Leben mit mehreren Jobs: Wenn ich’s nicht mache, macht es keiner

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wolliohne

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  1. Immer mehr Menschen haben zwei oder mehr Stellen, fast drei Millionen “Multi-Jobber” gibt es in Deutschland. Christine Schöpfel aus Thüringen etwa arbeitet in Kaffeeküchen, mit dem Putzkübel und an der Nähmaschine. Wie sie das alles schafft? “Eigentlich gar nicht mehr”, sagt Christine Schöpfel und verbirgt ihr Gesicht hinter einer Hand. Fünf Jobs hat sie im Moment – denn zu den verschiedenen Putz-Jobs, zum Waschen-Wischen-Bügeln in einem fremden Haushalt kommt noch ein privater Nähbetrieb, Änderungsschneiderei in den eigenen vier Wänden. Dass Schöpfel 62 Jahre alt und inzwischen in Rente ist, zählt nicht: Die 40-Stunden-Woche ist bei ihr spätestens Donnerstagmittag voll – und am Wochenende wird genäht. “Für mich hat sich das ein bisschen blöd entwickelt”, sagt sie und zuckt mit den Achseln. So viel Multi-Job wie bei Christine Schöpfel ist allerdings selten. Dabei ist sie ein Musterbeispiel für das, was sich die Erfinder der Mini-Jobs vor mehr als zehn Jahren gedacht haben: Schöpfel wird immer dann gefragt, wenn gerade Not am Mann ist. Für Auftragsspitzen und saisonale Höhepunkte seien Mini-Jobber ideal, befand man damals, als die neuen Arbeits- und Sozialgesetze gemacht wurden. Schnell eingestellt, ein paar Stunden die Woche, ein paar Euro auf die Hand. Wunderbar flexibel.
    Trotzdem sagt Christine Schöpfel, die Arbeit mache ihr Spaß. “Sonst würd’ ich es nicht machen.” Sie ist stolz, Geld zu verdienen, stolz auf ihre Leistungsfähigkeit. “Das sitzt einfach so bei mir drin.” Schöpfel hat zwei Kinder großgezogen, voll gearbeitet, immer schon.Und trotzdem. Während sie mit ihrem Wassereimer, exakt ein Tropfen Spülmittel darin, durch die Sanitäranlagen zieht, konzentriert Toiletten und Böden wischt, weiß sie, dass sie eigentlich nicht hierher gehört. “Mein Traumjob?”, sagt Christine Schöpfel und wringt den Lappen aus, “mein Traumjob wäre im Büro, am Schreibtisch. Aber da ist mein Zug abgefahren.” Ihre Mutter, sagt Schöpfel, würde sich “im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, dass ich heute putzen gehe.” Ihre Mutter hat schließlich erlebt, wie die Tochter ein Postamt leitete, wie sie Ingenieurswissenschaften an der Uni Halle im Fernstudium absolvierte. Und jetzt putzen.
    Quelle: SZ Anmerkung Orlando Pascheit: Ein Bericht, der an die Nieren geht. Vor allem deswegen, weil in Christine Schöpfel keine Spur von Revolte zu entdecken ist. Sie ist Stolz auf ihre Leistungsfähigkeit, es sei ein Unding, wenn die Leute jammerten, sie hätten kein Geld, aber dann nicht putzen gehen würden. Da kennt sie einige. Sie übersieht aber viele, die wie ihr Lebensgefährte, gesundheitlich so eingeschränkt sind, dass sie nicht voll arbeiten können. Sie selbst leidet an Arthrose und Stress-Diabetes. D.h. es kann ganz schnell gehen, dass Sie mit ihrer kleinen Rente und der Witwenrente ihres verstorbenen Mannes auskommen muss. Damit kein Missverständnis aufkommt. Ihre Leistung ist bewundernswert. Aber was ist das für ein Wirtschaftssystem, in dem der Zuverdienst unter der Bedingung realisiert wird, dass Christine Schöpfel zum Beispiel die Wäsche von der Arbeit mit nach Hause nehmen muss, weil sie dort nicht warten kann, bis die Waschmaschine durchgelaufen ist?
    Es ist bezeichnend für die wirtschaftsliberale SZ, dass Sie jemanden herausgesucht hat, der 5 Nebenjobs bewältigt, um im Alter noch einen gewissen Lebensstandard realisieren zu können. Sozusagen eine wohlfeile Bestätigung der von den oberen Ständen gepflegten Haltung, dass jeder, der Arbeit suche, sie auch finde. Unter den Tisch fällt, wenn die SZ von einer Aufbesserung des Gehalts spricht, dass viele der 7,5 Millionen Mini-Jobber, darunter 2,7 Millionen Multi-Jobber, auf den Zuverdienst existenziell angewiesen sind.
