Hat jetzt jeder Geringqualifizierte einen Anspruch auf eine berufliche Erstausbildung ?

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Laborwesen

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Moin !

Ich habe gerade eben einen Beitrag zum sog. "Arbeit-von-Morgen-Gesetz" überflogen. Habe ich richtig verstanden, dass Menschen ohne Berufsabschluss aber in ALG-Bezug nun einen rechtlichen Anspruch auf eine vom Arbeitsamt/Jobcenter bezahlte Berufsausbildung über Bildungsgutscheine o.ä haben ?

Falls ja, welche Anforderungen müsste man da genau erfüllen ?

Hintergrund der Frage ist, dass mein Bruder keine Berufsausbildung hat, durch die Folgen des Lockdowns arbeitslos geworden ist und nun über eine berufliche Erstausbildung nachdenkt.

Besten Dank im Vorraus !
 

abcabc

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Hey,
das Gute-Arbeit-von-Morgen Gesetz wurde (wenn ich das richtig verstanden habe) im SGB irgendwie mit "reingewurschtelt" und ist kein eigenständiges Gesetz.....

Bei fehlendem Berufsabschluss sind insbesondere die Möglichkeiten zur Vermittlung in eine Ausbildung zu nutzen.

Da ist das etwas detailierter beschrieben, wann es einen Anspruch auf Ausbildung gibt...

Bei Bildungsgutscheinen ist das meist Zufall/Willkür, ob die problemlos bewilligt werden. Die AfA und das Jobcenter sprechen offiziell lieber von "Ermessen". Wenn der Antrag gut begründet ist, kann man die Ansprüche ggf. vor dem Sozialgericht durchsetzen, aber das dauert und es gibt keine Erfolgsgarantie.

Besser wäre eine "echte" Ausbildung bei einer "normalen" Firma. Bei den Ausbildungen bei einem Träger stellen sich sonst hinterher potentielle AGs die Frage, weshalb die Person nicht in der Lage war eine "normale" Ausbildung zu machen - ob da schwere chronische Gesundeitsprobleme vorliegen und ob der Bewerber nach der Ausbildung bei dem MT mit der Praxis in Betrieben vertraut ist.
 

Katzenstube

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Hallo Laborwesen,
nachdem ich rund 30 Jahre im kfm. Bereich tätig war wurde ich arbeitslos. Ich hatte keine Ausbildung.

Die Afa bot mir eine Ausbildung als Kauffrau Bürokommunikation an. Habe ich selbstredend innerhalb des halben Jahres gemacht. So kam auf meine ständig ausgeübte Tätigkeit noch der entsprechende Abschluss dazu.

Direkt danach ging es über drei Jahre sehr mies, aber mit Mitte 50 habe ich dann wieder Tritt im kaufmännischen Bereich gefasst.

Informieren, überlegen und dann abwarten, was nach Carona passiert ..... In der Zwischenzeit eine Weiter-/Ausbildung mitnehmen, warum denn nicht=

Gruß von Katzenstube
 

PhilippNixdorf

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Hallo Laborwesen,

ich berate gerade einen jungen Mann, der ebenfalls keine Berufsausbildung hat und nun gerne eine überbetriebliche Ausbildung seitens des Jobcenters finanziert bekommen will. Da gibt es bzgl. seiner Eignung einiges, weshalb ich mit dem JC in Kontakt stehe. Aus meiner Erfahrung kann ich dir dazu folgendes sagen: Die rechtlichen Grundlagen hat mein Vorposter schon genannt.

Wenn du dir den Paragrafen 81 SGB III durchliest, wirst du einige Hürden erkennen, die es schwer machen können, eine Ausbildung durch das JC finanziert zu bekommen. In Abs. 2 § 81 SGB III heißt es, der Erwerb eines Berufsabschlusses werde gefördert, wenn die Leistungsbeziehenden nicht über einen Berufsabschluss verfügen oder wenn sie als wieder ungelernt gelten. Soweit, so klar!

Wichtig ist aber zusätzlich, dass die Person, die eine Ausbildung wünscht, für den angestrebten Beruf geeignet sein muss und dass mit dem angestrebten Beruf die Beschäftigungschancen verbessert werden. Außerdem werden i. d. R. nur Leute gefördert, die schon mindestens 3 Jahre irgendwo gearbeitet haben (Kindererziehungs- und Pflegezeiten werden angerechnet).

