Flucht vor der AGH, Wirrungen und Irrungen im JC

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Guten Tag,

vorab: ich versuche das ganze so kurz wie möglich zu halten, mein Fall ist aber vielleicht ein wenig komplexer, oder ich denke das nur, da ich gerade ein wenig fassungslos bin, da ich nun auch das Vergnügen habe die hässliche Seite der Verwaltungsmaschinerie kennen zulernen (denn bisher habe ich bis auf einige Kleinigkeiten sehr gute Erfahrungen mit dem JC gemacht, bzw. ich wurde so gut wie gar nicht gegängelt - womöglich weil mein Therapeut ein Schreiben aufsetze das sagte dass ich einen an der Waffel habe, aber nicht ganz verloren [für den Arbeitsmarkt] bin).

Zu mir: männlich, 28 Jahre alt. Vor einem Jahr habe ich mein Studium u.a. wegen psychischer Probleme abgebrochen, habe wegen dieser eine ambulante Therapie begonnen und ging in den Leistungsbezug. Vor 3 Monaten zog ich um (hat ebenfalls etwas mit meiner Vorgeschichte zu tun, soll aber hier - bis auf den Fakt dass alles vom JC bewilligt wurde - keine weitere Rolle spielen), ein neues Jobcenter und somit auch ein neuer Jobberater war für mich zuständig.

Mit diesem habe ich meinen aktuellen Therapiestatus und meine Perspektive / weitere Vorstellung besprochen. Mein großes Problem nach dem Studium war dass ich einfach nicht wusste wohin mit mir - ich hatte zwar gewisse Vorstellungen, aber nicht das Selbstbewusstsein das einfach durchzuziehen, weshalb ich schon mit meiner vorherigen Jobberaterin vereinbarte eine MAE aufzunehmen, in der ich mich selber ausprobieren kann und nebenher gegen meine Depressionen wieder in eine normale Tagesstruktur komme. Damals war ich kurz davor eine Stelle als pädagogischer Assistent in einem Kindermuseum anzutreten, was mir sehr gelegen kam, da ich als ehemaliger Lehramtstudent auch in Betracht zog eine Ausbildung als Erzieher anzufangen, was ich mich jedoch mangels ernsthafter praktischer Erfahrungen (bis auf ein kurzes Praktikum im Studium mit Berufsschülern) nicht traute. Diese Möglichkeit verfiel jedoch mit dem Umzug.

Mein neuer Jobberater fand die Idee nicht schlecht und freute sich scheinbar über den Fakt dass da jemand auf der Matte steht, der freiwillig eine AGH /MAE antreten möchte. In meiner EGV vereinbarten wir:

"Ziele: Verringerung bzw. Beendigung der Hilfebedürftigkeit, Schaffung einer Tagesstruktur, Entwicklung von beruflichen Alternativen)

Bewerbungen meinerseits waren nicht erforderlich und wir vereinbarten dass wir eine AGH /MAE "in diese Richtung" finden. Leider gab es an meinem neuen Wohnort lediglich eine Stelle die auf mein engeres Profil passte, bei der ich jedoch kein Glück hatte. Wir vereinbarten die Suche nach anderen passenden Maßnahmen für einen späteren Termin. Danach fast 2 Monate funkstille.

Letzte Woche bekam ich dann einen Brief, der scheinbar einige Tage brauchte bis er die ca. 3km zu mir zurücklegte, indem mir eine Arbeitsgelegenheit zugewiesen wurde. Ich habe mich direkt gefreut dass sich etwas bewegt, die Stellenbeschreibung klang erst einmal merkwürdig, aber das habe ich größtenteils ignoriert, also rief ich dort an und vereinbarte für heute einen Termin. Bevor der Spaß beginnt, erstmal die anonymisierte Stellenbeschreibung:

