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Alt 08.04.2009, 14:58   #1
Paolo_Pinkel
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Standard Trotz aller Debatten um Hartz IV ist das Land fast ein zweites Schweden

Zitat:
Kai Diekmann, Chefredakteur "Bild"-Zeitung

»Wie viel verdienen Sie?« Kai Diekmann runzelte die Stirn, schob seine Brille zurück und verstummte. Er wusste, dass es eine nur allzu logische Frage war, an einem Tag an dem sich die Titelmieze – Jenny aus Oberhausen (23) – und eine Umfrage über deutsche Durchschnittsgehälter die Titelseite der Bild teilten. Geld und Sex; Sex und Geld. »Ich habe 80 Paar Schuhe und keinen Mann«, sagt Jenny. Die Zahlen der Umfrage – Bild-untypisch kleingedruckt – sind ähnlich aufschlussreich: Ein Arzt (West) verdient 3.586 Euro, ein Busfahrer 2.081. Und die interessanteste Enthüllung von allen: Die Mehrheit der Deutschen verdient zwischen zehn und 20 Euro die Stunde.

Trotz aller Debatten um Hartz IV ist das Land fast ein zweites Schweden – ein egalitäres Gesellschafts-system, regiert von Neid und Missgunst – und kontrolliert durch Bild. Es ist Bild, die Oberwachmeisterin, die nicht müde wird, die aufgeblähten Bezüge von Politikern und Beamten zu beanstanden – und die gleichzeitig für höhere Abgeordnetengehälter wirbt. Bild protestiert gegen steigende Lohngefälle, gegen den Mangel an Sensibilität der reichen Leute – aber zugleich auch gegen die Reichensteuer. Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, wird an den Pranger gestellt, nachdem er das ›Victory‹-Zeichen zeigte – und erhält dann die Möglichkeit in der Bild zu erklären, weshalb er soviel verdient.

Bild wird von Leuten gemacht, die fette Gehälter beziehen. Sie schreiben für Leute, die zwischen 10 und 20 Euro die Stunde verdienen. Bild zu edieren, heißt Vorstellungskraft und Fantasie zu besitzen. Hoch oben im zehnten Stock des Axel-Springer-Gebäudes – der unansehnlichen alten Waschpulverfabrik auf Hamburgs Gänsemarkt – versucht sich Kai Diekmann in einen Zahntechniker (Gehalt: 1.901 Euro) hineinzuversetzen. Er behauptet, am Puls der Nation zu sein; das ist seine Macht. Tatsächlich ist Bild pure Fantasie, ein tagtäglicher Versuch, den Deutschen zu erzählen, was sie denken sollen.

Nun: »Wie viel verdienen Sie, Herr Diekmann – ganz grob gesagt?« Diekmann, dünner und wendiger, seit er sich einer ›Fruit-for-Lunch‹-Diät verschrieben hat, springt von seinem bleichen Bürosofa, schleicht um seinen Schreibtisch, öffnet die Jalousien. Therapeuten nennen so etwas eine Übersprungshandlung. In Großbritannien werden leitende Redakteure wie Industriechefs bezahlt. Chefredakteure von Boulevardblättern verdienen mit Aktienoptionen über eine Million Pfund im Jahr.

Diekmann bereitet die Frage Unbehagen. Es kratzt an seinem Selbstwertgefühl – das Bewusstsein, vom Springer Verlag vielleicht nicht angemessen entlohnt zu werden. Er ist jedoch zu clever, zu sehr Corporate Player, um seinen Verdruss darüber zu zeigen. Stattdessen sagt er: »Da müssen Sie Mathias Döpfner fragen.« Und für einen kurzen Augenblick erscheint Diekmann, König des zehnten Stockwerkes (Vier Vorzimmerdamen! Frische Sonnenblumen!) und einer der einflussreichsten Journalisten Deutschlands, wie ein ganz gewöhnlicher Angestellter. Und wirklich: Auch der durchschnittliche Bild-Leser ist unendlich neugierig darauf, die Zahl auf dem Gehaltsscheck seiner Vorgesetzten zu erfahren.

