Interviewstudie: Ältere HartzIV-Empfänger kommen zu Wort (1 Betrachter)

Betrachter - Thema (Registriert: 0, Gäste: 1)

Status
Für weitere Antworten geschlossen.

ethos07

VIP Nutzer*in
Startbeitrag
Mitglied seit
16 April 2007
Beiträge
5.679
Bewertungen
920
durchaus mal lesbar - (download von 73 Seiten)
Es werden 40 Erwerbslose Ü50 exemplarisch interviewt und eine Auswertung inklusive einer Diskussion der Ergebnisse präsentiert.
 

klaus1233

Elo-User*in
Mitglied seit
21 März 2006
Beiträge
244
Bewertungen
24
durchaus mal lesbar - (download von 73 Seiten)
Es werden 40 Erwerbslose Ü50 exemplarisch interviewt und eine Auswertung inklusive einer Diskussion der Ergebnisse präsentiert.

Meine Favoriten aus dem Interview:

„Frau Thiel: „Es ist alles nicht in Erfüllung gegangen, was ich mir vorgestellt habe: Kein
Wohlstand hat sich eingestellt und keine sozialen Kontakte, kein guter Beruf. Und da hat
mein ganzer Fleiß und Hingabe und Begabung alles nichts genutzt. Jenseits davon gibt es
Härten, die man durch seine Person gar nicht beeinflussen kann, da kann man froh sein,
wenn man sich noch einigermaßen über Wasser halten kann, wenn dazu die Fähigkeit
reicht (...)““

Frau Thiel: „Man kommt nach einer gewissen Zeit automatisch in einen Bereich, in dem
man nicht mehr leben will, man muss es so knallhart ausrücken. Denn wenn die anderen
einem keine Würde mehr lassen und keinen Respekt, wovon soll man da leben? Und wenn
die einem mit Vorurteilen kommen und sagen: Na, ist das alles, was du geschafft hast?’,
dann kann man damit nicht leben. Und automatisch macht man sich Gedanken, ja was ist
jetzt mit dir? Eigentlich weiß ich nicht mehr, warum ich noch lebe. Und wenn man selber
an dem Punkt ist, dann sieht man das bei anderen auch.“ (...) „Diese Krankheit Arbeitslosigkeit
hat sich ausgeweitet, sie hat mir sozusagen den Boden unter den Füßen weggezogen.
Und wer ist dafür zuständig? Ein Arzt hört sich das nicht an, ein Psychiater hat
andere Kategorien im Kopf.“

Frau Abel: „Ich hätte das nicht erwartet, mal in so eine Situation hinein zu geraten, muss
ich ganz ehrlich sagen, so wie sich das in den letzten zwei Jahren entwickelt hat, ich kann
da heute drüber lachen, aber das ist Galgenhumor. (...) Ich habe alles gekündigt, ja im
Vorfeld schon, was zu kündigen war, d.h. Lebensversicherung um die Bank zu befriedigen,
ja Lebensversicherung, Bausparverträge, nichts, nix mehr, darf man ja auch nicht mehr.
(...) Und das ist tatsächlich so, dass wenn Freitag abends, wie letzten Freitag, um zehn
vor sechs das Telefon klingelt, die Bank ruft an und sagt das Konto ist gepfändet. Äh und
ich hab noch drei Euro im Portemonnaie und hab noch nicht fürs Wochenende eingekauft.
(...) Im letzten Jahr habe ich verkauft, was ich aus Erbschaften hatte, jetzt hier so an
Medaillen oder was weiß ich oder alten Fotos aus Kriegszeiten, da habe ich ne Zeit lang
tatsächlich noch ein bisschen zusätzliches Geld gehabt, ich habe jetzt nichts mehr. (...) Es
gehört dann [gegenüber den Behörden] immer ganz schön viel dazu, den Kopf oben zu
halten und den Stolz nicht zu verlieren.“

Frau Groß: „...also im Augenblick geht es ja noch, da hab ich jetzt etwas über 100 Euro
weniger als Arbeitslosengeld und irgendwie geht’s dann noch, aber was ist dann nächstes
Jahr, wenn ich dann also noch weniger kriege, das ist dann, das ist schon, das macht
Angst und das ist dann, also entweder verkriecht man sich und denkt nur dran, oh Gott,
oh Gott, oder man denkt überhaupt gar nicht dran und schiebt das auf die Seite und sagt,
gucken wir mal am 31. Dezember, was dann ist.