Einsatzstelle: Honks united inc.
Bezeichnung der Tätigkeit: Helfer/in - Gartenbau (12101-xyz?)
Tätigkeitsbeschreibung: Recherchen zur Beobachtung und Registratur der Population von Vögeln, Insekten und kleineren Säugetieren
Aufnahme von vorhandenen Nistkästenmöglichkeiten für Vögel, Insekten sowie Bau- und Schutzzonen für Säugetiere auf Schulhöfen ders Bezirks
Anlegen vo Biotopen,Schaugärten und Erlebniswelten
Umgestaltung zu ökologischen Schulhöfen mit biologischem Pflanzenschutz und Nistmöchglichkeiten/Schutzzonen
Bau und Pflege von Nisthilfen und Insektenhotels
Bau und Gestaltung von Schautafeln
Dauer der Tätigkeit von: 09.10.2013
Dauer der Tätigkeit bis: 28.02.2014
Zeitlicher Umfang: 30,00 Stunde(n) pro Woche
Arbeitszeitform: Vollzeit

-Als Sahnehäubchen: ich soll bis spätestens 22.10.2013 das Ergebnis des Gesprächs mitteilen - also morgen :mad:
- Das Schreiben wurde nicht von meinem Sachbearbeiter abgeschickt, sondern von einer anderen Person


Das ganze für die "branchenüblichen" (sorry) 1,50€ / h. Die Tippfehler habe ich mal aus dem Original übernommen. Die Frage was ich im tiefsten Winter für die Tierwelt tun kann, kam mir leider erst heute, als ich erfuhr worum es wirklich geht.

Im Gespräch hieß es dass sehr viel Grünflächenarbeit zu erledigen sei. Als ich nach den Recherchen zur Beobachtung- und Registratur der Population von Vögeln, sowie den anderen blumigen Details der Stellenausschreibung fragte hieß es - "Naja, die Tätigkeitsbeschreibung sagt Gartenbau - wir haben zwar auch andere Aufgaben, aber das kommt entweder Stück für Stück im späteren Verlauf der Arbeit, für die anderen Sachen habe ich keine Stellen frei" (also darf dann warscheinlich am 01.03.2013 jemand eine Stelle antreten, um aus Lego Duplo bunte Vogelhäuser zusammenzuzimmern und in der Hochsaison kommt jemand dazu, der die Tontaubenschießanlage aufbaut. Die ganzen Arbeiten finden auf einem "Berg" neben einem Friedhof statt - da bin ich ja froh dass ich genügend Galgenhumor mitbringe, auch wenn ich heute eine ganze Menge davon verloren habe).

Bemerkenswertes Nebendetail: Die Arbeitsbekleidung muss ich mir selbstständig beschaffen (da schwante mir ja schon böses, da ich vor einigen Jahren, als ich einen Job antrat, versuchte meine Arbeitsbekleidung durchs Jobcenter übernehmen zu lassen, da ich die 100€ nicht hatte - hätte ich nicht kleinbei gegeben, würde ich wohl heute noch diskutieren - trotz Schreiben meines Arbeitgebers dass Anzug + Lederschuhe branchenübliche Bekleidung sind).

Ich habe den Herrn ein wenig über meine Lage aufgeklärt und ihm gesagt, dass das mal so keinen Meter mit dem übereinstimmt was ich mit meinem Jobberater vereinbart habe. Ich lies mich dazu überreden (wenn man so ein bisschen depressiv und soziophob ist, dann fehlt es einem manchmal leider an Aktionismus und Schlagfertigkeit) meine Daten zu hinterlassen. Ich habe dem Herrn mitgeteilt dass ich mich im Verlauf des Tages mit meinem Jobberater in Verbindung setzen werde um die Sache zu klären, ihm aber spätestens morgen früh mitteile ob ich die Stelle antrete oder nicht.

Für diese 30 Minuten bekam ich immerhin 3€ gut geschrieben! :icon_klatsch:

Da man ja irgendwie keine Möglichkeit hat seine Sachbearbeiter direkt zu erreichen, setze ich mich in die Tram und denke mir: "Probierste mal dein Glück und versuchst das auf direktem Wege zu klären".

Vor dem Büro meines Sachbearbeiters bin ich dann ein wenig verdutzt. Das Namens-/Raumnummernschildchen an der Tür ist weg. Schlechter Film? Also suche ich nach der Dame, die mir das Schreiben geschickt hat.

