»Menschen in prekärer Lage zum Faulenzer degradiert« (1 Betrachter)

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Paolo_Pinkel

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Hans Joachim Viehl ist Stadtverordneter der Partei Die Linke in Frankfurt/Main und ehemaliger Hartz-IV-Empfänger

Zeiten eines »hochqualifizierten, selbstbewußten, gar klassenkämpferischen Proletariats« seien auf immer vorbei. Diesen Schluß zieht Franz Walter, Politikwissenschaftler und Spiegel-online-Kolumnist, in einer Studie der Universitäten Göttingen und Heidelberg zum Thema Prekariat. Er schildert Menschen in prekären Lebensverhältnissen als »ewige Verlierer« und ordnet sie als Gefahr für Demokratie ein. Wie sehen Sie das?

Es ist eine typisch akademische Sichtweise, diesen Menschen zu sagen, sie hätten sowieso keine Chance. So wird ihnen vermittelt, sich selber als Verlierer sehen zu müssen. Walters These ist historisch nicht nachvollziehbar. Klassenkämpferisch in dem Sinn, wie wir es von Frankreich und Italien kennen, war das deutsche Proletariat nie, abgesehen von der Revolution 1918/19. Die Hoffnungslosigkeit, die der Professor konstatiert, ist durch die den Deutschen im Kaiserreich anerzogene Untertanenmentalität bedingt. Heute wird die Resignation der unteren Einkommensschichten indes genau durch jene Öffentlichkeitsdarstellung verstärkt, die der Politikwissenschaftler mit seiner Studie betreibt: Er stigmatisiert Arme und Arbeitslose, sie seien zuwenig ausgebildet, zu inaktiv etc. Solche Schuldzuweisungen frustrieren. Diese Menschen haben Wut, sie können auf nichts und niemanden mehr vertrauen: Nicht auf Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Medien – nicht auf Wissenschaftler.

Walter wirft in seiner Studie »dem Prekariat« vor, wütend und in »immerwährender Klage« auf die Formel »Chance durch Bildung« zu reagieren.

Dazu kann ich nur sagen, die Befragten in seiner Studie haben Recht. Die von Walter unterstellte Grundvoraussetzung ist falsch, allein durch einen erhöhten Bildungsstand sei der Erwerbslosigkeit zu entkommen. Natürlich muß in Bildung investiert werden – doch auch qualifizierte Facharbeiter finden häufig keine Arbeit. Für Menschen in unteren Einkommensschichten gilt die schöne Devise »lebenslanges Lernen« kaum noch – was kein Naturgesetz ist: Unter Hartz IV hat die Regierung fast alle Fördermaßnahmen gestrichen. Nicht einmal angedacht wurde hingegen die Alternative, Arbeit anzubieten, die den unterschiedlichen Fähigkeiten der Menschen entspricht.

Den Typus des »neuen Unten« stellt Walter als »lonesome cowboy« vor, der sich »auch durch Abstrafungsaktionen oder gar Ausschlußdrohungen von oben« nicht einschüchtern lasse. Welches Weltbild steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser Analyse?

Es ist menschenverachtend. Menschen in prekären Lebensverhältnissen werden so zu Faulenzern degradiert, die angeblich ohne eigene Leistung staatliche Unterstützung abgreifen wollen – und die nur durch Druck zu erreichen sind. Zudem haben die vergangenen Jahre unter Hartz IV gezeigt, daß so gar nichts funktioniert. Das Problem ist ja, daß es zu wenige Arbeitsplätze gibt!

Das Prekariat klammere sich stärker als andere Gruppen an den Staat, fühle sich aber durch dessen Behörden gegängelt, überwacht, schikaniert, moniert der Professor.

Es ist klar, daß die vom kapitalistischen Verwertungssystem aussortierten Menschen ihre Hoffnung auf einen starken Staat setzen, der ihnen ein Leben in Würde und mit existenzsichernden Einkommen ermöglicht. Statt dessen müssen sie erleben, ständig überwacht und überprüft zu werden. Unter den »kleinen Leuten« kursierten Verschwörungstheorien, die besagen, Unternehmer, Politiker und Medienmacher seien ein »miteinander verbandelter Haufen«, meint Walter.

Er verkennt die Realität. Diese starken Interessensgemeinschaften, die ganz bewußt ein neoliberales Weltbild erzeugen, gibt es tatsächlich – zum Beispiel die Bertelsmann-Stiftung, die »Initiative neue soziale Marktwirtschaft« oder »Du bist Deutschland«. Sie befürworten geringere Löhne, Steuersenkungen – und verbreiten entsprechende Ideologien. Längst sitzen Lobbyisten der Konzerne in den Ministerien und schreiben an Gesetzen mit – auch an der Hartz-Gesetzgebung waren Vertreter der Industrie maßgeblich beteiligt. Alles wird getan, um die Menschen zur Verfügungsmasse von Kapitalinteressen zu machen.
11.04.2009: »Menschen in prekärer Lage zum Faulenzer degradiert« (Tageszeitung junge Welt)

Gruss

Paolo
 

Kaleika

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Vor einer Stunde erhielt ich folgende Rundmail:

Hi

angestossen durch die Veröffentlichung der neuen Prekariats-Studie und Artikel über die Studie des Göttinger Politiogen Franz Walter im Spiegel (siehe Anhang) findet gegenwärtig eine erneute Diskussion über die politische Haltung und Mentalität des "abgehängten Prekariats" statt.

