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News / Diskussionen / Tagespresse brandheiß, aktuell und neu . . .


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Alt 18.06.2015, 00:45   #1001
Ehemaliges Heimkind
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Ausrufezeichen KINOFILM ausschließlich über ev. Erziehungsanstalt FREISTATT

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big7.net GmbH - BERNDT MEDIA - http://www.choices.de INTERVIEW MIT MARC BRUMMUND ÜBER SEINEN KINOSPIELFILM "FREISTATT" @ http://www.choices.de/das-war-bis-mitte-der-70er-gang-und-gaebe

Zitat:
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„Das war bis Mitte der 70er gang und gäbe“

28. Mai 2015

Regisseur Marc Brummund über "FREISTATT", sein Spielfilmdebüt über Misshandlung in einer kirchlichen Fürsorgeanstalt – Gespräch zum Film 06/15

Marc Brummund drehte nach dem Studium der Psychologie, der Journalistik und des Dokumentarfilms zunächst Werbefilme, bevor er die Meisterklasse Regie der Hamburg Media School besuchte. Seine Kurzfilme wurden mehrfach ausgezeichnet. Für "FREISTATT" (Kinostart: 25.6.) erhielt er den Emder Drehbuchpreis (Grimme-Jury), den Deutschen Drehbuchpreis (Lola in Gold) und den Max-Ophüls-Publikumspreis 2015.

choices: Marc, warum hast du dieses Thema für dein Debüt gewählt?
Marc Brummund: Ich wusste, das muss etwas sein, was eine Relevanz hat. Durch einen Fernsehbeitrag wurde ich auf die „Schwarze Pädagogik“ aufmerksam. Ich las das Buch „Schläge im Namen des Herrn“ von „Spiegel“-Autor Peter Wensierski. Ich fand es interessant, dass es bis in die 70er Jahre diese harten Fürsorgeheime gab. Diese Diskrepanz zwischen der neuen Bewegung der 68er, Liberalisierung in Politik, Sexualität, Rockmusik – und innen drin in dieser Gesellschaft haben sozusagen die Nazis weitergemacht.

Gab es auch einen persönlichen Bezug?
Tatsächlich las ich dann über dieses sehr heftige Heim bei Diepholz, wo ich geboren und bis zum zehnten Jahr aufgewachsen bin, und auch als Schüler Ausflüge in genau dieses Moor gemacht habe. Das hat mich wahnsinnig berührt und bewegt, als ich mir vorgestellt habe: Irgendwo hier haben vor noch nicht langer Zeit Kinder und Jugendliche ganz heftig gelitten.

Inwiefern sahst du in dem Thema Kinopotenzial?
Ich habe gemerkt, dass trotz der Heftigkeit der Geschichte, der physischen und psychischen Gewalt, dass diese Zwangsarbeit im Moor – diese Insellage, eine Art Alcatraz, die Kinder in den Loren – Schauwerte und eine große Abenteuerlichkeit hatten. Ich konnte mir nie vorstellen, dass kongruent zum Inhalt auch die Bilder drückend sind; sprich, alles in geschlossenen Räumen, schwarzweiß oder entsättigte Bilder. Ich will mit dem Thema ja ein möglichst großes Publikum erreichen. Das bedeutet, dass man auch immer versuchen muss, zu unterhalten. Deswegen habe ich versucht, diese relevante Geschichte in ein Genre-Gewand zu verpacken, in eine amerikanische Erzählweise bis hin zum Look.

Wie verlief die Kooperation mit der Diakonie?
Es war mir ganz wichtig, dass wir die Diakonie Freistatt selbst, den Ort, wo das passiert ist, kontaktieren. Die von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel sind ja heute ganz anders aufgestellt. Sie bekennen sich wie kaum eine andere Einrichtung zu ihrer Vergangenheit und haben sogar ein Buch herausgebracht. Ich dachte mir: Wenn die sich das alles trauen und wenn wir die mit ins Boot holen, dann wird da ein Schuh draus. Wir sind hingefahren und haben uns mit der Leitung unterhalten. Die haben auch den ersten Kontakt hergestellt zu einem ehemaligen Zögling, Wolfgang Rosenkötter.

Wie war das Treffen mit ihm?
Er hat mir in vielen Tagen seine ganz persönliche Geschichte geschildert, wie das alles lief in Freistatt, bis ins kleinste Detail. Aus seiner Biografie – auch wenn er ein ganz anderes Wesen hat als die Hauptfigur im Film – ist ganz viel eingeflossen. Es kamen noch weitere Treffen hinzu mit anderen ehemaligen Zöglingen und Erziehern. Einer war dabei, der mir in einer langen Sitzung seine ganze Missbrauchs-Odyssee als kleiner Junge in verschiedenen Heimen erzählt hat. Ich habe am Ende nur gedacht: Was ist das für eine dreckige Welt. Ich habe noch nie so eine schlimme Geschichte gehört. Er hat zu mir gesagt: Vielleicht können Sie das gebrauchen. Machen Sie einen guten Film draus. Seine Erzählung ist in die Figur von Max Riemelt eingeflossen.

Du hast das Drehbuch gemeinsam mit Nicole Armbruster („Festung“) geschrieben. Wie kam es dazu?
Ich habe mich zuerst auf die Fakten konzentriert. Das war noch keine runde Geschichte, eher dokumentarisch. Beim Schreiben und in der Arbeit mit der SWR-Redaktion und dem Produzenten habe ich gemerkt, dass da jemand fiktional ran muss. Bei Nicole habe ich gleich gemerkt, dass sie eine richtige Handwerkerin ist, und wir haben uns gut verstanden. Wir haben lange über Filme gesprochen, die unser Vorbild sein könnten, von „Der Unbeugsame“ mit Paul Newman über „Sleepers“ bis zu „Die unbarmherzigen Schwestern“.

Das Projekt war sicher auch psychisch anstrengend. Konntest du trotzdem Distanz wahren?
Natürlich hat mich das alles wahnsinnig berührt. Ich habe Psychologie studiert, die menschlichen Abgründe haben mich immer schon interessiert. Ich war abgestoßen, aber auch neugierig und wollte es trotz aller Härte für ein Publikum goutierbar machen. Ich habe versucht, mir einen Schutzmantel anzuziehen, damit es mir persönlich nicht zu nahe kommt. Ich dachte, das ist es wert, dass ich mir das alles anhöre. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die vor nicht allzu langer Zeit passiert ist, aber von der nicht bekannt war, dass das bis Mitte der 70 Jahre gang und gäbe war.

Wie kam dein 17-jähriger Hauptdarsteller Louis Hofmann mit all dem klar?
Wenn man so ein Thema behandelt, gehen alle mit großem Respekt ran. Aber man muss sich eine gewisse Unbeschwertheit bewahren. Louis ist für sein junges Alter schon ein Profi. Er ist ein wacher, plietscher Junge und hat uns alle angesteckt. Im Casting habe ich ihn spät gefunden, aber schnell gewusst, dass er da professionell rangeht. Und so war das auch mit den anderen Jungs.

Welche Reaktionen hast du bei Festivals erlebt?
Ich glaube, wenn man liest, worum es geht, denken viele: Das tue ich mir nicht an. Die Resonanz von denen, die den Film gesehen haben, war Begeisterung und eine große Gebanntheit. Wahrscheinlich wird man danach mit einem Schlucken rausgehen. Es ist inhaltlich die ganz harte Kost. Aber in einer Art und Weise erzählt, dass man sagen kann: Das kann man sich angucken.

INTERVIEW: JESSICA DÜSTER
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QUELLE: http://www.choices.de/das-war-bis-mitte-der-70er-gang-und-gaebe
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Alt 21.06.2015, 14:52   #1002
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Nachdem man bei mir in Australien, am Samstag, 20. Juni 2015, per Email nachgefragt hat „Wo wird der KINOSPIELFILM "FREISTATT" gezeigt?

teile ich mit:

Kino in Bremen @ http://www.cinema-ostertor.de/heute-im-kino/details/46669-freistatt

Kino in Halle @ http://www.puschkino.de/film_568/freistatt/

Kino in München @ http://kino.muenchen.de/film/freistatt_144565.html

Kino in Berlin @ http://www.hoefekino.de/filme/freistatt

Weiteres Kino in Berlin @ http://www.yorck.de/film/detail/112464?show_next_week=0&kino

Kulturzentrum in der baden-württembergischen Stadt Weingarten @ http://www.kulturzentrum-linse.de/freistatt/

Kino (Evangelische Hochschule) Dresden @ http://jrv-dresden.de/index.php/beratung/fuer-fachkraefte/63-freistatt

Kino in 79098 Freiburg @ http://www.friedrichsbau-kino.de/filmobjekte/detail/Freistatt/3784

Kino in Münster @ http://www.cinema-muenster.de/menu/programm/vorschau/freistatt.html

STUDIO KINO (GEW-Landesverband Schleswig-Holstein) IN KIEL @ https://www.gew-sh.de/termine/veranstaltungen/31-mai-2015-1100/gew-preview-freistatt

Und auch noch an vielen, vielen anderen Stellen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz wird der KINOSPIELFILM "FREISTATT" gezeigt; man muss sich halt schon ein bißchen anstrengen und selbst danach GOOGLEn und recherchieren.
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Alt 22.06.2015, 14:55   #1003
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Filmregisseur Marc Brummund reist jetzt zusammen mit dem ex-Freistätter Wolfgang Rosenkötter (Jg. 1945) vielerorts in Deutschland herum.
Zuletzt waren sie in Lüneburg am So. 21.06.2015, um 15:00 Uhr, für eine Vorpremiere des KINOSPIELFILMS "FREISTATT" im dortigen SCALA Kino.

Siehe @ http://www.scala-kino.net/extras/vorpremiere-freistatt

Für weitere solche Termine siehe, zum Beispiel, auch @ http://www.cinema-arthouse.de/content/news.php?id=2651&s=druck (CINEMA ARTHOUSE Osnabrück, So. 28.06.2015, um 12:00 Uhr)

Oder auch @ http://www.abaton.de/index.htm?Freistatt (ABERTON KINO, Hamburg, Mo. 22.06.2015, um 20:00 Uhr – also heute schon)
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Alt 24.06.2015, 12:21   #1004
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Zitat:
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DEUTSCHLANDRADIO KULTUR

VOLLBILD | Beitrag vom 20.06.2015

@ http://www.deutschlandradiokultur.de/film-freistatt-von-marc-brummund-das-heim-wird-zur-hoelle.2168.de.html?dram:article_id=323191

FILM "FREISTATT" VON MARC BRUMMUND

Das Heim wird zur Hölle

Marc Brummund im Gespräch mit Susanne Burg und Patrick Wellinski

Ein 14-Jähriger kommt in eine Anstalt für schwer erziehbare Jungs − dort erlebt er Sadismus, Zwangsarbeit, Prügel, sexuellen Missbrauch. "FREISTATT" heißt der Film von Marc Brummund, der für die reale Geschichte aus seiner Heimatstadt Diepholz eine Genreverpackung nach US-Vorbild wählte.

SUSANNE BURG: Am Donnerstag kommt "FREISTATT" ins Kino, ein Spielfilm von Marc Brummund. Ein beeindruckend-bedrückendes Drama mit großen Bildern, das im Sommer 1968 einsetzt, als auch in der norddeutschen Provinz ein Hauch von Sex, Drugs and Rock'n'Roll ankommt. Im Zentrum steht der 14-jährige Wolfgang. Er ist seinen Eltern zu aufmüpfig und wird in die Diakonie Freistatt abgeschoben, ein Heim für schwer erziehbare Jungs. Hier findet er sich hinter vergitterten Fenster wider, tagsüber muss er im Moor Torf stechen, es gibt sexuellen Missbrauch, Prügelstrafe – und einen sadistischen Anstaltsleiter, der ständig versucht, den Willen der Kinder zu brechen.

Mein Vollbild-Kollege Patrick Wellsinki und ich haben den Regisseur Marc Brummund bei der Premiere des Films gesprochen, und ich habe ihn erst mal darauf angesprochen, dass er 1969 in Diepholz in Niedersachsen geboren wurde, ganz in der Nähe von Freistatt, wo Jungs bis Anfang der 70er-Jahre regelrecht geknechtet wurden. Ich wollte wissen, wann ihm das erste Mal bewusst geworden, was da so vor sich ging?

MARC BRUMMUND: Ich hab einen Fernsehbericht irgendwann 2009, Anfang 2009 gesehen, wo es eben um diese schwarze Pädagogik ging. Ich hab mir dann ein Buch besorgt, so ein initiierendes Buch eines "Spiegel"-Autors, das hieß "Schläge im Namen des Herrn". Da hab ich gelesen von Freistatt, plötzlich las ich meine Geburtsstadt Diepholz, ganz in der Nähe, sah da Fotos, wie die Jungs da am Moor schuften mussten, erinnerte mich selber, dass ich in der Grundschule auch Ausflüge ans Moor gemacht hab, natürlich in einem viel glücklicheren Rahmen. Und diese Vorstellung, dass vielleicht im Nachbarmoor diese Jungs geknechtet wurden, die hat mich sehr, sehr berührt. Und daraufhin bin ich dann nach Freistatt zur Diakonie, weil ich gesehen hab, die existiert noch und die hat noch ein Buch rausgebracht, eine eigene Dokumentation selber, die hieß "Endstation Freistatt". Und als ich da war und gemerkt hab, die kriegen wir mit ins Boot, die unterstützen uns, dann wurde da so langsam ein Schuh draus.

Ein Held, ein Ziel, ein Hindernis

WELLINSKI: Sie erzählen die Geschichte des 14-jährigen Wolfgang, und Sie bleiben auch immer ganz bei ihm, den gesellschaftlichen Kontext, den reflektieren Sie ganz nebenbei. Also Sie zeigen, dass die Mutter ihn eigentlich gar nicht weggeben möchte, das ist eher der strenge Stiefvater, der ihn nicht dahaben will. Warum wählen Sie die Perspektive von Wolfgang?

BRUMMUND: Na ja, der Film funktioniert wirklich nach dem klassischen Dramenprinzip: ein Held, ein Ziel, ein Hindernis. Es war völlig naheliegend, die Erlebnisse aus Sicht eines Jungen zu erzählen, der in diese Hölle gerät, und das fand ich spannend – und diese Peripherie, diese Zeit draußen. Ich fand besonders interessant bei dem Stoff, dass das ja noch gar nicht so lange her ist, also das draußen eben, wie Sie schon sagten, ein Umbruch stattfand – sexuelle Befreiung, Liberalisierung –, also dieses "außen hui und innen pfui" haben die Nazis quasi weitergemacht. Das fand ich gerade wahnsinnig spannend, und da wollte ich mit diesem Wolfgang, dieser Figur, auf die Reise gehen.

BURG: Und Sie zeigen dann auch wirklich, wie hart dieses System der Unterdrückung war, fast Foltermethoden, Peitschenhiebe sieht man auf dem Rücken der Jugendlichen, die Jugendlichen untereinander quälen sich ziemlich. Für den Zuschauer ist es manchmal hart, Sie schonen den Zuschauer nicht – wie viel wollten Sie ihm zumuten?

BRUMMUND: Ich wollte bewusst nicht das irgendwie abmildern, das, was da passiert ist. Ich kann guten Gewissens sagen, das haben wir alles gründlich recherchiert. Mit einem Zeitzeugen aus der Zeit – der eben auch Wolfgang Rosenkötter heißt und nicht umsonst heißt unsere Hauptfigur Wolfgang – hab ich das alles besprochen. Das ist alles wahr, was wir da schildern. Und ich hab sozusagen den Zuschauer abgefedert oder hab es zumindest versucht, indem ich sozusagen eine Genreverpackung gewählt hab, also eine etwas amerikanischere Art, die Geschichte zu erzählen und eben auch diesen Zeitgeist, dieses Flower-Power drumherum, eben auch diesem Look entsprechend zu machen – hier und da gibt es ja schöne Momente, wenn auch nur wenige –, um ihn ein bisschen abzufedern und das nicht so ganz so drückend zu machen und trotzdem aber auch nicht zu schonen.

Das Vorbild der Sklaverei-Filme

BURG: Weil Sie eben sagten amerikanische Art – mich hat der Film auch manchmal an Dramen über die Sklaverei in den Südstaaten erinnert, zuletzt zum Beispiel "Twelve Years a Slave" von einem Briten, aber amerikanische Gelder, Steve McQueen. Haben Sie diese Assoziation bewusst so angelegt?

BRUMMUND: Sagen wir mal so: Den Film habe ich später gesehen, der kam ja auch später, also da waren wir schon fertig oder in der Mache ...

BURG: Ich könnte aber auch jetzt andere nennen.

BRUMMMUND: Absolut, aber diese klassischen Filme – Paul Newman in "Cool Hand Luke", "Die Verurteilten" – das sind alles Filme, die mich natürlich geprägt haben und wo wir natürlich beim Schreiben des Buches auch uns dran orientiert haben, definitiv.

WELLINSKI: Max Riemelt spielt auch in dem Film, er spielt einen der Aufpasser, die meisten anderen Darsteller, die kennen wir jetzt noch nicht so, die die Jugendlichen spielen, und trotzdem ist da eine Atmosphäre, die Sie mit diesen jungen Darstellern geschaffen haben, das stelle ich mir am Set sehr intensiv vor. Wie haben Sie mit ihnen zusammengearbeitet, um diese Atmosphäre – und die müssen Sie auch lenken, diese jungen Darsteller?

