Geisteswissenschaftler über 50 - keine Chance?

Frust1964

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Hallo zusammen,
gerade habe ich mich neu angemeldet, weil ich hoffe, vielleicht auf diesem Weg aus meiner Isolation herauszukommen. Ich bin 50 Jahre und promovierter Geisteswissenschaftler. Die Leserinnen und Leser dieses Beitrags werden sich vielleicht wundern, aber ich hatte mein ganzes Leben lang keine richtige Stelle. Ich habe immer auf den Durchbruch in der Wissenschaft gehofft und gedacht, wenn ich mich noch mehr anstrenge und noch mehr publiziere, kommt vielleicht für mich doch noch der große Karrieresprung. Das kann ich wohl langsam abhaken. Gibt es denn für Akademiker wirklich keine Chancen über 50?
Über Rückmeldungen, Trost etc. würde ich mich sehr freuen.

Georg
 

Neudenkender

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Pseudo- und/oder populärwissenschaftliche Bücher schreiben. Gerade Ratgeber mit einem Dr. vor dem Autorennamen gehen bei halbwegs flotter Schreibe gut.

Ergo umdenken, den Elfenbeinturm verlassen und, tja ..., den Pöbel bedienen. Die Masse macht's, Talkshows einplanen. Zeit der staatlichen Förderung zum Schreiben und Marketing-Konzeptentwurf nutzen.

Pecunia non olet.

Viel Glück!
 
G

Gast1

Gast
Ich bin auch Geisteswissenschaftler und marschiere auf die 50-Jahregrenze zu.

Nach dem Studium habe ich mich aber beruflich umorientiert und habe deswegen 13 Jahre lang, mit mehreren Unterbrechungen durch Arbeitslosigkeit (mal kürzer, mal länger) in der IT-Branche gearbeitet. Im universitären Bereich sah und sehe ich keine Möglichkeit Geld zu verdienen.

Jetzt kann ich aus gesundheitlichen Gründen (Psyche) nicht mehr im IT-Bereich arbeiten. Halte den Stress dort nicht mehr aus. Ist auch von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) attestiert worden, das mit dem Stress.

Eine berufliche Umorientierung im Rahmen einer beruflichen Reha (abgeschlossene Integrationsmaßnahme) ist gescheitert: sie hat mich nicht in Arbeit gebracht. Zur Zeit läuft ein Antrag auf eine Umschulung bei der DRV. Wenn der abgelehnt wird (was möglich ist aufgrund meines fortgeschrittenen Alters), bleibt nur noch der Bezug von Hartz IV bis zur Rente, danach Altersarmut (Grundsicherung im Alter).
 

Texter50

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Ich bin 50 Jahre und promovierter Geisteswissenschaftler. Georg
Troooooooooooost! :icon_hug:

Also, auch Dipl.Ings. in gefragteren Bereichen sind mit ü50 ohne sinnvolllen Job - Du bist nicht allein!
Vorsicht: Aber ich sehe, Du bist dann bald ein gefundenes Futter für 50plus/50+ Maßnahmen. Achte auf alle Dinge, die man Dir freundlichst unterjubeln möchte. :popcorn:
 

kelebek

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Hm, is' zwar nun an Deiner Ausgangseinlassung vorbeiformuliert und dennoch stehen - soweit ich zu ahnen glaube - durchaus auch (gerne auch promovierte, ... und wer weiß, welche Habilitierten sich dazu dazwischen tummeln) Geisteswissenschaftler (deutlich) unter 50 vor der keine-Chancen-Frage, insb. sofern sie ausbildungs-/qualifikationsnahen und (vielleicht gar auskömmlich) entgoltenen Tätigkeiten nachgehen wollen ...
 
E

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Gast
Hallo Frust1964,

Du bist hier nicht alleine wie Du siehst. Mein erster Beruf war Dipl. Ing. Fachrichtung Maschinenbau. Ich habe mich selbst abqualifiziert mit einer zweiten Ausbildung zur OP-Assistenz/MTA, und ich bin glücklich damit. In dem Beruf arbeite ich seit einigen Jahren stundenweise in verschiedenen Praxen.

Eine Lösung habe ich nicht für Dich, das hängt viel von den individuellen Umständen ab oder ob man irgendeine kleine Chance umsetzen kann, die zum Leben passt.

