"Neue" Förderinstrumente bei Langzeitarbeitslosigkeit aus Hessen = Alter Wein in neuen Schläuchen ;-)

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Texter50

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Ein Beitrag aus: mex das Marktmagazin vom 21.08.2019 und 25.08.2019, hier um 17:00

Bericht aus dem Bundesland Hessen, es werden zum Zeitpunkt des Berichts offiziell 153.000 Arbeitslose ausgewiesen
=> ob hier auch die Unterbeschäftigten eingerechnet wurden, oder sind nur die bequemen Zahlen der BA so ganz ohne Unterbeschäftigte genommen worden?

An zwei Beispielen sollen die Wunderinstrumente gegen die Langzeitarbeitslosigkeit vorgestellt werden.

Beispiel 1:
Frau deutlich über 50, ohne Berufsausbildung und seit etwa 18 Jahren ohne Job
Beispiel 2:
Frau, ebenfalls über 50 und ehemals die Leiterin einer sozialen Einrichtung

=> Warum sich immer wieder Erwerbslose für diese seltsame Form der Berichterstattung zur Verfügung stellen, bleibt mir ein Rätsel. Langsam bin ich geneigt, an schlechte Schauspieler für einen schlechten Witz zu glauben...

Nun werden, verknüpft mit den Schicksalen der beiden Langzeitarbeitslosen, zwei aktuelle Wunderinstrumente vorgestellt, mit denen diese beiden Langzeitarbeitslosen zumindest für eine überschaubare Zeit aus der Statistik genommen werden.

Immerhin, die Reporterin fragt sich, ob diese Maßnahmen funktionieren können.

Erste Maßnahme: Paragraf 16i des Teilhabechancengesetzes wird als eine Chance aufgezeigt für die Person aus Beispiel 1, die seit mehreren Jahren ALG II bezieht?
⁃ eine Firma stellt einen Langzeitarbeitslosen ein und für zwei Jahre bezahlt natürlich nicht die Firma das Gehalt, sondern das JC, wofür seit Januar dafür 4 Milliarden Euronen zur Verfügung stehen
⁃ die Erwerbslose geht zur Fallmanagerin, die sie gerne nach 16i fördern würde, um sie aus den ständigen und aufeinander folgenden Maßnahmeketten herauszuholen

=> ist das etwa ein Eingeständnis, dass der Maßnahmemüll nix bringt? Immerhin sind 18 Jahre ohne Job nicht gerade ein Beweis für die Wirksamkeit der Wundertüten!

⁃ die Erwerbslose würde sich freuen, aus der Abhängigkeit zum JC herauszukommen
⁃ jetzt muss nur eine Firma gefunden werden, die sich auf das Modell einlässt
⁃ bisher hat die Frau einen 1 Euro-Job, schmiert Brötchen und schenkt Kaffee aus bei der Arbeitsloseninitiative in Gießen
⁃ sie möchte die Vollzeitstelle möglichst hier, einem kleinen Verein basierend auf Spenden
⁃ für die Mitarbeiter des Vereins wäre es denkbar, die Frau mit Förderung einzustellen

=> warum der Verein das nicht längst umgesetzt hat?
=> jetzt kann sich der Verein nur den geförderten 1-Euro-Job leisten, woher soll das Geld denn nach den zwei Jahren kommen?

⁃ Welche Inhalte der Vollzeitjob im Verein dann hätte ist nicht klar, der Aufgabenbereich muss dann natürlich mit Unterstützung und Beratung durch das JC erweitert werden, nähen wird vom Sachbearbeiter vorgeschlagen, was nicht mit Begeisterung aufgenommen wird, aber sie kann sich Handarbeiten vorstellen

⁃ Ziel des neuen Paragrafen 16i:
⁃ Langzeitarbeitslose fit für den Arbeitsmarkt zu machen
⁃ die große Hoffnung: läuft das Kombilohnmodell aus, könnte die unterstützte Firmen die Langzeitarbeitslosen übernehmen
⁃ die Erwerbslose ist da auf Grund des Alters eher skeptisch, aber es ist wenigstens eine Weile eine Beschäftigung und man kann etwas Geld verdienen

Zweite Maßnahme: Existenzgründung
⁃ ALG II Empfänger können sich selbstständig machen
⁃ dafür müssen sie einen Businessplan erstellen und bei den ach so kompetenten Sachbearbeitern des jeweiligen JC einreichen
⁃ wird der Businesplan angenommen, erhält der Langzeitarbeitslose für ein Jahr ein Einstiegsgeld und kann Zuschüsse von bis zu 5000 Euronen erhalten, um die Firma neu auszustatten

