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Alt 14.09.2012, 10:12   #1
Martin Behrsing
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Standard Ordnungswidrigkeit wegen nicht vollständiger Erteilung einer Auskunft

SGB II § SGB_II § 63 Abs. SGB_II § 63 Absatz 1 Nr. 4, § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1; SGG § SGG § 86a Abs. SGG § 86A Absatz 1 S.SGG § 86a Abs. SGG § 86A Absatz 2 Nr. 5,

1. Das Auskunftsverlangen i.S.d. § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II ist ein Verwaltungsakt.
2. Der objektive Tatbestand der Ordnungswidrigkeit nach §§ SGB_II § 63 Abs. SGB_II § 63 Absatz 1 Nr. 4, 60 Abs. SGB_II § 63 Absatz 2 S. 1 SGB II setzt voraus, dass das Auskunftsverlangen im Sinne des § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II in dem Sinne „verbindlich” ist, dass es entweder nicht mehr anfechtbar oder sofort vollziehbar ist.

OLG Hamm, Beschluss vom 12. 4. 2012 - III-3 RBs 426/11


Die Auskunftsverpflichtung gegenüber der Agentur für Arbeit nach § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 richtet sich an den, der jemandem, der eine Leistung nach dem SGB II beantragt hat oder bezieht, zu Leistungen – hierzu gehören insbesondere Unterhaltsleistungen – verpflichtet ist.
NZS Jahr 2012 Seite 713 Randnummer 1–4
Nach einhelliger Auffassung in der sozialgerichtlichen Rechtsprechung und der Literatur handelt es sich bei dem Auskunftsverlangen im Sinne des § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II um einen Verwaltungsakt im Sinne des § SGB_X § 31 SGB X; die Nichtbefolgung des Auskunftsverlangens stellt damit eine Ordnungswidrigkeit nach § SGB_II § 63 Abs. SGB_II § 63 Absatz 1 Nr. 4 SGB II dar.
NZS Jahr 2012 Seite 713 Randnummer 5
Der Widerspruch gegen ein Auskunftsverlangen im Sinne des § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II hat nach § SGG § 86a Abs. SGG § 86A Absatz 1 S. 1 SGG grundsätzlich aufschiebende Wirkung.
NZS Jahr 2012 Seite 713 Randnummer 6, 7


Zum Sachverhalt:

Das Amtsgericht hat den Betroffenen wegen „fahrlässigen nicht vollständigen Erteilens einer Auskunft” (Ordnungswidrigkeit nach §§ SGB_II § 63 Abs. SGB_II § 63 Absatz 1 Nr. 4, SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II) zu einer Geldbuße von 275 € verurteilt. Mit seiner Rechtsbeschwerde rügt der Betroffene die Verletzung formellen und materiellen Rechts.

Aus den Gründen:

