Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement?

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Claudini

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Hallo, mein Freund ist derzeit bereits im Fallmanagement, jetzt hat er eine Einladung bekommen in der steht das mit ihm über ein besonderes Unterstützungsangebot das so genannte beschäftigungsorientierte Fallmanagement gesprochen werden möchte um das ganze vorzustellen und zu erläutern.

Was genau ist da der Unterschied? Im Netz fanden wir kaum Infos, wird das dann ein neuer Fallmanager? Wir dachte das ist schon so ein Fallmanagement...
 

HajoDF

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Das Fallmanagement hat unterschiedliche Aufgaben, z.B. die Beseitigung von persönlichen Vermittlungshemmnissen oder eben beschäftigungsorientierte Maßnahmen zu organisieren. Was ist daran unklar?
 
E

ExitUser

Gast
Unklar das er bereits im Fallmanagement ist und jetzt zum beschäftigungs orientierten Fallmanagement soll.

Das liegt vermutlich daran, dass selbst inenrhalb der BA/JCs unterschiedliche Begrifflichkeiten für die Integrationsfachkräfte rumgeistern. Üblicherweise verhält es sich hinsichtlich der Begrifflichkeiten wie folgt:
  • Arbeitsvermittler (AV) heißen die "Kundenbetreuer", die versuchen, einem Arbeit zu vermitteln (oder auch nicht) im SGB III, also in der Agentur für Arbeit.

  • Persönlicher Ansprechpartner (pAp) heißt der Arbeitsvermittler im Jobcenter. Diese Bezeichnung soll der Tatsache Rechnung tragen, dass der pAp eben nicht nur für Vermittlung zuständig ist, sondern quasi wie ein küchenphilosophierendes Faktotum ständig zu allem irgendwas meint sagen zu müssen.

  • Fallmanager (FM) heißen besonders geschulte pAps in den Jobcentern, die eine zertifizierte FM-Fortbildung nach Maßgabe der dgcc absolviert haben und dann als Fallmanager im JC eingesetzt werden. Zumeist absolvieren die FMs in den JCs die Ausbildung zum Fallmanager mit dem Schwerpunkt "Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement", es existieren aber noch andere wählbare Schwerpunkte, etwa Sozialwesen, Gesundheitswesen, Pflegeberatung.

  • Integrationsfachkraft (IFK) ist die Oberbezeichnung für AV, pAp & FM.
Nun passiert es nicht selten, dass die Begriffe durcheinandergewürfelt werden. So heißen in manchen JCs grundsätzlich alle IFKs Fallmanager. Um da den Unterschied zwischen einfacher IFK und besonders geschulter IFK klarzumachen, nennt man das "Angebot" der Letzteren eben beschäftigungsorientiertes Fallmanagement. Diese Bezeichnung weist auch gleich die Richtigung, in die die Reise gehen soll: Das Ziel der sich im FM vollziehenden Aufarbeitung multipler oder sich verdichtender Problemlagen ist die möglichst schnelle (Wieder)-Einmündung in den Arbeitsmarkt. Dies ist eine Besonderheit des beschäftigungsorientierten Fallmanagements. Das Ziel steckt schon im Namen, es ist eo ipso gesetzt: Orientierung hin auf Beschäftigung!

Fallmanagement kann grundsätzlich ganz unterschiedliche Ziele haben, die vom Grundverständnis her zwischen dem Fallmanager und dem "Kunden" gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe ausgearbeitet werden sollen. Im Jobcenter gibt es diese gleiche Augenhöhe aber nicht, weder in der Zielformulierung noch in der Beratung. Die kann es nicht geben, weil das Ziel eben feststeht, es ist buchstäblich auf Beschäftigung hin ausgerichtet! Im "klassischen" Fallmanagement, welches aus der Sozialen Arbeit stammt, ist das Ziel in der Regel dagegen ergebnisoffen. (Man lese bei Interesse an mehr Hintergrundinfos z.B. hier, hier und hier).