Das Problem ist, dass die Arbeitsvermittler*innen im JC argumentieren können, dass es genug Stellen für Ungelernte im Lager-Bereich, im Kurierdienst, in der Montage etc. bei Zeitarbeitsfirmen gäbe, weshalb eine Förderung nicht nötig sei – schließlich ist fast jeder Job zumutbar!

Es gibt aber auch viele Arbeitsvermittler*innen, die es ihren „Kund*innen“ wirklich ermöglichen wollen, eine Qualifikation zu erlangen. Ihre internen Vorgaben sehen aber oft vor, dass sie bei überbetrieblichen Ausbildungen/Umschulungen zunächst mal eine psychologische Begutachtung in Auftrag geben müssen.

Bei dieser soll festgestellt werden, ob die Person, die eine Ausbildungen/Umschulungen wünscht, die motivationalen und kognitiven Fähigkeiten hat, diese erfolgreich abzuschließen. Wenn das Gutachten dies verneint, hat das JC einen wichtigen Grund, die Förderung abzulehnen.

Ich war selbst mal Arbeitsvermittler im JC. Ich hatte einige Fälle, bei denen ich einem „Kunden“ gerne eine Umschulung finanziert hätte, das Gutachten aber darlegte, dass die Person damit wahrscheinlich überfordert wäre. Ich musste mich in diesen Fällen an das Gutachten halten. Das dürfte heute im JC nicht anders sein.

In jedem Fall sollte dein Bruder den Antrag auf Ausbildung gut begründen. Es hilft enorm, wenn er sich mittels des Arbeitsmarktmonitors darüber informiert, wie die Chancen auf Arbeitsaufnahme in seinem Wunschberuf stehen. Außerdem sollte er sich z. B. bei BERUFENET über den Beruf möglichst gut informieren.

Wo wird gearbeitet? Welche Fähigkeiten braucht man? Was wären vergleichbare Berufe? usw. sind typische Fragen, die Arbeitsvermittler*innen oft stellen, weil sie so prüfen wollen, ob dein Bruder es ernst meint mit dem Ausbildungswunsch.

Im psychologischen Gutachten wird dann nicht nur mittels standardisierter Tests die kognitive Leistungsfähigkeit deines Bruders geprüft, sondern es soll durch ein Gespräch mit einem/einer Psychologe/in auch ermittelt werden, wie die Rahmenbedingungen deines Bruders sind. Es geht dabei u. a. darum, wie er mit Stress und Rückschlägen umgeht, ob er in partnerschaftlich gesicherten Verhältnissen lebt etc., weil all sowas Einfluss darauf nehmen kann, ob er die Ausbildung erfolgreich abschließen wird.

Was ich kurzum sagen will:

1. Dein Bruder muss den Antrag gut begründen (gute Arbeitsmarktlage, gute Chancen, langfriste Kostenersparnis fürs JC durch wahrscheinlich nachhaltige Integration).

2. Dein Bruder muss sich im Vorfeld gut über diverse Eckdaten zum Wunschberuf informieren.

3. In Vorbereitung auf das psychologische Gespräch sollte dein Bruder sich mit Fragen wie den folgenden auseinandersetzen:
  • Wie geht er mit Stress um? Wie geht er mit Rückschlägen um? Warum hat er keine Ausbildung? Warum will er gerade diese Ausbildung machen? Wie flexibel/mobil ist er? Wie würden seine Freunde ihn charakterisieren?
4. Dein Bruder sollte im Internet nach Eignungstests suchen. Es gibt unzählige davon. Welcher für ihn zum Training des kognitiven Testanteils in Frage kommt, ist abhängig vom Wunschberuf. Dazu kann ich pauschal nichts sagen.

Viel Erfolg. Wenn du Hilfe brauchst, melde dich wieder.
 