BRUMMUND: Ich hatte erst mal ja ein tolles Team drumherum. Ich hatte, glaube ich, drei Regieassistenzen, teilweise vier, weil das eben doch ein ziemliches Schiff war, was wir da so durchs Wasser lenken mussten, wenn ich dieses Bild bemühen darf. Letztendlich ist es so gewesen: Wir haben auch als Gegenentwurf, damit man das einfach ertragen konnte. Wir haben ja in dem Originalhaus gedreht, und es gab auch viel Witz, wir haben viel gelacht, das ist ja mitunter eine Methode, wenn man mit ein bisschen Ironie darangeht, dass man irgendwo sich so einen Ausgleich schafft. Und das war eigentlich ein bisschen auch wie so ein Schulausflug, also gerade, weil die sich so gut verstanden haben, die Jungs, und auch mit dem Mädchen, der Tochter vom Hausvater. Und das ist nicht so drückend gewesen, wie man vermutet, die Dreharbeiten. Wir haben auch viel gelacht, das hat auch Spaß gemacht, und gesungen und alles Mögliche.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Filmhomepage [ @ http://www.freistatt-film.de/ ]

MEHR ZUM THEMA

Kinofilm über Heimerziehung - "Mir war es wichtig, dass es ein Zeitporträt wird" [ @ http://www.deutschlandradiokultur.de/kinofilm-ueber-heimerziehung-mir-war-es-wichtig-dass-es-ein.2168.de.html?dram:article_id=313609 ] [ bezüglich dem anderen KINOSPIELFILM "VON JETZT AN KEIN ZURÜCK" von dem Drehbuchautor und Filmregisseur Christian Frosch ] (Deutschlandradio Kultur, Vollbild, 07.03.2015)
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Siehe auch @ http://www.ndr.de/kultur/film/Drama-von-Marc-Brummund-,freistatt128.html sowohl wie auch die dortigen Leserkommentare dazu.
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Alt 25.06.2015, 05:41   #1005
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Ausrufezeichen KINOFILM ausschließlich über ev. Erziehungsanstalt FREISTATT

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Auch die niedersächsische Presse interviewed Filmregisseur MARC BRUMMUND und das ehemalige Heimkind / den ex-Freistätter WOLFGANG ROSENKÖTTER zum HEIMERZIEHUNG-FILM "FREISTATT"

Zitat:
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WESER-KURIER Mediengruppe - Bremer Tageszeitungen AG - Bremen @ http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-kultur-freizeit_artikel,-Das-mit-der-Einweisung-ging-sehr-schnell-_arid,1151159.html

HEIMERZIEHUNG-FILM "FREISTATT"

"Das mit der Einweisung ging sehr schnell"

- 23.06.2015

Während die Hippies von Frieden und Liebe singen, herrscht in der sogenannten Fürsorgeeinrichtung Freistatt in der Nähe von Diepholz Ende der 1960er-Jahre ein strenges Regiment: Die jugendlichen Zöglinge werden physisch und psychisch unter Druck gesetzt, ausgebeutet und gequält. Über dieses Kapitel der „schwarzen Pädagogik“ in der Heimerziehung hat der Regisseur Marc Brummund einen packenden Film gedreht, den er am Sonntagabend im Cinema Ostertor gemeinsam mit dem Zeitzeugen Wolfgang Rosenkötter vorgestellt hat. Iris Hetscher hat mit beiden gesprochen.

Herr Brummund, was hat Sie an dem Thema „schwarze Pädagogik“ so fasziniert, dass Sie einen Film daraus machen wollten?

MARC BRUMMUND: Das ist ja mein erster Kinofilm, und da habe ich nach etwas gesucht, was eine thematische Relevanz hat. Ich habe vorher Werbung gemacht, und ich wollte bei einem derart langfristig angelegten Projekt einfach spüren, dass es da um etwas geht. Ich bin dann bei der Themensuche auf ein Buch über die Diakonie Freistatt gestoßen, die in der Nähe meines Geburtsortes Diepholz liegt – nur fünf Kilometer entfernt. Und ich wusste davon gar nichts. Gleichzeitig habe ich auch die Schauwerte gesehen: Die Jungen, die auf den Loren ins Moor fahren. Das Thema und die Kinotauglichkeit dieser Bilder war eine Kombination, die mich interessiert hat.

Der Film wirkt unter anderem so beklemmend, weil Sie in der Einrichtung drehen konnten. Wie ist es dazu gekommen?

BRUMMUND: Es gibt ein dickes Buch des Dachverbands, der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, über Freistatt. Da setzt sich die Diakonie selber mit dieser Geschichte auseinander. Ich bin da hingefahren und habe so unter anderem Wolfgang Rosenkötter kennengelernt, der dort in den 1960er-Jahren als sogenannter Zögling gelebt hat und heute dort Ombudsmann ist. Er hat mir viel Persönliches erzählt, das aber exemplarisch ist für die Vorgänge. Das alles ist in die Hauptfigur des von Louis Hofmann gespielten Wolfgang eingeflossen – der Junge heißt nicht zufällig so.

Im Film zeigen Sie die Erziehung im Heim als perfide abgestuftes Machtgefüge, vom „Hausvater“ bis zu den Jungen selbst. Das erinnert stark an die Hierarchien, die der Nationalsozialismus etabliert hat. Ist das zugespitzt oder war das tatsächlich so?

WOLFGANG ROSENKÖTTER: Das ist alles so belegt. Und vor allem die „Hausväter“ standen in der Tradition des Nationalsozialismus, ähnlich wie die Strukturen der damaligen Diakonie noch aus diesen Zeiten herrührten. Freistatt war zuvor ein Arbeitslager, da hatte sich nicht viel geändert.

Besonders infam ist es, dass die Jungen dazu gebracht werden, sich gegenseitig zu drangsalieren.

BRUMMUND: Das manifestiert sich vor allem in dem einen Jungen, der eine Art Vertrauensmann ist. . .

ROSENKÖTTER: Ich würde ihn Kapo nennen. . .

BRUMMUND: . . .der steht der Leitung näher und genießt gewisse Privilegien, muss aber auch dafür sorgen, dass die Jungs spuren.

Außerhalb dieser Einrichtung machte sich in den späten 1960er-Jahren die Studentenbewegung auf, für eine ganz andere Pädagogik zu streiten. Dieser Widerspruch hat Sie sicher auch gereizt, oder?

BRUMMUND: Ich nenne das „außen hui, innen pfui“. Draußen gab es Flower-Power, sexuelle Befreiung, Liberalisierung aller Lebensbereiche, innen haben die Nazis einfach weiter gemacht. Diesen Kontrast zu erzählen, hat mich gereizt. Und es ging ja weiter: Selbst als die entsprechenden Gesetze geändert wurden, als zum Beispiel nicht mehr geschlagen werden durfte in Einrichtungen, kam das in Freistatt erst Jahre später an. Das historische Vorbild dieses „Hausvaters“ hat noch bis Mitte der 1970er-Jahre so weiter regiert wie vorher.

Die Hauptfigur Wolfgang hat nicht wirklich etwas verbrochen. Wolfgangs einziges Vergehen ist es, dass sein Stiefvater nicht mit ihm klarkommt. Das reichte damals tatsächlich, um in eine Jugendfürsorgeeinrichtung eingewiesen zu werden?

BRUMMUND: Es war ein klassischer Grund, dass Stiefmutter oder -vater nicht klarkamen mit den leiblichen Kindern ihrer Vorgänger. Wolfgangs Mutter konnte damals froh sein, wieder einen Partner zu haben und das Stigma der allein erziehenden Mutter hinter sich lassen zu können. Das hat natürlich eine große Hörigkeit geschaffen. Und der Stiefvater sieht in dem heranwachsenden Jungen seinen Vorgänger und gleichzeitig Konkurrenten um die Gunst der Mutter.

ROSENKÖTTER: Wenn man damals den gängigen Normvorstellungen nicht entsprach, ging das sehr schnell mit der Einweisung ins Heim. Wenn man die Schule schwänzte, sich mit Freunden herumtrieb, bei der Arbeit rumbummelte, wie das hieß. Das war bei mir auch so. Bei mir war es die Mutter, die weggegangen ist. Mein Vater war überfordert und hat mich ins Heim gegeben, damit ich mit Strukturen vertraut gemacht werde.

Die Figuren in dem Film sind alle sehr ambivalent angelegt. Wollten Sie so der Gefahr entgehen, einen Thesenfilm zu drehen?

BRUMMUND: Mir war es wichtig, dass der Zuschauer die Motivation aller Figuren nachvollziehen kann, auch, wenn das innerhalb dieser verdrehten Welt in dem Heim manchmal schwer auszuhalten ist. Das sieht man beispielsweise an der Geschichte des pädophilen Erziehers, der der einzige ist, bei dem einer der Jungen so etwas wie Wärme gespürt hat. Und zwar in einem ganz klaren sexuellen Übergriff, das ist das Schreckliche und Perverse daran.

Wolfgang leistet lange und heftig Widerstand gegen das System. Was macht ihn so besonders?

BRUMMUND: Er will einfach nach Hause, und er hat ein sehr stark ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein.

Er ist erst dann gebrochen, als seine Mutter ihn endgültig zurückweist und ihn im Stich lässt.

Sie erzählen eine sehr dichte Geschichte, haben sich dafür oft auch schöne Bilder gegönnt. Es gibt beispielsweise ausgedehnte Kamerafahrten über die idyllisch anmutende Moorlandschaft. Haben Sie nicht Angst, dass Ihnen das als Ästhetisierung vorgeworfen wird?

BRUMMUND: Klar, aber ich wollte das von vorneherein so machen. Der Inhalt des Films ist schwer verdaulich, dafür wollte ich eine flamboyante Verpackung finden. Deshalb habe ich das Ganze mit Mitteln des Genrekinos erzählt, wie das im US-amerikanischen Kino gang und gäbe ist. Ich möchte ja, dass möglichst viele Menschen den Film sehen, und die sollen auf allen Ebenen etwas geboten bekommen und hineingerissen werden in eine spannende Geschichte, über die man hinterher nachdenken kann.

"FREISTATT" ist ab dem kommenden Donnerstag, 25. Juni, um 19 Uhr (Sonntag: 18.30 Uhr) im Cinema Ostertor zu sehen.
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QUELLE: WESER-KURIER Mediengruppe - Bremer Tageszeitungen AG - Bremen @ http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-kultur-freizeit_artikel,-Das-mit-der-Einweisung-ging-sehr-schnell-_arid,1151159.html

Eine Kommentarmöglichkeit besteht dort beim WESER-KURIER ebenso.
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Alt 26.06.2015, 00:31   #1006
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BR - BR.de - Radio Bayern 2 - Bayrischer Rundfunk - Kultur - Kultur Welt

@ http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturwelt/freistatt-marc-brummund-102.html

Heimerziehung

Regisseur Marc Brummund über "FREISTATT"

Marc Brummunds Film "FREISTATT" spielt in einem Jugendheim im niedersächsischen Moor, in dem in den 60er-Jahren Jugendliche Demütigung und Gewalt ausgesetzt waren. Der Regisseur im kulturWelt-Gespräch mit Barbara Knopf.

Von: BARBARA KNOPF

Stand: 24.06.2015


Der Film "FREISTATT" handelt von einer Jugendfürsorgeeinrichtung, die wie ca. 3000 andere in den 1950er und 60er Jahren in der Bunderepublik so etwas wie die Hölle im Leben von mehr als einer halben Million Kinder und Jugendlicher war.

Freistatt im niedersächsischen Diepholz lag weit abgeschieden im Moor und der Name führt in die Irre, denn frei konnte hier keiner leben, nicht nur weil die Heimjugendlichen hier Zwangsarbeit verrichteten und jeden Morgen zum Torfstechen ins Moor zogen. In Freistatt wurden christliche Werte gepredigt, aber jede Menschlichkeit wurde aus den Kindern und Jugendlichen herausgeprügelt, zumindest wurde es versucht. Ein System aus Gewalt und Abhängigkeiten, das jetzt exemplarisch für viele andere Heime in dem gleichnamigen Film "FREISTATT" von Regisseur Marc Brummund gezeigt wird.

KNOPF: Herr Brummund, der Film spielt im Jahr 1968, die Hauptfigur Wolfgang ist selbstbewusst und aufmüpfig, er hat ein enges, aber vielleicht etwas zu liebesvolles Verhältnis zu seiner Mutter und massive Probleme mit seinem Stiefvater und aus dieser miefig riechenden Kombination aus Eifersucht und patriarchaler Gewalt heraus wird er ins Heim gesteckt und erlebt am eigene Leib, wie ein junger Mensch seelisch gebrochen werden soll. Ging es Ihnen darum zu hinterfragen wie und warum so ein System aus Gewalt entstehen kann und auch von Teilen der Gesellschaft gewollt war vielleicht?

BRUMMUND: Ich fand es spannend, dass so eine geschlossene Gesellschaft, so ein geschlossenes System in einer Zeit, in der draußen die 68er aufbegehrten, Flower Power und die Hippie-Bewegung begann, so ein repressives System noch möglich war. Dass das auch letztendlich von allen von Eltern, vom Staat, von der Kirche gebilligt wurde und dass alle letztendlich auch mitgemacht haben und wenn sie eben nur weggeschaut haben oder in der Obrigkeitshörigkeit, in der die meisten sich befanden, dann gesagt haben: „… naja was der Staat oder die Kirche da mit den Jugendlichen machen, das wird schon seine Richtigkeit haben.“

Foltermethoden wie in der Nazizeit

KNOPF: Die Gesellschaft war ja auch noch stark militarisiert. Es war ja etwas mehr als 20 Jahre nach Kriegsende. Sie haben so Szenen, die wirklich die Nazizeit auch zitieren, also dieser Hausvater, der von perfider Grausamkeit ist, ist immer mit diesen Stiefeln auf einem Pferd zu sehen, aufgenommen aus der Untersicht der arbeitenden Heimkinder.

BRUMMUND: Ja, während der Nazizeit war das ein Arbeitslager in Freistatt und die haben da einfach so weitergemacht, und wenn die Leute da nicht ausgewechselt wurden, dann sind diese Anleihen nicht von mir angedichtet, sondern es war tatsächlich auch alles so. Alles was wir da schildern ist so recherchiert und ist so gewesen.

KNOPF: Also auch die Szenen die an Folterszenen aus dem Krieg erinnern? Also nackt an einem Seil aufgehängt zu werden oder ein Scheinbegräbnis zum Beispiel.

BRUMMUND: Ja, das Scheinbegräbnis ist etwas, dass so in einem anderen Heim passiert ist. Eine Erzieherin, eine Nonne, hat einem Mädchen, der sie nicht mehr Herr geworden ist gezwungen, ihr eigenes Grab zu schaufeln. Da ist genau das vorgefallen.

KNOPF: Wie schwierig waren denn die Recherchen?

BRUMMUND: Sie waren zum Glück nicht so schwierig wie man es vermuten möchte. Ich bin durch dieses Sachbuch "Schläge im Namen des Herrn" auf diese Thema schwarze Pädagogik gestoßen und dann habe ich von dieser Endstation der sogenannten, der sehr heftigen Fürsorgeheim Freistatt gelesen, das eben nur fünf Kilometer von meinem Geburtsort Diepholz entfernt ist. Ich wusste da nichts von. Ich habe da aber auch als Kind gelebt, das heißt ich habe da eine sehr glückliche Kindheit gehabt in der Grundschule und erinnere mich an Ausflüge ins Moor, und mich hat sehr bewegt dass wenige Jahre zuvor in demselben Moor Kinder so gelitten haben. Und dann habe mich damit befasst und bin dann auf ein Buch gestoßen, das hieß "Endstation Freistatt", das die Diakonie selber herausgegeben hat und das ist toll, dass die zu ihrer dunklen Vergangenheit stehen. Das ist ja jetzt eine moderne Einrichtung dort und was ganz anderes und die finden das Ergebnis auch toll und die fanden das sehr richtig, was wir da gemacht haben.

KNOPF: Und Sie haben ja auch mit einem wie man früher sagte ehemaligen "Zögling" gesprochen.

BRUMMUND: Richtig, der kam dann auch als ich mich dort vorgestellt habe in der Diakonie. Wolfgang Rosenkötter, der da jetzt als Ombudsmann quasi u.a. Führungen macht, und die sehr intensiven und auch tagelangen Gespräche mit dem Wolfgang Rosenkötter, die sind sehr stark in unsere Figur Wolfgang eingeflossen.

KNOPF: Obwohl die Figuren in eine zunehmende Gewaltspirale hineingeraten, sind sie doch sehr differenziert gezeigt, aber man merkt, dass die Hauptfigur Wolfgang der lange Zeit versucht seine Wahrheit, und Ehrlichkeit und Mut aufrechtzuerhalten letztlich auch das Gute in sich verlieren würde.

"Der größte Teufel glaubt, dass er das Richtige tut"

BRUMMUND: Das Ziel, das diese Institution hatte, nämlich aus vermeintlich krummen Jungs gerade Burschen zu machen, ist ja gründlich misslungen. Sie haben aus eigentlich geraden Jungs krumme Burschen gemacht und das soll der Film eigentlich vermitteln, dass da im großen Stil ein großer Fehler passiert ist.

KNOPF: Aber haben Sie das Gefühl, das wurde systematisch absichtlich gemacht oder aus einer vollkommen gescheiterten Pädagogik heraus?

BRUMMUND: Das zweite. Der größte Teufel glaubt, dass er das Richtige tut. Der Hausvater, gespielt von Alexander Held, ist davon überzeugt, dass seine Maßnahmen und seine Fürsorge, die er aus seiner Sicht dem Jungen beikommen lässt, vollkommen richtig ist und dabei hilft, sie auf den richtigen Weg zu setzen. Der Oberbruder Wilde, dieser sadistische Bruder, ist letztendlich auch nur ein getriebener muss die Auflagen des Hausvaters erfüllen. Er ist ja selber nur gelernter Schweißer und hat überhaupt keine pädagogischen oder erzieherischen Fähigkeiten, der ist völlig überfordert.

KNOPF: Sie haben ja an Originalschauplätzen drehen können und es gibt diesen beklemmenden Kontrast zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Freiheit und dem Gefangenenlager?

BRUMMUND: Ja, das Kontrollsystem untereinander, diese Kollektivstrafen, d.h. wenn ein Junge in der Gruppe Unsinn gemacht hat, dass gleich alle darunter leiden mussten, also Rauchverbot oder Essensentzug bekamen, das war natürlich wichtig darzustellen. Warum von diesem Ort auch niemand fliehen konnte, weil die alle aufeinander aufgepasst haben. Zusätzlich ist es eine Art Alcatraz gewesen, mitten im Moor, drumherum war nichts. Das war wirklich schwer da rauszukommen. Gleichzeitig wollte ich im Kontrast diese eigentlich sehr schöne Landschaft darstellen, in der das Ganze stattgefunden hat.

Symbolische Bildersprache

KNOPF: Sie scheuen sich auch nicht, symbolische Bilder einzusetzen, also es gibt immer wieder diese auffliegenden Vögel, die sehr deutlich den Wunsch nach Freiheit verkörpern. Wie entgeht man denn da der Gefahr von Kitsch?

BRUMMUND: Ich glaube das ist eine Geschmackssache letztendlich. Als wir anfingen diesen Film zu finanzieren, und bei den Förderern damit vorstellig wurden, da hieß es ganz schnell, da gibt es doch nur physisch und psychisch auf die Mütze, wer will denn das sehen. Und ich hab immer gesagt, die Geschichte hat auch große Schauwerte, da geht es um Abenteuerlichkeit, um verhinderte erste Liebe, da geht es um Erzählelemente aus dem amerikanischen Knastfilm und solche Dinge und solche Symbolbilder gehen da durchaus mit einher. Und ich habe eben die Genrebilder gewählt, wenn man so möchte die amerikanische Sichtweise, um diesen Film überhaupt goutierbar, ich sage jetzt mal spannend unterhaltend zu machen, damit man überhaupt da durchkommt und sich diesem Thema widmen kann.

