Darf die Agentur für Arbeit zu einem unbezahlten Praktikum verpflichten?

Leser in diesem Thema...

JackInTheBox

Elo-User*in
Startbeitrag
Mitglied seit
13 April 2017
Beiträge
2
Bewertungen
0
Meine Mitbewohnerin ist in folgendes Situation:
Ursprünglich kommt sie aus Polen und hat dort auch einen Master erworben.
Nachdem sie in Deutschland zwei Jahre lang aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse als Putzkraft gearbeitet hatte, musste sie den Beruf aufgrund gesundheitlicher Problem aufgeben.
Nun ist sie seit sieben Monaten Arbeitssuchen und bezieht ALG I . Ihr Betreuer hat nach fünf Monaten auch zugestimmt sie einen berufsbezogenen Deutschkurs (sieben Monate lang) per Bildungsgutschein machen zu lassen, welcher abschließend ein vierwöchiges Praktikum beinhalten würde.

Vor kurzen begleitete sie der Vermittler vom Amt zu einem Vorstellungsgespräch, in dem ihr eine fachbezogene (in dem Gebiet, welches sie studiert hat, in welchem sie arbeit sucht) Arbeit angeboten wurde. Das Problem mit dieser Arbeit ist jedoch: erstens darf sie nur 25h/Woche arbeiten und zweitens erhält sie dort nur Mindestlohn, was finanziell natürlich mehr als knapp wird. Mindestlohn ist in dieser Branche auch nicht üblich.
Weiterhin sagte der Arbeitgeber, dass meine Mitbewohnerin für die Stelle nicht geeignet sei, weil ihr die Kenntnisse über die benötigte Software fehlen.
Der Vermittler bot zunächst an, dass meine Mitbewohnerin drei Tage Probearbeit machen könnte. Nachdem der Arbeitgeber sagte, dass dies nicht genug sei, bot der Vermittler an, dass meine Mitbewohnerin ein vierwöchiges Praktikum (unbezahlt) dort machen soll, worauf der Arbeitgeber zustimmte. Dieses Praktikum würde dann auch dazu führen, dass ihren Deutschkurs abbrechen muss und später nicht mehr dorthin zurückkehren kann. Eine Garantie, dass meine Mitbewohnerin den Job nach dem Praktikum bekommen würde, gibt es nicht.

Meine Fragen sind nun:
Ist es rechtens, dass der Vermittler des Amts meine Mitbewohnerin zu einem unbezahlten, vierwöchigen Praktikum zwingt und damit ihren Kurs beendet?
Falls nein, wie kann man sich dagegen wehren?
 
Zuletzt bearbeitet:

Doppeloma

Super-Moderation
Mitglied seit
30 November 2009
Beiträge
11.428
Bewertungen
15.161
Hallo JackInTheBox, :welcome:

Ist es rechtens, dass der Vermittler des Amts meine Mitbewohnerin zu einem unbezahlten, vierwöchigen Praktikum zwingt und damit ihren Kurs beendet?
Falls nein, wie kann man sich dagegen wehren?

Es ist schon eine Frechheit, dass der Vermittler sie zu einem "Vorstellungsgespräch" begleitet, da hat der NICHTS verloren.

Diese ganze Geschichte solltest du (oder sie selbst) mal komplett mit allen verfügbaren schriftlichen Nachweisen dazu (einscannen und als Anlage mitschicken) nach Nürnberg senden, unbedingt per Mail und die Kunden-Nummer nicht vergessen anzugeben.

Es ist unglaublich was man sich inzwischen schon bei der AfA so erlaubt, wenn sie (noch) nicht besonders gut deutsch kann, sollte das wohl Vorrang haben, mal davon abgesehen, warum sie damit nicht bereits bei Beginn der Arbeitslosigkeit gefördert wurde.

