Roberto De Lapuente – Ein Sozialstaat am Stammtisch

Leser in diesem Thema...

wolliohne

VIP Nutzer*in
Startbeitrag
Mitglied seit
19 August 2005
Beiträge
14.305
Bewertungen
832
Der Arbeitslose ist nicht arbeitslos, sondern macht blau. So sieht das wenigstens der politische Boulevard. Den Blaumachern soll es nun an den Kragen gehen. Arbeitslose seien nicht nur häufiger krank als Arbeitnehmer. Sie seien es immer dann, wenn auf dem Plan des Förderns und Forderns letzteres steht.
Dass Bezieher des Arbeitslosengeld II häufiger krank sind, kann systematisch erklärt werden. Als man die Arbeitslosenhilfe mit der Sozialhilfe zusammenlegte, mischte man zwei Gruppen staatlicher Leistungsberechtigter zusammen. Beide hatten nur bedingt einen gemeinsamen Hintergrund aufzuweisen: Da waren die Arbeitsfähigen, die sich auf dem Arbeitsmarkt schwer taten. Und diejenigen, die aufgrund begrenzter Arbeitsfähigkeit nicht als Kandidaten für den Arbeitsmarkt taugten. Mit Hartz IV wurde plötzlich so gut wie jede Arbeit für so gut wie jeden Leistungsberechtigten zumutbar. Die Klientel wurde deshalb aber nicht gesünder und damit arbeitsfähiger – im Gegenteil.
Denn das ist die andere Seite dieses Systems. Es setzt sozial ohnehin schon ausgegrenzte Menschen allerlei Repressionen aus. Ein fast schon fanatisch kontrollierter Bewerbungszwang herrscht für Stellen, die es entweder nicht oder nur für Hungerlohn und den Preis der Aufstockung gibt. Das zermürbt das Selbstwertgefühl. Dass man im unteren Segment der Gesellschaft nicht besonders vitaminhaltig ernährt sein kann, ist mittlerweile anerkannt. Viele Langzeitarbeitslose leiden an psychischen Problemen. Nicht nur aufgrund finanzieller Kalamitäten, sondern auch, weil man gesellschaftlich als Schmarotzer und Faulpelz gilt, was man via Bild und RTL täglich eingeimpft bekommt. Man muss als Arbeitsloser zusehen, wie Bashing in dieser Republik Karrieren macht. Eine Frau albert neuerdings im ZDF-Abendprogramm herum. Karriere machte sie als dicke, ungepflegte, träge und trächtige Karikatur einer Hartz IV-Bezieherin. Die Verarsche von Arbeitslosen, die es in der Tat schwer genug haben, ist ein Karrieresprungbrett. Aus der Arbeitslosigkeit gibt es hingegen immer seltener Auswege.
Quelle: Neues Deutschland passend dazu: Fördern, fordern, strafen
Rekord 2012: Über eine Million Sanktionen gegen Hartz-IV-Betroffene
Die deutschen Jobcenter haben im vergangenen Jahr so viele Sanktionen wie noch nie gegen Hartz-IV-Betroffene verhängt. In Zahlen: 1,024 Millionen Strafkürzungen in einer durchschnittlichen Höhe von 110 Euro. Das sind elf Prozent mehr als im Jahr 2011, heißt es in der gestern veröffentlichten Bilanz der Bundesagentur für Arbeit (BA). Demnach wurde etwa jeder 30. mit einer Strafe belegt.
Quelle: Neues Deutschland
 
Oben Unten