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Alt 04.06.2014, 12:40   #1
ethos07
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Standard Leiharbeit gehört verboten!

Die Autorin des folgenden Vortrags, Renate Münder, ist Herausgeberin der Zeitschrift 'Theorie und Praxis'. Der vorliegende Text ist die überarbeitete Fassung des Referats, das sie am 3. Mai im Marx-Engels-Zentrum Berlin im Rahmen des Seminars »Die Gewerkschaften heute – Ordnungs- oder Gegenmacht?« gehalten hat.

Quelle:mez-berlin.de

Zitat:
Renate Münder

Leiharbeit gehört verboten!



„Hallo hier spricht Angela Merkel“, so beginnt ein Interview in der Zeitung der IG Metall 2/2014. Der Kollege Christian Graupner hatte mit der Darstellung seiner Situation die Kanzlerin in der „ARD-Wahlarena“ konfrontiert. Er ist seit zehn Jahren Leiharbeiter bei Thyssen-Krupp Automotive in Leipzig, einer von 500, bei einer Stammbelegschaft von 30 oder 40. Und prompt rief sie ihn an.

Der Kollege fragte sie, was sie gegen den Missbrauch der Leiharbeit tun wolle. Die Kanzlerin darauf: die Regierung wolle das Problem im ersten Quartal 2014 angehen. Der Kollege, Betriebsrat und Metaller, hakte nach: Im Koalitionsvertrag stehe, dass durch Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen von der Verleihdauer von 18 Monaten abgewichen werden könne. Die Kanzlerin beruhigte ihn: die 18 Monate seien die Höchstgrenze. Der Kollege freute sich, dass durch den Rummel die Aufmerksamkeit der Medien auf die Missstände gelenkt worden sei

Das Interview verrät einiges über die Haltung eines aktiven Metallers. Dem Kollegen geht es nicht nur um seine persönliche Lage, er möchte, dass sich generell etwas ändert. Er meint auch nicht, ein persönliches Gespräch mit Frau Merkel würde die Lage der Leiharbeiter verbessern, sondern er zielte auf öffentlichen Druck – allerdings nicht durch die IG Metall, sondern durch die Medien. Und er spricht vom Missbrauch der Leiharbeit, d.h. er ist nicht prinzipiell gegen Leiharbeit eingestellt. Er widerspricht auch nicht der Kanzlerin, als sie ihn als „krassen Einzelfall“ bezeichnet.

Ein „krasser Einzelfall“ war vielleicht der Tod von zwei Leiharbeitern, die bei einem Brand auf der Meyer Werft ums Leben kamen. Die Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter sind häufig katastrophal. Durch den Aufsehen erregenden Todesfall wurde auch über ihre Stundenlöhne von drei bis vier Euro berichtet, was das Unternehmen zwang, einen Tarifvertrag über soziale Mindeststandards mit der IG Metall-Bezirk Küste abzuschließen.

Der Begriff Missbrauch ist die aktuelle Sprachregelung der IG Metall - nicht das Instrument der Leiharbeit an sich, sondern die schwarzen Schafe unter den Kapitalisten sind zu bekämpfen. Und Aufgabe der Regierung sei es, durch gesetzliche Regelungen den Missbrauch zu verhindern.