In dem Sinne Willkommen hier.
 

Fritz Fleißig

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@Frust1964

Das geht leider vielen Wissenschaftlern so, nicht nur in den Geisteswissenschaften. Man arbeitet erst als Doktorand wie ein Blöder (man will ja promovieren), dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter (man will sich ja qualifizieren) und später vielleicht noch an der Habilitation. Dabei hangelt man sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag und von Drittmittelbewilligung zu Drittmittelbewilligung. Irgendwann ist dann Schluß.

Da helfen auch exzellente Studienabschlüsse und eine lange Publikationsliste nichts mehr. Für eine relativ einfache Tätigkeit bist du dann überqualifiziert. Dauerstellen im "akademischen Mittelbau" sind und waren sowieso rar. Eine Berufung auf eine Professorenstelle kommt im höheren Alter auch nicht mehr in Frage. Du müßtest mal in den Hochschullehrergesetzen der Bundesländer nachschauen, ob und wo das für dich überhaupt noch möglich wäre. Ich weiß aber nicht, ob die folgende Liste noch aktuell ist:

Einstellungsaltersgrenzen für Professoren - eine Länderübersicht - academics.de

Fleiß, Begabung und viele Publikationen alleine garantieren nichts. Du solltest versuchen, realistisch abzuschätzen, wie hoch (unabhängig von der Altersproblematik) der Bedarf nach Hochschullehrern in deinem Fach derzeit überhaupt ist.

In der Industrie, wo noch viel mehr dem "Jugendlichkeitswahn" gehuldigt wird, sehe ich für Ältere eher weniger Chancen.

Ansonsten bleibt nur, sich alternative Strategien zu überlegen. Das geht aber nur auf individueller Ebene (was würdest du sonst noch gerne machen?).

Alles Gute!
 
R

Rounddancer

Gast
gerade habe ich mich neu angemeldet, weil ich hoffe, vielleicht auf diesem Weg aus meiner Isolation herauszukommen.

Hallo Georg und Herzlich Willkommen!

Ich habe immer auf den Durchbruch in der Wissenschaft gehofft und gedacht, wenn ich mich noch mehr anstrenge und noch mehr publiziere, kommt vielleicht für mich doch noch der große Karrieresprung.
Warten ist immer ein Problem.
Da gab es mal einen gottesfürchtigen Seefahrer.
In einem Sturm kenterte sein Boot. Er betete zu Gott: "Herr hilf mir bitte!", und vertraute auf die Hilfe Gottes.

Es kam ein anderes Schiff, wollte ihn aufnehmen. Er sagte: "Nein, danke, ich weiß, Gott wird mir helfen!". Gut, das Schiff fuhr weiter. Das Boot sank immer mehr. Da kam ein großes Schiff, wollte ihn aufnehmen. Er lehnte auch das ab, selbes Argument: "Gott wird mir helfen!". Das große Schiff fuhr weiter. Das Boot sank immer tiefer und tiefer.
Es kam ein Hubschrauber, ließ ein Seil und einen Rettungsgurt herunter. Forderte ihn auf, sich helfen zu lassen. Auch hier lehnte der Seemann ab, und hoffte weiter auf die Hilfe Gottes..
Der Hubschrauber flog davon. Das Schiff sank, der Seemann ersoff.
Kam, aber eben tot, im Himmel an. Sah Gott,- und fragte ganz enttäuscht: "Herr, ich war doch immer brav, habe an Dich geglaubt,- und mich auf Dich verlassen, auch jetzt, in meiner tiefsten Not,- warum hast Du mir nicht geholfen?"

Gott sagte: "Ich wollte Dir ja helfen, ich sandte Dir das Schiff, Du schicktest es weg. Das große Schiff,- auch das fuhr weiter, da Du nicht einstiegst,- und den Hubschrauber. Und immer schicktest Du sie weg .... Tzz!"

Wenn wir zu lange warten,- und sei es auf einen Zug, dessen 1.Klasse-Abteil genau vor uns zum Stehen kommt,- dann kommt irgendwann kein Zug mehr.

Wenn wir per Anhalter fahren wollen,- vom Bahnhof A bis zum Bahnhof B,- dann können wir lange warten, wenn Autos, die bon A nach B wollen, gar nicht vom Bahnhof A aus fahren, sondern von der Autobahneinfahrt von A und bis zur Autobahnausfahrt in B.