»Ich vermute, Döpfner verdient rund 1,2 Millionen Euro?« untertreibe ich wissentlich. Diekmann tauscht Blicke mit seinen Assistenten für Sonderaufgaben. Sie schütteln den Kopf. Das ist offensichtlich nicht das erste Mal, dass sie mit diesem Problem konfrontiert werden. Es liegt im tiefsten Machtzentrum der Springer-Elite begraben: Wie steht Diekmann zu Döpfner? Können zwei Alpha-Tiere das Rudel der Springer-Wölfe führen?

»Das kann eigentlich nicht ausreichend sein«, sagt Diekmann voller Ernsthaftigkeit. »Wenn der gesamte Vorstand im vergangenen Jahr zehn Millionen an Bezügen gehabt hat, kann es nicht sein, dass der Vorstandsvorsitzende nur 1,2 Millionen davon erhalten hat. Vier Leute sitzen im Vorstand, also sind es für jeden schon etwa 2,5 Millionen. Jetzt gehe ich davon aus, dass der Vorsitzende und sein Stellvertreter mehr als ich bekommen.« Diekmann kommt noch zweimal während des Treffens auf diese Frage zu sprechen, einmal, als wir die Treppen zur Redaktionsetage hochgehen und das Diktiergerät ausgeschaltet ist. »Es tut mir leid, aber es ist einfach nicht üblich, über solche Dinge zu reden, Gehälter sind das letzte Tabu in diesem Land.«


Aha. Scheinheiligkeit ist also die Quintessenz des Boulevards. Es ist offenbar in Ordnung, über die Gehälter von Ex-Bundeskanzler Schröder zu mutmaßen, es ist beinahe schon obligatorisch sich über das Sexleben von Berühmtheiten auszulassen, aber Spekulationen über Führungskräfte von Zeitungen – Mitglieder derselben Borchardt- und Bocca-di-Bacco-Tischgesellschaft –, die sollen gefälligst ausbleiben. Nichts jedoch vermag Diekmanns fast lüsterne Neugier auf Döpfner zu verbergen, einem der wenigen Menschen in der Welt, die ihn tatsächlich feuern könnten.

Er behauptet, ihn verbände eine Freundschaft mit Döpfner, genauso wie auch ich behaupte, mit meinem Boss befreundet zu sein. »Mathias ist nicht nur Chef, sondern ein Freund«, sagte er der faz, »wir können leidenschaftlich über Schlagzeilen von Bild streiten, und zuweilen äußert er sich in anderen Publikationen, was er von einigen Kommentaren in Bild hält – oder eher was nicht. Aber er hält mir immer den Rücken frei ...«

Trotzdem würde ich an Diekmanns Stelle besonders wachsam auf meinen Rücken achten. Es ist eine jener ›Freundschaften‹, die Spuren von Rivalität und Ressentiments aufweisen. Für Döpfner ist alles ein wenig zu glatt gelaufen, seine Metamorphose vom Musikkritiker zum Witwen-Vertrauten. Döpfners Erfolg basiert auf seiner Fähigkeit, schnell – sehr schnell – über dünnes Eis laufen zu können, von einem potenziellen Desaster zum nächsten eilend. Diekmann sieht sich selbst als Handarbeiter: »Ich muss jeden Tag da sein, weil ich anders als andere Kollegen eben nicht nur hier sitze und nachdenke und nachmittags in die Runde werfe: ›Vergesst mir Südostasien nicht‹, sondern ich mache das Blatt von morgens bis abends. Ich führe jede Konferenz und habe jetzt gerade jede Seite gemacht, kann Ihnen also von jeder Seite sagen, was Seitenaufmacher ist.«