KNOPF: Es hat ja Jahrzehnte gedauert bis diese Zustände, die an vielen Heimen herrschten überhaupt veröffentlicht wurden und aufgearbeitet werden konnten ähnlich wie bei dem sexuellen Missbrauch in Klöstern und Internaten. Erst 2010 hat der Deutsche Bundestag eine Entschädigung beschlossen.

BRUMMUND: Auf jeden Fall will der Film etwas bewirken. Dass das so lange gedauert hat, hat auch was damit zu tun, dass die ehemaligen Heimkinder mit diesem Stigma sehr alleine waren und das auch verschwiegen haben. Ich weiß von den meisten, dass sie das selbst ihren späteren Ehepartnern, wenn sie denn überhaupt Bindungen eingehen konnten, ihren Kindern und Freunden verschwiegen haben. Das ging erst 2006/2007 mit diesem Buch "Schläge im Namen des Herrn" los, dass es plötzlich so eine Öffentlichkeit dafür gab und dass sich immer mehr ehemalige Heimkinder getraut haben zu sagen, ich war da auch. Ich hoffe, dass der Film dazu beiträgt, dass es noch bekannter wird, was da damals passiert ist.
QUELLE: @ http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturwelt/freistatt-marc-brummund-102.html
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Alt 26.06.2015, 15:11   #1007
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Für all diejenigen, die diese relevante Talkshow nicht gesehen haben und selbige nicht auf Mediathek abrufen können:

Das Ehemaliges Heimkind, der Ex-Freistätter Wolfgang Rosenkötter wird interviewt als Gast auf der MARKUS LANZ Talkshow am 24.06.2015 bezüglich dem KINOSPIELFILM "FREISTATT", diesem Debüt-Kinospielfilm von Filmregisseur Marc Brummund.

MARKUS LANZ vom 24.06.2015

YouTube @ https://www.youtube.com/watch?v=w0gBMe9QwN8 ( ZDF-Video-Länge: 74 Min. und 27 Sek; das Interview mit Wolfgang Rosenkötter beginnt so ungefähr ab der 56 Minute )

Und wenn man dann dort bezüglich den Kommentaren "SHOW MORE" anklickt findet man jetzt auch folgenden KOMMENTAR:

Zitat:
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Heidi Dettinger [ Do. 25.06.2015, ca. 23:59 Uhr (MEZ/CET) ]

[ dort auch "read more" anklicken ]

Rosenkötter ab ca. 56. Minute. Hier mein Kommentar dazu:

Wolfgang Rosenkötter, ehemaliges Heimkind und Insasse von Freistatt, hat sicher schreckliches erlebt. Wie andere Heimkinder auch. Prügel, Vergewaltigungen, Zwangsarbeit waren an der Tagesordnung.
Aber!
Herr Rosenkötter hat dem Verein ehemaliger Heimkinder e.V., einem Zusammenschluss von Menschen, die ähnliches oder schlimmeres wie er erlebt haben, um 4.000 Euro geprellt. Abgezockt. Und trotz Gerichtsurteil, trotz Titel gegen ihn bislang noch keinen Cent davon zurück gezahlt.
Vielleicht hilft der Film ["FREISTATT" von Regisseur Marc Brummund ] und die neue Popularität des Herrn Rosenkötter ja, dass er sich auf die besinnt, die er betrogen hat... Zu wünschen wäre es, denn das Geld fehlt dem Verein für die tägliche Arbeit!
http://veh-ev.eu
oder auch hier:
http://www.ehemalige-heimkinder-tatsachen.com/phpBB3/viewtopic.php?p=936#p936.

Das Gleiche wurde dann gleichzeitig auch auf Facebook @ https://de-de.facebook.com/VEHeV angeführt.
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Alt 27.06.2015, 04:59   #1008
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Ausrufezeichen Ein SPIELFILM über die Erziehungseinrichtung "FREISTATT"

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Am 25.06.2015 berichtete auch DW - DEUTSCHE WELLE zum KINOSPIELFILM "FREISTATT" von Filmregisseur Marc Brummund.

Zitat:
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DW @ http://www.dw.com/de/bete-und-arbeite-das-ersch%C3%BCtternde-filmdeb%C3%BCt-freistatt/a-18524691

FILM

"Bete und Arbeite": das erschütternde Filmdebüt "FREISTATT"

Bis in die 1970er Jahre wurden in der Bundesrepublik Heimkinder zur Arbeit gezwungen. Seit ein paar Jahren wird das von Wissenschaft und Politik aufgearbeitet. Der Film "FREISTATT" liefert die emotionalen Bilder dazu.

Dieser Film ist eine Wucht. Aus zweierlei Gründen. Zum einen, weil er ein düsteres und lange verdrängtes Kapitel aus der jüngeren deutschen Zeitgeschichte behandelt. Zum anderen, weil es das ungemein eindrucksvolle Kinodebüt eines jungen Filmregisseurs ist, von dem in Zukunft sicher noch zu hören sein wird.

"FREISTATT" ist der erste lange Spielfilm von Marc Brummund. Der ist allerdings kein Unbekannter. Immerhin wurde er schon auf Festivals in Cannes und Lissabon, in Riga und Kiew ausgezeichnet - um nur die internationalen Erfolge aufzuzählen. Und bereits 2007 wurde einer seiner Filme für einen Oscar nominiert. Und doch dürften Brummund in seiner Heimat nur Eingeweihte kennen. Kein Wunder: Die Preise und Ehrungen bekam der Regisseur ausschließlich für Werbe- und Kurzfilme.

Begeistertes Publikum in Saarbrücken

Dass sein erster Spielfilm nun Aufsehen erregt, damit war also zu rechnen. Bei seiner Premiere beim "Max Ophüls Preis" in Saarbrücken begeisterte er im Januar bereits die Zuschauer und eroberte den Publikumspreis. Völlig zu Recht. Denn der Film schafft etwas, das nicht vielen Debüts gelingt. Er erzählt eine Geschichte, die packend und ungeheuer ergreifend ist - fernab jeglicher Beliebig- und Harmlosigkeit, die so manche erste Filmversuche kennzeichnet. Und: "FREISTATT" ist von einer ungeheuren dramaturgischen Dichte, er ist perfekt inszeniert, handwerklich vollendet, wirkt in kaum einer Szene wie ein Debütfilm.

Worum geht es? In den 1950er und 1960er Jahren wurden in der Bundesrepublik eine halbe Millionen Kinder und Jugendliche in kirchlichen und staatlichen Heimen seelisch und körperlich misshandelt. Diese Tatsache ist seit einigen Jahren bekannt. Politik und Wissenschaft haben sich dem Thema zugewandt. Vor allem die sexuellen Übergriffe in kirchlichen und reformpädagogischen Einrichtungen haben das Thema in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gehoben.

Systematisch eingesetzte Quälerei

Und doch dürfte das, was Brummund in "FREISTATT" erzählt, verblüffen. Denn die Brutalität und systematisch eingesetzte Disziplinierung der Kinder und Jugendlichen erscheinen heute kaum noch vorstellbar. Und auch die Tatsache, dass es vereinzelt noch bis Mitte der 70er Jahre zu solch entsetzlichen Praktiken in West-Deutschland gekommen ist, erschreckt noch im Nachhinein. Schließlich war jene Zeit vom Umbruchjahr 1968 und seinen Folgen geprägt.

"Uns hat diese unerhörte Gleichzeitigkeit fasziniert", erzählt Marc Brummund: "Auf der einen Seite eine Gesellschaft, die zwischen Rock'n'Roll und Studentenrevolte schier unbändig nach Freiheit zu streben schien, auf der anderen Seite die Fortschreibung eines institutionalisierten und in seiner Dimension kaum vorstellbaren Missbrauchs in Erziehungsheimen und Institutionen."

Brummund erzählt in "Freistatt" die Erlebnisse des 14-jährigen Wolfgang (überragend: Louis Hofmann), der von seiner überforderten Mutter und seinem Stiefvater in die Fürsorgeanstalt "Freistatt" abgeschoben wird. Die befindet sich in der tiefsten Provinz in Norddeutschland, in einer Region, die dünn besiedelt und von großen Waldgebieten und Moorlandschaften geprägt ist.

Kinder und Jugendliche ausgebeutet

In dieses Moor müssen die Jugendlichen tagtäglich mit einer mittelalterlich wirkenden Draisine einfahren, um Torf zu stechen. Den verkauft die Heimleitung an örtliche Bauern. Ein Knochenjob, an dem viele Heimkinder zerbrechen. Und auch der Alltag der Jugendlichen außerhalb der Arbeit im Moor gleicht eher dem eines Zuchthauses als einer pädagogischen Heimstätte für Heranwachsende.

Hat sich Marc Brummund bei dem Thema Kinokonventionen angepasst? Hat er der Dramatik der Story zu viel Gewicht eingeräumt? Liest man die Aufzeichnungen von Wolfgang Rosenkötter, der all das selbst erlebt hat und dem Regisseur beim Drehbuch Rede und Antwort stand, muss die Antwort "Nein" heißen. Empfangen habe man ihn damals mit den Worten: "Du wirst arbeiten bis zum Umfallen und jeglichen Gedanken an Flucht kannst Du Dir aus dem Kopf schlagen", hat Rosenkötter zu Protokoll gegeben. "Bete und Arbeite", habe es geheißen, dann käme man schon zu Recht. Dies habe sich aber als Trugschluss erwiesen: Für ihn sei Freistatt der "Vorhof der Hölle" gewesen, sagt Rosenkötter.

Erste Hinweise von Ulrike Meinhof

Der Alltag und die Praxis in den bundesdeutschen Erziehungsanstalten der Nachkriegszeit waren nicht völlig unbekannt. Die spätere Terroristin Ulrike Meinhof hat sich in ihrer Zeit als Journalistin intensiv mit dem Thema beschäftigt, den Film "Bambule" gedreht. Für Meinhof waren die Zustände in den BRD-Heimen damals ein Auslöser für ihre spätere Radikalisierung. "Heimerziehung, das ist der Büttel des Systems, der Rohrstock, mit dem den proletarischen Jugendlichen eingebläut wird, dass es keinen Zweck hat, etwas anders zu wollen, als lebenslänglich am Fließband zu stehen, an untergeordneter Stelle zu arbeiten, Befehlsempfänger zu sein und zu bleiben, das Maul zu halten", so Meinhof damals. Dabei sei die "Gewaltanwendung eher die Regel als die Ausnahme gewesen."

Bei all den Kenntnissen, die man heute von den Zuständen in den Erziehungsheimen der Bundesrepublik hat - Marc Brummund ist es hoch anzurechnen, dass er das Sujet nicht zu einem pädagogischen Themenfilm mit erhobenem Zeigefinger hat werden lassen. Der Regisseur spricht auch ganz offen über seine filmischen Vorbilder wie den Hollywood-Film "Flucht in Ketten" oder François Truffauts Debüt "Sie küßten und sie schlugen ihn". Man sieht "FREISTATT" diese Vorbilder an. Doch Marc Brummund ist das cineastische Kunststück gelungen, sich an diesen Vorbildern zu orientieren und doch eine eigenständige Handschrift zu entwickeln. Es dürfte kaum ein anderes deutsches Filmdebüt in diesem Jahr geben, das an "FREISTATT" heranreicht.

Marc Brummunds Film "FREISTATT" startet nach mehreren Festivaleinsätzen (Cannes, Shanghai) im In- und Ausland an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos. Außerdem ist er demnächst auf Festivals in Armenien, Italien, Belgien, Tschechien und in Frankreich zu sehen.

DIE REDAKTION EMPFIEHLT

Datum 25.06.2015
Autorin/Autor Jochen Kürten
QUELLE: DW @ http://www.dw.com/de/bete-und-arbeite-das-ersch%C3%BCtternde-filmdeb%C3%BCt-freistatt/a-18524691
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Alt 28.06.2015, 05:12   #1009
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Heidi Dettinger, 1. Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V. gibt bekannt:

Zitat:
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Hier finden Sie, wann und wo überall der Film in Deutschland gezeigt wird

http://www.veh-ev.eu/home/vehevinf/public_html/uncategorized/freistatt-der-film/
QUELLE DIESER BEKANNTGEBUNG ist das EHEMALIGE-HEIMKINDER-TATSACHEN.COM-Forum @ http://www.ehemalige-heimkinder-tatsachen.com/viewtopic.php?p=939#p939 ( So. 28.06.2015, um 01:05 Uhr (MEZ/CET) )
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Alt 30.06.2015, 05:49   #1010
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Ehemaliges Heimkind-WEST und weitgehend in Berlin-WEST aufgewachsener und ansässiger Politaktivist (geb. 4. April 1944 ) Carl-Wolfgang Holzapfel [ V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin („Hoheneck“ - benannt nach dem berüchtigten DDR-Frauengefängnis Hoheneck im erzgebirgischen Stollberg) ] berichtet bezüglich seinem aktuellen Kinobesuch zur Vorführung des KINOSPIELFILMS "FREISTATT" @ https://17juni1953.wordpress.com/2015/06/28/filmpremiere-freistatt-aus-der-dunkelkammer-der-fruhen-bundesrepublik/

Zitat:
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Filmpremiere "FREISTATT": Aus der Dunkelkammer der frühen Bundesrepublik

Eine sehr persönliche Reflexion

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 28.06.2015/cw – Warum tut man sich das an? Das war eine Retraumatisierung, der ich mich aussetzte, heute, am Sonntagabend in einem kleinen Kino in Berlin-Charlottenburg. Und dann hieß der Protagonist auch noch Wolfgang…

Kaum zu glauben, aber wahr: Genauso erlebte ich den vergleichbaren Teil meiner zwölfjährigen Heimgeschichte im Dezember 1959. Nachdem ich aus einem Heim nahe Göttingen ausgerissen war – das Versprechen, mich nach einem Jahr wieder nach Hause zu holen, war nicht eingehalten worden – wurde ich am 16. Dezember – wie im Film – von einem Bus des Jugendamtes abgeholt. Mein Vater hatte mit seiner Frau extra Weihnachten vorgezogen und mit mir unter einem kleinen Baum das Fest gefeiert. Der Bus brachte mich in eine Einrichtung der Evangelischen Kirche nahe Kaltenkirchen. Es handelte sich um ein landwirtschaftliches Gut des von Johann Hinrich Wichern gegründeten Rauhen Hauses in Hamburg.

Wir, Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahre alt, mussten nicht, wie Wolfgang und seine Kameraden im Film, im Moor arbeiten, aber sonst war das alles vergleichbar. Ein „Vater“ Schönau leitete die Einrichtung und „Brüder“, Diakone in Ausbildung, versuchten sich als Erzieher. Wir mussten bis zu 14 Stunden am Tag in der Landwirtschaft, im Stall und auf dem Feld, arbeiten. Unsere Schlafstellen waren im Winter nicht geheizt, an den Innenwänden bildeten sich Eisdecken. Als Toiletten gab es sogen. Donnerbalken, also Sitzgruben in einem Bretterverschlag. Das Wasser zum Waschen holten wir uns aus Pumpen in die Waschschüssel. Für unsere Arbeit erhielten wir ein monatliches Taschengeld von fünf Mark, von dem wir uns Seife und Zahnpasta für den Eigenbedarf selbst kaufen mussten.

Wie in Freistatt setzte es auch mal Prügel von einem „Bruder“ Weise. Ein anderer „Bruder“ stahl mir ein Transistorradio, das mir mein Vater zum vorgezogenen Weihnachtsfest geschenkt hatte. Als ich mir im ersten Winter in den kalten Schlafräumen schwere Rheumaschmerzen zuzog und nicht mehr in der Lage war, im Stall die eineinhalb Zentner schweren Strohballen zu heben, blieb ich im Bett liegen und verweigerte mich der Arbeit. Schon bald erschien „Vater“ Schönau an meinem Bett und erklärte mir mit einem Bibel-Zitat: „Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen.“ Ich solle mir nicht einbilden, bei meiner Arbeitsverweigerung mit Essen versorgt zu werden. Im Anschluß an dieses Gespräch schnitt ich mir die Pulsadern an beiden Handgelenken auf.

Ein Diakon entdeckte mich rechtzeitig und beide Handgelenke wurden verbunden. Notgedrungen stand ich also auf und schleppte mich in den Stall. Meine Kameraden schonten mich soweit sie konnten, dennoch arbeitete ich unter Schmerzen und Tränen im Stall. Dieses von mir als Martyrium empfundene Dasein endete erst im Frühjahr 1961, als ich nach einem komplizierten Dreifachbruch im Fußgelenk – ich war im Pferdestall unglücklich ausgerutscht – nahezu fünf Monate krank geschrieben war und nach Hamburg in ein Lehrlingsheim verlegt worden war. An den Folgen des damals noch nicht genagelten Bruchs leide ich bis heute. Meine Pflegemutter schrieb auf einen Hilferuf von mir, ich solle mich zusammen nehmen, gelobt sei, was hart macht…

Anders, als die Mutter von Wolfgang im Film konnte sich mein Vater nicht gegen seine Frau durchsetzen. Wie Wolfgang schwamm ich mich im Alter von achtzehn Jahren frei, verließ den schützenden Hort einer Familie, die mich nicht mehr schützen konnte.

