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Alt 19.12.2006, 09:57   #1
redwitch
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redwitch
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Standard Meinungsforschung als Propaganda

Zitat:
»Die Gefahr, ins Konzentrationslager gesteckt zu werden, schwebte immer über mir«, schrieb Noelle-Neumann im Januar 1992 in einem Brief an Commentary, die Zeitschrift des American Jewish Committee. Der US-amerikanische Meinungsforscher Leo Bogart hatte dort zuvor die Tätigkeit seiner deutschen Kollegin zwischen 1933 und 1945 kritisch untersucht. Obwohl die Demoskopin sich öffentlich immer wieder als Oppositionelle darzustellen versuchte, kam er in seinem Beitrag zu ganz anderen Schlüssen: »Aufgrund ihrer hervorragenden Zeugnisse als Aktivistin und Leiterin nationalsozialistischer Jugend- und Studentenorganisationen« sei sie unter anderem mit einem Auslandsstipendium belohnt und vom Propagandaministerium unter Joseph Goebbels gefördert worden.

Fünf Jahre später interpretierte der Kommunikationswissenschaftler Christopher Simpson ihre Theorien vor deren zeitgeschichtlichem Hintergrund und versuchte nachzuweisen, wie diese in staatliche Propagandamethoden umgesetzt wurden. Noelle-Neumann reagierte empört auf diese Artikel. Mit einer gezielten »Kampagne« solle ihre »Identität zerstört« werden. Entlastendes konnte sie allerdings nicht vorweisen.

Noch vor den US-amerikanischen Wissenschaftlern hatte der deutsche Publizist Otto Köhler in seinem Buch »Wir Schreibtischtäter« (1989) Wollen und Wirken der jungen Noelle in der Nazi-Zeit öffentlich gemacht. Er verwies auf ihre Dissertation über die Meinungsforschung in den USA aus dem Jahr 1940, in der es unter anderem heißt: »Seit 1933 konzentrieren die Juden, die einen großen Teil von Amerikas geistigem Leben monopolisiert haben, ihre demagogischen Fähigkeiten auf die Deutschlandhetze.« In dieselbe Kerbe schlug sie später in einem Artikel mit dem Titel »Wer informiert Amerika?« in der Zeitschrift Das Reich: »Juden schreiben in den Zeitungen, besitzen sie, haben die Anzeigen*agenturen fast monopolisiert (...). Sie kontrollieren die Filmindustrie, besitzen die größten Radiostationen und alle Theater.«

Zum Skandal wurden Köhlers Informationen nicht, weil die Presse über die Nestbeschmutzung hinwegging. Erst als in den USA Elisabeth Noelle-Neumann als Nazipropagandistin angegriffen wurde, kam auch in Deutschland eine zögerliche Debatte in Gang, ob die soziologische Koryphäe damals aus Überzeugung oder Ehrgeiz Nazi war. Das war natürlich nicht mehr als eine Scheinfrage. Bekanntlich konnten sich beide Antriebskräfte hervorragend ergänzen. Elegant umgangen wurde so aber das Problem, wieviel Faschismus eigentlich in Noelle-Neumanns Theorien und damit auch im westlichen Nachkriegsdeutschland steckte, wo sie so außerordentlich erfolgreich war.
Menschen werden als Mitläufer geboren

Zitat:
Einflußreich wurde ihre Idee von der »Schweigespirale«. Danach prüfen die Gesellschaftsmitglieder fortwährend, ob ihre Ansichten mit den Mehrheitsmeinungen übereinstimmen. »Wenn Menschen glauben, daß sich andere von ihnen abwenden, leiden sie so sehr, daß sie durch ihre Sensibilität so leicht geleitet oder manipuliert werden können, als gingen sie am Zügel.« Dies ist der Ausgangspunkt für Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der öffentlichen Meinung. Geschichte und Politik spielen demnach bei der Entstehung des Konformitätsdrucks keine Rolle; wir werden als Mitläufer geboren.

Aus dieser Perspektive konnte die deutsche Bevölkerung gar nicht anders, als die eigene Meinungen für sich zu behalten, als die Nazis gegen Juden und Kommunisten hetzten. Erst vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund läßt sich Noelle-Neumanns Idee der »Schweigespirale« einschätzen: Der einzige international einflußreiche Beitrag zur sogenannten Medienwirkungsforschung aus Deutschland ist eine Strategie der Schuldabwehr. Er erklärt die Deutschen zu passiven und eigentlich »antifaschistischen« Zuschauern. »Die Furcht vor Isolation erscheint als die treibende Kraft, die den Prozeß der Schweigespirale in Kraft setzt«, heißt es in ihrem Hauptwerk mit dem Untertitel »Öffentliche Meinung – Unsere soziale Haut«. Aus dieser könne man so wenig heraus wie aus der biologischen. Weil niemand zwischen 1933 und 1945 den Mut gehabt habe, gegen die Propaganda der Nazis zu sprechen, scheine es so, als seien die Deutschen ein Volk von Judenhassern.