Ein Praktikum gehört zu einer Aus- oder Weiterbildung und ist überhaupt KEIN zulässiges Instrument der Arbeitsvermittlung, übrigens auch nicht im Zusammenhang mit einem Deutschkurs ...:icon_evil:

Sie soll schamlos ausgenutzt werden und der AG hat eine "billige" Arbeitskraft (darum möchte er auch lieber ein längeres "Praktikum") und bekommt das noch als "Maßnahme-Träger" zusätzlich belohnt, ALGI soll in bezahlte ARBEIT führen und nicht in unbezahlte Ausbeutung.

Sie soll auf keinen Fall irgendwas unterschreiben (NICHT bei der AfA und auch NICHT bei dem AG) und ein unbezahltes Praktikum braucht sie NICHT zu akzeptieren ... solche "Maßnahmen" müssen "freiwillig in einer EGV vereinbart" werden.

Schicke das als dringende Beschwerde an die folgende Mail-Adresse oder hilf ihr dabei es ist ja besser wenn sie das selber regelt ...

Nuernberg.Kundenreaktionsmanagement@arbeitsagentur.de

Viel Erfolg und gib uns bitte eine Rückmeldung wie das weiter gegangen ist ... notfalls mehrfach dort per Mail beschweren.

MfG Doppeloma
 
E

ExitUser

Gast
nachdem wie die situation oben geschildert wurde, kann von "zwingen" im moment nicht die rede sein. das jobcenter hat der dame lediglich einen vorschlag gemacht.

auf einer anderen ebene sind deine zweifel aber berechtigt; ein einfühlungsverhältnis darf in der tat nur 2-3 tage dauern.
für unbezahlte "praktika" mag es auch irgendwelche rechtgrundlagen geben, aber in der praxis handelt es sich bei solchen wochen- oder monatelangen "praktika" dann doch um eine weisungsgebundene arbeit, und so entsteht durch den beginn dieser zusammenarbeit ein arbeitsvertrag, mit dem ergebnis, dass der lohn von 0 euro pro stunde sittenwidrig (und im extremfall sogar sozialversicherungsbetrug) ist.

meines erachtens kann es fast nur um abzocke handeln, denn eigentlich braucht kein arbeitgeber der welt ein solches kostenloses praktika um einen hartzi auszuprobieren und ihn dann nach 4-wöchiger benutzung wieder zum sklavencenter zurückzugeben.

ein arbeitgeber, der jemandem eine chance geben will, ihn sich aber erst mal anschauen will, kan ihn einstellen und ihn dann notfals in der probezeit fristlos kündigen, außerdem kann er bei langzeitarbieitslosen bis zu 70% EGZ vom jobcenter bekommen.

es ergibt keinen sinn, wenn der arbeitgeber einerseits behauptet, dass die leistung der neuen kollegin unter umständen auch null betragen könnte, er ihr aber trotzdem eine chance gibt anstatt jemanden einzustellen, bei dem klar ist, dass er den job kann.

die motive für die unwilligkeit lohn zu zahlen müssen also woanders liegen...
 
E

ExitUser

Gast
Warum wurde bis heute kein Deutschkurs absolviert?
Welche Stelle hat hier der anderen wieder nicht mitgeteilt, dass ein erwerbsfähiger EU-Ausländer Sprachkenntnisse zwingend benötigt.
Ist ihr Abschluss hier anerkannt, oder wartet hier die nächste Odyssee?
 
G

Gast1

Gast
Vor einem berufsbezogenen Deutsch-Sprachkurs muss doch erst der allgemeine Deutsch-Integrationskurs absolviert werden (Niveau A1 bis B2 oder so)?

Nachtrag. Die Antwort lautet "ja, bedingt".

In den Integrationskursen ist kein Praktikum o.ä. vorgesehen, dort wird ausschließlich der Spracherwerb vermittelt.