Diekmann ist Katholik, redet aber wie ein Calvinist. Für ihn muss Erfolg – andauernder Erfolg – durch harte Arbeit verdient sein. Das ist genau das, was Bild zur Springer-Milchkuh hat werden lassen. Die Auflage von Bild mag sinken, aber sie wurde zum Vorzeigemodell, wie man mit der Konkurrenz durch Gratiszeitungen à la Metro und 20 Minuten, die überall in Europa erfolgreich ist, umgeht. Diekmann verbrachte drei Monate in Polen, um dort die Zeitung Fakt aufzubauen – ein Bild-Klon, der bereits zwei Jahre nach Erscheinen Profit machte. Das ist also Springers große Hoffnung: Bild for export. Die Formel wird bald auch auf Frankreich angewendet, und dann wird auch dort Handwerker Diekmann gebraucht. Er ist Chef des Marktführers in Deutschland, half den Marktführer in Osteuropa zu etablieren und ist dabei, das Gleiche andernorts zu erreichen. Per definitionem: ein Alpha-Journalist, der jedoch frustriert und unterschätzt scheint.

Eine bekannte Karrierestrategie für einen Alpha-Journalisten ist die Suche nach einem Mentor, einem Patriarchen oder einem schützenden Clan. Diekmann schien sich auf diesen Pfad zu begeben, als er 1995 Jonica Jahr heiratete, die Lieblingstochter des Verlegers John Jahr. Zu dieser Zeit war er 31 Jahre alt, stellvertretender Chefredakteur der Bild und Ressortleiter Politik. Es erwies sich als ein günstiger Moment, um in eine mächtige Verlegerdynastie einzuheiraten: Die Welt öffnete sich ihm. Andere sahen nicht nur sein Talent, sondern erkannten auch seine Glanzlosigkeit. Er hatte niemals eine Universität besucht, und er war noch immer von der Aura Bielefelds umgeben: der Tatkraft, aber auch der Unbeholfenheit eines Aufsteigers aus der Provinz. Im Gegensatz dazu war Döpfner (Jahrgang 1963, Diekmann 1964) persönlicher Assistent des Gruner + Jahr-Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen, war Chefredakteur der Wochenpost und als kommender Chefredakteur der Hamburger Morgenpost im Gespräch – während er von Salon zu Salon glitt, Klavier spielte, reibungslos auf Deutsch und Englisch parlierend seine Zuhörer verzückte. Die Ehe mit Jonica half Diekmann zwar einige Türen zu öffnen, aber sie verlieh ihm nicht den erhofften gesellschaftlichen Glanz; in Gesellschaften redete er lieber über News Storys als über Daniel Barenboim.

Es gab auch nie eine vollständige Integration in den Jahr-Clan. Die Ehe zerbrach schnell, zeitgleich schlitterte Diekmann in eine seiner größten beruflichen Krisen. Der damalige Springer-Vorstandschef Jürgen Richter wollte den Verlag stärker von der CDU-Spitze distanzieren. Diekmann war aber eng mit Helmut Kohl verbunden. 1995 hatte er einige Wochen mit ihm zusammen gesessen um das Interview-Buch Helmut Kohl. Ich wollte Deutschlands Einheit vorzubereiten, und es bestanden keinerlei Zweifel an dem engen Verhältnis zum damaligen Kanzler. Bild war zum Sprachrohr Kohls geworden. Bereits als Redakteur einer Schülerzeitung in Bielefeld hatte Diekmann Kohl um ein Interview ersucht. Das war 1982 und Kohl war Oppositionsführer. Später, als Volontär bei Bild in Bonn, erhielt Diekmann seine zweite Chance: »Das habe ich mir auf dreiste Weise zum berühmten Gorbatschow-Goebbels-Vergleich erschlichen.« Noch ein wenig später begleitete er Kohl auf seinen Auslandsreisen. »Daraus ist dann eine gewisse Nähe entstanden – diese Nähe hatte aber mit der cdu überhaupt nichts zu tun, sondern war eine rein persönliche.« Was hat Kohl nur in Diekmann gesehen? Einen Gläubigen, einen geborenen Loyalisten, jemand Bodenständiges, ein Alpha-Tier – den Typ Mensch, den er seit zwei Jahrzehnten für den Kohl-Clan rekrutiert hatte? Einen ambitionierten, respektvollen Mann, der vielleicht auf der Suche nach einem Patriarchen ist? Diekmann hätte dem Kohl-Club beitreten können, tat dies aber doch nicht. Kohl war nützlich für Diekmanns Karriere, aber nicht von zentraler Bedeutung.

