Minijob - "und den Rest holen Sie sich vom Staat" - Ein verhängnisvolles Angebot

Samsara

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Gerade erlebe ich das selbst, was ich schon seit Jahr und Tag aus den Medien kenne:

Da meine Integrationsfachkraft zum Jahreswechsel laut über meine Verwendungsmöglichkeit als 1-€-Jobberin oder alternativ über eine Beschäftigung unter 16e nachdachte, war ich heilfroh, spontan einen Minijob in der BA-Jobbörse gefunden zu haben, der eigentlich sehr gut zu meinem Bewerberprofil passt. Vorgeschlagen hat mir die Integrationsfachkraft diese Stelle jedoch nicht, aber ich habe sie gebeten, mir die Ausschreibung per Vermittlungsvorschlag auszudrucken. Begeistert war sie nicht, hat es aber zähneknirschend gemacht.

Große Überraschung:
Trotz meines fortgeschrittenem Lebensalters (60+) folgte eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, ein sehr kurzes Schnupperpraktikum - und dann ein unbefristeter Arbeitsvertrag. Mein Vorgesetzter befindet sich im gleichen Alter, die IT-Ausstattung ist aus dem Jahr 2010 - und genauso fühle ich mich auch: zehn Jahre zurückversetzt in die Vergangenheit. Ansonsten ist der Job erträglich, wenn er sich auch nicht wirklich rechnet: mir bleiben nach allen Abzügen (durch JC und Fahrtkosten) rund 100 €.

Natürlich habe ich dem JC meine neue Berufstätigkeit gemeldet. Meine Integrationsfachkraft meinte daraufhin, dass wir den Arbeitgeber unbedingt "mit Geld ködern werden", um den Minijob in eine 16e-Stelle umzuwandeln, sobald die Probezeit um ist.

Während der Probezeit schaute mein neuer Chef immer mal wieder bei mir vorbei und erklärte mir, dass es ihm Sorge bereitet, wie wenig ich eigentlich verdiene - so als Aufstocker. Und dann driftete das Gespräch dezent und behutsam ab in Richtung: "Ich würde Ihnen ja auch mehr geben, so auf die Hand, wenn Sie mal länger bleiben würden, oder ein paar Stunden mehr machen wollten."
Ich habe ihm dann eindeutig zu verstehen gegeben, dass ich im Traum nicht daran denke, "schwarz" zu arbeiten und mich (und meine BG) dem Existenz vernichtenden Verdacht auf "Sozialbetrug" auszusetzen. ISCH MÖSCHT DAT NISCH.

Inzwischen ist die Probezeit tatsächlich abgelaufen, ohne dass einer von uns gekündigt hätte.

Wenige Tage später aber drehte sich überraschend der Wind, eigentlich von einem Tag auf den anderen:
Cheffe erklärt mir zwischen Tür und Angel, dass er eigentlich doch nicht so zufrieden ist mit meiner Performance. Ich wäre zwar sehr gründlich, aber auch langsam. Es kämen in Zukunft noch viele neue Aufgabengebiete auf mich zu. Er fragte mich, wie ich die schaffen wolle, wenn ich so langsam wäre? Zum Vergleich: er hätte mal eine russische Mitarbeiterin eingestellt, die sei 20 Jahre alt gewesen. Es sei unglaublich gewesen, was die in kürzester Zeit alles weggeschafft hätte!

Ich würde auch viele Dinge einfach vergessen. (Das sollte wohl auch auf mein Alter anspielen.)
Als ich ihn um ein konkretes Beispiel dafür bat, konnte er mir keines nennen.
Er hatte also vergessen, was ich vergessen habe.

Ansonsten, wäre es auch höchst wünschenswert, wenn ich morgens schon einen Bus früher kommen könnte, um schon vor Arbeitsbeginn alles besprechen zu können, was in der Zwischenzeit angefallen ist und aufgearbeitet werden muss.

Ich bin dann nicht weiter darauf eingegangen, und habe um ein Personalgespräch in der kommenden Woche gebeten.
Zumindest darauf hat er sich eingelassen.

Je länger ich über diese merkwürdige Entwicklung nachdenke, desto mehr kommt mir der Gedanke, dass meine Integrationsfachkraft und/oder der Arbeitgeberservice bei Cheffe vorgesprochen haben, um mich ihm als 16e-Kraft zu verkaufen. Das alles dann, hinter meinem Rücken, versteht sich.