Nachdem ich einige Personen auf verschiedenen Etagen befragt habe, die die Dame entweder nicht kannten, oder nicht wussten wo ihr Büro ist, oder die gar nicht den Anschein machten als würden sie mir sagen wollen wo ich sie finde (früher in Rollenspielen fand ich das immer spannend, so eine Suche), fand ich ihr Büro. Leider war die Dame gerade in der Pause. Da ich ein höflicher Mensch bin, bin ich nicht in den daneben liegenden, offen stehenden Pausenraum geplatzt, sondern habe gewartet und bekam ziemliche Magenkrämpfe bei dem Geläster über Klienten. (irritierte Anmerkung: ich war so "dreist" und habe nicht im Wartebereich gewartet, sondern direkt im mit 2 Türen abgesperrten Gang - keine der Personen die mich sah hat irgendwie Kenntnis von mir genommen, oder mich angesprochen was ich hier tue. "Hilfe , da ist ein Hartz...Klient - rette sich wer kann!"?)

Nach einiger Zeit kam eine Kollegin aus dem Pausenraum und während sie den Nachbarraum aufschließt, schaut sie mich stutzig an. Ich trage in Kurzform (wirklich Kurzform, nicht wie in diesem Forenbeitrag) mein Anliegen vor. Sehr sehr unfreundlich sagt sie mir dass ich morgen in die Eingangszone muss um dann einen Termin zu bekommen. Enttäuscht drehe ich mich um, bemerke dass die Dame auf die ich so lange gewartet habe wieder in ihrem Büro war, trage nochmals kurz mein Anliegen vor und werde wieder abgespeist. Schließlich hat ihre Kollegin mir ja alles bereits gesagt und ich solle doch gefälligst morgen früh in die Eingangszoneundblabladankefürfünfminutenihrerzeit. Das war mein erster Jobcenterbesuch nachdem ich mir die Tränen verdrücken musste. Meiner Meinung nach wertvolle Tränen. Ihr wollt/sollt mir doch helfen? Nicht eure Quote erfüllen/die Statistik schminken?

Ich hätte diesen langen Beitrag nicht verfasst, wenn ich diese AGH unbedingt antreten wollen würde. Ich suche jetzt also nach Möglichkeiten dort raus zu kommen. Durch ein wenig Recherche habe ich einige Angriffspunkte gefunden, bei den meisten Sachen bin ich mir relativ sicher, dass das keinen interessiert. Kurz zusammengefasst:

- mündliche Absprache mit meinem Jobberater dass wir gemeinsam einen Ein-Euro-Job finden, der mir in meiner beruflichen Perspektive wirklich etwas bringt

- Anmerkung bei meinem Jobberater, dass ich nicht so recht gewillt bin Tätigkeiten bei Minusgraden im Freien auszuüben, da ich das in meiner bisherigen Laufbahn oft genug gemacht habe (mein Jobberater hatte einen Doktortitel, hatte damit also absolut kein Problem - sonst wird das wohl keinen Menschen interessieren)

- ich habe bereits eine technische Ausbildung absolviert, wollte mich mit meinem Studium in eine andere Richtung entwickeln, also bewusst nichts mehr mit Handwerk/Technik zu tun haben, in meinem Ausbildungsberuf existieren keine Stellen in einem größeren Umkreis meines Wohnorts

- wohin ist mein Jobberater verschwunden? wenn er abserviert wurde - in irgendeine Maßnahme für gescheiterte Akademiker, die auch beim JC versagt haben - wo ist er hin? ich hoffe natürlich dass er auf den Zirkus keine Lust mehr hatte und einfach gekündigt hat

- meine Mutter, die deutlich informierter ist als ich stieß auf folgendes PDF Dokument aus diesem Forum: https://www.elo-forum.org/attachmen...verbesserung-eingliederungschancen-anlage.pdf
(unter 4.1 - Maßnahmedurchführungen)

5.2 Teilnehmer
Weisungen
Die Jobcenter stellen durch geeignete Maßnahmen sicher, dass die Auswahl der Teilnehmer sowie deren Zuweisung und Betreuung (vor, während und nach der Maßnahme) weisungskonform erfolgt, Bewerber/innen durchgehend in den Vermittlungsprozess einbezogen werden und die Bewerberdaten für den Vermittlungsprozess laufend aktualisiert werden. Dabei sind die entsprechenden Dokumentationsrichtlinien (VerBIS , 4PM, EinV…) zu beachten.