"FREISTATT" ist absolut realistisch, ein eindruckvolles und wichtiges Dokument aus der Dunkelkammer der frühen Bundesrepublik. Sehenswert, man möchte sagen: Sehenspflicht. Allerdings sollten all die gewarnt sein, die das hier geschilderte selbst erlebt haben. Sie brauchen zumindest verlässlichen und vertrauten Beistand. Und sie brauchen sich ihrer vermutlichen Tränen nicht zu schämen. (1.003)

V.i.S.d.P. : Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785
QUELLE: VEREINIGUNG 17. JUNI 1953 e.V. - 17. Juni 1953 - erster Volksaufstand in der DDR @ https://17juni1953.wordpress.com/2015/06/28/filmpremiere-freistatt-aus-der-dunkelkammer-der-fruhen-bundesrepublik/
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Alt 01.07.2015, 06:40   #1011
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Anderswo im Netz schrieb und veröffentlichte ich vor-vorgestern ( Mo. 29.06.2015, um ca. 15:30 (MEZ/CET) ):

Zitat:
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Herr Weber ( in seinem hiesigen Kommentar vom 29.062015 um 08:40 Uhr ) verweist auf und meint folgende Internetauftritte, die sich alle mit dem KINOSPIELFILM "FREISTATT" von Filmregisseur Marc Brummund befassen:

http://www.freistatt-film.de/#Presse

*PRESSE*:

Online-Rezensionen:

Frankfurter Neue Press » ( Do. 25.06.2015 ) @
http://www.fnp.de/nachrichten/kultur/Ab-ins-Erziehungsheim;art679,1462908

Die Welt » ( Do. 25.06.2015 ) @
http://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article143027948/Im-Namen-des-Vaters-und-der-Gewalt.html

Badische Zeitung » ( Do. 25.06.2015 ) @
http://www.badische-zeitung.de/kino-11/zwangsarbeit-und-sadismus-statt-paedagogik--106706595.html

Mittelbayerische Zeitung (Regensburg) » ( Mi. 24.06.2015 ) @
http://www.mittelbayerische.de/kultur-nachrichten/schuften-im-namen-der-fuersorge-21853-art1249587.html

Westfälische Nachrichten » ( Do. 25.06.2015 ) @
http://www.wn.de/Welt/Kultur/Kino-Kritik/2028178-Freistatt-Zwangsarbeit-im-Moor

Abendzeitung München » ( Do. 25.06.2015 ) @
http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.70er-jahre-drama-freistatt-ausgeliefert-im-erziehungsheim.0283866d-79dc-41dd-940a-d847950cd32c.html

Stuttgarter Zeitung » ( Do. 25.06.2015 ) @
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.freistatt-im-atelier-am-bollwerk-kinderheim-film-feiert-in-stuttgart-landespremiere.7c5d6a05-d826-43c7-aaf6-d001580eab52.html

Deutschlandradio Kultur » ( Do. 25.06.2015 ) @
http://www.deutschlandradiokultur.de/neu-im-kino-freistatt-misshandlung-statt-rock-n-roll.2150.de.html?dram:article_id=323593

SWR Fernsehen » ( Fr. 26.06.2015 ) @
http://www.swr.de/kunscht/freistatt-kino/-/id=12539036/did=15535292/nid=12539036/671n5g/index.html

Jungle World » ( Do. 25.06.2015 ) @
http://jungle-world.com/artikel/2015/26/52218.html

Vorwärts » ( Fr. 26.06.2015 ) @
http://www.vorwaerts.de/artikel/freistatt-willkommen-sklaverei

Da muß ich Herrn Weber Recht geben: Niemand schreibt Leserkommentare; niemand nutzt die Möglichkeit sich an einer Diskussion zu diesem Thema zu beteiligen; niemand verschafft sich Gehör; niemand übernimmt Verantwortung; es wird allerseits weiterhin weitgehend geschwiegen.
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Alt 03.07.2015, 13:07   #1012
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Darüber wie es damals in Nachkriegsjahrzehnten im Bethel-eigenen FREISTATT, in der Bundesrepublik, zuging, kann sich jeder hier informieren:

VI 10.1-8 Wohlfahrtsblatt DER FREIEN HANSESTADT BREMEN

Amtliches Organ der bremischen Wohlfahrtsbehörde

Für den Inhalt verantwortlich: Präsident Kayser.

9. Jahrgang - Bremen, Dezember 1938 - Nummer 4

[ Teilweise Wiedergabe eines zutreffenden Artikels, eingeleitet vom Führer selbst ]

[ Offizielle Veröffentlichung mit einleitender Aussage dazu von Adolf Hitler selbst ]

*Das bremische Arbeitszwangslager Teufelsmoor* (unter den Nationalsozialisten)
[ vergleichbar mit FREISTATT IM WIETINGSMOOR (im Kaiserreich; in der Weimarer Republik; unter den Nationalsozialisten; unter Besatzung der Alliierten; in der Bundesrepublik) ]

Einfach danach GOOGLEn.
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Alt 04.07.2015, 15:20   #1013
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Was die „von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel“, heute „von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel“, Geschäftseigentümer und Betreiber der „Fürsorgehölle »Freistatt«“ selbst zu diesem KINOSPIELFILM "FREISTATT" zu sagen haben:

Zitat:
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Bethel [Haus Gottes] @ https://www.bethel.de/aktuelles/aktuelles-ohne-vorlage/der-film-freistatt-kommt-in-die-kinos.html

24.06.2015

Der Film "FREISTATT" kommt in die Kinos

Der SPIELFILM "FREISTATT" über das Schicksal eines 14-jährigen in der Fürsorgeerziehung der 1960er Jahre kommt morgen bundesweit in die Kinos. Er ist in wesentlichen Teilen im Spätsommer 2013 im Ort Freistatt bei Diepholz/Niedersachsen gedreht worden. Er nimmt sowohl was die Hauptfigur und den Plot als auch was das gesellschaftliche Umfeld und das Erziehungsverständnis angeht, reale Verhältnisse der damaligen Zeit auf.

Der Haupt-Drehort, die heutige Diakonie Freistatt, war damals eine große Heimeinrichtung der Fürsorgeerziehung. Freistatt gehört bis heute zu den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. In Freistatt wurden damals Jungen und junge Männer auf Anordnung der Jugendämter und Gerichte oder auch auf Betreiben der jeweiligen Familien aufgenommen.

[ Drei Fotos der Drehszenen während der Dreharbeiten des Films ]

Bethel hat die Dreharbeiten für den Film im Spätsommer und Herbst 2013 maßgeblich unterstützt. Bereits bei der Erarbeitung des Drehbuchs gab es zahlreiche Gespräche und Recherchen in der Ortschaft Freistatt und einen Austausch mit ehemaligen Fürsorgezöglingen, die mit Freistatt auch vorher schon in Kontakt standen. Ganz wesentlich bezieht sich „Freistatt“-Regisseur Marc Brummund auf die wissenschaftliche Aufarbeitung zur Fürsorgeerziehung in Freistatt, die 2009 im Bethel-Verlag erschienen ist.

In dem BuchEndstation Freistatt“, hg. v. Matthias Benad et al., haben Historiker und weitere Fachleute unterschiedliche Aspekte der Fürsorgeerziehung unter Nutzung von Archivmaterial und Personenakten untersucht und auch die zeitgenössischen Verhältnisse dargestellt. Bethel hat sich damit der kritischen Aufarbeitung seiner Geschichte in dieser Zeit gestellt. Das Buch war die erste wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung in Deutschland zum Schicksal vieler Heimkinder in der jungen Bundesrepublik.

Einen Trailer zum Film "FREISTATT" finden Sie hier @ http://www.kino.de/kinofilm/freistatt/144565

Bethel, Freistatt und die Fürsorgeerziehung in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre » weitere Informationen @ https://www.bethel.de/aktuelles/aktuelles-ohne-vorlage/der-film-freistatt-kommt-in-die-kinos/bethel-und-die-fuersorgeerziehung-in-der-bundesrepublik-der-50er-und-60er-jahre.html

Im historischen Gebäude „Moorhort“, einem der Drehorte für den Spielfilm, wird eine Dauerausstellung zur Geschichte der Fürsorgeerziehung in Freistatt gezeigt. Texte, Fotos, Dokumente und Erinnerungen von Fürsorgezöglingen geben einen Einblick in dieses dunkle Kapitel. Dafür werden auch Teile der Filmkulissen von "FREISTATT" genutzt. Kontakt: Ursel Kammacher, Sekretariat Diakonie Freistatt, Telefon: 05448 8 8580

Fotos: Boris Laewen/Zum Goldenen Lamm Filmproduktion
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Desweiteren heist es heute auf dem Internetauftritt der »Gemeinde Kirchdorf« zu der auch das Bethel-eigene »FREISTATT« gehört

@ http://www.kirchdorf.de/Mitgliedsgemeinden/Freistatt

Zitat:
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Im Frühjahr 2015 wurde im Freistätter Haus Moorhort eine Ausstellung zur damaligen Fürsorgeerziehung eröffnet. Erarbeitet wurden verschiedenste Schautafeln, die in der Kulisse des Films "FREISTATT" gezeigt werden. Der historische Ort, die Dokumente aus den Akten, die Fotos und Interviewauszüge sollen dazu anregen, sich den Rahmenbedingungen der Heimerziehung und dem leidvollen Alltag der "Fürsorgezöglinge" zu nähern. Zudem kann der Blick auf das Unrecht in der Vergangenheit dazu beitragen, Lehren für gegenwärtiges Handeln zu ziehen.
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Alt 04.07.2015, 15:30   #1014
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Ausrufezeichen KINOFILM ausschließlich über ev. Erziehungsanstalt FREISTATT

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Hochrelevant zum Thema "FREISTATT"

Erstmalig von ex-Freistätter (der frühen 1960er Jahre) Martin MITCHELL (Jg. 1946) hier im Internet entdeckt am 04.07.2015:

@ http://www.spurensuche-meinung-bilden.de/index.php?id=4&topic=10&key=2 (Die einzige Stelle wo es bis zum heutigen Tage im Internet zu finden war !)

Zitat:
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Braunschweiger Zeitung, 22. September 2008

[ "FREISTATT" - "DIAKONIE FREISTATT" - "BETHEL IM NORDEN" ]

16 Monate Zwangsarbeit und Schläge [ in " FREISTATT" ]

Der Braunschweiger Lutz Rose wurde Anfang der 60er Jahre in die Erziehungsanstalt Freistatt gebracht

Von Cornelia Steiner

Nichts als Moor rundherum, Sumpf, Wasser. Fliehen ist zwecklos, sie kriegen einen ja doch, oder man bleibt im Moor stecken. Also durchhalten, die Schläge ertragen, das Gebrüll der angeblichen Erzieher, die steifgefrorenen Finger, die blutigen Füße in den Holzschuhen, die Schufterei von früh bis spät, die Enge im Schlafsaal zwischen 39 anderen Jungs und jungen Männern, die vergitterten Fenster. Einfach nur durchhalten.
"Ich habe nicht geheult, auch nicht, wenn sie mich verprügelt haben. Da sind die aber noch wilder geworden."
Mehr als ein Jahr hat Lutz Rose aus Braunschweig in der kirchlichen Erziehungsanstalt in Freistatt im Kreis Diepholz verbracht. 1961 und 1962 war das. Er beschreibt diese Zeit als die schlimmste Zeit seines Lebens, und er redet seit Jahren darüber, auch wenn viele Leute es nicht hören wollen.

Polizisten brachten ihn in Handschellen ins Heim.

Selbst seine Frau hat lange gesagt: Ach hör doch auf, so schlimm war es bestimmt nicht.
Inzwischen glaubt sie ihm. Sie hat andere Opfer kennen gelernt, und auf Einladung der Diakonie Freistatt hat sie die einstige Erziehungsanstalt mit ihrem Mann vor zwei Jahren besucht.
Die Diakonie geht offen mit dem Thema um. "Das Geschehene ist nicht zu entschuldigen", heißt es dort. Demnächst erscheint eine wissenschaftliche Arbeit, die sich der Aufarbeitung widmet.
Bei dem Besuch in Freistatt hat Lutz Rose eine gut sortierte Akte erhalten. Darin liegen Dutzende von Beurteilungen. So schrieb das Amtsgericht Braunschweig im Januar 1961 über den damals 18-Jährigen:
"Sein Verhalten lässt eine beginnende Verwahrlosung erkennen, deren Behebung der Vater nicht mehr gewachsen ist. Auch die Anordnung einer Schutzaufsicht würde nicht ausreichen, um diesen völlig verbummelten und stark gefährdeten Jugendlichen wieder auf die rechte Lebensbahn zu bringen."

Was war geschehen? Lutz Rose hatte neun Geschwister, die Mutter war bereits 1953 gestorben, der Vater mit der Erziehung überfordert. Nach der Schule begann Lutz Rose eine Ausbildung zum Steinsetzer - und damit begann der Ärger. "Der Bauführer hat mich geschlagen, und mein Vater hat die Lehrlingsbeihilfe kassiert", erzählt er. Es kam zum Streit, und einer von Lutz Roses Brüdern überredete den Vater, den Jungen in eine Erziehungsanstalt zu geben. Jugendamt und Amtsgericht waren einverstanden.
Polizisten brachten ihn in Handschellen nach Freistatt. "Als ich dort aus dem Auto gestiegen bin, hat der Hausvater mir eine geknallt und gesagt: „Damit du weißt, wie es hier zugeht.“ Danach musste ich sofort im Moor malochen."
Im Moor spielte sich der Alltag der Jugendlichen ab. Sie bauten Torf ab, gruben Kanäle und machten das Land urbar, rodeten Kartoffeln, ernteten Getreide. In den Häusern der Anstalt mussten sie kochen, nähen, bügeln, putzen, und jeden Sonntag saßen sie im Gottesdienst. So sollten die Jugendlichen auf den rechten Weg kommen. Denn wer in Freistatt landete, galt als kriminell oder schwer erziehbar. Tatsächlich kamen viele aber wegen Banalitäten dorthin, weil sie ein wenig über die Strenge geschlagen hatten, weil Eltern überfordert waren, weil Gerichte einer Heim-Einweisung schnell zustimmten.

Lutz Rose erinnert sich an einen Jungen mit Kinderlähmung. "Was machte der dort?", fragt er. "Den hätte man niemals nach Freistatt schicken dürfen." Vier Tage lang wurde er in eine Zelle gesperrt.
Ein Vorfall hat sich besonders in sein Gedächtnis gebrannt: Ein Jugendlicher wollte entlassen werden und rammte sich deswegen einen Spaten in den Fuß. Er kam ins Krankenhaus, doch wenige Tage später war er schon wieder in Freistatt und sollte arbeiten, trotz heftiger Schmerzen. "Der Hausvater hat gesagt: „Der simuliert doch nur.“ Dann kam er in die Strafzelle, und kurz danach ist er an Tetanus gestorben."

Rose vermutet, dass noch mehr Jugendliche umgekommen sind. "Manche sind abgerutscht und ins Moor gefallen, andere haben sich schwer verletzt. Wir wurden dann immer weggedrängt. Einen Krankenwagen habe ich dort draußen nie gesehen."
Für ihn war die vermeintliche Erziehungszeit nach 16 Monaten vorbei. Im Bericht des Heimes hieß es damals: "Wir können mitteilen, dass der Jugendliche eine gute Aufwärtsentwicklung genommen hat."
Der Jugendliche von damals ist inzwischen 65 Jahre alt, hat zwei Kinder und drei Enkel. Er ist Mitglied im Verein ehemaliger Heimkinder und erzählt seine Geschichte. Warum? "Weil wir erst misshandelt und dann vergessen wurden."
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QUELLE: http://www.spurensuche-meinung-bilden.de/index.php?id=4&topic=10&key=2 (dort etwas runter scrollen) (zur Bildung und Weiterbildung und Erinnerung zusammengetragen von Jürgen Kumlehn, Erinnerer)
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Alt 07.07.2015, 00:18   #1015
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Zitat von Ehemaliges Heimkind Beitrag anzeigen
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Darüber wie es damals in Nachkriegsjahrzehnten im Bethel-eigenen FREISTATT, in der Bundesrepublik, zuging, kann sich jeder hier informieren:

VI 10.1-8 Wohlfahrtsblatt DER FREIEN HANSESTADT BREMEN

Amtliches Organ der bremischen Wohlfahrtsbehörde

Für den Inhalt verantwortlich: Präsident Kayser.

9. Jahrgang - Bremen, Dezember 1938 - Nummer 4

[ Teilweise Wiedergabe eines zutreffenden Artikels, eingeleitet vom Führer selbst ]

[ Offizielle Veröffentlichung mit einleitender Aussage dazu von Adolf Hitler selbst ]

*Das bremische Arbeitszwangslager Teufelsmoor* (unter den Nationalsozialisten)
[ vergleichbar mit FREISTATT IM WIETINGSMOOR (im Kaiserreich; in der Weimarer Republik; unter den Nationalsozialisten; unter Besatzung der Alliierten; in der Bundesrepublik) ]

Einfach danach GOOGLEn.
[size=1]
Wem jedoch das Selbst-GOOGLEn zu lässtig ist, begebe sich bitte einfach zu http://www.heimkinder-ueberlebende.org/Auszuege_vom_Wohlfahrtsblatt_Dez1938_re_Zwangsarbeit_im_Teufelsmoor_No 1.html und beginne dort mal genau zu studieren.
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Alt 07.07.2015, 09:26   #1016
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Bielerfelder Bethel [Haus Gottes] / „von Bodelschwinghsche Anstalten Bethel“ / „von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel

[ "FREISTATT" - "DIAKONIE FREISTATT" - "BETHEL IM NORDEN" ]

Am Beispiel dieser kirchlichen Erziehungseinrichtung "FREISTATT"

nun, seit dem 25.06.2015, in deutschen Kinos

der KINOSPIELFILM

Zitat:
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"FREISTATT"

( @ http://www.artechock.de/film/text/kritik/f/freist.htm )

Unglaubliche Tortur

Der Name "FREISTATT" ruft für sich genommen positive Assoziationen hervor. Lässt an einen Platz im Grünen denken. Ein Fleckchen Erde, an dem man sich ungehindert entfalten kann. Frei von Zwängen und starren Regeln. In Wahrheit steht dieser Ort [ "FREISTATT" ] – im Landkreis Diepholz gelegen – allerdings für eines der dunkelsten Kapitel der westdeutschen Heimgeschichte. Bis Mitte der 1970er Jahre herrschten in der kirchlichen Fürsorgeanstalt Gewalt und Unterdrückung vor, obwohl die dorthin abgeschobenen Jugendlichen eigentlich zu christlich handelnden Menschen erzogen werden sollten.

Regisseur und Drehbuchautor Marc Brummund, selbst in der Nähe der Einrichtung geboren, wirft in seinem ersten Kinofilm einen schonungslosen Blick auf den mitunter qualvollen Heimalltag und bedient sich dabei persönlicher Erlebnisberichte, allen voran Schilderungen des ehemaligen Zöglings Wolfgang Rosenkötter, der heute als Ombudsmann in Freistatt wirkt. Entstanden ist ein raues, ungeschöntes Jugenddrama, das dem Schrecken der „Schwarzen Pädagogik“ auf differenzierte Weise zu Leibe rückt.

Im Mittelpunkt steht der 14-jährige Wolfgang (Louis Hofmann). Ein kleiner Rebell, der sich nicht in das spießige Leben seiner Familie im niedersächsischen Osnabrück einfügen will und deshalb von seinem Stiefvater (Uwe Bohm) nach Freistatt abgeschoben wird – was Wolfgangs einfühlsame Mutter (Katharina Lorenz) stillschweigend duldet. Angekommen in der abgelegenen Erziehungsanstalt, sieht sich der renitente Teenager mit einem Autoritätssystem konfrontiert, das nur eine Maxime kennt: bedingungslosen Gehorsam. Während Wolfgang in Anton (Langston Uibel) einen Verbündeten findet, versucht er, den unmenschlichen Heimstrukturen die Stirn zu bieten.