------ Ich bin etwas sprachlos über so viel geäußerte und treffend formulierte Selbstwahrnehmung aus der Hartz IV-Realität. So hart wie die Frau Thiel gehe ich allerdings nicht mit mir ins Gericht, obwohl ich mir auch nicht Hartz IV, Altersarmut und Paria-Status trotz guter Tauglichkeitsbescheinigungen jemals vorgestellt habe. Nun war ich auch nie so auf Karriere fixiert und auf das Geld, obwohl ich auch viele Überstunden kloppte, um mir etwas leisten zu können, als das noch möglich war. Aber die schönen Jobs mit super Verdienst und Entwicklungs- und Selbstverwirklichungspotenzial sind nun mal begrenzt, wenn es sie denn überhaupt gibt und werden mehr und mehr wegrationalisiert.

Aber so ist Life, so war es doch immer. Wer hätte sich denn Weltkriege, Bombenterror und eigene Verstrickungen in Greueltaten jemals als Angehöriger der vorherigen Generationen für sich vorgestellt oder gewünscht ? Man ist den Zeitläufen und den Rahmenverhältnissen ausgeliefert, da unterliegt vieles nicht dem individuellen Machbarkeitswahn des einzelne Popels. Bei der letzten großen Arbeitslosigkeit flüchteten viele Arbeitslose in ihrer Perspektivlosigkeit in SA/SS und verwandelten ihre aufgestaut Wut,ihren Frust in ein Berserkertum mit Millionen Toten und Holocaust. Heute richtet sich die Wut, Frust der Arbeitslosen mehr gegen sich selber mit den bekannten Folgen. Was ist besser? Gesünder?

Und Respekt und Würde, da meine ich,muss auch etwas aus einem selber kommen, von innen her, da darf man sich nicht so abhängig von anderen Bewertungsschablonen machen. Aber dieser negative Dunst dringt in einen ein, unterminiert einen über die Medien,über den Briefkasten in Form von Absagen, wenn man es wieder und wieder hört oder geschieht, wie falsch es auch sein mag, es schleicht sich ins Unterbewusstsein, er wird wohl auch mit Absicht lanciert, damit die Scham und Angst geschürt wird, Solidarität und Widerstand im Kern schon eliminiert werden. So wird Wut und Hass über die Aussperrung von Lebenschancen von Fremdzerstörung auf Selbstzerstörung gerichtet. Gelegentlich gibt es dann Ein-Euro-Job, um sich in sinnloser Arbeit auszutoben, als Psychotherapie zur Gesunderhaltung, damit die Krankheitskosten nicht explodieren.
 

ethos07

VIP Nutzer*in
Startbeitrag
Mitglied seit
16 April 2007
Beiträge
5.679
Bewertungen
920
------ Ich bin etwas sprachlos über so viel geäußerte und treffend formulierte Selbstwahrnehmung aus der Hartz IV-Realität. So hart wie die Frau Thiel gehe ich allerdings nicht mit mir ins Gericht, obwohl ich mir auch nicht Hartz IV, Altersarmut und Paria-Status trotz guter Tauglichkeitsbescheinigungen jemals vorgestellt habe. Nun war ich auch nie so auf Karriere fixiert und auf das Geld, obwohl ich auch viele Überstunden kloppte, um mir etwas leisten zu können, als das noch möglich war. Aber die schönen Jobs mit super Verdienst und Entwicklungs- und Selbstverwirklichungspotenzial sind nun mal begrenzt, wenn es sie denn überhaupt gibt und werden mehr und mehr wegrationalisiert.

Es ist wohl Folgendes was unsere Generation 50plus so besonders wurmt: dass uns im ersten Bildungsboom 60er/70er Jahre was-weiss-ich für tolle sichere Berufsperspektiven vorgegaukelt wurden . Und ein Teil unserer Altersgenossen diese ja auch wie "selbstverständlich" noch erreicht haben. Aber eben der Riss mitten durch unsere Generation geht - auch bei eigentlich ähnlichen Bildungs- und Berufseinstiegsverläufen. Irgendwan mit Ü40 sind die Chancen recht drastisch auseinadner gebrochen. Vermutlich doch entlang der finanziellen Herkunftsschicht der Vorgeneration, also unserer Eltern? Denn was mir - und auch vielen in meiner Umgebung - immer fehlte war, in den Zwischenzeiten zwischen guten Arbeitsstellen, die finanzielle Sicherheit zur Überbrückung zu haben, um nicht den nächstbesten vom Arbeitsamt fianzierten und zunehmend auch maßlos unterbezahlten Behelfsjob (ABMs) annehmen zu müssen...
Scheint mir zumindest in meiner Umgebung der Auslöser für die nun sich realisiernde Altersverarmung in einem Teil meiner Generation zu sein.