Interesse der Kapitalisten

Dabei verbergen die Unternehmer ihr generelles Interesse an der Leiharbeit überhaupt nicht. Der BDA erklärt z. B. auf seiner Homepage: „ Zeitarbeit ist ein Jobmotor des deutschen Arbeitsmarkts. Zwei Drittel der Zeitarbeitnehmer haben durch Zeitarbeit die Chance erhalten, Arbeitslosigkeit zu überwinden.“ Zeitarbeit sei unverzichtbar für eine Dynamik von Arbeitsmärkten und sichere so die Stammarbeitsplätze. Um sich dem Missbrauch-Vorwurf nicht mehr auszusetzen, haben die großen Autofirmen wie BMW, VW und Daimler die Stundenlöhne, abgeleitet vom Metalltarifvertrag, den Einstiegslöhnen der Stammbelegschaft angeglichen. So behaupten sie, der Umgang mit den Zeitarbeitern sei „fair“ – die Forderung der IGM aufgreifend. Denn das Hauptinteresse der Monopole sind nicht die niedrigeren Löhne, sondern die Möglichkeiten der Flexibilisierung, wie Daimler-Vorstand Wilfried Porth erklärt: Zeitarbeitsverträge seien angesichts des strengen Kündigungsschutzes ein wichtiges Flexibilitätsinstrument. „Wenn nun die zulässigen Zeiträume für Leih- und Zeitarbeit heruntergefahren werden – derzeit sind es laut Tarifvertrag 24 Monate – stellt sich die Frage: Wie können wir das kompensieren?“ Dass das auch eine Drohung in Richtung der Regierung ist, macht er im Folgenden klar: „Viele Bereiche in der IT-Branche und der Textilindustrie sind größtenteils schon abgewandert.“ Und nach dem Märchen vom strengen Kündigungsschutz in Deutschland vergisst er auch den Hammer des Antikommunismus nicht: „Ohne Werkverträge geht es in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht – dann wären wir zurück im Kombinat.“ (1)


Was heißt Leiharbeit für die Arbeiterklasse?

Für die Mehrheit der Betriebe sind jedoch auch die niedrigeren Löhne sehr wohl von großem Interesse: so liegt das mittlere Monatsgehalt von Stammbeschäftigten bei 2702 Euro, das der Leiharbeiter lediglich bei 1419 Euro (2). Leiharbeiter erhalten also durchschnittlich wenig mehr als 50% des Lohns der Stammarbeiter, weniger Urlaubs-, weniger Weihnachtsgeld, und Prämien, wie sie die Festangestellten erhalten, sind ein ferner Traum für sie. Leiharbeit führt dazu, dass der Lohn oft nicht ausreicht, um nur die dringendsten Lebensbedürfnisse zu bestreiten, führt zu einem Leben als Aufstocker mit Hartz IV und drohender Altersarmut. Leiharbeit ist eine extreme Verschärfung der Ausbeutung, und das heißt auch: ein Leben ohne Kündigungsschutz. Wer täglich damit rechnen muss, gefeuert zu werden, hat nur einen Wunsch, endlich dazu zu gehören zu den Privilegierten, der hält‘s Maul, der macht jede Überstunde mit. Leiharbeitet bedeutet Unsicherheit in hohem Maß. Angestellt bei einem Verleihbetrieb kann der Arbeiter seine Arbeitskraft nicht mehr frei verkaufen, er wird ausgeliehen, vermietet, hingeschickt zu einer neuen Arbeitsstelle, die er sich nicht selber aussuchen kann – zusammen mit dem Druck durch Hartz IV eine moderne Form von Zwangsarbeit. „Leiharbeit ist ungesetzlich und reduziert Menschen zu persönlichem Besitz“, so lautete die Begründung des obersten Gerichts von Namibia im Jahr 2009, in dem Leiharbeit in diesem Land offiziell unter Strafe gestellt wurde. Die Richter stuften Leiharbeit als „moderne Sklaverei“ ein (3).

Leiharbeit bedeutet Angriff auf die Würde der Arbeiter, auf ihr Selbstbewusstsein, auf ihre sozialen und demokratischen Rechte und damit auch auf die Gewerkschaften. Zeitarbeiter haben Schwierigkeiten, zu Betriebsversammlungen gehen zu dürfen, den Betriebsrat mit zu wählen, weil sie oft gar nicht in die Wählerverzeichnisse aufgenommen wurden. Der Tarifvertrag wird ausgehebelt, die Einheit der Kollegen in einem Betrieb zerstört, ihre Organisierung erschwert und die Kampfkraft unterminiert.