Jürgen Richter missdeutete diese Beziehung. Und verlor den Kampf. Sein Versuch, Diekmann in die machtlose Position des Leiters vom Springer-Auslandsdienst zu drängen, schlug fehl; blockiert durch das Votum des Kohl-Anhängers Claus Larass (damals Bild-Chefredakteur) und Leo Kirch. 1998 wurde Richter durch Gus Fischer ersetzt und Diekmann mit der Verjüngung der Welt am Sonntag betraut. Es war eine sehr aufreibende Zeit für Diekmann; Fotografien aus dem Jahre 1997 – der Zeit der Scheidung von Jonica und der Auseinandersetzungen mit dem Vorstand – zeigen ihn bleich und mit dunklen, verquollenen Augen. Fischer machte Platz für Döpfner, und Diekmann stieg mit ihm auf. Ein Führungsduo? Nicht wirklich, Döpfners Chancen waren zu gut, um von wirklicher Gleichberechtigung zu sprechen. Aber zwischen ihnen gedeiht das politische Profil des Axel Springer Verlags und dessen Einfluss auf das Spiel der Politik. »Es ist einfach, sich Kai Diekmann als jemanden vorzustellen, der eine politische Karriere anstrebt«, sagt ein Freund. »Er hat den Riecher dafür. Und die Ellbogen.« Döpfner dagegen »ist mehr ein Lord Chamberlain am Kaiserlichen Hof. Er macht sich mehr Feinde als Kai, obwohl Kai an der Frontlinie steht«.

Der Wert Diekmanns für Springer besteht nicht nur in der Tatsache, dass Bild Gewinne abwirft, sondern auch in seinem Gespür für das politische Gewicht des Boulevards: Die Kraft des Schweigens ist größer als die Kraft sensationslüsterner Enthüllungen. Wer ahnt schon, wie viele Geheimnisse und Gerüchte täglich durch die Bild-Büros wandern? Diekmanns Einstieg in die Geheimnissphäre der Elite begann während seiner Reporterjahre in Bonn: »Ich habe beispielsweise 1994 bereits sehr früh von der Krankheit von Kohls Frau erfahren, die ihn auf einer Reise nicht begleiten konnte und im Krankenhaus lag.« Die beiden Männer kamen darin überein, diese Nachricht geheim zu halten – bis zum richtigen Augenblick. Wie jeder kundige Boulevardjournalist sammelt Diekmann Gefälligkeiten und Verpflichtungen von Politikern. Früher oder später löst er die Schuldscheine ein und veröffentlicht die Geschichte, aber manche Politiker stehen noch jahrelang in seiner Schuld.