Nachtrag: Bitte mal hier reinschauen:

Flyer zum ESF-BAMF-Programm "Berufsbezogene Deutschförderung"

Obwohl, da steht, dass man mindestens das Niveau A1 in einem Integrationskurs erreicht haben muss um an der berufsbezogenen Deutschförderung teilnehmen zu können. Das Niveau A1 bedeutet meines Wissens zu Folge die Kenntnis der lateinischen Schrift. Erst nach Absolvierung des Niveaus A beginnt im Integrationskurs der Spracherwerb der deutschen Sprache (ab Niveau B1).

Außerdem steht in dem Flyer:

Praktikum

Während eines Praktikums werden Sie für eine bestimmte
Zeit in einem Betrieb eingesetzt und können so Ihre Kenntnisse
und Fähigkeiten praktisch anwenden. Zudem erhalten
Sie durch das Praktikum eine bessere Vorstellung vom
Arbeitsalltag in Ihrem Bereich.
 
Zuletzt bearbeitet:
M

mucel

Gast
Meine Mitbewohnerin ist in folgendes Situation:
Ursprünglich kommt sie aus Polen und hat dort auch einen Master erworben.
Nachdem sie in Deutschland zwei Jahre lang aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse als Putzkraft gearbeitet hatte, musste sie den Beruf aufgrund gesundheitlicher Problem aufgeben.

Vor kurzen begleitete sie der Vermittler vom Amt zu einem Vorstellungsgespräch, in dem ihr eine fachbezogene (in dem Gebiet, welches sie studiert hat, in welchem sie arbeit sucht) Arbeit angeboten wurde. Das Problem mit dieser Arbeit ist jedoch: erstens darf sie nur 25h/Woche arbeiten

Schade das nirgends steht:
a.) Was hat die Mitbewohnerin studiert, also in welchem Fach hat sie den Master?
b.) Was hat sie davon abgehalten, vor ihrer nun offensichtlich bestehenden Arbeitslosigkeit, in den zwei Jahren in denen sie schon hier lebte, einen oder evtl. gar mehrere Deutschkurse zu belegen?
c.) Warum darf sie nur 25 Stunden in der Woche arbeiten? Gibt es da gesundheitliche Gründe, ist sie evtl. nur teilerwerbsfähig?
d.) Wie kam es dazu, dass der Arbeitsvermittler sie zu dem Gespräch begleitet hat? Normal ist das ja nun nicht gerade, das ein AfA Vermittler seinen gemütlichen Bürosessel verlässt, um einen oder eine Jobsuchende(n) zu einem Vorstellungsgespräch zu begleiten.
 

JackInTheBox

Elo-User*in
Startbeitrag
Mitglied seit
13 April 2017
Beiträge
2
Bewertungen
0
Erstmal ein großes Danke an alle, die mir bisher geantwortet haben.

Auf die offenen Fragen habe ich folgende Antworten:

- Das Praktikum wird vom Vermittler als Bildungsmaßnahme deklariert, wie das Doppeloma schon vermutet hat. Entsprechend kriegt sie dafür auch einen Bildungsgutschein. Merkwürdig ist das schon, weil sie ja schon einen hatte und ich bisher dachte, dass man nur einen bekommt. Weiterhin steht im zweiten Bildungsgutschein, dass diese Maßnahme verpflichtend ist und sie Sperrzeiten bekommt, wenn sie nicht teilnimmt.. obwohl meine Mitbewohnerin noch nichts unterschrieben hat. Auch in den EGV wurde nichts derartiges festgehalten.

- Sie hat während ihres Aufenthalts Deutschkurse besucht und verfügt jetzt über das Sprachlevel B1. Auch ein Integrationskurs wurde abgeschloßen. Das ist für ihre Arbeit allerdings nicht genug, weil sie als Büroangestellte über sehr gute Grammatik verfügen muss und sie sehr oft abgelehnt wurde, weil ihre Grammatik eben noch zu viele Fehler aufweist. Der derzeit geförderte Kurs ist auch speziell für kaufmännische Berufe.