Die negativen Folgen gehen jedoch noch weiter: Es ist offensichtlich, dass Leiharbeit dazu dient, auch die Löhne der Stammbelegschaft zu drücken, dass Leiharbeit dazu dient, den Kündigungsschutz auszuhebeln und die Streikfähigkeit zu untergraben und einen Teil der Belegschaft rechtlos zu halten.

Leiharbeit zielt auf die Spaltung der Arbeiterklasse und soll sie wehrlos machen. Die Kolleginnen und Kollegen sollen untereinander um die Verteilung des von ihnen geschaffenen Reichtums streiten, anstatt den Kampf gegen das Kapital zu führen. Ohne die Flexibilisierung, die größere Verfügbarkeit, ohne Dumpinglöhne und Ausweitung des Arbeitstags wäre die deutsche Ausbeuterklasse nicht siegreich aus dem Kampf gegen ihre imperialistischen Konkurrenten hervorgegangen, könnte sie sich nicht den Reichtum der eigenen Arbeiterklasse und dazu noch den Reichtum der Arbeiterklasse anderer Länder aneignen. Leiharbeit gehört zur unentbehrlichen Waffe der Monopole in der Schlacht um den Weltmarkt.


Gesetzliche Regelung

Die Stärkung der Kapitalseite war genau die Absicht der Sozialdemokratie mit der Änderung des AÜG am 1.1.2003. Die Schröder-Regierung beseitigte die zeitliche Beschränkung bei der Überlassungsdauer von Leiharbeitern. Das Gesetz von 1972 sah noch drei Monate als Höchstgrenze vor, sukzessive wurde diese erhöht, um schließlich ganz abgeschafft zu werden. Seit 2004 steht im AÜG die Regelung, dass der Lohn der Leiharbeiter den der stammbeschäftigten unterschreiten darf, wenn es für sie einen eigenen Tarifvertrag gibt. Der damals verantwortliche Minister war Wolfgang Clement, der seit 2006 bei Adecco im Vorstand sitzt.

Seitdem hat sich die Zahl der Leiharbeiter mehr als verdreifacht auf über eine Million. Im Leipziger BMW-Werk waren es bis Anfang des Jahres ca 40% der Belegschaft, wodurch die Streikfähigkeit nicht mehrgegeben war.

Nach dem Gesetzentwurf der Großen Koalition soll die Überlassung von Arbeitnehmern an eine Leiharbeitsfirma wieder auf 18 Monate begrenzt werden. Nach neun Monaten soll es zudem gleiche Bezahlung für Leiharbeiter und Stammbelegschaft geben. Der schei*den*de DGB-Chef Mi*cha*el Som*mer hat dies als Er*folg der Ge*werk*schaf*ten ge*wer*tet, als Ergebnis ihrer jah*re*lan*gen Kam*pa*gnen (4).

Doch eine grundsätzliche Verbesserung der Lage der Leiharbeiter blieb aus: die meisten Leiharbeiter werden von der Regelung nicht profitieren. Denn 50 % der Zeitarbeiter sind nicht mal drei Monate im gleichen Betrieb beschäftigt. In den Genuss der erhöhten Stundensätzen werden schätzungsweise lediglich 20% der Leiharbeiter kommen. Der Koalitionsvertrag sieht auch schon Ausnahmen vor, anders als Frau Merkel dem IGM-Kollegen versicherte. Und außerdem haben sich die Kapitalisten bereits Möglichkeiten ausgedacht, die 18-Monats-Begrenzung zu umgehen: Nach der vorgeschriebenen Frist oder schon früher werden die Leiharbeiter gekündigt, und andere nehmen ihren Platz ein. Oder die Unternehmer weichen auf Sub-Unternehmer oder auf Werkverträge aus, eine bereits jetzt äußerst beliebte Taktik.

Wie stark Werkverträge auf dem Vormarsch sind, zeigen die folgenden Zahlen: In der Automobilindustrie stehen laut IG Metall den 763 000 Stammbeschäftigten 100 000 Leiharbeitnehmer und 250 000 Werkverträgler gegenüber (5). Noch krasser ist die Situation auf den Werften. Dort kommt mehr als ein Drittel der Belegschaft von außen.

