Erwerbseinkommen: Deutsche Geringverdiener im europäischen Vergleich

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wolliohne

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Seit den 1990er Jahren ist die Lohnungleichheit in Deutschland deutlich gewachsen. Diese Entwicklung wird kontrovers wahrgenommen: Einerseits könnte die zunehmende Verbreitung von Niedriglöhnen die Chancen für Erwerbslose vergrößern, wieder in Arbeit zu kommen. Andererseits wird sie als Teil eines breiteren gesellschaftlichen – und sozialpolitisch problematischen – Trends zur Polarisierung der Erwerbseinkommen gesehen. Vor diesem Hintergrund liefert der Kurzbericht eine ‘Momentaufnahme’ der Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland und in 16 anderen europäischen Ländern im Jahr 2010. Die vergleichende Analyse zeigt die Bedeutung und die strukturelle Zusammensetzung des Niedriglohnsektors in den betrachteten Ländern. Darüber hinaus wird untersucht, inwieweit die beobachteten Länderunterschiede mit institutionellen und politischen Faktoren zusammenhängen.

Quelle: IAB
Dazu:
Im internationalen Vergleich hoher Anteil der Geringverdiener in Deutschland
In Deutschland verdiente im Jahr 2010 knapp ein Viertel aller Beschäftigten weniger als 9,54 Euro brutto pro Stunde. Das geht aus einer neuen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Damit ist der Anteil der Geringverdiener hierzulande größer als in anderen westlichen EU-Ländern. Wenn man ausschließlich Vollzeitbeschäftigte berücksichtigt, ist der Anteil in Deutschland mit rund einem Fünftel etwas niedriger, aber im Vergleich immer noch relativ hoch.
Quelle: IAB
Anmerkung WL: Man beachte, wie sich das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verzweifelt bemüht, die Tatsache, dass Deutschland den höchsten Anteil der Geringverdiener unter allen westlichen EU-Ländern hat, zu beschönigen:

  • Niedriglohnbeschäftigung müsse nicht unbedingt mit Einkommensarmut einhergehen, wie das Verhältnis ist, wird natürlich nicht gesagt.
    Es seien ja vor allem Frauen, Jüngere, Geringqualifizierte, befristet Beschäftigte und Arbeitnehmer in Kleinbetrieben.
    Dass mehr als 80 Prozent der Geringverdiener in Deutschland eine abgeschlossene Berufsausbildung hat, kann das IAB allerdings nicht verschweigen.
  • Die zunehmende Verbreitung von Niedriglöhnen könnten die Chancen für Erwerbslose vergrößern wieder in Arbeit zu kommen.
    Dass es den wenigsten gelingt, sich aus der „Niedriglohn-Spirale“ zu befreien, ja die Gehaltseinbußen immer größer werden, wird einfach unterschlagen.
  • Ein größerer Anteil von Geringverdienern gehe mit einer niedrigeren Arbeitslosigkeit und einem höheren Beschäftigungsstand einher.
    Hier zeigt sich die Anpassung an die Ideologie, dass der Arbeitsmarkt wie ein Kartoffelmarkt funktioniere, will sagen: Preis runter, Markt geräumt. (Siehe dazu „Spiegelfechten im Niedriglohnparadies“)
Die lohndrückenden Hartz-Gesetze und die systematische Deregulierung des Arbeitsmarkts, die Tarifflucht der Unternehmen etc. spielen für diese Arbeitsmarktforscher, die ausschließlich auf die Quantität und nicht auf die Qualität der Arbeit schielen offenbar keine Rolle für den sich ausweitenden Niedriglohnsektor.
Dazu muss man wissen, dass dieses Forschungsinstitut eine Abteilung der Bundesagentur für Arbeit ist und diese Agentur wiederum ein Anhängsel des Bundesarbeitsministeriums.

Ergänzende Anmerkung Orlando Pascheit: Natürlich muss der Verfasser des Kurzberichts, Thomas Rhein, als Angestellter einer Bundesbehörde einen wahren Eiertanz hinlegen: „Einerseits könnte die zunehmende Verbreitung von Niedriglöhnen die Chancen für Erwerbslose vergrößern, wieder in Arbeit zu kommen. Andererseits wird sie als Teil eines breiteren gesellschaftlichen – und sozialpolitisch problematischen – Trends zur Polarisierung der Erwerbseinkommen gesehen … Niedriglohnbeschäftigung kann nicht allein unter dem Gesichtspunkt ihrer Verteilungswirkungen betrachtet werden. Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht ist zu fragen, ob mehr Niedriglohnjobs für Beschäftigungsgewinne sorgen und die Arbeitslosigkeit reduzieren können, weil sie auch wettbewerbsschwachen (zum Beispiel gering qualifizierten) Arbeitskräften Chancen bieten“. Und kommt hier dann doch der Wissenschaftler durch und muss einräumen: “Die Fragestellung lässt sich empirisch aus mehreren Blickwinkeln analysieren. Zum einen kann man im Querschnitt untersuchen, ob Länder mit einer größeren Niedriglohnquote tendenziell einen höheren Beschäftigungsstand und weniger Arbeitslosigkeit haben als Länder mit einem kleineren Niedriglohnsektor. Dazu geben die in diesem Kurzbericht verwendeten Daten zumindest einen groben Anhaltspunkt. Wenn die eben genannte Hypothese zutrifft, so wäre zu erwarten, dass der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten im Ländervergleich negativ mit der nationalen Arbeitslosenquote und positiv mit der Erwerbstätigenquote des Jahres 2010 korreliert. Das ist aber nicht der Fall. Die Erwerbstätigenquote ist für die hier betrachteten 17 Länder sogar schwach negativ mit der Niedriglohnquote korreliert. Auch im Hinblick auf die Arbeitslosenquote stellt sich die erwartete Korrelation nicht ein. Zudem zeigt das Beispiel der skandinavischen Länder, dass unter spezifischen institutionellen Rahmenbedingungen ein hoher Beschäftigungsstand mit geringer Lohnspreizung vereinbar ist. Und im Fazit: “Dies würde dafür sprechen, dass eine erhöhte Lohnspreizung keine zwingende Voraussetzung für dauerhafte Erfolge am Arbeitsmarkt ist.” – Schönen Gruß an die neoliberale, deutsche Mainstream-Ökonomie und natürlich an die Troika.
Vielleicht sollte man einmal ein Gedankenspiel anstellen und einen Teil der Niedriglöhner, z.B. die Aufstocker, der Arbeitslosenquote anrechnen. Wahrscheinlich sähe dann die deutsche Arbeitslosenquote im Vergleich zu Europa ganz anders aus. Ist statistisch natürlich Unfug, aber greifen wir nur einmal einen vor allem von den Konservativen heiß diskutierten Aspekt heraus: Deutschlands geringe Reproduktionsquote. Und was wird nicht alles an Familien- und bevölkerungspolitische Maßnahmen getan: Elterngeld, Kindergeld, Betreuungsgeld, Krippenplätze. Und dennoch stellt sich über repräsentativen Umfragen heraus. Die gewünschte Kinderzahl der Befragten liegt unter tatsächlichen. Was bei all diesen Diskussionen meist nicht bedacht oder unterschlagen wird: Was die sicherste Grundlage für eine Familiengründung ist, ist die Perspektive auf existenzsichernde Löhne. Und in der mangelnden Perspektive treffen sich Niedriglöhner und Arbeitslose.
 
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