- Ihr Abschluss ist noch nicht anerkannt, aber die Anerkennung ist gerade im Gange. Es dauert halt noch, bis es fertig ist.

- Was sie studiert hat sollte hier egal sein. Sie möchte nicht, dass ich es ins Internet schreibe.

- Sie darf und möchte schon vollzeit Arbeiten. Der potentielle Arbeitgeber (und Praktikumsträger) bietet aber nur 25h/Woche an.

- Sie wurde etwa Mitte November in ein Team für schwer vermittelbare Klienten verschoben. Gleich zu Beginn hat ihr Vermittler gesagt, dass es in diesem Team üblich ist, dass er auch mal zu einem Vorstellungsgespräch mitkommt. Ich glaube das ist rechtens.

- Sie hatte in Ihrer Heimat auch schon Erfahrung im Zielberuf gesammelt.. nur die Kenntnisse der Fachsoftware fehlen halt.

Über Ostern hat meine Mitbewohnerin auch versucht sich durch das SGB III zu kämpfen, aber als Laie ist das alles schwer zu durchsteigen.. deswegen hier nochmal meine Frage:
Habt ihr noch ein paar handfeste Paragraphen, mit denen man sich gegen die AfA zur Wehr setzen kann? Mit gesundem Menschenverstand kann man beim AfA bekanntlich nicht argumentieren..
Interessant wären vor allem:

- Darf ein Praktikum eine Bildungsmaßnahme sein? Meines Wissens nach eher nicht, weil kein Ausbildungsplan vorliegt.. einen Paragraphen habe ich dafür aber nicht.
Ich meine "Ja, du arbeitest für uns und machst was wir sagen." ist eben KEINE Lehrmaßnahme für Fachsoftware.

- Gibt es eine verbindliche Festlegung, dass die Förderung der Sprachkenntnisse von EU-Bürgern Priorität genießt?

- Darf ihr die erste Bildungsmaßnahme weggenommen werden? Darf sie dann einfach eine zweite kriegen? Sollte sie nicht eine Kündigung von der AfA für den ersten Gutschein bekommen?

- Wie wird allgemein mit "Kann-Bestimmungen" umgegangen? Wenn in einem Paragraphen z.B. stehen würde "Arbeitslose können ein Praktikum machen.", kann das dann zu einer Pflicht werden? Oder kann man schon die Tatsache angreifen, dass es eine Kann-Bedingung ist und keine Muss- oder Soll-Bedingung?

Danke im Voraus. Wie gesagt: Paragraphen würden sehr helfen :)
 

atasteofbunny

Priv. Nutzer*in
Mitglied seit
7 März 2014
Beiträge
555
Bewertungen
534
Weiterhin sagte der Arbeitgeber, dass meine Mitbewohnerin für die Stelle nicht geeignet sei, weil ihr die Kenntnisse über die benötigte Software fehlen.

Wenn das so ist, warum soll sie dort "Praktikum" machen? Hört sich doch an, als wenn er sie danach gar nicht einstellen will.

Ein Erwerbsloser darf eine bezahlte Arbeit grundsätzlich nicht ablehnen, eine unbezahlte aber schon, weil er damit seine Hilfebedürftigkeit weder beendet noch verringert. Unbezahlte Arbeit ist ohnehin nur im Rahmen von Arbeitgeber-Maßnahmen (§ 45 Abs. 1 SGB III) möglich, über diese werden aber Verträge abgeschlossen, die der Erwerbslose unterschreibt (wenn er es möchte). Eine Maßnahme bei einem Arbeitgeber mit Bildungsgutschein, davon habe ich noch nie gehört ... habt ihr etwas Schriftliches darüber? Magst du das mal anonymisiert hochladen?

@Doppeloma hat Recht, bloß nichts unterschreiben, und in Nürnberg beschweren. Eine Maßnahme nach der Feststellung, dass sie für die Stelle gar nicht geeignet sei, das klingt nach Ausbeutung und Schikane.
 
Oben Unten