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Leben in Armut – Ein Portrait der Unterschicht

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Paolo_Pinkel

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#1
In „Deutschland dritter Klasse“ porträtieren drei Journalisten den unteren Rand der deutschen Gesellschaft
© Die Berliner Literaturkritik, 17.04.09 Von Britta Schultejans
HAMBURG (BLK) – Jessica und René Weber sind arbeitslos und verbringen den Tag damit, sich Talkshows anzusehen. Windeln für ihre kleine Tochter Janina können sie sich nicht mehr leisten, das Geld vom Amt ist schon vor dem Monatsende aufgebraucht. Reinhard Zetzsche arbeitet zwar als Wachmann, er und seine Frau kommen aber trotzdem nur über die Runden, wenn ihre Tochter ihnen finanziell unter die Arme greift. Und die 17 Jahre alte Förderschülerin Andrea stemmt sich mit aller Gewalt gegen das Schicksal, das sowohl ihre Familie als auch ihre Lehrer ihr schon lange vor dem Schulabschluss vorausgesagt haben: Hartz IV.

Die Webers, die Zetzsches und Andrea gehören zu Deutschlands so genannter Unterschicht und sie sind einige der Protagonisten in dem Buch „Deutschland dritter Klasse – Leben in der Unterschicht“, das an diesem Freitag erscheint und am Montag in Berlin vorgestellt werden soll. Die Journalistin Julia Friedrichs, die im vergangenen Jahr mit „Gestatten: Elite“ einen Bestseller veröffentlichte, und ihre Kollegen Eva Müller und Boris Baumholt haben verschiedene Menschen über Jahre hinweg begleitet, die am unteren Rand der Gesellschaft um ihr Leben kämpfen und um ein bisschen Würde. Sie schildern eindrucksvoll, wie viele von ihnen sich in ihrer ausweglosen Situation eingerichtet und akzeptiert haben, dass sie zu dem gehören, was Wissenschaftler und Politiker als Prekariat bezeichnen. „Wir sind ganz unten“, sagen die Webers.

„In der letzten Zeit ist sehr viel über die Menschen gesprochen worden, die Hartz IV beziehen oder von ihrem Lohn nicht leben können“, sagt Autorin Julia Friedrichs im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Dann sind alle ganz aufgeregt und entsetzt, wenn wieder eine neue Zahl herauskommt.“ Die Betroffenen selbst kämen aber selten und meist nur kurz zu Wort. In ihrem Buch wollten die drei Schriftsteller ihnen eine Stimme geben und sie länger als nur einen kurzen Moment lang begleiten. Expertenmeinungen gibt es nicht in dem Buch. In nüchternen Info-Kästen werden die harten Fakten geliefert. „Im Jahr 1999 versorgte die Wattenscheider Tafel rund 300 Menschen. Im Jahr 2009 sind es an die 8000“, steht da zum Beispiel.

Die drei begleiten auch Volker Hoppe, der mit Anfang 40 seinen Job als Vorstandsassistent verlor und sich Schritt für Schritt von seinem bisherigen Leben und aus der Mittelschicht verabschieden musste. 200 Bewerbungen schrieb er – ohne Erfolg. „Mittlerweile habe ich mich schon in gewisser Weise in ein Schneckenhaus zurückgezogen“, zitieren ihn die Autoren. „Ich gehöre nicht mehr dazu.“

„Wir wollten mehr liefern als eine Momentaufnahme“, sagt Friedrichs, die sich in „Gestatten: Elite“ auf die Spuren der Führungskräfte von morgen begeben und an Elite-Internaten, Privatunis und der Unternehmensberatung McKinsey recherchiert hatte. Zwischen der Unter- und Oberschicht unserer Gesellschaft hat die 29-Jährige auch Parallelen entdeckt: „Ich habe sowohl das obere als auch das untere Ende der Gesellschaft als sehr abgeschottet erlebt. Es gibt Schulen, die auf ein Leben in der Unterschicht vorbereiten, und welche für die Eliten. Es gibt Familien, die seit Generationen ganz oben oder ganz unten leben. Beide Enden der Gesellschaft spalten sich mehr und mehr ab“, sagt sie.

Mit dem Leben, das der Großteil der Menschen in diesem Land lebt, hätten beide Schichten nur noch sehr wenig zu tun. Beide seien „Parallelwelten“, sagt Friedrichs. „Nur kommt man aus der Mitte leichter nach unten als nach oben. Der Weg in die Unterschicht ist durchlässiger.“ In beiden Schichten habe sie Menschen kennen gelernt, die sich ungeheuer anstrengen, etwas aus ihrem Leben zu machen. „Das Schlimme ist: Bei denen in der so genannten Unterschicht bringt diese Anstrengung nichts. ‛Jeder ist seines Glückes Schmied’ stimmt einfach nicht“, schildert Friedrichs ihre Beobachtungen. “Leistung ist eben nicht das allein entscheidende. Manche können so viel leisten, wie sie wollen und krebsen trotzdem unten rum.“

Im Vorwort, das der Journalist Heribert Prantl geschrieben hat, heißt es: „Das Übel, dass viele Leute ein schlechtes Leben führen, besteht nicht darin, dass andere Leute ein reiches Leben führen. Das Übel liegt vor allem darin, dass schlechte Leben schlecht sind“. Genau das zeigt dieses Buch. (dpa/köh)
Leben in Armut – Ein Portrait der Unterschicht - Berliner Literaturkritik

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Paolo
 
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