Den restlichen Weg, auch wenn bloß Autos kommen, die uns ein Teilstück mitnehmen, müssen wir so organisieren.

Was also tun? Grobes Ziel setzen. Den nächstbesten Zug nehmen in die Richtung des Ziels.
Das kann ich wohl langsam abhaken. Gibt es denn für Akademiker wirklich keine Chancen über 50?
Ein Kurskamerad, emeritierter Biologieprofessor 50plus, hatte seine letzte Stelle, bei der er endlich mal angestellt war und Solardachfenster montieren durfte, zum Ende der Probezeit verloren. Davor hatte er es mit einem Nachhilfe-Franchise versucht,- viel Arbeit und Zeit investiert,- ohne Erfolg.
Der bekam dann während des Kurses einen Minijob beim "IB", er sollte eine Klasse lauter junger Leute, fast alle Ausländer, die keine Lehrstelle bekommen hatten und nun wegen der Schulpflicht geparkt werden mußten, in den Fächern "Biologie" und "Haushalt" unterrichten. In einem fensterlosen Raum, ohne Tafel, etc.

Der Arme war gut und kompetent,- aber absolut nicht durchsetzungsfähig, und es riß ihm die Seele aus dem Leib, wenn er sich nicht anders zu helfen wußte, als die Klasse anzubrüllen.
Eine Klasse, die nur immer Feierabend oder Pause haben wollte.

Später, die letzte Spur von ihm, da machte er -mit dem in unserem Kurs gelernten Qualitätsmanagement-Wissen einem Arzt auf Teilzeit-Basis das Qualitätsmanagement.

Also: Es ist hart, was zu finden. Als ich Deine Geschichte las, da überlegte ich mir in meiner Eigenschaft als Personalvermittler:

  • Vielleicht könntest Du für ein, zwei VIPs den Ghostwriter für deren Autobiografie oder den Redenscheiber, etc. machen?

  • Vielleicht könntest Du als Dozent oder Fachbereichsleiter bei der Volkshochschule arbeiten? Studienberatung, Koordination für Menschen, die das "Studium generale" machen möchten?

  • Wenn Du ein guter Redner bist,- vielleicht könntest Du diese Fähigkeiten an andere weitergeben?

  • Viele Firmen und Institutionen wünschen sich als Vorzeigeperson im Fußtext de Briefbogens jemanden der promoviert hat.

  • Vielleicht hättest Du gar Lust und Interesse, Menschen zu helfen, fitter, gesünder zu leben, z.B. Lust darauf, eine Vital-T.Ü.V.*-Station aufzumachen?

  • Wie wäre es, wenn Du Deiner regionalen Sonntagszeitung eine regelmäßige Kolumne anbötest und bei Interesse gegen Zeilenhonorar schriebst?

  • ...
Tröste Dich: Ja, heute zählt unter den Akademikern, wenn es ums Geld geht, fast nur noch, was wirtschaftlich oder rüstungsmäßig Geld einbringen könnte. Aber auch Ingenieure, etc. 50 plus sitzen ohne passende Stellen da. Leider.


Was würde ich tun, nein, was tue ich: Ich lerne bei den Erfolgreichen, jedenfalls solange mich das nichts kostet.


Beispielsweise von deren Schnuppervorträgen, Webinaren, YouTube-Videos, etd., z.B. von Torsten Will, Kay Thomma, Hagen Wenk, Jürgen Höller, Helmut Ahment, etc.
Und ich versuche JEDE Chance zu nutzen, in Richtung meiner Ziele.
Und ich versuche, dranzubleiben, und nie, niemals aufzugeben.



Viel Erfolg!


Heinz
 
E

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Ist sehr schwer: zweiter Bildungsweg Geschichte/Germanistik...zuvor kaufmännischer Hintergrund/studienbegleitend in der Hauspflege.

Ausser einiger schlecht oder garnicht bezahlter Magazinartikel + einer befristeten Anstellung in der Buchhändlervereinigung: nüschte !

Also damals wieder zurück ins Büro - jetzt Hartz 4 + ü 55.

Auch im Lehramt zieht man/Frau in den Geisteswissenschaften nicht die Butter vom Brot:popcorn:....gibt zuviele !