Bezeichnenderweise verorten Brummund und Koautorin Nicole Armbruster ihre Geschichte im Sommer 1968. In einer Zeit also, die von gesellschaftlchen und kulturellen Umbrüchen und einer offenen Auflehnung gegen die Elterngeneration geprägt war. Zu spüren ist der Wind der Freiheit, des Andersdenkens abseits großer Städte allerdings nur verhalten. In der Provinz herrschen weiterhin konservative Denkmuster vor. Gewalt ist nach wie vor im Familienleben verankert und nimmt im Heimalltag sogar systematische Züge an. Wer nicht spurt, wird von Bruder Wilde (Stephan Grossmann), einem der beiden Erzieher, rücksichtslos misshandelt. Aus jedem Winkel lugen in Freistatt quasifaschistische Methoden hervor: Dumpfes Autoritätsgehabe bestimmt die Mahlzeiten, bei denen die Jugendlichen nur auf Anweisung sprechen dürfen. Individuelles Fehlverhalten zieht Bestrafungen aller Insassen nach sich, weshalb sich die Jungen auch untereinander auf brutale Weise disziplinieren. Und auf dem Weg zur Zwangsarbeit im Moor intonieren die Bewohner das Moorsoldatenlied, das auf die Häftlinge des Konzentrationslagers Börgermoor zurückgeht.

Ganz nebenbei erzählt der Film, dass einige Erzieher damals überhaupt nicht für den Dienst in einem Jugendheim qualifiziert waren, sondern aus anderen Berufsfeldern kamen. An die Seite von Bruder Wilde, einem solchen „Quereinsteiger“, der ganz offen prügelt und erniedrigt, stellt das Drehbuch die Figur des introvertierten Bruder Krapp (Max Riemelt), der den aufsässigen Teenagern wohlwollender begegnet. Wie sich später zeigt, hat er jedoch im Geheimen große Schuld auf sich geladen, die ausgerechnet beim besinnlichen Weihnachtsfest zu Tage tritt. Eine Szene, die auch deshalb sprachlos macht, weil der anwesende Pfarrer das Geschehen mit einem lapidaren Satz beiseite wischt – eine sicherlich gewollte Anspielung auf den unrühmlichen Umgang der Kirche mit den in den letzten Jahren publik gewordenen Missbrauchsfällen. Als allwissende Präsenz im Hintergrund fungiert Hausvater Brockmann. Eine Mischung aus gütigem Vaterersatz und durchtriebenem Sadisten, den Alexander Held geradezu beängstigend ambivalent verkörpert.

Ästhetisch fahren Brummund und Kamerafrau Judith Kaufmann eine Doppelstrategie. Einerseits sind mehrfach sonnendurchflutete Bilder zu sehen, die an verblasste Fotografien erinnern. Ähnlich den Schnappschüssen vom realen Heimleben, die im Abspann gezeigt werden. Andererseits setzen sich mit zunehmender Dauer, je weiter sich die Abwärtsspirale für Wolfgang dreht, erdigausgewaschene Farben durch, die der trostlosen Moorland*schaft entspringen und den Gefängnischarakter der Fürsorgeanstalt unterstreichen. Insgesamt mutet der Film dem Publikum einige verhältnismäßig harte Gewaltszenen zu. Momente, die allerdings keinen Selbstzweck verfolgen, sondern inhaltlich begründet sind.

Auch wenn die Musik stellenweise überpräsent ist, einige Szenen etwas plakativ geraten (Stichwort: Aufstand zum Richie-Havens-Song „Freedom“) und das Drehbuch gegen Ende mehrere Schritte auf einmal nimmt, ist Marc Brummunds Kinodebüt ein gelungener Beitrag zur immer noch vernachlässigten Aufarbeitung von Misshandlungen in kirchlichen und staatlichen Heimen. Eine besondere Erwähnung verdient Hauptdarsteller Louis Hofmann, der den Tour-de-Force-Ritt seiner Rolle bravourös meistert. Beklemmend und erschütternd ist das Drama nicht nur, weil es mit Unterstützung der heutigen Diakonie Freistatt an den erhaltenen Originalschauplätzen entstand. Auch die letzten Einstellungen garantieren ein längeres Nachhallen. Zeigen sie doch, dass eine einfache Rückkehr in ein „normales“ Leben nach derart schrecklichen Erfahrungen nicht möglich ist – eine Erkenntnis, die wohl viele Betroffene bestätigen können.

Christopher Diekhaus
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QUELLE: @ http://www.artechock.de/film/text/kritik/f/freist.htm
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Alt 08.07.2015, 09:25   #1017
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Mein gestriges diesbezügliches Schreiben an die deutschen Medien generell:

Zitat:
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Der KINOSPIELFILM "FREISTATT" erzählt viel, mehr als jeder bisherige Film zum Thema – aber doch noch nicht alles.


Sehr geehrte Damen und Herren Redakteure und Journalisten in der deutschen Medienlandschaft,

in Bezug auf den auch von Ihnen im Internet vorgestellten, jetzt seit dem 25.06.2015 in deutschen Kinos laufenden, KINOSPIELFILM "FREISTATT", mache ich als ein australischer Staatsbürger ansässigig in Australien seit dem 24.03.1964 – nach einem meinerseitigen 12-Monate lang andauernden auf Zwangsarbeit im Moor ausgerichteten Aufenthalt in der FÜRSOREGEHÖLLE "FREISTATT" IM WIETINGSMOOR direktzuvor auf einen offiziellen Tatsachenbericht aus dem Jahre 1938 (vorgestellt vom Reichsführer Adolf Hitler selbst!) aufmerksam, ein Tatsachenbericht, der genau beschreibt wie es damals im TEUFELSMOOR zuging; genau die gleichen Zustände und der gleiche Tagesablauf wie im Bethel-eigenen "FREISTATT" von 1901 bis Mitte der 80er Jahre oder sogar bis Mitte der 90er Jahre noch! – zumal das Bethel-eigene Freistätter Torfwerk ja erst in 1995 geschlossen wurde!

Hier der direkte Link zu dieser offiziellen amtlichen Veröffentlichung der Wohlfahrtsbehörde“ in Bremen unter den Nationalsozialistenaus dem Jahre 1938 @ http://www.heimkinder-ueberlebende.org/Auszuege_vom_Wohlfahrtsblatt_Dez1938_re_Zwangsarbeit_im_Teufelsmoor_No 1.html ( Wenn notwendig können Sie sich, sicherlich, auch ganz einfach eine Kopie des Originals dieser offiziellen amtlichen Veröffentlichung aus dem bremischen Landesarchiv oder dem Bundesarchiv zustellen lassen! )

Ich und sicherlich auch viele andere Betroffene wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dann aufgrund dieses Tatsachenberichtes die gesamtgesellschaftliche deutsche Öffentlichkeit, für Bildungszwecke, jetzt ganz speziell, auch mal DARAUF aufmerksam machen würden.

Mit freundlichen Grüßen

Martin MITCHELL (Jg. 1946)
( Betreiber, u.a., auch vonEHEMALIGE-HEIMKINDER-TATSACHEN.COM @ http://www.ehemalige-heimkinder-tatsachen.com )


[ Empfänger dieser E-mail von Martin MITCHELL vom 07.07.2015, unter anderen: ]

KREISZEITUNG (DIEPHOLZ) onlineredaktion@kreiszeitung.de
[ "FREISTATT" befindet sic him Landkreis Diepholz ]
WESER-KURIER (BREMEN) chefredaktion@weser-kurier.de und chefredaktion@bremer-nachrichten.de und onlineredaktion@weser-kurier.de
[ Der WESER-KURIER ist die größte Tageszeitung in der nächstgelegenen Großstadt zu "FREISTATT", BREMEN ( Entfernung 70km) ]
DEUTSCHLANDRADIO presse@deutschlandradio.de und info@deutschlandradio.de
KLATSCH-TRATSCH (FILM REVIEW) info@klatsch-tratsch.de
NDR ndr@ndr.de und internet@ndr.de
BERLINER MORGENPOST redaktion@morgenpost.de und leserbriefe@morgenpost.de und julius@digitalerwandel.de
FRANKFURTER NEUE PRESSE info@fnp.de und thomas.ruhmoeller@fnp.de und michael.forst@fnp.de
DEUTSCHE WELLE info@dw.com
ABENDZEITUNG (MÜNCHEN) info@abendzeitung.de und info@abendzeitung.de und info@az-muenchen.de und redaktion@az-muenchen.de und online@az-muenchen.de
SWR info@swr.de und online@swr.de
OBERPFALZ TV info@otv.de
YAEZ.DE redaktion@yaez.de und info@yaez.de
PASSAUER NEUE PRESSE info@pnp.de
red.online@nordwest-zeitung.de
DIE WELT redaktion@welt.de
DIE ZEIT kontakt@zeit.de
STERN info@stern.de
HAMBURGER ABENDBLATT hadigital@abendblatt.de
FREIE PRESSE (CHEMNIZ) die.tageszeitung@freiepresse.de und buero.chefredakteur@freiepresse.de
THÜRINGER ALLGEMEINE chefredaktion@thueringer-allgemeine.de
MDS-MEDIENGRUPPE (einschließlich, u.a., KÖLNER RUNDSCHAU, KÖLNER STADT-ANZEIGER, MITTELDEUTSCHE ZEITUNG und BERLINER ZEITUNG) joachim.frank@mds.de
WESTFALEN-BLATT wb@westfalen-blatt.de
FRANKFURTER RUNDSCHAU leserbrief@fr-online.de
KÖLNER RUNDSCHAU online@kr-redaktion.de
GENERAL-ANZEIGER (BONN) online@ga-bonn.de
SHZ.DE - PINNEBERGER TAGEBLATT (SCHLESWIG-HOLSTEIN) redaktion@a-beig.de
Filmregisseur Marc Brummund brummund@yahoo.com
Drehbuchautorin Nicole Armbruster armbruster@aol.com
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Alt 10.07.2015, 08:17   #1018
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Ausrufezeichen DIAKONIE: Fürsorgehölle ANSTALT FREISTATT Wietingsmoor et al

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Heimerziehung in der Nachkriegszeit
ein schwieriges Kapitel kirchlicher Zeitgeschichte

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2009 (ISSN 1435-8387)

Loccumer Pelikan 19 2009 02 (Diakonie, Bildung und soziale Gerechtigkeit). Religionspädagogisches Magazin für Schule und Gemeinde, Seite 66-68.

Dr. Kerstin Gäfgen-Track [Jg. 1959], Oberlandeskirchenrätin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers [seit 2003]

ERKLÄRUNG VOM STANDPUNKT DER EVANGELISCHEN THEOLOGIE

@ http://www.rpi-loccum.de/material/pe...o_gaefgentrack

Zitat:
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Heimerziehung in der Nachkriegszeit
ein schwieriges Kapitel kirchlicher Zeitgeschichte

Dr. Kerstin Gäfgen-Track [ Oberlandeskirchenrätin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers ]

Nachdem im Jahr 2006 das Buch von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herren“1 erschienen war, das zum Teil auf dramatische Weise die auch grausamen Erfahrungen von Heimkindern in der Nachkriegszeit dokumentiert, hat die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers bereits im selben Jahr gemeinsam mit dem Diakonischen Werk der Landeskirche eine Studie in Auftrag gegeben, um zu klären, unter welchen Bedingungen damals in kirchlichen Heimen untergebrachte Kinder und Jugendliche gelebt und gearbeitet haben. Mittlerweile wurden im gesamten Bereich der EKD weitere solcher Studien in Auftrag gegeben und erste Ergebnisse sind veröffentlicht. Mit Beginn des Jahres 2009 haben sowohl der Bundestag als auch die niedersächsische Landesregierung einen Runden Tisch zur Aufarbeitung des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in deutschen Heimen eingesetzt. Es soll dabei sowohl um Aufklärung als auch um konkrete Hilfe für die Betroffenen gehen. Die Kirchen, Diakonie und Caritas beteiligen sich selbstverständlich an diesen Runden Tischen.

Ein Grund dafür, dass das Leiden vieler Heimkinder so lange nicht öffentlich wurde, liegt in der Scham vieler Opfer begründet und auch ihrem Versuch, durch Verdrängung mit den leidvollen Erfahrungen leben zu können. Nachdem einige Betroffene ihre Erfahrungen und ihr Leid öffentlich gemacht haben, haben nun immer mehr Opfer den Mut, ihre Geschichte zu erzählen und nach Hilfe zu suchen. Das Diakonische Werk Hannover hat deshalb eine Hotline geschaltet, die stark genutzt wird. Hier wird neben einer Beratung auch konkrete Hilfe, z.B. durch Therapien angeboten.

Die bereits vorliegenden Ergebnisse belegen unzweifelhaft: Es wurde auch mit körperlicher und seelischer Gewalt in kirchlichen Heimen erzogen. Es kam dabei vermutlich nur in einzelnen Fällen zu Menschenrechtsverletzungen wie Freiheitsentzug, und auch zu sexuellem Missbrauch. Die Untersuchungen zeigen, dass zwischen den Heimen deutliche Unterschiede im Umgang mit den anvertrauten Kindern und Jugendlichen bestanden. Die Fälle von körperlicher und seelischer Gewalt sind nicht auf kirchliche Heime beschränkt, sondern traten in den Heimen unterschiedlicher Träger auf. Die Kinder und Jugendlichen in den Heimen mussten vielfach arbeiten. Harte Arbeit wurde als pädagogische Maßnahme gewertet, aber auch aus ökonomischen Gründen mussten die Kinder und Jugendlichen arbeiten, da der Pflegesatz extrem niedrig war. Die Kirchen, Diakonie und Caritas unterhielten im Vergleich mit anderen sehr viele dieser Heime2 , gerade aufgrund der geringen Sätze, die die Kommunen oder Länder für die Heimunterbringung zahlten. Der Zeitraum, in dem es zu inakzeptablen Zuständen in den kirchlichen Heimen kam, lässt sich klar auf die fünfziger und sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts begrenzen. Konkrete Zahlen von Opfern lassen sich weiterhin nur schwer ermitteln. Aber jeder einzelne Missbrauch, jede einzelne Menschenrechtsverletzung hätte nicht passieren dürfen. Es gilt hier insgesamt nichts zu beschönigen, zu verharmlosen oder zahlenmäßig klein zu reden.

Es gilt nach den Gründen zu fragen, warum in Heimen allgemein mit Gewalt erzogen wurde und warum viele kirchliche Heime hier keine Ausnahme bildeten. Wie in der Gesellschaft insgesamt galt auch in der Kirche die Prügelstrafe oder andere körperliche Züchtigungen als normal. Institutionelle Gewalt wurde als Teil des Erziehungssystems verstanden. Die Soziologie und die Pädagogik haben für diese Form der Erziehung mit Gewalt, körperlicher und seelischer Bestrafung, mit Einschüchterung sowie seelischer Demütigung den Begriff der „Schwarzen Pädagogik“ geprägt.3 Das vielfach gesetzte Ziel war schon in der Antike, im Mittelalter und bis in die 6oer Jahre des vergangenen Jahrhunderts, den Menschen nach einem ganz bestimmten Menschenbild zu formen und zu bilden. Um dieses Menschenbild zu verwirklichen, sahen es viele Pädagogen als notwendig an, den Willen des Kindes zu brechen, seine Eigensinnigkeit und seine Bedürfnisse zu eliminieren sowie seine vermeintlich schädlichen Triebe zu bändigen. Kinder und Jugendliche sollten so zu einem gesellschaftlich legitimierten Handeln und Verhalten erzogen werden. Diese pädagogischen Grundüberzeugungen waren um so mehr bei „auffällig“ gewordenen, nicht angepassten Kindern und Jugendlichen durchzusetzen. Wenn die Eltern nicht der Lage waren, ihr Kind zu diesem Handeln und Verhalten zu erziehen, wurde die Einweisung in ein Heim als ein angemessenes Mittel betrachtet. So waren Diebstahl, Schwangerschaft oder Weglaufen aus dem prügelnden Elternhaus, aber auch Widerworte gegen eine allein erziehende Mutter bzw. „Schwererziehbarkeit“ im weitesten Sinn Gründe für die Einweisung in ein Heim.

Gehorsam gegen Eltern, Lehrer und politische Obrigkeit war Jahrhunderte lang unbestrittenes Ziel von Erziehung. Gerade der Nationalsozialismus hatte diesen Gedanken des Gehorsams extrem verstärkt, so dass er in der Nachkriegszeit unvermindert wirksam war. Auch deshalb war das Schlagen in der Schule erlaubt und gängiges Erziehungsmittel. In der DDR wurde bereits 1949 die körperliche Züchtigung an Schulen verboten, in der Bundesrepublik Deutschland erst 1973 und erst im Jahr 2000 kam es in Deutschland zum Verbot der elterlichen Züchtigung.

Die „Schwarze Pädagogik“, geprägt und verstärkt durch den Zeitgeist, beeinflusste die Pädagogik nicht nur in kirchlichen Heimen, sondern durchaus auch in christlichen Elternhäusern. Sie galt als angemessene Reaktion auf die Sünde bzw. Erbsünde des Menschen. Die theologischen Topoi von Sünde und Erbsünde dienten auch zur theologischen Legitimation einer schwarzen Pädagogik. Von der Schwarzen Pädagogik haben wir uns heute als Kirche klar und deutlich distanziert. Sie war und ist untragbar, ist zutiefst unevangelisch und hatte furchtbare Folgen auch in der Heimerziehung.

Die Rede von der Sünde ist angemessen zu interpretieren: sie trägt die Gesamtheit der Realität in die christliche Anthropologie ein. Menschen werden schuldig gegenüber sich selbst, anderen Menschen und Gott. Das nennt die Bibel Sünde. Der Begriff der Erbsünde, d.h. dass das Sündersein und das dem entsprechende Handeln grundsätzlich vererbt wird, ist theologisch problematisch, denn der Gedanke einer Erbsünde lässt sich weder schöpfungstheologisch noch anthropologisch oder christologisch halten, aber er besitzt ein bleibendes Wahrheitsmoment: Obwohl es nicht zwangsnotwendig oder auch nicht genetisch vererbt ist, zeigt sich doch immer wieder, dass Menschen schuldig werden und auf die Vergebung Gottes angewiesen sind. Das ist eine zutiefst evangelische Erkenntnis. Diese menschliche Wirklichkeit ist in den Blick zu nehmen. Der Begriff der Sünde steht für die dunkle Seite im Leben, für Aggression, das Nichternstnehmen anderer Menschen und für einen verantwortungslosen Umgang mit der Macht. Sündigwerden heißt auch, die Existenz Gottes zu negieren, die eigene Geschöpflichkeit nicht anzuerkennen und das Leben nicht an der Botschaft des Evangeliums zu orientieren.

