Die Hilfsbedürftigen sind "in Thätigkeiten zu setzen"

Status
Für weitere Antworten geschlossen.

ela1953

VIP Nutzer*in
Startbeitrag
Mitglied seit
16 März 2008
Beiträge
6.442
Bewertungen
1.642
Das Armenhaus

Justus Gruner hatte auf seiner Westfalenreise in Hamm nicht nur ausgezeichnete Köpfe getroffen, er berichtete auch kritisch über die sozialen Verhältnisse in der Stadt. "Da selbst die Gassenbettelei hier mehr im Schwange" sei als anderswo, müsse "in polizeilicher Hinsicht" noch manches getan werden, urteilte der Jurist.

Auch Prediger Rulemann Friedrich Eylert nahm die grassierende Armut in Hamm wahr, deren Ursachen er vor allem "in der sehr großen Anzahl der Regimentsarmen" sah. Gegen die weit verbreitete Armut und Bettelei müsse vorgegangen werden, befand Eylert. In einer Predigt drängte er darauf, "Armenanstalten zu errichten, Arbeitshäuser zu erbauen und Industrieschulen anzulegen".

Vor allem in Zusammenarbeit mit Kriegs- und Domänenkammerassistenzrat David Wiethaus wurden um das Jahr 1800 neue Pläne für die Armenverwaltung in Hamm entwickelt. Von 1802 datiert der "Entwurf zum Regulativ für das vereinigte Militair- und Civil-Armen-Institut in der Stadt Hamm". Er sah vor, dass sowohl zivile als auch Arme aus dem Militärstand - unabhängig von der jeweiligen Konfession - versorgt werden sollten.

Nach Möglichkeit seien die Hilfsbedürftigen "in Thätigkeit zu setzen", brachte Eylert die herrschende Meinung zum Ausdruck. Dazu beabsichtigte das Armendirektorium "in einem Hause, welches der Prediger Kloenne dem Armen-Institut geschenkt hat, einige Arbeits-Stuben anlegen" zu lassen.

Am 20. Juni 1806 meldete der Westfälische Anzeiger aus Dortmund, dass das Arbeits- und Armenhaus in Hamm "nunmehro fast ganz vollendet" sei.

Einige Arme sollten dort - sozusagen ambulant - Spinnarbeiten verrichten, andere fanden dort darüber hinaus Verpflegung und Behausung. Kinder widerum wurden in der Industrieschule unterrichtet mit dem Ziel, "gute, brauchbare und thätige Menschen dem Staate zu erziehen", wie es in Akten im Geheimen Staatsarchiv in Berlin heißt.

Schließlich dienten in dem Haus zwei Krankenzimmer mit je vier Betten zur Versorgung der " 8 elendesten Personen", schilderte der Westfälische Anzeiger am 24. Juni 1806. Künftig solle der Krankenbereich, für den ein Wärter und zwei Wärterinnen zuständig waren, noch erweitert werden. Unter der Kontrolle eines Predigers der reformierten Kirche konnten die Armen der Stadt Hamm Unterstützung zum Lebensunterhalt bekommen: "Roggen, Brod, Erbsen, Holz, Kohlen u.s.w."

von Dr. Maria Perrefort aus dem Hamm Magazin vom Februar 2009 - Wir sind Preußen -
 

Jesaja

Priv. Nutzer*in
Mitglied seit
14 August 2008
Beiträge
740
Bewertungen
8
Über die sogenannten Workhouses in GB haben zum Beispiel auch Charles Dickens und Bernard Shaw kritische Motive in ihre Geschichten und Dramen einfließen lassen.
Folgendes dazu habe ich im Net gefunden, leider nur auf Englisch :


Oliver Twist Essays - Cold Reality of Workhouses Depicted in Dickens’ novel Oliver Twist


Dickens novel shows the social injustice of the 19th century. He is an author who wanted a change in society, and helped influence the reformation. In an essay written by Gareth Jenkins on Oliver Twist, he writes that through the novel, “there is hope that by exposing the horrors of the workhouse, on the brutality and deficiency of education, that decent men and women will take steps to reform society” (Internet source – Charles Dickens: We Could All Use Some More). In the novel, Dickens shows through the character of a young boy how the poor in the workhouses were beaten by a cane, and nearly starved given “three issued meals of thin gruel a day, with an onion twice a week, and a half roll on Sundays” (Twist p.11). Dickens used his writings “to tell about the bad conditions that the working classes and poor people had to live under. He hoped that by doing this that things would change for the good” (Internet source – Charles Dickens 1812-1870). There is no positive way to find out if Dickens was solely responsible for the dissolution of the workhouses. However, it is fair to say that he helped influence the change in society as “Dickens and other important people that thought like him gradually got conditions in the workhouses improved” (Internet source – Charles Dickens).
 