Randnummer 1 1. Das Amtsgericht hat folgende Feststellungen getroffen:
Randnummer 2 Der geschiedenen Ehe des heute 40 Jahre alten Betroffenen entstammen eine 13 Jahre alte Tochter sowie der 12 Jahre alte Sohn M. Im Juni 2010 beantragte die frühere Ehefrau des Betroffenen für sich und den bei ihr lebenden Sohn M bei der „L GmbH” (gemeinsame Einrichtung im Sinne des § SGB_II § 44b SGB II) Leistungen nach dem SGB II. Die „L GmbH” informierte den Betroffenen hierüber mit Schreiben vom 25. 6. 2010, dem Betroffenen zugestellt am 29. 6. 2010, und forderte ihn unter Hinweis auf § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 SGB II und Fristsetzung bis zum 23. 7. 2010 auf, einen dem Schreiben beigefügten und mit „Erklärung zur Unterhaltsfähigkeit” überschriebenen Vordruck zusammen mit entsprechenden Nachweisen ausgefüllt und unterschrieben zurückzusenden. Der Betroffene reagierte auf dieses Schreiben nicht. Die „L GmbH” erinnerte ihn mit Schreiben vom 29. 7. 2010 unter Fristsetzung bis zum 20. 8. 2010 an die Erledigung des Auskunftsverlangens vom 25. 6. 2010. Der Betroffene reichte daraufhin am 20. 8. 2010 den von ihm ausgefüllten Vordruck „Erklärung zur Unterhaltsfähigkeit” bei der „L GmbH” ein. Diese forderte den Betroffenen mit Schreiben vom 23. 8. 2010 unter Fristsetzung bis zum 31. 8. 2010 auf, ergänzend noch folgende Unterlagen einzureichen: „Gehaltsabrechnungen der letzten 12 Monate, Steuerbescheid 2009, Kreditvertrag, Kontoauszüge über die geleisteten monatlichen Raten in Höhe von 300,00 €, Versicherungspolicen, Darlehensverträge und Kontoauszüge über ‚diverse Abzahlungen’ laut Fragebogen in Höhe von 250,00 €”. Diese Unterlagen reichte der Betroffene in der Folgezeit nicht bei
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der „L GmbH” ein. Nach vorheriger Anhörung des Betroffenen erließ die „L GmbH” schließlich am 11. 11. 2010 den dem vorliegenden Verfahren zu Grunde liegenden Bußgeldbescheid.
Randnummer 3 2. Abgesehen davon, dass sich den Feststellungen des Amtsgerichts nicht entnehmen lässt, welche konkreten Auskünfte die „L GmbH” in ihrem Vordruck „Erklärung zur Unterhaltsfähigkeit” von dem Betroffenen verlangt hat, welche konkreten Angaben der Betroffene auf dem am 20. 8. 2010 ausgefüllt bei der „L GmbH” eingegangenen Formular gemacht hat und in welchem Zusammenhang hierzu die von der „L GmbH” in ihrem Schreiben vom 23. 8. 2010 angeforderten Unterlagen stehen, vermögen die Darlegungen des Amtsgerichts den Schuldspruch bereits aus den nachfolgenden Erwägungen nicht zu tragen:
Randnummer 4 a) Nach § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II hat, wer jemandem, der eine Leistung nach dem SGB II beantragt hat oder bezieht, zu Leistungen – hierzu gehören insbesondere Unterhaltsleistungen – verpflichtet ist, die geeignet sind, Leistungen nach dem SGB II auszuschließen oder zu mindern, der Agentur für Arbeit bzw. der gemeinsamen Einrichtung im Sinne des § SGB_II § 44b SGB II auf Verlangen hierüber sowie über damit im Zusammenhang stehendes Einkommen oder Vermögen Auskunft zu erteilen, soweit es zur Durchführung der Aufgaben nach dem SGB II erforderlich ist. Nach § SGB_II § 63 Abs. SGB_II § 63 Absatz 1 Nr. 4 SGB II begeht eine Ordnungswidrigkeit, wer vorsätzlich oder fahrlässig entgegen § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II eine Auskunft nicht, nicht richtig, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig erteilt.