Mit den Mitteln der Schwarzen Pädagogik wollte man die Sünde unterdrücken und bekämpfen, auch weil diese Ängste auslösen kann. Angst vor dem eigenen Dunkel und dem Dunkel des anderen, der Aggression, aber auch Angst vor einem Gott, der den Sünder in Ewigkeit straft und verdammt. Eine Angst, von der Luther grundsätzlich theologisch befreit hat, die aber damit offensichtlich nicht grundsätzlich verschwunden ist. Die Pädagogik in den kirchlichen Heimen in den 50er und 60er Jahren ging davon aus, dass es gut ist, wenn Gott verzeiht, aber um des menschlichen Zusammenlebens, gerade um seiner Ordnung willen gilt es die Sünde im Leben zu unterdrücken und zu bekämpfen. Begründet wurde diese überwiegende Orientierung in der christlichen Pädagogik an der Sünde auch mit biblischen Zitaten wie „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er.“ (Heb 12,6) oder „Wer seine Rute schont, der hasst seine Kinder.“ (Spr 13,24). Sünde und Vergebung wurde nicht zusammengedacht. Es war für diese christliche Pädagogik nicht relevant, dass Gott sich für den Weg der Liebe und nicht der Strafe entschieden hat.

Die Auswahl solcher Bibelstellen nimmt das biblische Zeugnis nur eklektisch wahr. Dafür, dass Gott selbst auf Strafe verzichtet und Liebe übt, steht als biblische Schlüsselgeschichte die des Propheten Jona. Hier wird der Abschied von einem Gottesbild genommen, das davon ausgeht, Gott strafe für Sünde und Schuld. Gott straft die böse, korrupte Stadt Ninive aus lauter Liebe und Güte nicht. Noch deutlicher und unhintergehbar wird dieser Abschied von der Strafe durch Gott in Jesus Christus, der sichtbar macht und bis in den Tod hinein lebt, dass Liebe und Versöhnung das Handeln Gottes an den Menschen bestimmen. Liebe und Versöhnung sind zugleich prägend für ein menschliches Leben, das sich am Evangelium Jesu Christi orientiert und gerade darin gelingt. Zugleich gilt es auch hier die Realität der Sünde ernst zu nehmen. Martin Luthers Aufforderung „sündige fröhlich“ oder „sündige kräftig“ nimmt die Realität ernst, dass Menschen offensichtlich immer wieder schuldig werden. Gleichzeitig macht er Ernst damit, dass Gott in Jesus Christus Menschen dennoch immer wieder Schuld vergeben will.

Zugleich gilt es dieser Aufforderung Luthers mit Luther selbst zu widersprechen. Leben gelingt erst, wenn es in Verantwortung und im Gegenüber zu Gott gelebt wird und an der Botschaft des Evangeliums orientiert ist. Es ist eine der wichtigsten Einsichten Martin Luthers, die er aufgrund seiner Paulus- und Augustinus-Studien gewonnen hat, dass der Mensch simul justus et peccator (Sünder und Gerechter zugleich) ist. Jeder Mensch hat auch viele Gaben, Fähigkeiten und Potentiale, die nach christlichem Verständnis von Gott geschenkt sind und die er helfend, heilend, versöhnend im Sinne der Liebe einsetzen kann. Es gibt gelingendes Leben, wenn es gelingende Beziehung gibt. Gott selbst zeigt, dass gelingende menschliche Beziehungen auf einer existentiellen Beziehung zu Gott und auf Liebe, Gottes- und Nächstenliebe beruhen: „Du sollst den Herren, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22, 37; 38) Die Liebe verändert Menschen, nicht die Strafe und nicht die Schläge.

Von daher bestimmt sich gegenwärtig christliche Pädagogik, die vom Menschen als simul justus et peccator ausgeht und deren Ziel es ist, dass Menschen sich bilden, ihre Identität entfalten und Verantwortung übernehmen und deren Grundlage Liebe, Versöhnung und Gerechtigkeit sind. Christliche Pädagogik ist potentialorientiert, will aber darin einüben, mit Schuld und Scheitern konstruktiv umzugehen. Wenn Leben trotz der Realität des menschlichen Sündigens gelingen soll, ist ein Schuldeingeständnis notwendig. Schuld ist beim Namen zu nennen. Sie darf nicht weg argumentiert werden oder weg interpretiert werden. Es kommt darauf an, Schuld einzugestehen, Schuld klar zu benennen und dann konstruktiv nach Wegen der Versöhnung zu suchen. Christliche Pädagogik tritt ein für die Achtung und den Respekt vor der Würde jedes Menschen, will zur Feindesliebe anregen und empfiehlt in letzter Konsequenz, auch die linke Wange hinzuhalten, wenn auf die rechte Wange geschlagen wird. Sie will eine christliche Daseins- und Handlungsorientierung für ein gelingendes Leben vermitteln. Dafür sind auch Geschichten vom gelingenden Leben notwendig, gerade auch für die Eltern, die in Erziehungsfragen unsicher geworden sind. Christliche Pädagogik braucht, um dies leisten zu können, eine hohe Selbstreflexion und muss auch extern immer wieder kritisch geprüft werden.

Eine solche potentialorientierte, nicht die Sünde in den Mittelpunkt stellende Pädagogik bestimmt heute die Erziehung in evangelischen Kindertagesstätten, Schulen, Kirchengemeinden und anderen Einrichtungen. Die misslungene Heimerziehung in evangelischen Einrichtungen in der Nachkriegszeit, die so viel Leid über Heimkinder gebracht hat, beruhte maßgeblich auf einer fragwürdigen Theologie, die mit dem Zeitgeist und der gesellschaftlich vorherrschenden Pädagogik eine unheilvolle Symbiose einging. Sie macht deutlich, dass Kirche immer Kirche in der Zeit ist. Die evangelische Kirche muss sich immer wieder fragen, inwiefern sie ihrer Aufgabe nachkommt, kritisch und wenn nötig sogar widerständig zu sein, z.B. gegenüber pädagogischen Ansätzen und Entwicklungen. Die Situation in den kirchlichen Heimen steht auch deshalb im Mittelpunkt der Medienberichterstattung, weil nicht nur die evangelische Kirche den Anspruch hat, dass ihr Handeln sich am Evangelium Jesu Christi orientiert. Dies ist ein hoher Anspruch, an dem Kirche konkret immer wieder scheitert und an dem sie sich aber bleibend messen lassen muss. Es ist ein Anspruch, der Kirche vorgegeben ist, den sie nicht aufgeben kann, weil es Gott so will. Aber Vertreterinnen und Vertreter von Kirche müssen sich selbst eingestehen, dass sie diesem Anspruch oft nicht gerecht werden in dem Wissen darum, dass gerade dieses Ringen mit dem eigenen kirchlichen Anspruch und dem Scheitern daran evangeliumsgemäß ist. So hat Kirche als lernende Institution Demut zu üben. Die Botschaft der Christinnen und Christen ist diesen selbst weit voraus. Sie gilt es zu vertreten in dem Wissen darum, dass Christinnen und Christen es in Sternstunden unzweifelhaft schaffen, dem Anspruch Gottes gerecht zu werden und in den Schatten der Nacht kläglich daran scheitern.

Deshalb ist das, was damals in den evangelischen Heimen geschehen ist, klar Sünde zu nennen. Als Kirche müssen wir hier bekennen, dass Menschen Unrecht und Gewalt geschehen ist, ihre Würde nicht geachtet und geschützt wurde sowie in manchen Fällen ihre Menschenrechte verletzt oder sie sexuell missbraucht wurden. Wir sind als Institution mit diesem Versagen behaftet, haben als Institution Schuld auf uns geladen und müssen heute versuchen, konstruktiv damit umzugehen. Schuld ist klar beim Namen zu nennen, die Opfer sind anzuhören, wir haben uns dem Leid der Opfer zu stellen und mit ihnen nach Lösungen zu suchen. Auch hier gibt es heute keine „Gnade der späten Geburt“. Wir haben aus dieser leidvollen Geschichte der Opfer gelernt, so dass heute schon bei Verdacht auf Missbrauch die Maxime „zero tolerance“ gilt. Es braucht dieses Schuldeingeständnis, damit Leben der Opfer neu weitergehen kann und das kirchliche Handeln sich bleibend ändert. Nur so kann Neues wachsen, auch neues Vertrauen. Es ist aus dieser leidvollen Geschichte weiter zu lernen, dass wir als Kirche auch Widerstand gegen den Zeitgeist zu leisten haben, wenn es um der Menschen und um Gottes Willen notwendig ist. Das haben wir in der kirchlichen Heimerziehung in der Nachkriegszeit versäumt, deshalb sind wir an vielen Heimkindern schuldig geworden. Dafür entschuldige ich mich auch persönlich als eine Vertreterin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Anmerkungen
1. Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik, München 2006.
2. Auch heute unterhalten kirchliche Träger viele Förderschulen, insbesondere für Kinder und Jugendliche mit emotionalem und sozialem Förderbedarf, die sich selbst hohe Qualitätsstandards gegeben haben, regelmäßig evaluiert werden und ihre Arbeit transparent machen.
3. Grundlegend dafür ist Katharina Rutschky (Hg.): Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, Frankfurt a. Main u. a. 1977.
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QUELLE: Loccumer Pelikan 19 2009 02 (Diakonie, Bildung und soziale Gerechtigkeit). Religionspädagogisches Magazin für Schule und Gemeinde, Seite 66-68; evangelische Theologin Dr. Kerstin Gäfgen-Track [Jg. 1959] @ http://www.rpi-loccum.de/material/pe...o_gaefgentrack
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Alt 11.07.2015, 08:47   #1019
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Standard KINOFILM ausschließlich über ev. Erziehungsanstalt FREISTATT

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FAZ - Frankfurter Allgemeine Zeitung - Feuilleton

@ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/freistatt-im-kino-13666175.html

"FREISTATT" im Kino

Groteske Kippfiguren der Geschichte

Größtmögliche Wirkung mit allen Mitteln: Der Film "FREISTATT" von Marc Brummund zeigt einen Hort der Quälerei in einer Zeit, die von Emanzipation träumt.

25.06.2015, von Bert Rebhandl

Christlicher Glaube und frische Luft, das ist der Kern der Pädagogik in einer Erziehungsanstalt der Diakonie, die ihren Namen allerdings zu Unrecht trägt. Denn die „Freistatt“ ist ein übles Institut, ein Hort der Quälerei, alles im Zeichen vorgeblicher Anstrengung, ungebärdige junge Männer auf den rechten Weg zu führen. Es ist das Jahr 1968, die Zeichen der neuen Zeit sind auch in Osnabrück unübersehbar, aber das Schicksal, das den vierzehn Jahre alten Wolfgang ereilt, mutet an wie eine Zeitreise. Seine Einweisung nach Freistatt ist ein Fall in eine verwunschene Welt, in der männliche Gewalt noch absolut und individuelle Haltung ein Störfall sind. Von heute aus ist dieses Element des Anachronistischen noch viel stärker, und Regisseur Marc Brummund tut sich in seinem Film "FREISTATT" auch stark daran gütlich.

Denn aus der Gegenwart von 2015 besehen, ist 1968 inzwischen vergleichsweise näher an 1945 gerückt. Der blonde Wolfgang wird so geradezu zu einer Figur des historischen Übergangs, vom äußeren Typ her noch fast ein Pimpf, in dem man aber schon einen langhaarigen Hedonisten oder einen späten Hippie erkennen kann. Wenn man ihn nur eine eigene Entwicklung nehmen ließe. Doch seine Mutter hat einen neuen Partner, und der duldet keinen ödipalen Konkurrenten mit Flausen. Wolfgang muss ins Heim. Das Heim ist Freistatt. Es liegt in einer prächtigen, nördlichen Landschaft, die in den Untiefen der Sümpfe ihr wichtigstes Charakteristikum hat.

Ohne Ketten, aber unter der Knute

„Wir sind die Moorsoldaten“, singen die Jungen, die hier zusammengewürfelt werden. Tagsüber müssen sie Torf stechen, auch das eine unzeitgemäße, altertümliche Arbeit. Abends fällt, wenn einer etwas Verkehrtes getan hat, für alle das Essen aus. Den Vorsitz in dieser Anstalt hat ein Mann inne, der gut und gern aus Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ [ @ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/video-filmkritik-schrecken-eines-jahrhunderts-das-weisse-band-17006.html ] stammen könnte: Hausvater Brockmann (Alexander Held) hält sich bevorzugt im Garten auf, er kann aber auch unangenehm werden. „Flinke Hände können wir hier gebrauchen“, mit diesem Satz empfängt er junge Schutzbefohlene. Da kann man schon allerlei heraushören.

YouTube FREISTATT TRAILER @ https://www.youtube.com/watch?v=b72pSA7aGyY (Länge 2 Min. und 27 Sek.)

Das tägliche Regime in dieser chain gang ohne Ketten, aber unter der Knute, führen Bruder Wilde (gespielt von Stephan Grossmann) und Bruder Krapp (Max Riemelt). Der eine ist hart, der andere weich. Wilde prügelt die Jungen notfalls mit der Schaufel, Krapp hingegen gewährt ihnen gelegentlich Auslauf in das morastige Wasser. An Wilde reibt sich schließlich das ganze Institut, während Krapp seinen Abschied nimmt und damit einen Jungen namens Mattis fast zusammenbrechen lässt – eine skandalöse Szene, weil sie am deutlichsten die verkniffene Sexualität hervorbrechen lässt, von der das Geschehen in „Freistatt“ geprägt ist.

Das Thema, mit dem Marc Brummund sich in "FREISTATT" beschäftigt, auf Grundlage eines preisgekrönten Drehbuchs, das er mit Nicole Armbruster gemeinsam verfasst hat, ist in der deutschen Filmgeschichte mit einer ganz besonderen Arbeit verbunden: 1970 sollte „Bambule“ in der ARD ausgestrahlt werden, Ulrike Meinhofs Fernsehfilm über eine Revolte in einem Berliner Mädchenheim. Ein Film, der sich ausdrücklich als Beitrag zu einer Bewegung verstand, die letztendlich in den linksradikalen Terrorismus führte.

Streben nach größtmöglicher Wirkung

Davon könnte "FREISTATT" kaum weiter entfernt sein. Für Marc Brummund ist die politische Signatur der Zeit ohne Belang. Er interessiert sich für ein Drama der großen Gefühle und auch der großen Bilder. Die Kamerafrau Judith Kaufmann überträgt die niedersächsische Landschaft in opulente Panoramen. Vogelschwärme vor großem Horizont deuten an, was möglich wäre in einer anderen Wirklichkeit, in der die Menschen einander nicht das Leben so unerträglich schwermachen würden.

Die Musik verstärkt noch das Pathos, wobei es auch zu unfreiwillig komischen Effekten kommt, wenn eine Züchtigung von melancholischen Violinen begleitet wird. Das Streben nach größtmöglicher Wirkung bestimmt "FREISTATT" auch auf dramaturgischer Ebene: Statt sich genauer auf die handelnden Figuren einzulassen und sie komplexer zu machen, lässt Brummund sie allmählich ins Groteske kippen. Vor allem der Bruder Wilde wird zunehmend zu einem sadistischen Popanz, zu einer bloßen Funktion der aufwühlenden Erzählarbeit von "FREISTATT". Und so appelliert Brummund mit starken Reizen auch noch an das letzte Quentchen Emotion, das manche Zuschauer vielleicht lieber für sich behalten hätten, und vergibt dabei die Chance auf einen guten, vielleicht sogar auf einen großen Film.

Denn in "FREISTATT" geht es um einen neuralgischen Moment: Der autoritäre Charakter trifft auf die populäre Kultur, das evangelische Kirchenlied auf das amerikanische Spiritual. „Sometimes I feel like a motherless child“, mit dieser Klage beginnt in "FREISTATT" die Revolte. Es ist der Moment, den Bernd Eichinger mit seinem „Baader-Meinhof-Komplex“ [ @ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/video-filmkritik-polit-porno-der-baader-meinhof-komplex-1105334.html ] verfehlt hat und um den bei Fassbinder, beim frühen Wenders, beim frühen Herzog fast alles kreist: wie sich aus der Gewalt der Verhältnisse eine Idee von Emanzipation, von Freiheit, von Individualität entwickeln kann. "FREISTATT" hingegen setzt um der stärkeren Effekte willen auf Ausweglosigkeit. Man möchte am Ende lieber nicht mehr wissen, was aus diesem Wolfgang später noch werden wird.
QUELLE: FAZ - Frankfurter Allgemeine Zeitung - Feuilleton @ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/freistatt-im-kino-13666175.html
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Alt 12.07.2015, 04:21   #1020
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Die Katholische Kirche in Deutschland zum KINOSPIELFILM "FREISTATT":

[ Dieser FILM hätte auch genauso gut die damalige Heimerziehung und Torfproduktion in der katholischen ErziehungsanstaltJohannesburg“ – einem Erziehungsheim für Jungenin Börgermoor (Papenburg/Surwold/Emsland) beschreiben können. --- Siehe, z.B., diesbezüglich @ http://www.johannesburg.de/index.php?id=101 (Geschichte der „Johannesburg“ von den Betreibern selbst geschrieben.) --- Siehe, z.B., diesbezüglich, dann auch den Artikel betitelt »Heimerziehung der frühen BRD: Caritas auf Abwegen?« (aus dem Jahre 2010), von Dr. Bernhard Friggs und Dr. Andreas Henkelmann @ http://www.caritas.de/neue-caritas/heftarchiv/jahrgang2010/artikel/heimerziehung-der-fruehen-brd-caritas-au ]

Zitat:
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Eine Initiative deutscher Bistümer
Pfarrbrief
service.de

@ http://www.pfarrbriefservice.de/materialien/nachrichten.html

Nachrichten

Freistatt

Filmkritik des Monats Juli 2015

Deutschland, 2014
Drama
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12
Erstaufführung: 25.6.2015

Produktionsfirma: Zum Goldenen Lamm Filmprod. / SWR / WDR / SR / NDR / ARTE
Verleih Kino: Edition Salzgeber
Produktion: Rüdiger Heinze, Stefan Sporbert
Regie: Marc Brummund
Buch: Nicole Armbruster, Marc Brummund
Kamera: Judith Kaufmann
Musik: Anne Nikitin
Schnitt: Hans Funck

Darsteller:
Louis Hofmann (Wolfgang), Alexander Held (Hausvater Brockmann), Stephan Grossmann (Bruder Wilde), Katharina Lorenz (Ingrid), Max Riemelt (Bruder Krapp), Uwe Bohm (Heinz), Enno Trebs (Bernd), Langston Uibel (Anton), Anna Bullard (Angelika), Justus Rosenkranz (Mattis), Ole Joensson (Hans), Megan Gay (Frau vom Jugendamt), Anouk Bödeker (Sabine), Leonard Boes (Burkhart), Franz Anton Kross (Harald), Katharina Schütz (Frau Brockmann), Hendrik von Bültzingslöwen (Bruder Hanebuth), Hans Peter Korff (Pastor Abeln)

Kurzkritik:

Ein aufmüpfiger 14-Jähriger wird 1968 in ein diakonisches Fürsorgeheim südlich von Bremen gesteckt, in dem arbeitslagerähnliche Zustände herrschen. Als er gegen die physische wie psychische Misshandlung aufbegehrt, verschlimmert sich seine Lage. Das wuchtige, mitunter recht drastische Drama macht die Erziehungsmethoden der Schwarzen Pädagogik intensiv spürbar und verdeutlicht, wie Schläge und Demütigungen neue Gewalt erzeugen und autoritäre Strukturen den Sinn und die Befähigung für Freundschaft und Loyalität zersetzen. Der wichtige Zeitbezug vor dem Hintergrund der Studentenunruhen tritt dabei etwas zu sehr in den Hintergrund. - Sehenswert ab 14.