Grüsse
 

Texter50

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Auch im Lehramt zieht man/Frau in den Geisteswissenschaften nicht die Butter vom Brot:popcorn:....gibt zuviele !
Das gilt für alle Bereiche im Schulwesen. In BW haben se nach der Wahl des grünen Kaspers erst mal ein paar Tausend Lhererstellen gekappt - still und heimlich. Das Einsparen von einem Schuljahr bringt auch ein wenig Überschuss.
Bei den Bildungsträgern wurden immer schon Hungerlöhne gezahlt, wenn man nicht aus nem Spezialgebiet kam.
 
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Gast
Geisteswissenschaften ist wohl der Bereich in der Arbeitwelt, bei dem das Altern nicht so negativ wirkt. Im Berich EDV oder Lager/Logistik wirkt hohes Alter wesentlich negativer.
Also: Glänze mit deiner Lebenserfahrung ...
 

Texter50

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Da stimmen wir überein. ABER: die Geisteswissenschaften haben immer schon zu wenig Mittel erhalten. Deutschland als Land der Dichter und Denker - das war wohl mal. Geisteswissenschaften werden seit Jahren hoffnungslos unterbewertet, passen sie doch seltener in die Konsumgesellschaft.
Seit im Weiterbildungsbereich nur noch der Gewinn zählt, ist auch hier alles weggebrochen.

Obwohl, den armen Poeten gabs schon länger... :icon_psst:
 
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Gast
Mit der deutschen 'Wiedervereinigung' ging das richtig los.

Die TU in Berlin hatte -aufgrund der Erfahrung im Dritten Reich(Naturwissenschaftler als willige Erfüllungsgehilfen!) +der Vorgaben der Allierten(hier die USA)- einen Geisteswissenschaftlichen Pflichtbereich.

Nach Abzug der USA aus Berlin wurde dieser Bereich schnell abgewickelt: 'The Ghost of Democracy fade away...'
 

hartaber4

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Hallo zusammen,
gerade habe ich mich neu angemeldet, weil ich hoffe, vielleicht auf diesem Weg aus meiner Isolation herauszukommen. Ich bin 50 Jahre und promovierter Geisteswissenschaftler. Die Leserinnen und Leser dieses Beitrags werden sich vielleicht wundern, aber ich hatte mein ganzes Leben lang keine richtige Stelle. Ich habe immer auf den Durchbruch in der Wissenschaft gehofft und gedacht, wenn ich mich noch mehr anstrenge und noch mehr publiziere, kommt vielleicht für mich doch noch der große Karrieresprung. Das kann ich wohl langsam abhaken. Gibt es denn für Akademiker wirklich keine Chancen über 50?
Über Rückmeldungen, Trost etc. würde ich mich sehr freuen.

Georg
Allgemein kann man auch sagen, dass Bildung generell in Deutschland mit Füßen getreten wird.

Selbst wenn man in dem Bereich Forschung an einer Uni unterkommt.....meist ja befristet oder gar als promovierter Mini-Jobber!

Andere packen die Koffer und suchen ihr Glück woanders....(z.B. Forschungs-Cluster in den USA, der Rest des Landes ist oft sehr "bildungsfern")

Gerade die oft belächelten Geisteswissenschaften muss man sich als Gesellschaft leisten können.... wenn man auch noch interdisziplinär forscht (Kinderschuh-Niveau in D) ergeben sich oft unerwartete Synergie-Effekte.... aber hierfür ist man in D oft zu eitel.....


Hmmm.... welchen Fachbereich deckst du denn ab ?

Evtl. suche ich (für ein Neben-Start-Up aus dem Ausland für den deutschen Markt) 2015/16 jemanden, der deutsche Texte redigiert.

ggf. PN
 

check

Elo-User/in
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Ich denke, dass man heutzutage als Akademiker entweder mit viel Glück und Vitamin B in eine hochbezahlte Beschäftigung geht oder eben abgeschoben wird. Ein guter Freund hat nun mit 30Lenzen sein Biopharmazie Studium erfolgreich beendet. Nach über 50 Bewerbungen war die einzigste Option ein 2jähriges Praktikum vergütet mit 687Euro brutto im Monat anzunehmen...

Soviel zum politisch oft inzinierten propagandistisch interpretierten FACHKRÄFTEMANGEL:icon_laber:
 
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