BerndB

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@PhilippNixdorf hat es sehr gut und klar beschrieben. Ich mach jetzt nur noch eine Anmerkung, weil ich es etwas positiver sehe:

Es besteht ein Rechtsanspruch, der sowohl für das JC als auch für die AA gilt. Und es sind jetzt solche Voraussetzungen wie
„geeignet für den Beruf“ (ein Kranführer muss schwindelfrei sein),
„voraussichtlich die Ausbildung erfolgreich durchlaufen“ (einer schwangere Frau wird sicher keine 2-jähre Ausbildung gezahlt),
„Arbeitschancen sollen verbessert werden“ (einen ortsgebundenen Allgäuer wird man nicht zum Matrosen umschulen -oder- mit einer fünf in Mathe dürfte eine mathelastige Ausbildung weniger in Frage kommen, falls überhaupt nach Zeugnissen gefragt wird).
ins Gesetz geschrieben worden. Aber ich würde sagen, genau diese Voraussetzungen mussten JC und AA auch vorher schon beachten. Sonst wäre viel Geld zum Fenster hinausgeschmissen worden. Vermutlich hat dein Bruder Anspruch aufs Alg1. Die Chancen dürften deshalb schon von vornherein höher sein als im Jobcenter, wo aufgrund der oft langen Arbeitslosigkeit die Arbeitslosen dort leider länger aus dem Lernprozess raus sind. Wegen der längeren Arbeitslosigkeit vermute ich, dass im Jobcenter auch eher psychologische Tests eingesetzt werden.

Er muss es sich nur schnell überlegen bevor das Alg ausläuft. Die betriebliche Ausbildung ist vorzuziehen, da sie mehr Praxis bringt. Sie hat aber den Nachteil, dass sie auf 2/3 verkürzt werden muss und deshalb vermutlich im 2. Lehrjahr startet. Bei der schulischen Form (mit mehr oder weniger Praxis) ist der Lernstoff dagegen genau auf die ganze Dauer verteilt.

NACHTRAG:
Er sollte sich nicht Richtung einer nur mehrere Monate dauernden Qualifizierung irgendwelcher Art drängen lassen. Denn dabei spricht man nicht von "Nachholen der Ausbildung".
 
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Laborwesen

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Hallo alle miteinander !

Vielen Dank für die doch sehr ausführlichen Informationen. Tatsächlich hatte ich mir den Weg zur Umschulung, insbesondere vor dem Hintergrund der großspurigen Verkündung in Medien und Co., etwas einfacher vorgestellt.

Die Situation meines Bruders ist die Folgende:

Er (32 Jahre) hat lange in der Gastronomie gearbeitet, sowie sich an diversen Studiengängen versucht, wäre also theoretisch ALG I berechtigt, müsste aber womöglich aufstocken um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Nun traut er es sich nicht zu, auf herkömmlichen Wege an eine Ausbildung, er möchte gerne Elektroniker werden, zu kommen, dass insbesondere vor dem Hintergrund der Coronakrise.

Ich werde ihm die von euch beschriebenen Zusammenhänge schildern und auf das Beste hoffen, bin jedoch, ehrlich gesagt, erschüttert, wie schwierig es in diesem Land anscheinend ist, sich nachzuqualifizieren. Das ganze Gerede vom "Fachkräftemangel" ergibt vor diesem Hintergrund für mich einfach keinen Sinn.

Ihm wird es wohl ebenfalls sehr unverständlich sein, warum er viel einfacher "Nichts" tun kann, statt eine Qualifikation nachzuholen und produktiv an der Gesellschaft teilzuhaben.

Beste Grüße an euch alle und bleibt gesund !

P.S: Falls jemand noch Vorschläge hat, wie er vorgehen könnte immer her damit, ich sammel und leite weiter !
 

BerndB

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Nur eine Anmerkung, mit dem jetzigen Wissen, dass er die Hochschulreife hat:
Es ist nicht schwierig, eine Förderung für das Nachholen eines Berufsabschlusses zu erhalten!!

Auch und gerade dann, wenn es um Berufe geht, die sehr gefragt sind. Und dass er mehrere Studiengänge abgebrochen hat, muss nicht mit seiner Intelligenz oder seinem Durchhaltevermögen zu tun haben.

Studienberufe klingen schön, treffen aber evtl. doch nicht die Neigung eines Studenten. Oder der Studienbetrieb oder die weite Entfernung von zuhause/den Freunden (ja, gibt es auch) wirkt sich negativ aus. Ich kenne jemand, und das ist nicht erfunden, der hat nach drei Abbrüchen den vierten Studiengang geschafft. Als Jahrgangsbester im Masterstudium. O.k., das muss die Familie erst mal finanzieren. Ansonsten: hier.

NACHRTRAG: Meines Wissens ist bei aufstockendem Alg 2 weiter die AA und nicht das JC für die Vermittlung und Weiterbildung zuständig. Lasse mich da aber gern belehren.
 
