Erwerbslosen Forum Deutschland (ELO-Forum) QR-Code des ELO-Forum
Mach mit. klick mich....
Impressum Stichwortsuche Spenden Strafanzeigen Verfahrensrecht Registrieren Hilfe Interessengemeinschaften Kalender Suchen Alle Foren als gelesen markieren

Start > > > > -> IMK: Positive Beschäftigungsentwicklung kein Effekt der Agenda 2010


 

 

Themen-Optionen Ansicht
Alt 09.03.2013, 16:07   #1
wolliohne
Forumnutzer/in
 
Registriert seit: 19.08.2005
Ort: Bonndeshauptstadt
Beiträge: 14.823
wolliohne Möchte sein Renommee nicht öffentlich anzeigen...
Du darfst nicht voten!
0
Du darfst nicht voten!

Standard IMK: Positive Beschäftigungsentwicklung kein Effekt der Agenda 2010

Haben sich die Arbeitsmarktreformen der Agenda zehn Jahre nach ihrer Ankündigung und gut acht Jahre nach dem Inkrafttreten von Hartz IV als erfolgreich erwiesen? Auf den ersten Blick könnte man das annehmen: Die Zahl der Erwerbstätigen erreicht Rekordstände und ist weit höher als vor einer Dekade. Doch liegt das wirklich an den Maßnahmen, die der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder am 14. März 2003 in seiner Agenda-Rede skizziert hat? Gustav Horn und Alexander Herzog-Stein, Wissenschaftlicher Direktor und Arbeitsmarktexperte des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung, haben die Arbeitsmarktentwicklung vor und nach den Arbeitsmarktreformen genau untersucht.* Ihr Ergebnis: Hartz & Co. haben weder das Wachstum noch die Beschäftigung erkennbar beeinflusst. Weitaus bedeutsamer war die gelungene Stabilisierungspolitik während der Wirtschaftskrise 2008/2009. Die wichtigsten Befunde:
- Erwerbstätigenzahl gestiegen, doch Arbeitsvolumen stagniert -
41,6 Millionen Menschen waren im Jahresdurchschnitt 2012 als Arbeitnehmer oder Selbständige erwerbstätig. Das waren knapp 2,7 Millionen mehr als 2003. Doch der Wachstumstrend begann keineswegs in den Agenda-Jahren, sondern schon viel früher, zeigen die Forscher. Schaut man auf die gesamte Phase seit der deutschen Vereinigung, so war der Tiefststand bereits im Jahr 1994 mit rund 37,5 Millionen Erwerbstätigen erreicht. Seitdem stieg die Zahl – mit konjunkturellen Schwankungen – an. Gleichzeitig veränderte sich aber die Struktur der Erwerbstätigkeit: Die Vollzeitbeschäftigung ging spürbar zurück, Teilzeitstellen und selbständige Tätigkeiten nahmen zu.
Folge dieses Wandels: Das Arbeitsvolumen, also die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden, lag 2012 kaum höher als 1994. “Gesamtwirtschaftlich fand also eine Umverteilung der Arbeit auf eine deutlich größere Anzahl von Erwerbstätigen durch Arbeitszeitverkürzung statt”, so Horn und Herzog-Stein. Unter dem Strich erweise sich der Einfluss der Strukturreformen auf die Erwerbstätigenentwicklung damit als klein, fassen die Ökonomen zusammen. Zudem relativiere die Stagnation beim Arbeitsvolumen die eindrucksvolle Entwicklung der Erwerbstätigenzahlen ganz erheblich. “Qualitativ ist das Bild äußerst durchwachsen”, schreiben die Forscher. “Atypische Beschäftigung wie auch die Niedriglohnbeschäftigung haben stark zugenommen und sich auf einem vorher nicht gekannten Niveau eingependelt.”
- Keine stärkere Erwerbstätigenentwicklung nach Hartz-Reformen – Um ihre Befunde vertieft gegen zu prüfen, verglichen die Wissenschaftler in einem zweiten Schritt die Konjunkturzyklen seit Inkrafttreten der Agenda-Reformen mit dem Zyklus unmittelbar davor. Vorteil des Verfahrens, welches das IMK bereits mehrfach angewandt hat: Da jeder Zyklus aus einem Auf- und dem darauf folgenden Abschwung besteht, lässt sich mit einem solchen Abgleich der Einfluss der Konjunktur auf die Erwerbstätigenentwicklung auf eine vergleichbare Basis stellen, etwa, indem man die unterschiedliche zeitliche Dauer der einzelnen Phasen herausrechnet. Die Auswirkungen einer strukturellen Änderung wie der Hartz-Reformen müsste daher im Zyklenvergleich deutlich sichtbar werden, so die Wissenschaftler: “Jenseits der Konjunktur müsste die Arbeitsmarktentwicklung nach den Reformen signifikant besser sein als zuvor, wenn diese als beschäftigungspolitischer Erfolg gelten soll.”
Für die drei Konjunkturzyklen, die von 1999 bis 2005, 2001 bis 2009 und von 2009 bis heute reich(t)en, beobachten Horn und Stein jedoch keinen Positiv-Effekt. Eher im Gegenteil: Wenn die unterschiedliche Dauer der jeweiligen Aufschwünge rechnerisch berücksichtigt wird, stieg die Beschäftigung im Zyklus vor den Hartz-Reformen ein wenig stärker an als in den beiden Durchgängen danach. Das lässt sich beispielsweise an der Beschäftigungsintensivität ablesen – darunter versteht man die prozentuale Veränderung des Erwerbstätigenniveaus, wenn die Wirtschaft um ein Prozent wächst. Sie lag im Aufschwung vor der Agenda geringfügig höher als in den beiden Nach-Agenda- Aufschwüngen. Die positive Beschäftigungsentwicklung sei also auf die Konjunktur zurückzuführen und nicht auf strukturelle Änderungen, so Horn und Herzog-Stein.
- Beschäftigungssicherung in der Krise als Schlüssel zum Joberfolg -