Bei einem ergebnisoffenen Aushandlungsprozess kann es zum Beispiel sein, dass "Kunde" und Fallmanager darin übereinkommen, dass das Ziel nicht länger der (Wieder)-Einstieg in Arbeit sein kann, weil der "Kunde" z.B. zu krank oder zu alt ist. Das Ziel wäre dann, den "Kunden" dahingehend zu unterstützen, eine andere Perspektive für sein weiteres Leben zu entwickeln und sich ein Stück weit frei zu machen vom internalisierten und seitens der Gesellschaft propagierten Empfinden, den eigenen Selbstwert primär über Erwerbsarbeit zu definieren.

Eine solche Übereinkunft a la "Ich schöpfe meinen Selbstwert zukünftig aus anderen Bereichen und versuche meinem Leben einen anderen Sinn zu geben", darf es im beschäftigungsorientierten Fallanagement aber nicht geben, weil das SGB II dauerhaft nicht arbeitsfähige "Kunden" im ALG II Bezug nicht vorsieht. Würde ein "Kunde" im Jobcenter so etwas mit seinem Fallmanager vereinbaren wollen, würde dieser ihm sagen: "Nein, das geht so nicht. Sie müssen arbeiten, das steht außer Frage. Aushandeln tun wir gemeinsam nur die richtige Aktivierungsstrategie! " Das müsste der Fallmanager selbst dann sagen, wenn er überzeugt ist, dass der "Kunde" gar nicht mehr arbeitsfähig ist. Denn wie gesagt: Mit Ausnahme einiger weniger § 10 Sonderfälle heißt ALG II-Bezug immer: Arbeitsfähig. Da gibt es nichts dran zu rütteln.


In Erkenntnis dessen ist es für den "Kunden" im Jobcenter in der Praxis oft ziemlich egal, ob er nun vom pAp oder FM betreut wird, wobei das Wort "betreut" im Kontext des SGB II schon insofern völlig unangebracht ist, als es eine Entmündigung impliziert. Das klassische Fallmanagement will indes genau das Gegenteil von Entmündigung, es will Selbstwirksamkeit stärken. Für Jobcenter-"Kunden" ist es letztlich irrelevant, ob der Wein, der ihnen gereicht wird, in einem Schlauch namens Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement, Vermittlungsberatung, ganzheitliche Betreuung, Bewerberorientierte Vermittlung, arbeitsbezogene Betreuung oder Intensivaktivierung gereicht wird. Wie immer es genannt wird, es geht grundsätzlich darum, "Kunden" irgendwie möglichst schnell in Arbeit zu bringen. Der Nachhaltigkeitsgedanke des klassischen Fallmanagements wird so ad absurdum geführt.

In manchen Fällen mag das Fallmanagement "Kunden" wirklich helfen, zumal der Fallmanager, der deutlich weniger "Kunden" als der pAp zu betreuen hat, sich wesentlich mehr Zeit nehmen und "Kunden" so theoretisch wirklich intensiver unterstützen kann. Problematisch ist allerdings, dass sozialarbeiterische Methoden im beschäftigungsorientierten Fallanagement auf den neoliberalen Bereich der Arbeitsvermittlung angewandt werden und hier helfen sollen, die Vermarktlichung von Menschen zu befördern, denen oft weit mehr geholfen wäre, wenn man ihre nicht-mehr-Marktkonformität endlich akzeptierte, sie dafür nicht mehr verächtlich machte, sondern ihnen stattdessen alternative Möglichkeiten sinnvoller, selbstwertstärkender Lebensbewältigung aufzeigte. Da aber genau dies im SGB II konzeptionell nicht erfolgen soll, stehe ich der Art, wie Fallmanagement in den Jobcentern derzeit erfolgt, eher skeptisch gegenüber.
 

LoreS

Elo-User*in
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9 Januar 2013
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Sehr interessante Lektüre...
Die durchgehende Fallverantwortung baut auf einer Beziehung zum Kunden auf, die mehr ist als Fallbegleitung. Sie muss Vertrauen schaffen, gerade auch dort, wo hoheitliche Aufgaben Sanktionsgewalt einschließen. [S.4, Hervorhebungen von mir]

:eek:

Ist das jetzt zynisch oder einfach nur dumm?
 
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