Diekmann beansprucht, eine ganze Menge Freunde in der Politik zu haben – aber das sind zerbrechliche Beziehungen, die ständig von einer möglichen Bekanntmachung bedroht sind. Ein Vertrauter Diekmanns sagt, er sei eng mit Oskar Lafontaine befreundet, und der Grund hierfür ist auch offensichtlich: Beide teilen die Leidenschaft für Populismus. Die Große Koalition belastet derzeit Diekmanns politische Freundschaften. All seine Instinkte leiten ihn zu Schwarz-Gelb. Kohl, dessen Rat von Diekmann geschätzt wird, sieht darin den einzig vernünftigen Weg, Deutschland zu regieren. Deshalb tut Bild beides: Angela Merkel stärken und gleichzeitig aus dem Hinterhalt angreifen, Unruhe zwischen den Koalitionären stiften und Guido Westerwelle zum Kolumnisten adeln. »Merkel traut Diekmann nicht«, sagt ein ehemaliger CDU-Mann, »sie glaubt, er werde im entscheidenden Augenblick die Bild-Zeitung von Roland Koch, Wulff oder einem anderen ihrer Gegner als Werkzeug missbrauchen lassen, um sie zu vernichten. Was Merkel betrifft, ist Diekmann Teil einer Bruderschaft – ein ›big swinging dick man‹«. Eine ironische Bemerkung, führte Diekmann doch eine peinliche Auseinandersetzung mit der taz, die behauptete, er habe sich einer spamverlängerung unterzogen.

Natürlich gibt es schon mal ein Treffen mit Merkel, aber keine intimen Abendessen. Merkel, ist sich Diekmann sicher, wird uns alle enttäuschen: »An diese Große Koalition sind Erwartungen gerichtet, und die sind bisher in keinster Weise erfüllt.« Wie Müntefering hat sie für Diekmann an Bedeutung verloren: Seine Macht hat sich einfach verflüchtigt. Bild zeigt ihn auf Krücken oder mit seiner lesbischen Tochter. Welchen Nutzen hätte es, mit Münte befreundet zu sein, der für seine eigene Partei nutzlos geworden ist? Für Diekmann muss Freundschaft einen Zweck erfüllen, einem höheren Ziel dienen.

Diekmanns Radius hat sich durch seine Frau Katja Kessler erweitert. Die Klatschreporterin und Ghostwriterin ist im Gegensatz zu Diekmann sehr kontaktfreudig. Immer häufiger inszenieren sie sich als ›Media Power Couple‹, ein vertrautes Phänomen in New York (wie etwa Harry Evans von Random House und Tina Brown, ehemalige Chefredakteurin von Vanity Fair und dem New Yorker), aber nach wie vor eine Kuriosität in Hamburg.

Auf die Frage hin, wem er sich in der politischen Welt am nächsten fühlt, benennt Diekmann Achim Schmillen, den ehemaligen Büroleiter Joschka Fischers und zukünftigen Botschafter in Nigeria. Eine eigenartige, aber aufschlussreiche Antwort – Schmillen war immerhin der Mann, der wusste, welche Fäden zu ziehen sind. Diekmann betrachtet sich anscheinend selbst als Strippenzieher der Nation. Er ist jedoch zu vorsichtig, um es laut auszusprechen: Politiker, so wie sie durch die Talkshows tingeln, sind ersetzbare Marionetten. Das riecht nach Zynismus. Ist in Wirklichkeit aber Eitelkeit und Größenwahn.

Jeder muss sich auf das Spiel mit Bild einlassen – oder er wird untergehen. Diekmann tarnt es als notwendigen demokratischen Auftrag: »Das ist doch die Aufgabe der Medien, Wachhund der Öffentlichkeit zu sein und Mächtige zu kritisieren.« Außerdem, wie Diekmann richtig bemerkt, buhlen Politiker um die Aufmerksamkeit der Bild und ihrer 11 Millionen Leser. »Wenn Christian Wulff ganz bewusst Politik mit dem schönen Satz gemacht hat: ›Ich bin ein langweiliger Politiker. Ich bin seit 18 Jahren verheiratet‹, war das natürlich indirekt auf seinen Amtsvorgänger Schröder gemünzt, um sich von anderen Politikern abzugrenzen. Er hat auch mit seiner Frau Wahlkampf gemacht, und dann ist es natürlich von öffentlichem Interesse, wenn er sich von seiner Frau trennt und auf einmal eine ganz junge, neue Frau an seiner Seite ist – dafür müssen wir uns interessieren.«