Während sich die Beschäftigungsentwicklung im Aufschwung mithin kaum unterschied, beobachteten die Forscher zwischen dem Abschwung des ersten und dem des zweiten Zyklus´ starke Differenzen: In der langen Stagnationsphase zwischen 2001 und 2005 sank die Erwerbstätigkeit noch um 1,5 Prozent. Die Beschäftigungsgewinne der Vorjahre gingen zu einem guten Teil wieder verloren. Im scharfen, aber relativ kurzen Abschwung während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 nahm die Erwerbstätigkeit dagegen sogar ein wenig zu. Das sei bislang einmalig, schreiben die Forscher. “Es spricht einiges dafür, dass hier der Schlüssel für die Beschäftigungsrekorde” der vergangenen Jahre liegen könnte. Denn durch die Jobsicherung in der Krise wurde “eine gute Ausgangslage für den darauf folgenden aktuellen Aufschwung” geschaffen. “Wenn man von einem Jobwunder sprechen will, dann liegt es hier”, sagt Horn. “Denn der tiefe Einbruch der Produktion in den Jahren 2008 und 2009 hätte unter früheren Umständen zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit weit über die Fünf-Millionengrenze führen müssen.”
Mit den Hartz-Reformen habe der gelungene Erhalt von Beschäftigung aber wiederum nichts zu tun, betont der IMK-Direktor. “Wesentliche Teile wie beispielsweise die Deregulierung der Leiharbeit zielten ja genau in die andere Richtung: Die externe Flexibilität am Arbeitsmarkt sollte erhöht werden. Leichter einstellen im Aufschwung, leichter entlassen im Abschwung war das Modell”.
- Konjunkturprogramme, Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten
Dass es ausgerechnet in der schwersten Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren anders kam, erklärt der Wissenschaftler vielmehr mit zwei Faktoren, die in eine ganz andere Richtung wirkten: Erstens einem Politikwechsel der damaligen großen Koalition. Nach anfänglichem Zögern betrieb die Regierung eine Stabilisierungspolitik aus Konjunkturprogrammen und erleichterter Kurzarbeit. Die machte es vielen Unternehmen leichter, mit dem Nachfrageausfall fertig zu werden. Zweitens, so Horn, bewährte sich in der Krise die hohe interne Flexibilität in vielen deutschen Industrieunternehmen. Vor allem in größeren Betrieben hatten Management und Arbeitnehmervertretungen Regelungen ausgehandelt, nach denen Mehr- oder Minderarbeit auch über längere Zeiträume über Arbeitszeitkonten abgerechnet werden konnten.
Im Aufschwung sei dies den Unternehmen zugute gekommen. “Sie konnten die höheren Absatzzahlen mit längeren Arbeitszeiten ohne spürbare Mehrkosten bewältigen, was ihre Rentabilität deutlich steigerte. Das befeuerte auch den Aufschwung und war sicherlich ein Grund, für dessen relativ lange Dauer”, erklärt Horn. Im Abschwung profitierten hingegen vor allem die Arbeitnehmer. “Sie wurden nicht entlassen, sondern ihre Arbeitszeit wurde bei nahezu unverändertem Einkommen gekürzt.” Zusammen mit den Impulsen durch die Regierungsprogramme stabilisierte das nicht nur die Beschäftigung in den direkt betroffenen Betrieben, sondern es verhinderte über die stabilen Einkommen einen Einbruch des privaten Verbrauchs. Auf diese Weise griff die Krise nicht auf die Dienstleistungssektoren über, und Deutschland konnte sich auch im internationalen Vergleich besonders rasch erholen.
Horns Fazit: “Der zweite Blick enthüllt, dass die gute Beschäftigungsentwicklung in Deutschland primär das Ergebnis einer guten Konjunktur und von flexiblen Arbeitszeiten ist.” Die Reformen der Agenda 2010 hätten wahrscheinlich die Effizienz der Arbeitsvermittlung verbessert und den Druck auf Arbeitslose, sich eine neue Beschäftigung zu suchen, erhöht. Dies reiche aber nicht, um das “Arbeitsmarktwunder” zu erklären. “Die Apologeten der Agenda 2010 verfallen bei ihren Feiern einer großen Illusion”, sagt der Ökonom.
Quelle: IMK Presse-Newsletter (nicht im Netz, siehe aber den folgenden Aufsatz von Gustav Horn) Gustav Horn: Die große Illusion
Die Feiern werden kein Ende nehmen. In diesen Tagen jährt sich zum zehnten Mal die Rede des damaligen Bundeskanzlers Schröder zur Einführung der Agenda 2010, mit der der Arbeitsmarkt in Deutschland Mitte des vergangenen Jahrzehnts gründlich umgestaltet wurde …
Der Aufschwung, der Ende 2005 begann, hat wie jeder andere Aufschwung vor Einführung der Arbeitsmarktreformen für steigende Beschäftigung und sinkende Arbeitslosigkeit gesorgt. Die entscheidende Frage ist also, hat dieser Aufschwung zu mehr Beschäftigung geführt als seine Vorgänger. Es gibt – wie so oft in der ökonomischen Wissenschaft – zwei Antworten auf diese Frage. Die erste lautet: ja. Denn über den gesamten Aufschwung gesehen, sind tatsächlich mehr Arbeitsplätze entstanden. Die zweite lautet: nein. Es sind nämlich nur deshalb mehr Arbeitsplätze entstanden, weil der Aufschwung länger gedauert hat. Das aber hat nichts mit den Arbeitsmarktreformen, sondern mit der guten weltwirtschaftlichen Konjunktur zu tun. Eine ähnlich erhöhte Beschäftigung ist denn auch in vielen anderen Volkswirtschaften, die keine Arbeitsmarktreformen durchführten, zu beobachten. Bereinigt man um die Effekte unterschiedlicher Dauer von Aufschwüngen, unterscheidet sich der Arbeitsplatzaufbau nicht von dem früherer Aufschwünge …
In dieser krisenhaften Lage erblühten die Vorteile betrieblicher Regelungen, die lange Zeit übersehen worden waren. Es geht um die Flexibilisierung der Arbeitszeit …
Der zweite Blick enthüllt also, dass die gute Beschäftigungsentwicklung in Deutschland primär das Ergebnis einer guten Konjunktur und von flexiblen Arbeitszeiten ist.
Quelle: IMK
Anmerkung JB: Im Springer-Verlag ist all dies jedoch immer noch nicht angekommen. Siehe dazu:
Schröders Agenda 2010 hat niemanden ärmer gemacht
Vor zehn Jahren umstritten, heute gefeiert: Die Agenda 2010 hat maßgeblichen Anteil an der aktuellen Wirtschaftsstärke Deutschlands. Davon profitieren alle Bevölkerungsgruppen
Quelle: Welt
__