Aber so ist Life, so war es doch immer. Wer hätte sich denn Weltkriege, Bombenterror und eigene Verstrickungen in Greueltaten jemals als Angehöriger der vorherigen Generationen für sich vorgestellt oder gewünscht ? Man ist den Zeitläufen und den Rahmenverhältnissen ausgeliefert, da unterliegt vieles nicht dem individuellen Machbarkeitswahn des einzelne Popels. Bei der letzten großen Arbeitslosigkeit flüchteten viele Arbeitslose in ihrer Perspektivlosigkeit in SA/SS und verwandelten ihre aufgestaut Wut,ihren Frust in ein Berserkertum mit Millionen Toten und Holocaust. Heute richtet sich die Wut, Frust der Arbeitslosen mehr gegen sich selber mit den bekannten Folgen. Was ist besser? Gesünder?

Na, ich sage da immer: Welch einmaliges historisches Glück - selbst wenn ich morgen vom Acker müsste - in meiner Generation an die 60 friedliche Jahre ohne Kriege, mit (fast immer) genug & sogar meist richtig gutem Essen, nettem Dach überm Kopf, individuellen Freiheiten und und und gehabt zu haben. Was immer noch die weiteren Jahre mir bringen mögen. Welche Generation vor mir - gerade auch als Frau - hatte denn bislang diese bislang einmaligen Freiheiten über einen so langen Lebenszeitraum? Dies bleibt, hoffe ich, für mich auch unter den harschen aktuellen Rückschläge von Hartz IV Quintessenz... :icon_smile:

Und Respekt und Würde, da meine ich,muss auch etwas aus einem selber kommen, von innen her, da darf man sich nicht so abhängig von anderen Bewertungsschablonen machen. Aber dieser negative Dunst dringt in einen ein, unterminiert einen über die Medien,über den Briefkasten in Form von Absagen, wenn man es wieder und wieder hört oder geschieht, wie falsch es auch sein mag, es schleicht sich ins Unterbewusstsein, er wird wohl auch mit Absicht lanciert, damit die Scham und Angst geschürt wird, Solidarität und Widerstand im Kern schon eliminiert werden. So wird Wut und Hass über die Aussperrung von Lebenschancen von Fremdzerstörung auf Selbstzerstörung gerichtet. Gelegentlich gibt es dann Ein-Euro-Job, um sich in sinnloser Arbeit auszutoben, als Psychotherapie zur Gesunderhaltung, damit die Krankheitskosten nicht explodieren.

Gerade gestern gelesen: dass die Frauen, die nach 1945 ohne ihre Männer die Hungernation über Wasser gehalten haben, die ersten ein bis zwei Jahre prima durchgehalten haben, dann aber doch häufig zusammengebrochen sind. In - natürlich weit - abgemilderter Form passiert vermutlich unter HartzIV ähnliches mit einem: man wird mürbe.

Insofern ist selbstbestimmte gemeinsame Gegenwehr auch als 'egoistische Gegenmedizin' so wichtig ;-).
 

klaus1233

Elo-User*in
Mitglied seit
21 März 2006
Beiträge
244
Bewertungen
24
Und? helfen uns denn solche Studien weiter? Ich denke mal, das will eh keiner wissen. Wir, die Betroffenen kennen unsere Situation, andere schauen lieber drüber weg. Und die Politiker???? Die interessiert es doch nicht, wie es dem Volk geht, die haben ihre Diäten und ne gute Alterssicherheit, wenn sie nach der Legislaturperiode nicht mehr weitermachen. Wer von denen hat denn mal richtig gearbeitet? Geschwitzt bei der Arbeit? Ich könnte auf Anhieb niemanden nennen.
Oder..... wer hat seine Kinder allein grossgezogen? Ohne Unterhalt, selbst ganztags gearbeitet um das Notwendige für die Kinder zu bezahlen? Auch da könnte ich auf Anhieb niemanden aus der Gilder der Politiker nennen.

Die können doch wirklich nur eines: Große Sprüche machen, das Volk für dumm verkaufen und das Schlimme daran ist, das Volk lässt sich das gefallen.
Immerhin kamen wir in dieser Studie überhaupt mal zu Wort. Das ist ja meist unerwünscht, meisten kommen wir nur in Zahlen, Prozenten und Grafiken der Fachleute vor, unser untersuchtes Verhalten wird dann entsprechend der politischen Zielsetzung de Studie interpretiert. Die brauchen mit uns nicht mehr zu reden. Wozu auch, sie wissen ja alles und interpretieren es sich schön.