Schön und gut. Aber was wäre, wenn Bild schon sehr lange von dieser Liaison gewusst und sich mit Wulff darauf verständigt hätte, diese brisante Enthüllung erst nach der Wahl an die Öffentlichkeit zu bringen, als sie politisch nicht mehr so heikel war? Könnte es sein, dass hier eine Hand die andere gewaschen hat? Dass es eine Übereinkunft mit Westerwelle gegeben hat, als der sich entschloss, seine Männerliebe öffentlich zu gestehen? Wäre das nicht bewusste Irreführung der Leser – und der Wähler? Wie mächtig doch die Kraft des Schweigens ist.
Diekmann sagt, er sei ein Handwerker, und er hat den Stolz, ja sogar die Arroganz eines Klempners, der entweder das defekte wc zu einem Wucherpreis reparieren oder einfach fortgehen und einen in Exkrement ertrinken lassen kann. Diese Situation wäre aber immer noch besser als diejenige, die Herr Diekmann anbietet. Denn notfalls kann man einen anderen Klempner rufen. Wenn man aber mit einer Boulevardzeitung zusammenarbeiten will, bleibt nur Bild. Gerhard Schröder hat bekanntlich einmal gesagt, dass er zum Regieren nur Bild, BamS und Glotze brauche. Aber, wie Diekmann bemerkt, ist noch nicht einmal mehr die Glotze ein Machtinstrument – jedenfalls nicht, seit der Zuschauer sich zwischen 30 und mehr Kanälen entscheiden muss. Nein, jetzt gibt es nur noch Bild: Politiker und Berühmtheiten sehnen sich nach ihrer Aufmerksamkeit und fürchten ihre Missgunst. Kein anderes Organ dringt mit solcher Gründlichkeit in ihre Privatsphäre ein. Bild – Kai Diekmann – definiert die Grenzen dieser Privatsphäre, entscheidet, wer gefördert und wer wie ansprechend präsentiert werden soll. Er spielt Gott auf dem Gänsemarkt.

Ich wollte immer glauben und habe auch immer behauptet, dass der Boulevardjournalismus zutiefst moralisch in seinem Dienst am kleinen Mann handelt. Er hat die Rolle der frühen Kirche übernommen, die Schwachen zu schützen. Nun bin ich mir dessen nicht mehr so sicher. Die Chefredakteure des Boulevards sind selbst längst Teil der Elite, und Religion ist zu nichts anderem als einem reinen Marketinginstrument verkommen: Diekmann übergibt Papst Benedikt XVI. eine Volksbibel. Er engagiert Schauspieler und Manager, um den Bibeltext zu erklären. »Wir sind Papst!« war mehr als nur ein geschmackloser Aufmacher. Es war die Bestätigung, dass der deutsche Papst eine Berühmtheit ist. Und wir alle wissen ja, was Berühmtheiten passiert, wenn sie Kai Diekmann verärgern.

»Glauben Sie an Gott?«, frage ich ihn. »Ich bin ein Katholik«, entgegnet er und ich vermute, dass diese Antwort bedeutet: Ja. Welche Erleichterung: Katholiken sind schließlich verpflichtet, ihre Sünden zumindest im Stillen zu beichten.

Roger Boyes

Aus dem Englischen von Franziska Oehmer
Kai Diekmann, Chefredakteur "Bild"-Zeitung - jetzt.de - Macht - jetzt.de

Gruss

Paolo
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Alt 09.04.2009, 04:08   #2
Sancho
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Standard Kai Diekmann, Chefredakteur "Bild"-Zeitung

Zitat:
Gott auf dem Gänsemarkt

Roger Boyes über Kai Diekmann



»Wie viel verdienen Sie?« Kai Diekmann runzelte die Stirn, schob seine Brille zurück und verstummte. Er wusste, dass es eine nur allzu logische Frage war, an einem Tag an dem sich die Titelmieze – Jenny aus Oberhausen (23) – und eine Umfrage über deutsche Durchschnittsgehälter die Titelseite der Bild teilten. Geld und Sex; Sex und Geld. »Ich habe 80 Paar Schuhe und keinen Mann«, sagt Jenny. Die Zahlen der Umfrage – Bild-untypisch kleingedruckt – sind ähnlich aufschlussreich: Ein Arzt (West) verdient 3.586 Euro, ein Busfahrer 2.081. Und die interessanteste Enthüllung von allen: Die Mehrheit der Deutschen verdient zwischen zehn und 20 Euro die Stunde.