KINOTIPP DER KATHOLISCHEN FILMKRITIK

"FREISTATT"

Ein leuchtend rotes Mofa, ein Teenager ohne Helm, mit schnittiger Frisur und etwas längeren Haaren, dazu ein heulender markanter Gitarrenriff – die ersten Takte von Status Quos „Pictures of Madstick Men“. Die Bilder sind gelbstichig und erinnern durch ihre Unschärfen an alte Fotos. Mal tobt Wolfgang mit seiner Mutter ausgelassen am Strand, mal fährt er durch die Straßen. Ein Hauch von Freiheit liegt über der Szene, von Glück und Rebellion. Es ist das Jahr 1968. Kurze Zeit später wird Wolfgang von seinem Stiefvater erst brutal verprügelt und dann in ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche gesteckt. Von einem freiheitlichen Geist ist in der „Diakonie Freistatt“ nichts zu spüren. Die Einrichtung ist vielmehr ein Relikt faschistischer Erziehungsprinzipien. Auch das ist noch Realität in der Bundesrepublik der späten 1960er-Jahre.

„House of the Rising Sun“, singt Wolfgang dem Hausvater der Diakonie vor. Zu Beginn scheint der alte Hobbygärtner ganz nett zu sein. Das Dossier über Wolfgangs Fehlverhalten in den vergangenen Monaten – Erziehungsheim, aggressives Verhalten, Lügen – verwirft er sofort. Das Leben in „Freistatt“ wird einen neuen Menschen aus ihm machen. Wie sich schnell zeigt, jedoch nicht durch Einfühlungsvermögen, sondern durch harte Arbeit beim Torfstechen im niedersächsischen Moor, durch Schikanen, Demütigungen und körperliche Gewalt. Da wird mit der Schaufel auf die Köpfe der Jugendlichen eingeschlagen, sie werden mit ihren Gesichtern in den Moorboden gedrückt, und in beiläufigen Szenen offenbart sich, dass auch sexueller Missbrauch an der Tagesordnung ist. Die Erzieher lassen sich „Bruder“ nennen. Aber ihr Verhalten erinnert vielmehr an sadistische Gefängniswärter. Den Widerstandswillen unter den ausschließlich männlichen Jugendlichen des Internats haben sie längst gebrochen. Einer hat die Rolle des Anführers inne und sorgt selbst mit Gewalt dafür, dass auch Neuankömmlinge wie Wolfgang sich an die Regeln halten – schließlich ist es zum Wohle aller, wenn diese respektiert werden.

In prägnanten Szenen macht Marc Brummund die Mechanismen der Macht und die perverse Logik der Schwarzen Pädagogik sichtbar, die das Strafen nicht als Sadismus erscheinen lassen soll, sondern als notwendige Aufgabe, die dem Zögling trotz aller Schmerzen und Demütigungen hilft und auch für den Strafenden eine Qual ist. Werte wie Freundschaft und Solidarität haben in diesem autoritären System keinen Platz und werden konsequent zersetzt. Bei Wolfgang allerdings weckt dies zunächst nur noch mehr Aggressionen. Er bäumt sich auf, er kämpft und will sich nicht unterkriegen lassen wie die anderen. Doch als er später gerettet zu sein scheint, merkt er, wie ihn die Erfahrungen des Internats geprägt und aus ihm einen Menschen gemacht haben, der er nie sein wollte und für den es keine Möglichkeit mehr gibt, in sein altes Leben zurückzukehren.

"FREISTATT" wählt den größtmöglichen Kontrast, um über die katastrophale Lage der Jugendlichen zu erzählen. Während in der Welt jenseits der Diakonie Aufbruchsstimmung herrscht, persönlich wie politisch, indem überall die Wahlkampagne von Willy Brandt zitiert wird, ist in dem Internat von dem Freiheitsgedanken nur ein schwacher, verzweifelter Widerhall zu spüren. Die Inszenierung tut gut daran, die Rolle der Religion nicht künstlich überzubewerten. Zwar tauchen immer wieder Kreuze auf, und auch die zahlreichen Gegenlichtaufnahmen tragen etwas von einer mystischen Stimmung in sich, aber als Kirchenschelte taugt der FILM nur bedingt. Vielmehr klagt er allgemein an, dass in der ehemaligen Bundesrepublik bis in die 1960er-Jahre tatsächlich 300.000 Jugendliche in dieser und ähnlichen kirchlichen oder staatlichen Einrichtungen unter dem Deckmantel der so genannten Jugendfürsorgeerzogenwurden. [ Ich würde mal sagen, dass die Zahl der Jugendlichen und der Zeitraum, hier, vom Redner wieder mal bewusst heruntergespielt werden. M.M. ]

Erstaunlich ist dabei, wie amerikanisch das wuchtige Drama wirkt. Nicht nur die Musik, auch die harte Arbeit im Moor erinnert an Südstaaten-Filme: der Aufseher auf dem Pferd, die ritualisierte Fahrt mit den Draisinen ins Moor, die Betonung der Landschaft, die Art und Weise, wie die Jungen als Sklaven inszeniert werden. Später wird "FREISTATT" gar zum Ausbruchsfilm, wenn Wolfgang mit einem Freund endlich den Mut fasst, zu fliehen. Allerdings rückt diese Nähe zum US-amerikanischen Kino, die sich auch dramaturgisch nicht von der Hand weisen lässt, weil Brummund und seine Co-Autorin Nicole Armbruster immer wieder auf Überhöhungen und das große Drama setzen und sich an Filmen wie „Sleepers“ oder „Die Verurteilten“ orientieren, "FREISTATT" auch weiter fort vom tatsächlichen deutschen Kontext. Die Misshandlungen, die im Rahmen dieser Einrichtungen stattgefunden haben, erscheinen so weniger brisant. Erst die aus „Freistatt“ stammenden Archivfotos im Abspann stellen diesen Kontext wieder her und verorten das Gezeigte unmittelbar in der bundesdeutschen Realität.

Stefan Stiletto, FILMDIENST 2015/13

FILMDIENST
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PFARRBRIEFSERVICE.DE
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QUELLE DIESER KATHOLISCHEN FILMKRITIK:PFARRBRIEFSERVICE.DE - »Freitag, 03. Juli 2015 - "FREISTATT" - Filmkritik des Monats Juli 2015« @ http://www.pfarrbriefservice.de/materialien/nachrichten.html
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Alt 14.07.2015, 01:48   #1021
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psychiatrienetz - Aktion psychisch Kranke e.V. - psychiatrie.de

@ http://www.psychiatrie.de/bibliothek/aktuelle-kinofilme/freistatt/

[ Filmrezension vom 01.07.2015 ]

"FREISTATT"

1968 in einer Außenstelle der Bodelschwingh’schen Anstalten. Der 14jährige Wolfgang muss ins Heim, weil sein Stiefvater eifersüchtig ist. Wolfgang hatte schöne Jahre mit seiner Mutter, nun ist er nur noch im Weg. In der Diakonie Freistatt gerät er in die Mühlen eines perfiden Systems, geprägt von schwärzester Pädagogik. Die Jungs verbringen den Tag beim Torfstechen, die Nacht im Schlafsaal. Es wird schikaniert und geprügelt, vorzugsweise mit der Schaufel gegen den Kopf. Sexueller Missbrauch, das wird beiläufig angedeutet, ist an der Tagesordnung.

Fehlhandlungen einzelner Zöglinge muss immer das ganze Kollektiv ausbaden: Die abendliche Wassersuppe wird gestrichen, oder alle müssen in den Bunker. Wolfgang rebelliert immer wieder, und als Zuschauer identifiziert man sich nur zu gerne mit ihm. Er ist aufmüpfig und schlägt immer häufiger selbst zu. Die Brutalität der Erzieher, die „Bruder“ genannt werden, lässt ihn immer brutaler werden, während andere längst gebrochen sind und sich anpassen. Es gibt eine schöne, fast euphorische Szene, in der die Jungs „sometimes I feel like a motherless child“ schreien, und eine kleine Revolte anzetteln. Wolfgang versucht immer wieder auszubrechen, scheitert entweder am Moor, oder wird eingefangen und bestraft. Schließlich gelingt ein Ausbruchsversuch gemeinsam mit einem Kameraden, doch Wolfgang wird von seiner Mutter auf hinterlistige Weise zurück ins Heim verbracht.

Zur Strafe wird er im Torf begraben, und erst kurz vor dem Erstickungstod gerettet. Sein Gefährte erhängt sich. Nun ist Wolfgang endgültig versteinert. Er kämpft sich in der Hierarchie der Zöglinge nach oben, wird härter und heimtückischer und taugt nicht mehr als Identifikationsfigur. Der Zuschauer ist allein. Er wird zwar entlassen, kehrt aber nicht wirklich zurück.

Die Pervertierung des hübschenJugendlichen zu einem antisozialen Charakter macht den Film so ungewöhnlich. Hier gibt es nicht nur Täter und Opfer, sondern die Opfer werden zu Tätern, und man ist dabei. Psychiatrisch Tätige kennen die Endstrecke dieser Entwicklung, aber nicht immer die dahinter liegenden Biografien. Der Film gibt drastisch Nachhilfe. Obwohl dies eine deutsche Geschichte ist wurde kein typisch deutscher Film gedreht. Das ist irritierend, macht den Film aber auch sehenswert. Die Bilder sind am Anfang gelbstichig, fast psychedelisch, wenn die Euphorie des Aufbruchs im Jahr 1968 illustriert wird. Status Quo und „Scarborough Fair“ bilden den Soundtrack.

Die Qualen im Heim und vor allem die Schinderei beim Torfstechen sind inszeniert wie in alten amerikanischen Filmen oder Theaterstücken. Das stellt Distanz her, und erinnert so gar nicht an Bethel und Bodelschwingh. Erst ganz am Ende, beim Abspann, sind authentische Bilder aus der Diakonie Freistatt mit einer besonders schwermütigen Fassung des „House of the rising sun“ unterlegt. Nein, es gibt keine Hoffnung, denn die Diakonie Freistatt hat ihre Zöglinge zerstört.

Seit dem 25.6.2015 läuft der Spielfilm "FREISTATT" in vielen Kinos. Die Handlung basiert auf dem Bericht des ehemaligen Heimzöglings [ Wolfgang Rosenkötter und dem im Jahre 2006 erschienenen Sachbuch von Spiegelautor ] Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“. Wer sich mit der Heimkampagne der APO und Ulrike Meinhofs „Bambule“ beschäftigt hat, oder von dem »Runden Tisch „Heimerziehung“« der letzten Jahre erfuhr, der hatte natürlich eine Ahnung von den skandalösen Erziehungsanstalten im Westen, und natürlich auch im Osten. Die Hintergründe wurden von Regisseur Brummund gut recherchiert; vor allem Bodelschwingh hat seine Geschichte akribisch aufgearbeitet und dokumentiert. Wer sich für das umfangreiche Hintergrundmaterial zum Film interessiert, dem sei das Presseheft empfohlen: http://www.salzgeber.de/presse/pressehefte/freistatt_filmheft_web.pdf .

Deutschland 2014
108 Minuten
Regie: Marc Brummund
Darsteller: Louis Hofmann, Alexander Held, Stephan Ggrossmann, Max Riemelt

Ilse Eichenbrenner
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Zitat:
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Filmbesprechungen

Alle Besprechungen sind von Ilse Eichenbrenner (Berlin) und erscheinen parallel in der Zeitschrift Soziale Psychiatrie [ @ http://www.dgsp-ev.de/die-soziale-psychiatrie.html ].

Ältere Filmbesprechungen


Ältere Filmbesprechungen heben wir für sie auf. Sie finden diese im Filmarchiv [ @ http://www.psychiatrie.de/bibliothek/aktuelle-kinofilme/filmarchiv/ ].
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Alt 15.07.2015, 06:52   #1022
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Filmkritik von Filmrezensent Johannes Bluth vom 27.05.2015

Eine der ersten Filmrezensionen zum KINOSPIELFILM "FREISTATT", erst jetzt von mir entdeckt.

CRITIC.DE @ http://www.critic.de/film/freistatt-7946/

Zitat:
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"FREISTATT"

Inmitten unwirtlicher Moorlandschaften zeichnet Freistatt das Leiden ehemaliger deutscher Heimkinder in den 1960er Jahren als systematisches Unrecht, das scheinbar aus sich selbst heraus geschieht.

Das Moor und der Tod stehen seit langer Zeit in einer innigen Beziehung: Oft wenn im Norden Deutschlands ein Problem aus der Welt geschafft werden musste, wurde das Moor zum Ort des letzten Richterspruchs. Moorleichen aus dem Mittelalter, mit eingeschlagenen Schädeln oder zerfetzten Gliedmaßen, zeugen davon, und auch heute noch müssen Häftlinge bisweilen Torf stechen – als wäre diese Landschaft ein ganz natürlicher Ort der Buße. Auch Marc Brummunds Freistatt macht das Moor zu einem Ort, an dem Entscheidungen fallen. Wir schreiben den Sommer 1968. In der wohlstandsbeduselten BRD entsteht zum ersten Mal seit dem Krieg so etwas wie eine gelebte Jugend, aber auch die familiären und sozialen Wunden sind noch überall spürbar. Und wer diese heile, bürgerliche Welt der goldenen Sechziger herausfordert, landet schnell im Erziehungsheim: Freistatt. Ein abgelegenes Gut irgendwo in einem Moor in Norddeutschland. Hier kommt der 14-jährige Wolfgang (Louis Hoffmann) eines Hochsommertags an. Sein Stiefvater will ihn nicht, seine Mutter hegt inzestuöse Gefühle für ihn und gefährdet so die familiäre Sittlichkeit. Wolfgang muss weg, irgendwohin. Also wird er nach Freistatt gebracht, wo er von nun an mit anderen Outlaws und Ungewollten zusammen Torf stechen wird.

Freiheitsdrang und Heimroutine

"FREISTATT" will die Geschichte eines Leidens nacherzählen und dabei möglichst authentisch sein. Dieser Anspruch ist so etwas wie die Grundbedingung des Films. Mit anderen Worten: Wir sehen all die Schläge, die Demütigungen und Gräuel schon kommen, bevor sie sich ereignen. In dem Moment, in dem Wolfgang in Freistatt einfährt, wissen wir im Grunde bereits, was passieren, aber auch, dass Wolfgang die Regeln brechen wird. Und tatsächlich scheint sein Freiheitsdrang den seiner Kumpanen zu übersteigen; Wolfgang ist eine Heldenfigur, der Einzige, der ständig dermaßen Lehrgeld für sein Ungehorsam kassiert, dass wir uns fast über seine Naivität wundern. Dabei bleiben Wolfgangs Schmerzen seltsam farblos, es spritzt kein Blut, wir sehen erstaunlich wenig blaue Flecken, kaum ein rot-verzerrtes Gesicht: So nüchtern und flach wie das Moor bleibt die affektive Skala des Protagonisten, der das Unrecht, das ihm geschieht, gar nicht so richtig an sich heran lässt. Stattdessen dramatisiert die Musik die Erzählung von Anfang an, sodass wir all die Schläge schnell ertragen lernen – die institutionalisierte Gewalt baut sich nicht wirklich auf, sondern ist einfach da, ein Fakt.

Körperliche Dialoge, ansonsten Schweigen

"FREISTATT" zeigt uns also den Missbrauch eher aus einer Makroperspektive und versucht kaum, seine Figuren zu psychologisieren. Warum sind die Aufseher gewalttätig? Warum dulden Sie ihre eigene Verrohung? Wem nützt die Gewalt? Aus Wolfgangs Sicht, die unsere Sicht ist, erscheint diese Welt unterschiedslos: der Stiefvater, der Heimleiter, der Aufseher. Alles im Grunde völlig degenerierte, kaltherzige Tyrannen, Nazis. Die weiblichen Figuren sind auf eine andere Art verhängnisvoll: Neben seiner Mutter ist da noch Angelika, die Tochter des Heimleiters, die den naiven Wolfgang geschickt verführt und für ihre Zwecke ausnutzt. Die anderen Heiminsassen dagegen sind merkwürdig still, es wird kaum geredet, der Alltag in Freistatt ist Schweigen. Selbst Anton, der aus eigentlich unklaren Gründen alles dafür tut, Wolfgangs Sympathie zu gewinnen, ist kein wirklicher Gesprächspartner, jeglicher Dialog ist auf elementare Notwendigkeiten reduziert. Entscheidungen fallen nur körperlich: stehlen, wegrennen, verstecken, einfangen, Schläge kassieren. Diese Bewegungen exerziert Freistatt mehrmals durch, und die Kräfteverhältnisse im Heim verschieben sich marginal mit. Der Widerstand wird zur Routine.

Leiden für den Zusehenden

Wolfgangs abstrakte Vorstellung von einer Freiheit, die er nie hatte, richtet sich dabei auf wenige, weiche Objekte der Begierde, die der männlich-gewalttätigen Heimwelt und dem lebensfeindlichen Moor entgegenstehen: die besagte Tochter des Heimleiters, die überzeichneten roten Tomaten in dessen Garten, eine Fotografie seiner Mutter. Wolfgang scheint im Gegensatz zu den anderen Jungen stets zu wissen, dass eine andere Welt möglich ist. Wir erfahren aber wenig, vielleicht zu wenig, über Wolfgangs Leben, besonders vor Freistatt, sodass wir letztlich nicht seine Perspektive einnehmen können. Er bleibt Stellvertreter, Repräsentant eines geschehenen Unrechts, Opfer der Verhältnisse: Wolfgang leidet nur und bleibt stark, damit wir es sehen, damit wir wissen, dass dies damals so passiert ist. So wendet sich der aufklärerische Gestus des Films gewissermaßen gegen sich selbst, er wird zum Selbstzweck. In dieser Linie endet auch der Film: Gewalt erzeugt Gegengewalt. So ist die Botschaft von "FREISTATT" unmissverständlich, aber auch verkürzt. Denn am Ende kann Wolfgang zwar das Heim verlassen, aber wir bleiben mit der subtilen Ahnung zurück, dass Wolfgangs wirkliche Leidensgeschichte gerade erst beginnt.