"10 Jahre Unrechtsregime Bundesrepublik
Deutschland"
Im Namen der BRD-Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit Nebenwirkung Tot

Alle von mir gemachten Aussagen und Antworten auf Fragen entsprechen lediglich meiner persönlichen Meinung und stellen keinerlei Rechtsberatung dar.
wolliohne ist offline  
 

Stichwortsuche
2010, agenda, beschäftigungsentwicklung, effekt, positive

Themen-Optionen
Ansicht


Ähnliche Themen

Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
O.Lafontaine 10 Jahre Agenda 2010 zuteuer Linke und Hartz IV 71 16.11.2012 21:59
Agenda 2010 Altkanzler preist seine Agenda wolliohne Archiv - News Diskussionen Tagespresse 10 12.09.2012 11:09
Agenda 2020: Das Schüren von Ängsten als Mittel, die Agenda 2010 voranzutreiben wolliohne Archiv - News Diskussionen Tagespresse 3 28.08.2012 09:00
Agenda 2010: Die Kehrtwende der SPD Woodruff Archiv - News Diskussionen Tagespresse 22 10.03.2009 14:42
Agenda 2010 - die Abrechnung wolliohne Archiv - News Diskussionen Tagespresse 6 24.09.2008 09:55


Es ist jetzt 00:19 Uhr.


Powered by vBulletin® (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2017, Jelsoft Enterprises Ltd.
Search Engine Optimisation provided by DragonByte SEO (Pro) - vBulletin Mods & Addons Copyright © 2017 DragonByte Technologies Ltd.
Feedback Buttons provided by Advanced Post Thanks / Like (Pro) - vBulletin Mods & Addons Copyright © 2017 DragonByte Technologies Ltd.
ELO-Forum by Erwerbslosenforum Deutschland