Trotz aller Debatten um Hartz IV ist das Land fast ein zweites Schweden – ein egalitäres Gesellschafts-system, regiert von Neid und Missgunst – und kontrolliert durch Bild. Es ist Bild, die Oberwachmeisterin, die nicht müde wird, die aufgeblähten Bezüge von Politikern und Beamten zu beanstanden – und die gleichzeitig für höhere Abgeordnetengehälter wirbt. Bild protestiert gegen steigende Lohngefälle, gegen den Mangel an Sensibilität der reichen Leute – aber zugleich auch gegen die Reichensteuer. Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, wird an den Pranger gestellt, nachdem er das ›Victory‹-Zeichen zeigte – und erhält dann die Möglichkeit in der Bild zu erklären, weshalb er soviel verdient.

Bild wird von Leuten gemacht, die fette Gehälter beziehen. Sie schreiben für Leute, die zwischen 10 und 20 Euro die Stunde verdienen. Bild zu edieren, heißt Vorstellungskraft und Fantasie zu besitzen. Hoch oben im zehnten Stock des Axel-Springer-Gebäudes – der unansehnlichen alten Waschpulverfabrik auf Hamburgs Gänsemarkt – versucht sich Kai Diekmann in einen Zahntechniker (Gehalt: 1.901 Euro) hineinzuversetzen. Er behauptet, am Puls der Nation zu sein; das ist seine Macht. Tatsächlich ist Bild pure Fantasie, ein tagtäglicher Versuch, den Deutschen zu erzählen, was sie denken sollen.
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Alt 09.04.2009, 07:28   #3
Irisanna->Emailproblem
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Irisanna
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Standard AW: Kai Diekmann, Chefredakteur "Bild"-Zeitung

Ich denke, dass es mindestens 25 Jahre her ist, seit ich zuletzt die BILD gelesen habe. Mit gutem Grund!!
__

Ein Verbrechen hört dadurch, dass es zum Gesetz erhoben wird, nicht auf, ein Verbrechen zu sein.
(Oskar Loerke, Tagebücher)
Irisanna ist offline  
Alt 09.04.2009, 12:21   #4
Paolo_Pinkel
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Standard AW: Kai Diekmann, Chefredakteur "Bild"-Zeitung

Hi,

siehe auch hier:

http://www.elo-forum.org/news-diskus...-schweden.html

Gruss

Paolo
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Paolo_Pinkel ist offline  
Alt 09.04.2009, 12:45   #5
Berenike1810
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Standard AW: Trotz aller Debatten um Hartz IV ist das Land fast ein zweites Schweden

Tja, "Quo vadis Germania?"

Aber es macht doch echt keinen Spaß mehr überhaupt eine Gazette aufzuschlagen!


Die Ratten verlassen das sinkende Schiff und im Gepäck haben sie nur viele Geldscheine.

Der Kurpfuscher aus Freiburg klagt seine Millionen sogar noch ganz dreist ein!

Wenn Du falsch parkst und das Ticket nicht bezahlst, kommst Du in Beugehaft und darfst Deinen Aufenthalt danach auch noch bezahlen!!

Berenike
Berenike1810 ist offline  
Alt 09.04.2009, 14:04   #6
Kaleika
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Standard AW: Trotz aller Debatten um Hartz IV ist das Land fast ein zweites Schweden

Ich fügte die Threads mal zusammen.

Kaleika
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Lieber Gruß von Kaleika
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