Es sind gerade die großen Konzerne, die sich völlig unverfroren massenhaft der Leiharbeit bedienen und als Vorreiter beim Umgehen von Gesetzen fungieren. So hat z. B. die Deutsche Telekom mit Massenentlassungen von Zeitarbeitern, die länger als ein Jahr angestellt sind, begonnen, um die Kollegen dann über die firmeneigene Leiharbeitsfirma Vivento Interim Services mit bedeutend schlechteren Verträgen wieder einzustellen (6).

Das geplante Gesetz der Großen Koalition bleibt ein bloßes Kratzen an der Oberfläche. Nur die gleiche Bezahlung wie bei der Stammbelegschaft ab dem ersten Arbeitstag an könnte die Lohndrückerei beenden. In anderen Ländern gibt es solche Regelungen längst, zum Beispiel in Frankreich, dort sogar mit einem Zuschlag.


Die Antwort der IG Metall

Als nach der Änderung des Arbeitnehmer-Überlassungs-Gesetzes und dem darauf folgenden explosionsartigem Anwachsen der Leiharbeit die Stimmung in den Betrieben ein Handeln der IGM unumgänglich machte, rief sie 2008 die Kampagne „Gleicher Lohn - Gleiche Arbeit“ aus. Der damalige IGM-Vorsitzende Berthold Huber griff die Stimmung vieler Kolleginnen und Kollegen auf, machte jedoch gleich die Einschränkung: „Wir wollen Leiharbeit begrenzen, wo Missbrauch stattfindet, und wir wollen Leiharbeit gestalten, wo sie weiterhin geleistet wird. Wir lehnen Leiharbeit nicht grundsätzlich ab, aber wir wollen Missbrauch verhindern und Leiharbeit fair gestalten.“ (7). Doch noch 2011 proklamierte er, als ginge es um die Beseitigung der Leiharbeit: „Wir wollen keine Apartheid in den Betrieben. Auf der einen Seite die Festangestellten mit allen tariflichen Rechten, auf der anderen Seite befristet Beschäftigte, Leiharbeiter und Beschäftigte mit Werksverträgen.“ (8)

In der Tarifrunde für die Stahlindustrie 2010 wurde das Prinzip des Equal Pay durchgesetzt – doch der Anteil der Leiharbeit in dieser Branche ist relativ gering. In der Tarifrunde für die Metallindustrie 2012 war der Widerstand der Kapitalseite schon beträchtlich größer. Der Kampagne der IG Metall – nun offen unter dem Motto „Leiharbeit fair gestalten“ – war zu einem Großteil die starke Mobilisierung aus den Betrieben zu verdanken. Das Ziel bestand aber nur noch in der Durchsetzung von mehr Mitbestimmungsrechten der Betriebsräte für die Leiharbeiter.

Zwar bedeuteten die Branchenzuschläge, die im Tarifvertrag der IGM mit den Leiharbeitsverbänden erreicht wurden, für die Kollegen eine deutliche finanzielle Verbesserung. Auf 80 – 90% des Entgelts der jeweiligen Stammbelegschaft kann sich der Leiharbeiter nach 9 Monaten emporarbeiten - aber gleiche Bezahlung ist das nicht.

Vor allem jedoch ist es auf dem von der IGM eingeschlagenen Weg nicht möglich, dem Verbot der Leiharbeit näher zu kommen. Die Leiharbeiter bleiben weiterhin auf gesetzlicher Grundlage „Betriebsfremde“, und sie werden sogar als Bedrohung der Stammbelegschaft hingestellt: „Jetzt steht im Tarifvertrag, dass Leihbeschäftigte nur noch eingesetzt werden, wenn klar ist, dass sie die Löhne, Arbeitsbedingungen und Arbeitsplätze der Stammbeschäftigten nicht bedrohen.“ (9) Leiharbeit wird nicht prinzipiell in Frage gestellt, die Spaltung der Belegschaft bleibt erhalten. Es gibt keine faire Leiharbeit.