Wenn auch bestimmte Phänomene von den Forschern unter Franz Walter richtig beschrieben wurden, befinden sich ihre politischen Erklärungen im Kontext des bürgerlichen Mainstreams.

Das es auch andere Verarbeitungsformen bestehen, werden auf der Arbeitsmarktpolitische Konferenz der Bremer Fraktion DIE LINKE.

"Kämpfen in der Krise - gemeinsam für das Recht auf Arbeit"
am Samstag, den 18. April 2009, 10 bis 18 Uhr DGB-Haus, Bahnhofsplatz 22-28, Bremen in der AG:

Linksfraktion Bremen: Konferenz
Linksfraktion Bremen: Arbeit fairteilen - Flexibilisierung, Prekarisierung, Zukunft der Arbeit

Arbeit fairteilen - Flexibilisierung, Prekarisierung, Zukunft der Arbeit

Während die einen arbeitslos sind, leiden die anderen unter Arbeitszeitverlängerung, Arbeitsverdichtung, zunehmender Intensität der Arbeit. Öffentlich geförderte Kurzarbeit ist befristete Arbeitszeitverkürzung, die staatlich finanziert wird und am Ende in Stellenabbau mündet. Echte Arbeitszeitverkürzung ist daher das Gebot der Stunde.

Das Normalarbeitsverhältnis und die Rechte der Beschäftigten wurden in den letzten Jahren immer mehr ausgehöhlt. Der atmende Betrieb zielt darauf, Arbeitskraft ohne Rücksicht auf Menschen einzustellen, einzusetzen und zu entlassen.

Die Organisierung der Betroffenen erfordert neue Ansätze und neue Perspektiven, die über das traditionelle Spektrum gewerkschaftlicher Handlungsfelder und Organisierungsangebote hinaus gehen. Diese erweiterten Formen der Organsierung und Interessenvertretung werden unter dem Stichwort Organizing diskutiert.

Unter anderem mit:

* Peter Birke (Blauer Montag, Hamburg)
* Margareta Steinrücke (Arbeitnehmerkammer Bremen)
* Dr. Peter Birke (Universität Hamburg)
* Florian Jonas (ver.di)

* Wilfried Schartenberg (DIE LINKE, Moderation)

bespochen. Insbesondere Florian Jonas als Organizer bei Verdi und Dr. Peter Birke seit Jahren in der Hamburger Gruppe
"Blauer Montag" aktiv, die schon sehr frühzeitig sich mit den widersprüchlichen Entwicklungen der Prekarisisierung beschäftigten, werden auch von anderen Erfahrugen berichten.
siehe hierzu:
Assoziation A - Gruppe Blauer Montag : Buchvorstellung Risse im Putz: Gruppe_Blauer_Montag
Assoziation A - Gruppe Blauer Montag: Risse im Putz

Margareta Steinrücke von der Arbeitnehmerkammer Bremen wird u.a. darüber berichten, das insbesondere Frauen von den Flexiblisierungs- und Prekarisierungsstrategien des Kapitals betroffen sind und durch andere Arbeitszeitmodelle und die Durchsetzung der 30 Stunden Woche als Bestandteil einer Strategie der Entprekarisierung, auch gleichzeitig patriachale Gesellschaftstrukturen verändert werden können.

Die Aktivitäten um den Euromayday in Bremen belegen, das es neben Entpolitisierung und Fatalismus infolge von Flexibilsierungs- und Prekarisierungsprozessen auch in Bremen widerständige Verarbeitungsformen bestehen.

EUROMAYDAY BREMEN 2009

mit solidarischen Grüßen
Ich werde nächsten Samstag die Konferenz "Kämpfen in der Krise - gemeinsam für das Recht auf Arbeit" besuchen!

Kaleika
 
E

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Liest sich gut und auch richtig, nur sollte das in ganz D diskutiert werden.
 
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ExitUser

Gast
@Kaleika
Bei Assoziation A gibt es noch andere sehr interessante Bücher. Ich warte schon seit Monaten auf die Erscheinung dieses (wurde immer wieder verschoben): Assoziation A - Schönberger | Sutter: Kommt herunter, reiht euch ein ...

Mario Nette
Dieses Buch beschreibt die wechselvollen Geschichten des Protests sozialer Bewegungen anhand dieser und anderer Aktionsformen sowie die damit verbundenen Kommunikations- und Handlungsmuster von 1848/49 bis heute. Die Beiträge umreißen eine Vorgeschichte der sozialen Revolten der 1960er-Jahre und zeichnen nach, was sich in der Folgezeit unter dem Einfluss von »1968« entwickelt hat. Erkenntnisleitend ist dabei die Frage nach dem Möglichkeitshorizont aktueller Protestformen.
jo, eine ständige Weiterentwicklung sollte immer sein, nach der jeweiligen Zeit oder nach neuen Formen zu suchen, die die Menschen auch anspricht und sie dann zum Mitmachen animiert. Die Menschen müssen mehr als nur Halbherzig mitmachen.
 
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