Spannend finde ich die klingenden Heilsversprechen der Projekte 50plus, Hartz IV auf ihre tatsächliche Wirksamkeit hin zu durchleuchten und mich darüber zu informieren. Ich habe zwar meist eine Vermutung, dass das nichts wird, aber ich könnte mich ja irren und die Fachleute könnten ja recht haben, der eigene Horizont ist auch nur begrenzt. Es könnte ja auch etwas mal funktionieren.
Von Politik kann man nur etwas erwarten, wenn Banker, Unternehmer oder Anlagebetrüger ist. Dann werden auf einmal auch Milliarden aus dem Füllhorn verpulvert, nachdem man uns 20 Jahre den Sparzwang gepredigt und von Haushaltskonsolidierung gesprochen hat. Sie hatten kein Geld für uns und für wichtige gesellschaftliche Projekte, weil sie damit auf dem Weltmarkt zocken mussten.

Die Jobs fehlen und Politik kann sie nicht herbei zaubern. Die globale Wirtschaft ändert sich und 50plus hat den Preis für den Fortschritt zu bezahlen. Nicht nur 50plus, auch Behinderte, Migranten, Kranke, Rentner … der ganze Sozialstaat wird scheibchenweise in den Orkus entsorgt, habe ich den Eindruck. Auch die Jungen werden von einem Praktikumsplatz und Befristung der Leiharbeit zum nächsten verschoben, bis ihre Qualifikation entwertet ist.

Viele von uns 50plus haben Potenzial und wichtige Erfahrungen gemacht, Kenntnisse und Fertigkeiten gesammelt. Mehr als ein vorübergehender Minijob ist aber nicht mehr drin auf dem regulären niederschwelligen Arbeitsmarkt für die meisten von uns. Was können wir also tun? Mir scheint, wir sollten uns lokal zusammenschließen und überlegen, ob wir nicht mit Hilfe von selbstbestimmten Projekten, Genossenschaften, autonome Selbsthilfeprojekte initiieren können. Wo dann auch die Qualitäten aus Familien- und Gesellschaftsarbeit nützlich eingebracht werden können und nicht zu Abwertungen der kompletten Marktunnützlichkeit führen. Wir sollten hin zu eine solidarischen Ökonomie und weg von der traditionellen Vernichtungs- und Enteignungsökonomie. Und wir müssen es selber machen!

Aber habe ich die Kraft dafür, den Mut, bin ich nicht schon viel zu festgefahren in den traditionellen Gedankengängen und stehe ich neuen herausfordernden Ideen nicht zu viel zu negativ und ablehnend gegenüber? Und was ist die Alternative? 20-30 Jahre auf den Tod warten mit Internet, Glotze, Vino, Pizza und Pasta und auf Abwechslung vom Amt, mal wieder ein neues Formular, mal wieder ein neues Projekt. Das geht mir ja jetzt schon auf den Sack.
 

ethos07

VIP Nutzer*in
Startbeitrag
Mitglied seit
16 April 2007
Beiträge
5.679
Bewertungen
920
Mir scheint, wir sollten uns lokal zusammenschließen und überlegen, ob wir nicht mit Hilfe von selbstbestimmten Projekten, Genossenschaften, autonome Selbsthilfeprojekte initiieren können. ...

Aber habe ich die Kraft dafür, den Mut, bin ich nicht schon viel zu festgefahren in den traditionellen Gedankengängen und stehe ich neuen herausfordernden Ideen nicht zu viel zu negativ und ablehnend gegenüber? .
Sehe ich auch so! Wobei wir Älteren natürlich erst recht in unseren Schienen auch ganz schön festgefahren sind ;-) - und daher wird es auch sehr unterschiedliche Selbsthilfeprojekte vor Ort geben müssen.

@Klaus,1233 ...bin gespannt, welche Kurve du dahin bekommst - berichte auf jeden Fall dann wenn's konkreter wird hier weiter!

- und dazu als Sahnehäubchen für alle die "Begleitmusik" von lautstarkem Protest auf der Straße - dies dann wieder von uns allen gemeinsam :cool:

Zu letzterem bringt, glaube ich, das Jahr 2009 recht vielfältige Chancen - auch für uns Ältere, wenn wir uns denn aufraffen... :icon_twisted:

Und vielleicht haben wir ja auch ein paar spezielle Forderungen für uns 50plus-Prekäre, die wir dort gemeinsam voranbringen könnten?!
 
Status
Für weitere Antworten geschlossen.
Oben Unten