Nach der Tarifrunde konnten dann die Metaller von ihrem Vorsitzenden Huber hören: „Ich habe immer für die Legalisierung der Leiharbeit als Flexibilisierungsinstrument gestritten. Ich bin der Meinung, dass wir das brauchen.“ (10)


DGB-Tarifverträge verhindern Equal pay

Ende 2013 war Equal Pay schon greifbar nahe! Verhindert hat dies der DGB mit der Unterstützung von Einzelgewerkschaften. Der Christliche Gewerkschaftsbund stand nach einem Gerichtsbeschluss nicht mehr als möglicher Verhandlungspartner der Zeitarbeitsverbände für Dumpinglöhne bereit, fiel also als Ausrede weg. Ein ersatzloses Auslaufen der Verträge hätte zu Equal Pay geführt. Denn ohne Tarifvertrag gilt automatisch „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Mitte September 2013 verlängerte der DGB jedoch den Tarifvertrag mit den Leiharbeitsverbänden bis Ende 2016. Im Osten liegt der vereinbarte Stundenlohn jetzt bei 7,86 Euro, im Westen gelten 8,50 Euro – die Unterschiede zwischen Ost und West wurden reduziert, aber nicht aufgehoben.. Der DGB setzte sich mit dem Abschluss über viele Resolutionen von Hunderten von Gewerkschaftern und Proteste aus verschiedenen Gewerkschaftsgremien einfach hinweg. Beifall kam indessen von Frau von der Leyen, damals noch Arbeitsministerin.

Der DGB begründete sein Vorgehen mit dem Mindestlohn, dessen Basis der Tarifvertrag ist. Mit seinem Wegfall würde die untere Haltegrenze verloren gehen. Und durch die Nachwirkung des Tarifvertrags käme es sowieso nicht zu Equal Pay. Der Arbeitsrechtler Prof. Wolfgang Däubler hält dagegen: „Ich kann nicht erkennen, dass ein neuer Tarifvertrag diese Situation wesentlich verbessern würde. (…) Wer stattdessen wieder verhandelt, verhindert die Gleichstellung der Leiharbeiter. Und viele werden unterstellen, man wolle in Wahrheit flexible Arbeitskräfte, die im Ernstfall als Erste gehen müssen.“ (11)

Die IG Metall unterstützte das Vorgehen des DGB und erklärte, sie setze bewusst auf Tarifverhandlungen. „Wenn wir die Tarifverträge jetzt enden ließen, hieße das auch, die weitere Gestaltung allein dem Gesetzgeber zu überlassen. Das kann nicht in unserem Interesse sein. Wir müssen beides weiterverfolgen: Bessere Gesetze und bessere Tarifverträge …“ (12). Für die Leiharbeiter kein Trost. Kein Tarifabschluss hätte ihnen unendlich mehr gebracht. Wenigstens konnte erreicht werden, dass Leiharbeiter nicht mehr als Streikbrecher eingesetzt werden dürfen. Auch von verdi wurde der Abschluss unterstützt.

Schon zu Beginn des Jahres hatte 2012 hatte das IG Metall-Vorstandsmitglied Helga Schwitzer in einem Interview für igmetall.de eine Kampagne zu den Werkverträgen angekündigt. Und nachdem die Werkverträge bei BMW und Porsche in Leipzig drastisch gestiegen waren, forderte Bernd Kruppa, erster Vorsitzender der IGM Leipzig: „Wir dürfen bei Werkverträgen nicht genauso schlafen, wie wir das früher bei der Leiharbeit getan haben“ (13). Passiert ist jedoch noch nichts.