    Als Gipfel der Zumutung titelt die SZ mit der Aussage der stolzen Frau: “Ich sehe ja: Wenn ich’s nicht mache, macht es keiner.” Ist damit gemeint, dass es keiner in der Familie machen kann. Oder meint sie, dass sonst keiner diese Arbeit macht. Das wäre Unsinn, die 550 000 Reinigungskräfte in Deutschland verrichten eine unbedingt notwendige Arbeit, die auch nach dem Tarifkompromiss im Sommer mit 7,96 Euro ab dem 1. Januar unterbezahlt sind. So oder so ist der Titel tendenziös. Denn es gibt zu viele Rentner, die wohl wollen, aber nicht mehr können: Ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Schlimm genug, dass etliche es unter nicht zumutbaren Bedingungen versuchen müssen. – Auf die grundsätzliche Problematik der durch die Hartz-Gesetze geschaffene “Mini-Job-Unkultur” sei auf den Beitrag von Ursula Engelen-Kefer hingewiesen: “Frauen im Minijob – Wundersames Kleinreden der Minijob-Falle
  2. Arbeitsausbeutung und Menschenhandel als Folgen von Diskriminierung
    In immer neuen Ausprägungen der sich ausbreitenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen arbeiten auch in den westeuropäischen Staaten vor allem migrantische und mobile Beschäftigte in extrem prekären und gewaltvollen Arbeitsverhältnissen. Ein Fallbeispiel: Eine Gruppe rumänischer Männer und Frauen wird mit dem Versprechen auf eine legale und ordentlich vergütete Tätigkeit als Reinigungskraft für Hotels in Deutschland angeworben. Für Vermittlung und Anreise zahlen sie 250 Euro pro Person. In Deutschland angekommen, werden sie in einer herunter gekommenen Wohnung ohne jegliche Einrichtung und zu acht in einem Zimmer untergebracht. Die Vermieterin, Schwester des Vermittlers, stellt pro Person dafür knapp 200 Euro Monatsmiete in Rechnung. Nach vier Wochen Arbeit im Auftrag eines deutschen Unternehmens werden den ArbeitnehmerInnen weitere 300 Euro abgezogen – als “Gebühr”, um weiter arbeiten zu dürfen. Auf der Arbeit werden die Beschäftigten beleidigt, stark unter Druck gesetzt und um Teile ihres Lohns betrogen. Als vier der ArbeitnehmerInnen sich entscheiden zu kündigen, wird ihnen mit dem Rauswurf aus der Wohnung gedroht. Geld um nach Rumänien zurück zu kehren haben sie keines.
    Quelle: Gegenblende Anmerkung Orlando Pascheit: Und ein Herr Lindner meint, Deutschland müsse endlich gegen die missbräuchliche Einwanderung in die Sozialsysteme vorgehen. Das europäische Recht erlaube es, Ausländer, die nicht integriert werden könnten, in ihre Heimatländer zurückzuschicken, sagte Lindner am Dienstag in Düsseldorf. Man fragt sich unwillkürlich, was die FDP mit nicht in das Sozialsystem integrierten Hoteliers machen würde. Da liefern das DIW oder das IAB wissenschaftlich fundierte Untersuchungen, dass sich z.B. die Zuwanderung von Bulgaren und Rumänen sich für Deutschland positiv auswirke, aber Leute wie Seehofer bis Lindner appellieren an die niederen Instinkte und meinen unsere Sozialkassen vor Armutsflüchtlingen schützen zu müssen. Natürlich haben wir soziale Brennpunkte, wie z.B. in Duisburg, Dortmund oder Berlin, in denen sich Zuwanderer mit prekärem Status ballen. Natürlich muss darüber diskutiert werden, vor allem über Beihilfen durch den Bund. Schließlich verantwortet dieser die Erweiterungspolitik der EU. Lindner stellt sich gegen “Stimmungsmacher” und plädiert für eine Willkommenskultur und entlarvt sich selbst, wenn er gleichgewichtig fordert, Fachleute und Praktiker müssten sich der Aufgabe stellen, Kriterien für Integrations- oder Rückführungsmöglichkeiten zu entwickeln.
    Anmerkung unseres Lesers J.A.: Die FDP ist sich treu geblieben: gleichzeitig neoliberale (billige Arbeitskräfte für die Firmen) und nationalkonservative (“Ausländer raus”) Forderungen verbinden, und das in der typischen Mischung von Selbstüberheblichkeit und Asozialität – Chapeau. Daß die geforderten Ausweisungen ggf. gegen EU-Recht (Freizügigkeit für alle EU-Bürger) oder Verstöße gegen das Menschenrecht verstoßen, muß Pseudo-Bürgerrechtler wie die FDP natürlich auch nicht stören. Lindner ist höchstens das schönere Gesicht für den weiterhin widerlichen Inhalt dieser Mogelpackung.
 
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