Randnummer 5 b) Nach einhelliger Auffassung in der sozialgerichtlichen Rechtsprechung und der Literatur handelt es sich bei dem Auskunftsverlangen im Sinne des § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II um einen Verwaltungsakt im Sinne des § SGB_X § 31 SGB X (BSGE 107, BSGE Band 107 Seite 255; LSG Baden-Württemberg, Urteil vom 27. 9. 2011 – LSGBADENWUERTTEMBERG Aktenzeichen L13AS495010 L 13 AS 4950/10 – [juris]; LSG Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom 4. 12. 2007 – LSGNORDRHEINWESTFALEN Aktenzeichen L19B13007AS L 19 B 130/07 AS – [juris]; LSG Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 9. 5. 2007 – LSGBERLINBRANDENBURG Aktenzeichen L28B52907AS L 28 B 529/07 AS –, BeckRS 2009, BECKRS Jahr 65419; Sander in: Hohm (Hrsg.), GK-SGB II, § 60 Rdnr. 20 mit zahlreichen weiteren Nachweisen; Steinmeyer in: Gagel, SGB II/SGB III, 44. Erg. Lfg. [2012], § 60 SGB II Rdnr. 47). Objektives Tatbestandsmerkmal der Ordnungswidrigkeit nach § SGB_II § 63 Abs. SGB_II § 63 Absatz 1 Nr. 4 SGB II ist damit die Zuwiderhandlung gegen einen Verwaltungsakt. Wird nach dem Gesetz eine Zuwiderhandlung gegen einen Verwaltungsakt mit Geldbuße bedroht, ist nach allgemeinen bußgeldrechtlichen Grundsätzen die Zuwiderhandlung nicht schon mit dem Erlass der behördlichen Entscheidung bußgeldbewehrt, sondern nur und erst dann, wenn der Verwaltungsakt für den Betroffenen in dem Sinne „verbindlich” ist, dass er entweder nicht mehr anfechtbar ist oder dass Rechtsbehelfe gegen ihn keine aufschiebende Wirkung haben; denn eine Übelsfolge als bußgeldrechtliche Gegenwirkung gegen eine Zuwiderhandlung gebührt billigerweise nur demjenigen, der den Vollzug des gegen ihn gerichteten Verwaltungsaktes ohne die Möglichkeit hemmender Rechtsbehelfe (zunächst) hinnehmen muss, dessen Zuwiderhandlung sich also als Ungehorsam gegen eine vollziehbare Verwaltungsentscheidung darstellt (vgl. BGH, NJW 1969, NJW Jahr 1969 Seite 2023; BayObLGSt 1987, BAYOBLGST Jahr 1987 Seite 44; Senat, NZV 2012, NZV Jahr 2012 Seite 146; Beschluss vom 7. 6. 1994 – Aktenzeichen 3SSOWI50994 3 Ss OWi 509/94 – [juris]; Beschluss vom 22. 10. 1992 – Aktenzeichen 3SSOWI65092 3 Ss OWi 650/92 –, BeckRS 2008, BECKRS Jahr 01416; Beschluss vom 22. 10. 1992 – Aktenzeichen 3SSOWI53992 3 Ss OWi 539/92 –, NVwZ-RR 1993, NVWZ-RR Jahr 1993 Seite 244; OLG Hamm, NJW 1980, NJW Jahr 1980 Seite 1476; OLG Bamberg, Beschluss vom 4. 12. 2007 – OLGBAMBERG Aktenzeichen 2SSOWI126507 2 Ss OWi 1265/07 – [juris]; OLG Koblenz, VRS 80, 50; OLG Düsseldorf, NStZ 1981, NSTZ Jahr 1981 Seite 68). Es gibt keinen Grund, von diesem Grundsatz in dem vorliegenden Fall einer Ordnungswidrigkeit nach §§ SGB_II § 63 Abs. SGB_II § 63 Absatz 1 Nr. 4, SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II abzuweichen (von der Geltung dieses Grundsatzes im Rahmen der §§ SGB_II § 63 Abs. SGB_II § 63 Absatz 1 Nr. 4, SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II ging offenbar auch das Amtsgericht in dem im Tatbestand des Urteils des LSG Baden-Württemberg, a.a.O., unter Rdnr. 11 erwähnten Bußgeldverfahren aus).
Randnummer 6 c) Zu der damit entscheidungserheblichen Frage, ob die (diversen) Schreiben der „L GmbH” im vorliegenden Falle in dem oben dargestellten Sinne „verbindliche”, d.h. entweder nicht mehr anfechtbare oder sofort vollziehbare Verwaltungsakte enthielten, verhalten sich die Gründe des angefochtenen Urteils nicht. Der Senat merkt in diesem Zusammenhang an, dass der Widerspruch gegen ein Auskunftsverlangen im Sinne des § SGB_II § 60 Abs. SGB_II § 60 Absatz 2 S. 1 SGB II nach § SGG § 86a Abs. SGG § 86A Absatz 1 S. 1 SGG grundsätzlich aufschiebende Wirkung hat (vgl. Sander, a.a.O., § 60 Rdnr. 21 m.w.N.), sofern die zuständige Behörde das Auskunftsverlangen nicht mit einer Anordnung der sofortigen Vollziehung nach § SGG § 86a Abs. SGG § 86A Absatz 2 Nr. 5 SGG verbunden hat (vgl. hierzu Sander, a.a.O., § 60 Rdnr. 20).
Randnummer 7 3. Wegen des aufgezeigten Mangels ist das angefochtene Urteil mit den Feststellungen nach § OWIG § 79 Abs. OWIG § 79 Absatz 3 S. 1 OWiG, § STPO § 353 StPO aufzuheben und die Sache nach § OWIG § 79 Abs. OWIG § 79 Absatz 6 OWiG zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsbeschwerdeverfahrens, an das Amtsgericht Detmold zurückzuverweisen.
aus: NZS 2012, 713(Übermittelt von Richter am Oberlandesgericht Thomas Franzke)
__

Gruß aus dem Rheinland

Martin

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