Nach dem Schelmenstück des DGB durfte dann wieder die SPD mit dem Thema bei der Bundestagswahl punkten. Das Zusammenspiel der Sozialdemokratie an der Regierung und der Sozialdemokratie in den Vorständen der Gewerkschaften (d.h. vor allem der IGM in diesem Fall) bei der Ruhigstellung der Arbeiter kann nur als meisterhaft bezeichnet werden. Dieses Zusammenspiel hat deshalb so gut funktioniert, weil die Arbeiterklasse in der Frage objektiv gespalten ist. Einerseits spüren und wissen die Arbeiter, dass Leiharbeit sie alle bedroht, dass ihre Löhne und Arbeitsbedingungen, ihre Kampffähigkeit dadurch untergraben werden.

Andererseits haben die Kernbelegschaften es aber auch mit Erleichterung aufgenommen, dass in der Krise vor allem die Leiharbeiter entlassen wurden. Leiharbeit hat sich als eine der wirksamsten Strategien der Ausbeuterklasse erwiesen, die Arbeiterklasse zu spalten. Und selbst der anfangs zitierte aktive Metaller, der schon seit zehn Jahren als Leiharbeiter schuften muss, erliegt der Propaganda der Sozialdemokratie, er sei ein Missbrauchsfall. Es ist stinknormale Ausbeutung, alltäglicher Kapitalismus, millionenfach. Der Kapitalismus selbst ist der Missstand.

Die Konkurrenz um den Arbeitsplatz kann nur im Kampf überwunden werden, und zwar als Kampf der gesamten Klasse. Gerade dies verhinderte die IG Metall-Führung jedoch mit ihrem Vorgehen. Sie verlagerte die Gegenwehr auf die betriebliche, schwächere Ebene. Sie setzte auf mehr Mitbestimmung, also auf die einzelnen Betriebsratsgremien, von denen viele sich kaum um die Rechte der Leiharbeiter kümmern können.

Diejenigen, die den Kampf aufnehmen, haben eine mühsame, oft jahrelange Auseinandersetzung mit dem Kapital zu führen, um ‚ihre‘ Leiharbeiter zu schützen – abhängig von ihrem Durchsetzungsvermögen und ihrem Bewusstsein. Diese aufwendigen Einzelaktionen zersplittern die Kampfkraft. Wenn diese Energie für den gemeinsamen Kampf der gesamten Arbeiterklasse zum Verbot der Leiharbeit eingesetzt würde, wäre eine ganz andere Stärke zu erreichen.

Die Führung der IGM ist nicht gewillt, ein Verbot der Leiharbeit zu fordern und durchzusetzen. Denn ein Verbot der Leiharbeit ist nur gesetzlich zu regeln. Wenn es nicht einerseits beim Verbalradikalismus und andererseits beim Jammern über Missbrauch bleiben soll, muss als Kampfform der Gewerkschaften der politische Streik ins Auge gefasst werden. Die IG Metall-Führung lehnt ihn jedoch seit Jahrzehnten heftig ab.

Kampf bei Daimler in Bremen - eine Belegschaft macht vor, wie es gehen kann

650 Kolleginnen und Kollegen arbeiten Im Bremer Daimler-Werk an den Bändern als Leiharbeiter – ihre Zahl ist per Betriebsvereinbarung im gesamten Konzern auf acht Prozent begrenzt. Trotz vieler Versuche der Konzernleitung gelang es, die Erhöhung dieser Quote u.a. durch die Androhung der Verweigerung von Überstunden und Sonderschichten zu verhindern.

Doch Daimler versucht es immer wieder. 2012 sollte die Logistik ausgegliedert werden. Eine Gruppe von Vertrauensleuten und Betriebsräten sammelte spontan Unterschriften am Werkstor, und innerhalb weniger Stunden waren 5.000 Unterschriften beisammen. Es folgten vier Streiks gegen die Fremdvergabepläne. Fast 9.000 Beschäftigte im Werk Bremen zeigten den Bossen, dass sie es nicht kampflos hinnehmen werden, wenn ein Teil der Belegschaft abgespalten und praktisch verkauft wird.