⁃ die Langzeitarbeitslose aus dem zweiten Beispiel wagt den Sprung in die Selbstständigkeit, hat einen entsprechenden Businessplan erstellt und darauf basierend den Antrag gestellt
⁃ mit Erfolg was die Antragstellung betrifft, ihre neue Aufgabe: sie will Menschen in schweren Lebenslagen coachen
⁃ dafür hat sie vom JC ein Darlehen von 5000 Euronen erhalten
⁃ 424 Euronen ALG II bekommt sie nach wie vor, zusätzlich 318 Euronen Einstiegsgeld
⁃ seit sechs Monaten ist sie ihr eigener Chef, coacht sie die ersten Klienten, dazu hat sie einen Praxisraum gemietet
⁃ allerdings: noch immer sind die Ausgaben höher als die Einnahmen, denn die Praxis läuft nur schleppend an und die Kosten immer weiter
⁃ bereits nach dem ersten halben Jahr der Selbstständigkeit muss sie damit beginnen, das Darlehen zurückzuzahlen – von den Einnahmen die zum Leben nicht ausreichen und dem ergänzenden Euronen vom JC
⁃ die Langzeitarbeitslose sagt: es werden mehr und mehr Schulden, denn sie hat sich im Umfeld und im Freundeskreis Geld geliehen, um die Miete zu zahlen

=> das bedeutet dann im Ergebnis, die Langzeitarbeitslose verlässt ALG II und das JC für eine kurze zeit und mit einem hohen Betrag an Schulden und wenns nicht klappt, kann sie die Schulden ja aus dem Regelsatz zurückzahlen?

⁃ manche Existenzgründer erhalten allerdings vom JC einen Investitionszuschuss bis zu 5000 Euronen ohne Rückzahlung, aber das ist natürlich eine Kann-Leistung und somit einzig und allein eine Gnade des Sachbearbeiters
⁃ den Antrag für diesen Zuschuss hat die Langzeitarbeitslose übrigens auch gestellt, was aber abgelehnt wurde

Fazit: um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, finanziert das JC neue Jobs. Ob das ein Erfolgsmodell wird oder teurer Schuss in den Ofen, das wird die Zukunft zeigen, spätestens wenn die Fördergelder auslaufen und sich jeder selbst bewähren muss
⁃ zum Zeitpunkt der Reportage hatten 544 Hessen einen auf 16i basierenden Job gefunden
⁃ die Stellen sind befristet, was dann passiert, bleibt abzuwarten

Fakt ist, beide Modelle sind nichts weiter als alter Wein in neuen Schläuchen. Diese Wunderprogramme werden in regelmäßigen Abständen aus der Schublade geholt und kaum wesentlich modifiziert.
Der 16i ist für mich nichts weiter als eine Sonderform des Eingliederungszuschusses, der die Jobs bei den Arbeitgebersparbrötchen ebenfalls mit bis zu 100% Zuschuss fördern kann. Das mit der Existenzgründung wurde in vergleichbarer Form bereits als ICH-AG gefördert.
 

grün_fink

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318€ Einstiegsgeld reichen doch niemals aus, um einen Raum anmieten zu können, zumal Gießen ja bestimmt nicht die billigsten Mieten hat, und ihren neuen Job auf dem platten Land zu beginnen, ihr nicht genug Klienten einbringen würde.
Mit solch einem mageren "Anfangsgehalt" dürften fast keine finanziellen Verbindlichkeiten am Anfang der Selbstständigkeit anfallen, will man Schulden vermeiden.
Ob die aufgelaufenen Schulden bei Bekannten nun Geschäftsschulden sind oder dem JC zuzuordnen (aufgrund der Vorschriften des Paragrafen), weiß ich nicht. Als Geschäftschulden würden sie wohl dann möglicherweise in die Privatinsolvenz führen, wenn es nicht andere glückliche Umstände gibt.
Wie man sowas anfangen kann, weiß ich nicht, auch nicht wie solch ein Buisinessplan durchgehen kann. Da hätte jede Bank widersprochen.
 

grün_fink

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Im Business gegen Erwerbslose ist das JC die Bank, das Darlehen aber zumindest zinsfrei. :icon_wink:
Wer sich auf solche Modelle einläßt, hat jede Vernunft aufgegeben.
Das passiert, wenn Menschen unter staatlicher Gewaltandrohung jahrelang am Existenzlimit dahinvegetieren - nennt sich Verzweiflung.
Ihr habt beide recht.