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PhilippNixdorf

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Hi @BerndB, ich stimme dir zu! Ich wollte mit meinem Post keineswegs andeuten, dass es super schwer wäre, eine Ausbildung seitens des JC finanziert zu bekommen. Wenn man auf eine einigermaßen engagierte Fachkraft im JC trifft, geht das. Das ist 2019 durch das Gesetz zur Förderung der beruflichen Weiterbildung im Strukturwandel und zur Weiterentwicklung der Ausbildungsförderung eindeutig verbessert worden – und das ist gut so!

Ich will nur deutlich machen, dass man sich davor hüten sollte, mal schnell eine E-Mail an den Arbeitsvermittler zu schicken, in der lediglich steht, man bitte um Finanzierung einer Ausbildung. In manchen Posts hier im Forum habe ich gelesen, dass das JC mittlerweile verpflichtet sei, allen ungelernten Leistungsempfangenden, die das wünschen, eine erste Berufsqualifikation zu ermöglichen.

Die potentiellen Hürden bzw. Dinge, die dabei berücksichtigt werden müssen, werden oft nicht genannt. Die sollten Antragstellende aber kennen, um sie gleich im Vorfeld in ihrer Begründung des Wunsches nach Qualifizierungsfinanzierung aufzugreifen und zu entkräften! Ich will mit meinem Post deutlich machen, dass man der Integrationsfachkraft gleich zeigen sollte: Man hat sich Gedanken gemacht und weiß, was der Wunschberuf beinhaltet.

Ich lese hier im Forum oft den Tipp, man solle dem JC möglichst wenig Persönliches aus seinem Leben preisgeben. Im Hinblick auf den Wunsch, eine Ausbildung finanziert zu bekommen, halte ich das für den falschen Weg. Da ist es viel sinnvoller, umfassend darzulegen, dass und warum man die Ausbildung wünscht und dass aus den und den Gründen einiges dafür spricht, dass man sie erfolgreich abschließen wird.

Man sollte ein paar grundlegende Fragen zu dem Wunschberuf beantworten können und passend auf Fragen wie die antworten können, wie man damit umgeht, wenn es zu Streit mit Kolleg*innen oder Vorgesetzten kommt. Es ist nämlich so, dass es vor allem Menschen, die schon lange erwerbsarbeitslos sind, oft an Konfliktfähigkeit einbüßen (weil sie eben nicht mehr beruflich mit anderen interagieren).

Ich hatte einige „Kund*innen“, die ihre Ausbildung aufgrund eines einzigen Streits abbrachen. Sowas soll verhindert werden, weshalb eben auch auf die charakterliche Festigkeit der Ausbildungsasprirant*innen geschaut wird. Das sollte man wissen und antizipieren, um die Chance auf Positiv-Bescheidung zu erhöhen.

Von meinen „Kund*innen“, die irgendwann mal fragten, ob sie einen Bildungsgutschein für Umschulung XYZ haben könnten, gab es einige, die nichts weiter dazu sagen konnten, was man in dem Job tut und warum sie dem nachgehen wollen. Sowas kommt gar nicht gut an und lässt Zweifel an der Eignung aufkommen. Das sollte der Bruder von @Laborwesen wissen.

Es wäre daher gut, wenn er den Antrag auf Finanzierung der Ausbildung mal hier einstellt, bevor er ihn abschickt. Dann kann man Tipps geben, was vielleicht noch aufgenommen oder anders formuliert werden kann.

P. S.: Wie das Prozedere im JC (in gemeinsamen Einrichtungen von BA und Kommune) abläuft, lässt sich den Fachlichen Weisungen Förderung der beruflichen Weiterbildung der BA entnehmen.
 

BerndB

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@PhilippNixdorf , stimme dir zu. Und deinen Artikel sollte viele der Menschen lesen, die unbedarft an eine Qualifizierung rangehen. Sie könnten sich Enttäuschungen ersparen. An eine Qualifizierung, und speziell Umschulung, sollte man mit dem nötigen Ernst herangehen, denn es geht um die berufliche Zukunft.

Und was ich immer schon meine: Man sollte den SB von JC oder AA nicht als potentiellen Gegner sehen. Denn nicht nur der Alo, sondern auch der SB unterliegt Zwängen und einem gewissen Rechtfertigungsdruck.
 
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