Diese Theorie der »Schweigespirale« funktionierte in der Bundesrepublik umgekehrt. Sie diente der rechten Medienschelte. Denn der vermeintlich angeborene Widerwille dagegen, sich anders als die anderen zu äußern, führe zu Verzerrungen in der öffentlichen Debatte, wenn die Meinungen einer Minderheit nicht entsprechend ihrer »tatsächlichen Verbreitung« vertreten, sondern »unterrepräsentiert« seien.

Vor diesem Hintergrund ist die Minderheit, der Noelle-Neumann beistehen will, wertkonservativ, und ihre Kritik gilt den vermeintlich linken deutschen Journalisten. Von den Sorgen der »schweigenden Mehrheit« hätten diese keine Ahnung, aber ihre liberale Ansichten würden das Meinungsklima in der Bundesrepublik bestimmen. Solche Argumente nutzte Helmut Kohl in den frühen achtziger Jahren, um die sogenannte »geistig-moralisch Wende« durchzusetzen. Protest sei wegen der politischen Sympathien der Journalisten in der Öffentlichkeit überrepräsentiert, so das gerne gebrauchte Argument, eigentlich handele er in Übereinstimmung mit dem Willen der Mehrheit, der aber nicht öffentlich gemacht würde.
http://www.jungewelt.de/2006/12-19/021.php
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Alt 09.01.2007, 12:23   #2
redwitch
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Zitat:
Kurze Zeit vor einem für Helmut Kohl entscheidenden Wahlkampf begegnete mir Elisabeth Noelle 1986 wieder. Die steigende Arbeitslosigkeit drohte, den Freund (er hatte ihr dank eines gemeinsamen ordentlichen Frühschoppens mit dem Kultusminister - siehe S. 221 ihrer Erinnerungen - einen Lehrstuhl in Mainz verschafft) wieder aus dem Bundeskanzleramt zu werfen. Doch Dr. Noelle war sich beziehungsweise dem Dr. Goebbels treu geblieben. Sie wusste noch aus ihrer Dissertation: "Das Volk soll sich nicht mehr selbst überlassen werden ... Das Volk soll anfangen, einheitlich zu denken, einheitlich zu reagieren, und sich der Regierung mit ganzer Sympathie zur Verfügung zu stellen." Das war ein Goebbels-Zitat. Doktorandin Noelle fand es so gut, dass sie dem Zitierten "ein zuverlässiges System der Massenbefragung" als ein "Hilfsmittel der Einfühlung in das wahre Wesen des Geführten" anbot. (Am 27. Februar 1987 versprach Elisabeth Noelle vor großem Publikum eine Wiederauflage ihrer Dissertation - in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde dieses Versprechen nicht eingelöst).

Dr. Goebbels wollte Dr. Noelle schließlich zu seiner Adjutantin machen, woran sie eine Krankheit hinderte. Aber das nur nebenbei - wir sind in der traurigen Wirklichkeit des Jahres 1986, als vermehrte Arbeitslosigkeit den Kanzler Kohl bedrängte. Also bedurfte es wieder einmal einer "willensmäßigen Beeinflussung" der öffentlichen Meinung, eines "zuverlässigen Systems der Massenbefragung". Vertrauliches Angebot aus Allensbach an die Industrie: "Jetzt, ein Jahr vor der Bundestagswahl 1987, besteht die Aussicht, dass Arbeitslosigkeit zu einem Schwerpunktthema des Wahlkampfes wird." Dem sei entgegenzutreten: "Es geht dabei zunächst darum, das demagogische Potential der Arbeitslosigkeit zu entschärfen ..."

Und zwar mit demoskopischen Mitteln: "Die geplante Untersuchung soll den Block der Arbeitslosen segmentieren." Segment heißt Teilstück. Zu deutsch: Der große Block der Arbeitslosen sollte so lange zerteilt werden, bis nur noch leicht fassbare Einheiten übrig blieben, gegen die Allensbach zugleich ein umfassendes, aber differenziertes Diffamierungsangebot vorlegen konnte.

Und so wurde an Noelles Institut eifrig segmentiert: Arbeitslos gemeldete Hausfrauen? Die suchen doch in Wirklichkeit keine Arbeit. Zudem: "Die Hausfrauenrolle vermindert die psychologische Belastung der Arbeitslosigkeit für Frauen oder hebt sie sogar ganz auf." Ein anderes Segment speziell bei Dauerarbeitslosen: die gesinnungsmäßig auffällig Hervorgetretenen. Dauerarbeitslose sind extremistisch, protestantisch, atheistisch und treiben sich nachts herum. Als demoskopisch besonders leicht zu bewältigendes Segment unter den Arbeitslosen erwiesen sich für das Allensbach-Angebot die "freiwillig Arbeitslosen". Elisabeth Noelle gab ihre Zahl mit 700.000 an, damals fast ein Drittel: "Alkoholiker, Drogensüchtige, jugendliche Sektenmitglieder" und sonstige Personen, die "nicht einsatzfähig sind".
http://www.freitag.de/2007/01/07010801.php
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