Die massive Fremdvergabe ganzer Produktionsabläufe, die mit Werkverträgen gefahren werden sollen, ist Teil eines “Katalogs” des Vorstands (“Strategie 2020"), der Stück für Stück in den Werken umgesetzt werden soll. Hintergrund ist die Konkurrenzschlacht gegen BMW. Beim Gesamtbetriebsrat hatten die “Sondierungsgespräche” des Daimler-Vorstand Erfolg: sie laufen im Grunde darauf hinaus, Fremdvergaben, Werksverträge und Leiharbeit zu “regulieren”, also festzulegen, welche Arbeiten fremdvergeben werden dürfen und welche nicht. Als die Werkleitung der Belegschaft in Bremen ankündigte, die Fremdvergabe der Anbauteile für die C-Klasse im Rohbau zu prüfen, protestierten am 23. August 2013 mehr als 3.000 Kollegen der Frühschicht.

Betriebsrat und Vertrauensmann Gerhard Kupfer erklärte im UZ-Interview: „Unser Konzept war immer, diese Auseinandersetzung nicht im Werk alleine zu belassen. Die Arbeitsbedingungen, die Werkspolitik öffentlich zu machen. Leiharbeit, Werkverträge und prekäre Beschäftigung so zu nennen, wie sie sind. Ein Skandal! Schlicht und einfach! Leiharbeit muss öffentlich gebrandmarkt werden. Der Steuerzahler zahlt das Lohndumping der Unternehmer. Die Aufstocker, die nicht vom verdienten Geld leben können. Alleine werden wir diesen Kampf hier nicht gewinnen.“ (14)

Die Bremer Kollegen machen nun Veranstaltungen bei anderen Automobilfabriken. Sie verlassen sich nicht auf die kümmerlichen Versprechungen des Koalitionsvertrags oder auf die Empfehlung der IG Metall „Leiharbeit fair gestalten“. Sie haben beschlossen, selber zu handeln. Gerhard Kupfer begründet dies: „Wenn der Druck nicht aus den Betrieben kommt, werden die Regierenden auch nicht handeln. Wir sind ausdrücklich nicht damit einverstanden, die Leiharbeit kosmetisch zu reparieren. Sie gehört verboten. Unsere Losung zum 1. Mai heißt „Schluss mit der Zuhälterei bei Daimler – und anderswo“. Alle die in der Politik mit Leiharbeit zu tun haben, diese befürworten, müssen mit Gefängnis bestraft werden. Nicht unter fünf Jahren.“ (14)


Quellen und Anmerkungen:

(1) SZ 4.3.14

(2) Herbert Wulff, Mit Werkvertrag, ohne Bürgerrechte, jW 25.2.2014; der Verfasser bezieht sich auf eine Studie der Uni Trier

(3) KAZ 327, S, 39, Infos nach „Neues Deutschland“ 13.2.2009

(4) dpa 16.12.2013

(5) Huffington Post Deutschland ? Nachrichten und Meinungen 18.11.13

(6) Elmar Wigand, Betrug geht weiter, jW 17.12.13

(7) Auftaktrede der Kampagne „Gleiche Arbeit – Gleicher Lohn“ am 9.4.08

(8) Zukunftsreferat, 22. Ordentlicher Gewerkschaftstag der IG Metall, 12.10.11

(9) Metallzeitung 6/2012

(10)Die Welt, 25.11.2012

(11)Prof. W. Däubler, in verdi/Druck und Papier 03/2013

(12)Interviewe mit Stefan Schaumberg, Leiter der für die Tarifpolitik zuständigen Abteilung beim Vorstand der ig metall.de, 13.3.13

(13)DER SPIEGEL*5/2012 - Moderne Sklaven 30.01.2012

(14) »Wir sind nicht damit einverstanden, die Leiharbeit kosmetisch zu reparieren«, UZ-Interview mit Gerhard Kupfer, BR bei Daimler in Bremen, UZ 21.2.14
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Viele Grüße aus Berlin
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N.B. Meine Beiträge sind meine persönlichen Meinungen und keine Rechtsberatung.
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