So, und nun sitze ich zwischen allen Stühlen:
- einen akut gefährdeten Minijob mit 100 € Netto
- ein verhängnisvolles mündliches und somit nicht nachweisbares Angebot zum Sozialbetrug,
das ich so oder so niemals akzeptieren werde
- und eine drohende Wandlung des Minijobs in eine 16e-Beschäftigung, was ich auch nicht will

Resultat:
Meine Motivation ist in kürzester Zeit "gekillt" worden -
und ich bin wieder einmal sehr traurig und wütend darüber, wie mit Arbeitnehmern heutzutage umgegangen wird.

Wie komme ich bloß aus dieser Situation wieder raus?
Wenn möglich, natürlich ohne Sanktion?
Bin Euch für jeden Rat dankbar.
 

Kerstin_K

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Und wenn du ma versuchst, Deinen Arbeitgeber dazu zu überreden, dass er deinen Minijob soweit aufstockt, dass du unter die Gleitzonenregelung fällst? Ihc habe mal gehört, dass das für den Arbeitgeber günstiger ist als ein Minijob.
 

Buchfan

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Und wenn du ma versuchst, Deinen Arbeitgeber dazu zu überreden, dass er deinen Minijob soweit aufstockt, dass du unter die Gleitzonenregelung fällst? Ihc habe mal gehört, dass das für den Arbeitgeber günstiger ist als ein Minijob.

Kannst Dubitte zu "Gleitzonenregelung" ein paar mehr Worte verlieren? Ich kenne mich damit nicht aus.


@Samsara

Puh, eine vertrackte Situation.
Ich glaube, ich würde die SB ansprechen und klaren Tich machen. Ihr ruhig erzählen, dass ein Vorgehen hinter Deinem Rücken sich demotivierend und destabilisierend für Dich auswirken kann.

Ich habe auch einen Minijob. Aber nicht im Büro, sondern in der Kinderbetreuung privat.
 

Kerstin_K

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annst Dubitte zu "Gleitzonenregelung" ein paar mehr Worte verlieren? Ich kenne mich damit nicht aus.
Ich kenne mich da auch nicht besonders gut aus. Der Job ist dann wohl sozialversicherungspflichtig, aber der Abgabenanteil für den Arbeitgeber ist insgesamt niedriger als bei einem volen Minijob von 450 EUR/Monat. läuft auch unter dem Begriff Midijob.

Für private Arbeitgeber ist das sicher nichts, weil sie dann auch den ganzen Papierkram mit der Krankenkasse usw. haben und nicht mehr einfach über de Minijobzentrale abrechnen können, aber für gewerbaiche Arbeitgeber, die sowieso Lohnabrechnungen erstellen müssen, wohl duchaus interessant.
 

Helga40

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Was ist - abgesehen von den fehlenden Zahlungen zur Arbeitslosenversicherung - eigentlich das Problem mit 16e?
 

ZynHH

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eigentlich das Problem mit 16e
Wozu der zwischenschritt, warum kann man dem ELO das Geld nicht einfach so geben? Warum muss der Arbeitgeber subventioniert werden? Das stört mich schon beim Aufstocken, das hier "Illegal" wettbewerbsvorteile vom Staat gesponsert werden.
Im Prinzip zahlt der Steuerzahler über diese Lohnsubvention die Dividenden.
Warum tragen Unternehmer ihr Risiko nicht mehr selbst?
 

Helga40

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Das Coaching? Die Möglichkeit, jederzeit abgezogen zu werden? Ausserdem ist dass mit der Arbeitslosenversicherung schon schlimm genug.

Das Coaching dürfte sich in den meisten Fällen auf Smalltalk beschränken. Und jemanden 60+ abziehen? Für was bitte? Ebenfalls unwahrscheinlich. Und selbst wenn: dann gibt es wieder ALG2. Mit 16e Vollzeit vielleicht nicht und zusätzlich Rentenversicherungsbeiträge.


Wozu der zwischenschritt, warum kann man dem ELO das Geld nicht einfach so geben? Warum muss der Arbeitgeber subventioniert werden? Das stört mich schon beim Aufstocken, das hier "Illegal" wettbewerbsvorteile vom Staat gesponsert werden.
Im Prinzip zahlt der Steuerzahler über diese Lohnsubvention die Dividenden.
Warum tragen Unternehmer ihr Risiko nicht mehr selbst?

Da gebe ich dir recht, ich bin kein Verfechter von 16e und 16i. Fakt ist jedoch, dass der Gesetzgeber es als Arbeitgebersubvention geschaffen hat, der LE sich aber durchaus das Positive daraus ziehen kann.
 
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