer evtl. dadurch erst psychisch krank? Das wolltest du auch wissen.
Wer wird durch Maßnahmen psychisch krank? Welche Teilnehmer?
Welche Maßnahmen könnten psychisch krank machen?
Oder ist es die Häufung von Maßnahmen, die Betroffene mitmachen?
Oder ist es die Alternativlosigkeit, die trotz Maßnahmen nicht aus Hartz 4 bringt?
Ist es eine Mischung aus allem?
Ist es bei jedem anders (gerade weil es nichts Organisches, sondern Psychisches ist) und wird auch jeweils anders empfunden?
Gibt es auch --seelisch Labile--, die ganz ohne Diagnose, erkrankt zu sein, ihr Leben leben?

Selbstverständlich sollte NICHTS unter den Teppich gekehrt werden.
Es sollte aber auch gefragt werden dürfen: Was bringt die Diskussion? Was bringt eine weitere IAB-Studie?
Bringt das alles nicht nur was, was die allermeisten schon lange wissen?
Ich möchte auch die Ergebnisse der Studie (statistische Methoden sind nichts psychisches) nicht in Abrede stellen, trotzdem fragen dürfen:
1.Ist eine Depression eine psychiatrische Diagnose? Zählt die als solche?
2. Sagt diese Diagnose (>1xpa lt. IAB) bei mehr als 30% der Alg2-Bezieher etwas dazu aus, welche Disposition vorher vorlag?
3. Wie lange dauern die diagnostizierten Krankheiten?
4. Herr Alt stellt fest:Heute haben wir eher psychische Belastungssituationen in der Arbeitswelt. Und ebenso kann natürlich auch Arbeitslosigkeit Depressionen und andere psychische Erkrankungen auslösen oder verstärken.---Lügt der oder gibt der die IAB-Zahlen in Worten wieder?
5. Sind psychische Belastungen im Job nicht auch oft überhaupt erst Ursache für spätere Arbeitslosigkeit? Ganz ohne Maßnahme? Sondern quasi *üble Voraussetzung*, weil sich eben die Arbeitswelt/der Arbeitsmarkt drastisch verändert hat. Weg von rein körperlicher Be-und Überlastung hin zu mehr psychischer Belastung? Oder gehts auch hier nur ums Geld? P.P. und das Sanktionsmoratorium?
6. Ganze 15% mehr als in der Arbeitswelt finden sich mit psych. Diagnosen im Leistungsbezug Alg2 lt. IAB. Hatten diese auch vorher schon Diagnosen?
7. Herr Alt appelliert an Unternehmen... darf ich mal ganz zynisch sein? Erst machen die Unternehmen X% ihrer Belegschaft derart psychisch kaputt, und dann sollen sie als *Retter* auftreten ? Was denkt Herr Alt sich?
8. Und last but not least: Geht es um sehr junge oder relativ alte Alg2-Bezieher in deiner Diskussionsrunde? Also eher um welche, die noch nie in der Arbeitswelt waren oder welche, die die Arbeitswelt irgendwann *ausgespuckt* hat?

Wie fast immer---mehr Fragen als Antworten.
 
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