7. Arbeitsschutzkleidung
Weisungen
Gegebenenfalls erforderliche Arbeitsschutzkleidung (z. B. Sicherheitsschuhe, Schutzhelm) ist vom Maßnahmeträger zur Verfügung zu stellen. Die Aufwendungen hierfür sind Bestandteil der Maßnahmekosten.

12. Arbeitskleidung
Empfehlungen
Gegebenenfalls erforderliche Arbeitskleidung (z. B. Blaumann, Regenbekleidung) sollte der Maßnahmeträger zur Verfügung stellen. Die Aufwendungen hierfür können Bestandteil der Maßnahmekosten sein.

Da mir der Mensch vom Träger gesagt hat dass ich, bis auf die Handschuhe und Werkzeuge mein Arbeitsmaterial selbst besorgen soll - das widerspricht ja irgendwie den Weisungen und Empfehlungen aus dem oben gelinkten Dokument. Ist das vielleicht ein Punkt an dem ich die AGH definitiv anfechten kann? Bezüglich 5.2: Er sagte mir, dass ich viele Arbeiten gar nicht machen darf, da ich dafür eine gesonderte Ausbildung benötigte. Kettensägenschein o.ä.

Oder kann ich einen der anderen Punkte anbringen?

Ich entschuldige mich dass es so lang geworden ist, ich möchte mich aber schonmal prophylaktisch dafür bedanken, wenn jemand alles gelesen hat und mir einige Tipps geben kann.

Auf jedenfall werde ich morgen früh wie gewünscht in meine Eingangszone gehen, mich in die Schlange stellen und darüber versuchen etwas zu erreichen. Zusätzlich werde ich den Ansprechpartner des Trägers anrufen und ihm wie versprochen, sofern ich die Tätigkeit nicht ausüben möchte, rechtzeitig absagen. Ich habe ihm versichert dass ich nicht so unhöflich bin und nicht einfach erscheine.

MfG, s.o.

PS: Ich entschuldige mich für meinen schlechten Humor und diverse verwendete Stereotypen.
 

Soldmann

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Hm. Also was der Typ von der Maßnahme sagt ist relativ unwichtig. Wenn du einen 1-Euro Job machen sollst kriegst du entweder eine Zuweisung oder eine EGV . Die trägst du zum Anwalt, um sie anzufechten oder stellst sie in ein Forum, um Tipps für den Widerspruch /Klage zu bekommen.
 
G

Gast1

Gast
Aus den Fachlichen Hinweisen zum § 16d SGB II vom 20.01.2012:

2.8.2

Höhe/Umfang

Weisungen

Die Höhe der MAE ist gesetzlich nicht beziffert. Ausgangspunkt für die Bestimmung der Höhe der angemessenen Entschädigung für Mehraufwendungen sind die tatsächlichen Aufwendungen, die für die Teilnahme an der Maßnahme zusätzlich anfallen. Als arbeitsbedingter Mehrbedarf kommen in erster Linie Fahrkosten in Betracht, jedoch ist auch ein Mehrbedarf für Arbeitskleidung (soweit nicht vom Maßnahmeträger gestellt) und Wäsche, Körperreinigung, zusätzliche Kosten für Wäschewaschen sowie Ernährung denkbar (vgl. BSG Urteil vom 13.11.2008, Az: B 14 AS 66/07 R) ...

https://www.arbeitsagentur.de/bund/generator/goto?id=675994

MAE = Mehraufwandsentschädigung. Geld, das der Teilnehmer der Arbeitsgelegenheit vom Maßnahmeträger erhält.
 
G

Gast1

Gast
In der Regel ist Grünflächenarbeit in Form einer AGH (Arbeitsgelegenheit) nicht zusätzlich, denn die Arbeit von regulär angestellten Gärtnern in Betrieben, die sich auf dem Markt behaupten müssen, wird dadurch verdrängt. Und deswegen scheint die AGH nicht zulässig zu sein.

Für den Themenersteller ist dies wahrscheinlich der einzige Ansatzpunkt, um gegen die AGH vorzugehen.

Denkbar wäre auch, die AGH abzuleisten und danach das JC auf Zahlung des Tariflohns als Gärtner zu verklagen.
 
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