Jesaja

Priv. Nutzer*in
Mitglied seit
14 August 2008
Beiträge
740
Bewertungen
8
Hab auch noch etwas Anderes Interessantes gefunden, sorry, wenn ich damit nerve :

Das Viktorianische England

(O-Ton Jonty Stern, Historiker Museum of London)
"Im Viktorianischen Zeitalter klafften große Unterschiede zwischen Arm und Reich.
Wenn jemand krank war und deshalb nicht zur Arbeit kommen konnte, hat er keinen Lohn erhalten. Krankengeld – wie heute – gab es nicht. Urlaubsgeld gab es auch nicht.
Wer krank war, ist oft nicht zum Arzt gegangen. Denn Arztbesuche kosteten Geld.
Und man wollte ja nicht seinen Verdienst verlieren, wenn man nicht zur Arbeit erschien. Kranke haben also ihre Krankheiten verschleppt.
Die Arbeitsbedingungen waren oft gesundheitsgefährdend. Es gab weder Sicherheits-Vorkehrungen für die Gesundheit noch für den Umweltschutz - wie wir sie heute kennen. Wer zum Beispiel mit Blei arbeitete, der hat keinerlei Schutzkleidung oder Arbeitshandschuhe bekommen.
In unserem Museum haben wir Wachsköpfe von Arbeitern aus jener Zeit ausgestellt, die verdeutlichen, welche Schäden die Menschen davontrugen, wenn sie schwierigen Arbeitsbedingungen und unzureichenden Schutzmaßnahmen ausgesetzt waren.
Viele der Ärmsten mussten im Dunkeln ohne Tageslicht arbeiten. Sie bekamen oft Rachitis, die O-Bein-Krankheit. Die Leute hatten nicht genug Vitamin D, ein Vitamin, das wir normalerweise von der Sonne bekommen. Wenn man zu wenig Sonnenkontakt hat – weil die großen, dunklen Gebäude über uns die Sonne abschirmen - dann ist man gefährdet.
Für die armen Leute war das Viktorianische Zeitalter eine der schlimmsten Epochen in Londons Geschichte."
Wer nicht arbeiten konnte, fand eine letzte Zuflucht im Arbeitshaus. Mittellose bekamen hier Unterkunft und Essen. Wie zahllose Arbeitshäuser im ganzen Land hat Southwell bei Nottingham die Ärmsten der Armen mit harter Arbeit und religiösem Dogma drangsaliert. Die Regeln waren streng. Ungehorsam wurde hart bestraft. Jeder, der nicht wirklich verzweifelt war, hatte Grund genug, um die Arbeitshäuser einen großen Bogen zu machen.
(O-Ton Sarah Clark, The Southwell Workhouse)
"Wenn sie nicht zum Gottesdienst erschienen, wenn sie sich weigerten teilzunehmen, wurden sie bestraft. Es gab eine ganze Menge von Strafen für verschiedene Verfehlungen im Arbeitshaus. Wer nicht zum Gottesdienst kam, erhielt kein Fleisch zu essen. Einen Tag lang oder zwei Tage. Oder er bekam überhaupt kein Abendbrot.
Wer den Gottesdienst zwei oder drei mal boykottierte, der wurde eingesperrt. In ein dunkles Zimmer – Einzelhaft bis zu zwölf Stunden. Wer die Mitarbeiter des Arbeitshauses schlecht behandelte – wer zum Beispiel gewalttätig war oder wer fluchte – der konnte ins Gefängnis kommen."

Abschreckung sollte die Armen motivieren, sich selbst zu helfen. Keiner sollte sich darauf verlassen, dass Gemeinschaft und Staat für sie sorgten. Schwere und langweilige Arbeit sollte dazu anregen, das Arbeitshaus wieder zu verlassen. Eine der monotonen Beschäftigungen war es, Seile zu zerlegen und zu reinigen.
 
Status
Für weitere Antworten geschlossen.
Oben Unten