Nun weiß ich zwar nicht, ob finanziell mehr Förderung drin gewesen wäre oder nicht, unabhängig von der
⁃ dafür hat sie vom JC ein Darlehen von 5000 Euronen erhalten
⁃ 424 Euronen ALG II bekommt sie nach wie vor, zusätzlich 318 Euronen Einstiegsgeld
ob da mehr pro Monat drin gewesen wäre.
Man bedenke: Mensch muss etwas darstellen (Kleidung), also sollte man etwas mehr bekommen als den Regelbedarf (analog dem Erwerbstätigenfreibetrag).
Mensch braucht einen Gewerberaum, und alle nötigen Gerätschaften/Telefon usw., also dafür würde ich das Einstiegsgeld sehen. Dieses müsste diese Kosten auch decken!
Außerdem sind für den Gewerberaum Anschaffungen zu tätigen, also Kredit.

Kredit vom Jobcenter:
Wie verhält sich das denn bei Firmeninsolvenz? Wäre das dann überhaupt eine Firmeninsolvenz und vom Insolvenzrecht umfasst, oder gelten die Regeln für Kreditrückzahlung beim JC? Was müsste dann überhaupt zurück gezahlt werden, und dürfte das Geld überhaupt vom Regelbdarf einbehalten werden?
Vermischung von "Firmenrecht" mit Sozialrecht dürfte selten gut gehen! Welches Recht gilt dann, oder gelten beide, und welches vorrangig?
Auch wenn der Kredit zinslos ist, will das JC diesen zurück haben. Eventuell noch von den Erben?
Außerdem, wer ist hier der "Schuldige", wenn das Geschäftsmodell unter diesen Umständen nicht aufgeht? Der unbedarfte verzweifelte Leistungsempfänger, oder das JC als Kreditgeber, dass eine nicht tragfähiges Gewerbe abgesegnet hat?
Das JC dürfte doch wohl der einzige Beteiligte sein, der nicht von einem Scheitern ausgeht und das gesamte Ausfallrisiko auf den Kunden abwälzt. Da wäre eventuell jede Bank fitter dabei. (Sag ich mal als zinslosen-Krediterfahrene Gescheiterte im Privatbereich).

Da ich aufgrund von Krankheit so manche Praxis von Psychologen gesehen habe (und auch verwandter Berufsfelder) würde ich mal sagen, dass viele die Praxis auch vom Eigenheim aus führen, also keine Raummieten anfallen. Oder sie mieten sich in Arztpraxen oder Gemeinschaftspraxen ein, zumindest anfangs. Das dürfte die Kosen zwar erheblich senken, es dürfte aber immer noch so sein, dass die Aufwendungen wesentlich höher sein dürften als ein Einstiegsgeld des JC. Denn dieses ist immer als die Billigvariante zu sehen.

In einer Beratungsstelle für Frauen wurde vor etwa 8-10 Jahren mal sich darüber unterhalten, wie das mit dem Einstiegsgeld praktisch funktioniert. Das Ergebnis aus vielen Beratungen war sehr ernüchternd: Es reichte bei niemandem aus, auch wenn die meisten sich kaputt gerackert haben. Die meisten waren anfangs sehr hoffnungsvoll und gaben dann auf.
 

Texter50

Super-Moderation
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Im Business gegen Erwerbslose ist das JC die Bank, das Darlehen aber zumindest zinsfrei. :icon_wink:
Wer sich auf solche Modelle einläßt, hat jede Vernunft aufgegeben.
Was ich noch schlimmer finde: da werden Leute ja fast schon vorsätzlich in die Insolvenz getrieben.

Ich hatte mal nen Darlehen in Höhe von 1000 Eurönchen vom JC.
Das musste bis auf den letzten Cent abbezahlt werden, ohne wenn und aber.

Wenn ich das schon höre: den Businessplan beim JC einreichen.
Außer den zu kopieren oder einzuscannen können die doch nix damit anfangen.
Wären die wirklich kompetent, säßen die nicht beim JC - so einfah ist das!

Das JC schafft sich seine Stammkunden, so einfach ist das.
Und diese Leute werden sichern nie mehr den Mund aufmachen, denn mit Schulden im Hintergrund ist jede Einstellung der Leistungen schlicht das Ende.
 

Schmerzgrenze

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