Filmkritik von Johannes Bluth --- 27.05.2015
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QUELLE: CRITIC.DE @ http://www.critic.de/film/freistatt-7946/
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Alt 17.07.2015, 05:50   #1023
Ehemaliges Heimkind
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Ausrufezeichen KINOFILM ausschließlich über ev. Erziehungsanstalt FREISTATT

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Gleichlautender Beitrag wie hier in diesem Forum von Boardnutzer »martini« / Martin MITCHELL, vom Mi. 15.07.2015, um 15:20 Uhr (MEZ/CET) im Thread »Freistatt Diakonie Freistatt Bethel ( eigentlich „Anstalt Freistatt im Wietingsmoor“ genannt ).« auch im HEIMKINDER-FORUM.DE :

Zitat:
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Erklärung der Diakonie Deutschland zum „großen Versagen“ „der evangelischen Heimerziehung in den“ Nachkriegsjahrzehnten.

Zitat:
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Diakonie Deutschland

[ @ http://www.diakonie.de/freistatt-der-film-16376.html ]

29.06.2015 - "FREISTATT" erinnert an das große Versagen auch der evangelischen Heimerziehung in den Nachkriegsjahren, so Diakonie-Präsident Ulrich Lilie zum Kinostart des Films am 25. Juni in einer Erklärung.

[ ein Bild der FILMSZENE, wo der Erzieher den Zögling mit dem Torfspaten gegen den Kopf schlägt und der Zögling darufhin längshin in den Morast fällt ]

Aus Anlass des aktuellen KINOFILMS "FREISTATT" erklärt Diakonie-Präsident Ulrich Lilie [ der neue Diakonie-Präsident seit März 2014 ]:

Der Film "FREISTATT" erinnert uns an das große Versagen auch der evangelischen Heimerziehung in den Nachkriegsjahren. „Dass Kinder und Jugendliche in unseren evangelischen Heimen schweres Leid und Unrecht erfahren haben, beschämt uns immer noch zutiefst. Der Mut der Betroffenen, ihre Erlebnisse und Traumata öffentlich zu benennen, hat uns die Augen geöffnet. Die Einrichtungen der Diakonie haben Verantwortung für die Geschehnisse der Vergangenheit übernommen und gemeinsam mit den ehemaligen Heimkindern einen Prozess der Aufarbeitung, der persönlichen Begleitung und des Dialogs aufgenommen.

Auch wenn wir uns bewusst sind, dass materielle Hilfe das erfahrene Leid und die verlorenen Lebenschancen der betroffenen Menschen nicht wiedergutmachen kann, beteiligen wir uns in aller Konsequenz am Heimkinderfonds und dessen Aufstockung. Wir setzen uns zudem seit langem für einen Fonds für Betroffene ein, die als Kind in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben. Viele diakonische Träger bieten weitere individuelle Hilfen an. 2011 haben EKD und Diakonie die ehemaligen Heimkinder öffentlich um Verzeihung gebeten.

Auch mir ist es ein Anliegen, unser Versagen und unsere Schuld zu bekennen und die Menschen um Verzeihung zu bitten, die in unseren Heimen großes Leid und Unrecht erfahren haben. Das, was dort passiert ist, steht im deutlichen Widerspruch zu unseren christlichen Überzeugungen. Es beschämt mich, dass der Umgang mit den anvertrauten Kindern und Jugendlichen nicht von christlicher Liebe geprägt war.

Heute gilt es Vorkehrungen zu treffen, damit Missbrauch und Gewalt in Einrichtungen der Diakonie nicht mehr geschehen. Dazu zählen z.B. Schutzkonzepte, neutrale Vertrauenspersonen für Kinder und Jugendliche, Rechtekataloge, Informationen und Qualifizierungen der Mitarbeitenden. Mittlerweile gehören diese Maßnahmen zum Standard diakonischer Einrichtungen.“

Der Spielfilm "FREISTATT" [ siehe @ http://www.freistatt-film.de
], der am 25. Juni bundesweit in den Kinos angelaufen ist, thematisiert die Fürsorgeerziehung in Heimen in der Nachkriegszeit. Freistatt gehört zu den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Dort wurden damals Jungen und junge Männer auf Anordnung der Jugendämter und Gerichte oder auch auf Betreiben der jeweiligen Familien aufgenommen.

Bethel [ siehe @ http://www.bethel.de/ ] hat die Dreharbeiten für den Film maßgeblich unterstützt. Bereits bei der Erarbeitung des Drehbuchs gab es zahlreiche Gespräche und Recherchen in der Ortschaft Freistatt und einen Austausch mit ehemaligen Fürsorgezöglingen, die mit Freistatt auch vorher schon in Kontakt standen. Ganz wesentlich bezieht sich "FREISTATT"-Regisseur Marc Brummund auf die wissenschaftliche Aufarbeitung zur Fürsorgeerziehung in Freistatt, die 2009 im Bethel-Verlag erschienen ist.

Copyright der Bilder auf dieser Seite:
Salzgeber & Co. Medien GmbH


Literaturliste zur evangelischen Heimerziehung nach 1945 (PDF. 11KB) [ http://www.diakonie.de/media/Literatur-evHeimerziehung-nach-1945.pdf ]
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QUELLE: Diakonie Deutschland / Bethel / Freistatt / Diakonie Freistatt / Bethel im Norden / Diakonie Präsident @ http://www.diakonie.de/freistatt-der-film-16376.html

Und damit soll es dann auch getan sein, meint zumindest die Diakonie Deutschland / die Evangelische Kirche in Deutschland / Bethel ( das „Haus Gottes“ ).
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Beitrag / Stellungnahme dazu von Boardnutzer »brötchen« vom Mi. 15.07.2015, um 17:36 Uhr (MEZ/CET) im Thread »Freistatt Diakonie Freistatt Bethel ( eigentlich „Anstalt Freistatt im Wietingsmoor“ genannt ).« im HEIMKINDER-FORUM.DE :

[ @ http://heimkinder-forum.de/v4x/index.php/Thread/460-Freistatt-Diakonie-Freistatt-Bethel/?postID=465510#post465510
]

Zitat:
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Ich hatte folgende Sätze hier im Februar 2013 mal gepostet. Passiert ist seither mit diesem ehemaligen Verantwortlichen von Freistatt nix. Stattdessen postet die Diakonie eine nichtssagende, schwammige Pressemitteilung. Sie – diese Bodelschwingh-Pastoren – haben sich wie andere Verantwortliche eine goldene Nase auf Kosten der Heimkinder verdient. Hier nochmal meine Sätze von vor zwei Jahren:

"Freistatt war, wie bekannt, eine Einrichtung der von Bodelschwinghschen Anstalten mit der Zentrale in Bielefeld. Der Hauptverantwortliche dort war immer ein von Bodelschwingh. Und was macht nun der jetzige Bodelschwingh? Lesen wir:

Zitat:
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"Mittlerweile gesteht die Diakonie das Unrecht ein, das sie in Freistatt in der Vergangenheit begangen hat, und beteiligt sich aktiv an seiner Aufarbeitung, allerdings nur so weit, wie sie für die Diakonie keine größeren Kosten verursacht. Das heißt, eine Entschädigung der Opfer für die lebenslangen psychischen, sozialen, teils auch körperlichen Folgeschäden, sowie eine Nachzahlung aufgrund von Zwangsarbeit nicht abgeführter Rentenversicherungsbeiträge fand bisher nicht statt. Ebenso wurden keine Täter und Verantwortliche (die sogenannten “Erzieher”, “Hausväter” und Diakone) für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen." (Aus: "Freistatt und seine Anstalten")
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Stattdessen kümmert sich der jetzige von Bodelschwingh um Kinder in Tschernobyl: http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article112182308/Lebensweg-war-vorgezeichnet-dann-kam-Tschernobyl.html

Wenn Du also ein ehemaliges Heimkind bist, dass in Freistatt soviel Leid erfahren hat und du wissen möchtest, warum sich Herr von Bodelschwingh als der Verantwortliche für Freistatt nicht darum kümmert, dass Dir endlich Gerechtigkeit widerfährt, dann ruf ihn an und frag ihn das!

von Bodelschwingh, Dietrich
Carl-Diem-Str. 31
32257 Bünde
Tel.: (0 52 23) 9 85 99 46

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Dietrich von Bodelschwingh (Jg. 1940) war sogar mal Heimleiter, bzw. „Theologischer GeschäftsführervonDiakonische Heime Freistatt“ / „Anstalt Freistatt“ / „Diakonie Freistatt“ / „Bethel im Nordenvom 31.08.1990 bis 01.06.1999; und während der ersten 4-5 Jahre dieses Zeitraums seiner Tätigkeit dort, war dasBethel-eigene Freistätter Torfwerkebenso noch in Betrieb.
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Alt 17.07.2015, 15:59   #1024
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Die Arbeit in den Mooren war schon immer eine schlecht bezahlte Knochenarbeit. Nur wer wirklich keine andere Möglichkeit sah, sein Leben zu fristen, ging freiwillig ins Moor.

Kriegsgefangene wurden bereits im 1. Weltkrieg in die zahlreichen Moore Norddeutschlands geschickt. Streng bewacht und oftmals misshandelt, kultivierten sie große Flächen für die deutsche Landwirtschaft und bauten gleichzeitig den Torf ab, der in erster Linie als Brenn- und Energiemittel zum Einsatz kam.

In Nazi-Deutschland wurden hauptsächlich Kriegsgefangene und KZ-Insassen und natürlich Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen zu Moorarbeiten herangezogen. Streng bewacht, unterernährt, misshandelt, ließen viele ihr Leben im Moor.

Berühmt-berüchtigt wurde das Börgermoor bei Papenburg durch das Lied „Die Moorsoldaten“:

Zitat:
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„Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten
ins Moor.
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( Dies ist die 2. Strophe des Liedes, die hier von mir zitiert wird; der ganze Text ist hier zu finden @ http://www.diz-emslandlager.de/moorlied.htm )

In der Nachkriegszeit wurden sofort Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Heimen (besonders „Johannesburg“ und „Freistatt“) in den Mooren zur Arbeit herangezogen. Auch für diese galt: härteste Arbeit, unzureichende Ernährung, kein Lohn für die Knochenarbeit, strengste Bewachung, schlechte Unterbringung, schlechte Kleidung, Misshandlungen durch die “Aufseher”.

Wie dies in den Nachkriegsjahrzehnten für westdeutsche Heimzöglinge in westdeutschen Heimen aussah, spiegelt sich jetzt sehr realitätsnah im aktuell in deutschen Kinos laufenden KINOSPIELFILM "FREISTATT" wider.

Wer sich hier weigert, von Zwangsarbeit zu reden, ist entweder geschichtsblind oder schlicht bösartig!

Torfgewinnung und Torfverarbeitung in deutschen Mooren und Torfwerken - ORTE DER ZWANGASARBEIT
(mit nahegelegenen staatlichen und kirchlichen Heimen/Erziehungseinrichtungen/Anstalten/Lagern zu diesen Torfabbau- und Torfproduktionsstellen)

( Diese Liste ist nicht unbedingt vollständig! )


Zitat:
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Torf-Werke, Turba, Teufelsmoor; bremische Teufelsmoor
Toten Moor, Neustadt am Rübenberg; Torfwerk Neustadt: im Toten Moor bei Neustadt am Rübenberge
Großmoor: Geschiche des Torfabbaus im Toten Moor
Firma Torfverwertung Poggenmoor und Torfoleumwerk Poggenhagen, Neustadt am Rübenberge, Eduard Eugen Dyckerhoff GmbH, Eduard Eugen Dyckerhof auch Eigentümer der Moorflächen
Geschichte der Saline/Alpentorfwerke Rosenheim, Bayern
Geschichte des größten südostbayrischen Hochmoores - den "Kendlmühlfilzen"
"Kollerfilzen" und "Sterntalerfilzen" bei Raubling (Michael Nickl)
zum Torfwerk Raubling-Nicklheim
Torfwerk Raubling (nahe Rosenheim)
the small torfwerk at Wielhiem in southern Germany
das Torfwerk Schussenried im Wilden und Henauer Ried
Torfbahnhof Rottau
das Torfwerk "Kendlmühlfilz" bei Rottau
1919 gegründeten Verband der Landestorfwerke GmbH, Bayern
Deutsche Torfverwertung GmbH (German Peat Processing Co. Ltd.)
Fabrik für Torfverwertung im … (in Schleswig-Holstein)
Torfwerk Meiners, Schülp bei Nortorf, Rendsburg-Eckernförde, Schleswig-Holstein
Torfwerk Brinkmann; Torfwerk Brinkmann GmbH & Co KG. Hauptstraße 343. 26683 Saterland-Scharrel, zwischen Papenburg und Oldenburg, Niedersachsen
Torfwerk Brinkmann in Skäddel
Torfwerk Brinkmann KG, Scharrel/Oldenburg
Saterland-Scharrel Torfwerk Edewecht GmbH
Edewecht-Husbäke Torfwerk Einfeld, Neumünster
Torfwerk Edewecht in Edewecht
W.A.S. Brenntorfwerk GmbH & Co. KG, Schwaneburger Str. 66, 26169 Friesoythe
Schwaneburgermoor auch Friesoythe-Schwaneburgermoor genannt, Landkreis Cloppenburg
Torfwerk Wittemoor (Nähe Kanalstraße), Oldenburg
Torfwerk Klasmann-Deilmann GmbH, Saterland-Sedelsberg
Torfwerk Klasmann; Torfwerk Klasmann-Deilmann, Surwold-Börgermoor,
100 Jahre Heseper Torfwerk der Firma Klasmann-Deilmann
Gemeinde Geeste, Ortsteil Hesepe der Stadt Bramsche im Osnabrücker Land, im niedersächsischen Landkreis Emsland
Emsland … LÖNINGEN Lastrup 63 Torfwerk Hahnenmoor
Torfwerk Hahnenmoor Grafelder Straße 44
Torfwerke und Humuserzeugnisse: Klasmann-Deilmann GmbH in Saterland, Moorgutsweg 2
Torfwerk Klasmann & Deilmann is next to Sedelsberg
von dem inzwischen stillgelegten Torfwerk Klasmann, das über 50 Jahre hindurch die Abtorfung des Weißen Venns durchgeführt hat
Die Klasmann-Deilmann GmbH ist 1990 aus der Fusion der 1913 gegründeten Klasmann Werke GmbH und der 1920 entstandenen Torfbetriebe der C. Deilmann AG hervorgegangen.
wie der Arbeitsablauf beim Torfwerk Klasmann vonstatten ging und unter welch schwierigen Umständen die Torfarbeiter ihren kargen Lohn verdienen mussten
Torfwerk Klasmann, Werk Vehnemoor, Edewechterdamm
Edewechterdamm-Vehnemoor
Vehnemoor GmbH
Torfwerk Klasmann in Mappen
Torfwerk Klasmann-Deilmann, Werk Twist-Schöningsdorf
Torfwerk Bernhard Hülskamp
50 Jahre Torfindustrie in Velen
Torfgewinnung Velen-Ramsdorf
Torfwerk Klostermoor
Torfwerk Tiste
Torfwerk Klasmann, Velen-Ramsdorf
Torfwerk Klostermoor
Torfwerk Möllenberg, Edewecht
Torfwerk Union, Scharrel
Torfwerk Wirsing, Edewecht
Torf-Werke, Sauensiek
Lager der Torfwerke in Uchte, Landkreis Nienburg/Weser
Zwangsarbeit in Uthlede … Torfwerk
Gefangenenlager am Torfwerk im Himmelmoor
dem Torfwerk des Landesvereins für Innere Mission (in Schleswig-Holstein)
Geschäftsführer des Torfwerkes Moorkultur Ramsloh, ... der Zwangsarbeit auf dem Moorgut Ramsloh
Hoeveler & Dieckhans, Aschendorfer Moor
ins Celler Zuchthaus gekommen und durch die Zwangsarbeit in Torfwerken so schwer …
Die Schweger Moorzentrale im Dammer Moor galt als das größte Torfwerk
In der Region Ravensburg waren dies beispielsweise das Torfwerk in …
Michael Nickl sein Torfwerk in der Kollerfilze
Torfwerk Brinkmann KG
Torfwerk Einfeld
Steinburg … Gelände des Torfwerks
Torfwerkes im Quickborner
in Oberteisendorf und am Forstamt Teisendorf bzw. im Torfwerk Ainring
Arbeiter im Torfwerk Oldendorf
Torfwerk Aschhorn
Das Torfwerk war nachher in Stotel
Gelderblom-Hameln (Rotenburg/Wümme), wo sie in einem Torfwerk arbeiten mussten
Haidgauer Torfwerk
im Torfwerk im Landkreis. Vechta
a 14-year-old Polish girl worked in Torfwerk in Sedelsburg (Sedelsbwerk)
das neuerbaute Torfwerk in Neu Valm
in Feilnbach ein Torfwerk
Torfwerk Haspelmoor bei München
Torfwerk Ainring
Neumarkter Torfverwertung GmbH, Krakau, Kdo, Plaszow
(1975) [kam ich] mit 15 anderen Gastarbeitern [aus der Türkei] in einem Torfwerk, in der Nähe des kleinen Dorfes Esterwegen im nördlichen Emsland unter: „Man hat uns diese Arbeit gegeben, weil die Deutschen sie nicht wollten.“
[2003 meint jemand] „Nach meinem Wissensstand gibt es in Schleswig-Holstein noch genau fünf Torfwerke mit aktiven Feldbahnen“

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Bei der Zusammenstellung dieser Liste habe ich mich jetzt einfach mal auf die kurzenGOOGLE-Index-Zitate – bzw. Zitat-Brocken – beschränkt.
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Alt 19.07.2015, 00:46   #1025
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Es erstaunt mich nicht wenig, dass gerade DER SPIEGEL – der ja vor mehr als 2 Jahren den ZDF-Fernsehfilm »Und alle haben geschwiegen« (über die nachkriegsdeutsche bundesrepublikanische Heimerziehung) inzenierte und unterstützte – sich bisher zum KINOSPIELFILM "FREISTATT", an folgender Stelle, nur ganz, ganz kurz, und gut versteckt, wie folgt, geäussert hat:

Zitat:
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@ http://www.spiegel.de/spiegel/kulturspiegel/d-135157628.html

Weitere Filme

Ab 25.06.2015

"FREISTATT". Regie Marc Brummund. Mit Louis Hofmann, Alexander Held, Katharina Lorenz. "Zwangsarbeit statt Rock 'n' Roll" heißt es 1968 für den 14-jährigen Wolfgang. An Körper und Seele des jungen Helden wird durchexerziert, wie hässlich die schwarze Pädagogik in vielen Erziehungsheimen der Bundesrepublik war. Das drastische Jugenddrama entstand an Originalschauplätzen der niedersächsischen Diakonie "Freistatt", die den Film als Teil ihrer Aufarbeitung unterstützt hat.
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